Schaut man sich den sächsischen Bildungsplan an, dann kann man immer wieder lesen, dass neben der Bildung auch die Erziehung eine große Rolle in der fachlichen Qualitätserhebung in der Arbeit einer Tagespflegeperson spielt. Hat man sich mit dem Begriff „Erziehung“ noch nie kritisch auseinandergesetzt, dann fühlt sich diese Forderung nach beispielsweise der frühkindlichen Erziehung ganz alltäglich und normal an.
Als ich jedoch in einem Buch von Alice Miller las, jede Form von Erziehung sei Bevormundung, habe ich große Zweifel bekommen, wie ein richtiger Umgang mit Kindern aussehen muss und welche Rolle die Erziehung dann noch spielen sollte. In diesem Zusammenhang beschäftigte ich mich auch mit dem Phänomen des Wiederholungszwanges. Demzufolge ist der Umgang mit Kindern sehr stark geprägt, von den eigenen frühkindlichen Erfahrungen, die unbewusst übernommen werden, auch dann wenn sie dem eigenen Selbstbefinden geschadet haben. Das Recht auf gewaltfreie Erziehung steht in Deutschland per Grundgesetz Artikel § 1631 Abs. 2 BGB jedem
Kind zu. Im Wortlaut heißt es: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind
unzulässig.“ Aber was ist darunter zu verstehen? Auch wenn Kinder nicht (mehr) geschlagen werden, so können sie einem Erwachsenen doch nichtsdestotrotz schutzlos ausgeliefert sein, in dem der Erwachsene das Kind gar zu sehr nach seinem Bilde zu formen versucht. Auch durch geschickte Manipulationsversuche wird ein Kind gewaltvoll erzogen. In dem Buch von Ekkehard von Braunmühl mit dem Titel „Zeit für Kinder“ habe ich viele Situationen aus meinen eigenen Erfahrungen der Kindheit wiedererkannt, aber leider auch sehr aktuelles aus meinem direkten Umfeld als Tagespflegeperson, worüber ich zunächst ratlos, teilweise auch schockiert war.
Es gibt viele Bücher, die über die Schädlichkeit der Erziehung berichten und ich fragte mich, genau wie Alice Miller einst: „Warum mag dieses Wissen so wenig in der Öffentlichkeit zu verändern?“ Aus meinem anfänglichen Bauchgefühl, dass etwas im Umgang mit Kindern in unserer Gesellschaft noch nicht stimmig ist, wurde Gewissheit. Der Schlüssel zur Veränderung der Einstellung zu Kindern, findet sich in einer neuen bzw. anderen Denkrichtung: Der Antipädagogik.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Begriffsbestimmung: Was ist eigentlich Erziehung?
2.1. Prämissen der Erziehung
2.2. Methoden der Erziehung im geschichtlichen Kontext
2.3. Erziehung ist kinderfeindlich
3. Kindertagespflege: Bildung ohne Erziehung
3.1. Zeitliche Perspektiven im Umgang mit Problemsituationen
3.2. Zukunft ohne Zukunftspläne
3.3. Der Pädagogische Gegenteileffekt
4. Antipädagogische Grundsätze als Ausweg aus dem Dilemma Erziehung
4.1. Das Notwehrprinzip
4.2. Die Rechte der Kinder
4.3. Wertevermittlung durch Vorbildverhalten
4.4. Ergebnisse antipädagogischer Grundsätze
5. Antipädagogische Forderungen im sächsischen Bildungsplan
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den Begriff der „Erziehung“ und setzt diesen in den Kontext der Kindertagespflege, wobei die Prinzipien der Antipädagogik als Alternative zur klassischen Erziehung für eine respektvolle und selbstbestimmte Kindesentwicklung beleuchtet werden.
- Kritische Analyse des Erziehungsbegriffs und seiner geschichtlichen Entwicklung
- Die Bedeutung von antipädagogischen Grundsätzen für die Kindertagespflege
- Das Notwehrprinzip und die Wahrung von Kinderrechten
- Einfluss von Vorbildverhalten versus Dressur auf die Wertevermittlung
- Integration antipädagogischer Forderungen in den sächsischen Bildungsplan
Auszug aus dem Buch
3.3. Der Pädagogische Gegenteileffekt
Jeder Erziehungsakt erreicht das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt. Der Knackpunkt dieses Phänomens liegt in der Kommunikation. Denn immer wenn man etwas zu einem Menschen sagt, wird auch etwas über ihn gesagt, über sich selbst gesagt und über die Beziehung der beiden Dialogpartner. Das ist unvermeidbar. Man muss hier zwischen dem äußeren Akt und der inneren, der Gefühlsebene unterscheiden. Bei einem erzieherischen Akt werden immer zwei Botschaften vermittelt. Die erzieherische Absicht ist es, die die Wertung dessen vermittelt, von dem, was der Erzieher sagt und wird den Worten vorweggenommen.
Dem Kind wird klar, dass es nur deshalb zum Guten erzogen werden muss, weil es schlecht ist, weil es nicht gut genug ist. Die Zuschreibungen an ein Kind, es sei böse, weil es z.B. Dummheiten macht, lassen es ein schlechtes Selbstgefühl erleben, so dass es sich nichts anderes mehr vorstellen kann, als böse sein zu wollen. „Eine der stärksten Impulse in dem höchst sozialen menschlichen Tier ist der Antrieb zu tun, was man seiner Wahrnehmung nach von ihm erwartet. Dies ist keinesfalls dasselbe wie zu tun, was man ihm befiehlt.“ Man nennt das auch selffullfilling prophecy, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dabei geht es um die verdeckten Zuschreibungen an das Kind, nach denen das Selbst gebildet wird und die viel effektiver sind als die offene Aufforderung etwas bestimmtes zu tun.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Autorin begründet ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Antipädagogik aufgrund von Zweifeln an traditionellen Erziehungsmethoden.
2. Begriffsbestimmung: Was ist eigentlich Erziehung?: Es wird der Ursprung des Erziehungsbegriffs analysiert und dessen inhärente Intoleranz sowie kinderfeindliche Tendenz dargelegt.
3. Kindertagespflege: Bildung ohne Erziehung: Dieses Kapitel erläutert, wie Betreuung ohne manipulative Erziehung gestaltet werden kann und thematisiert das Schema von zeitlichen Perspektiven und den pädagogischen Gegenteileffekt.
4. Antipädagogische Grundsätze als Ausweg aus dem Dilemma Erziehung: Hier werden konkrete Prinzipien wie das Notwehrprinzip und Kinderrechte vorgestellt, die einen respektvollen Umgang ermöglichen.
5. Antipädagogische Forderungen im sächsischen Bildungsplan: Das Kapitel vergleicht die Ansätze der Antipädagogik mit den professionellen Rahmenbedingungen des sächsischen Bildungsplans.
Schlüsselwörter
Antipädagogik, Erziehung, Kindertagespflege, Kinderrechte, Notwehrprinzip, Pädagogischer Gegenteileffekt, Selbstbestimmung, Kindeswohl, Vorbildverhalten, Bildungsplan, Kommunikation, Vertrauen, Respekt, Kindesentwicklung, Autonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit hinterfragt kritisch klassische Erziehungspraktiken und plädiert für eine antipädagogische Einstellung in der Kindertagespflege, die auf Respekt und Freiheit basiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Erziehung und Bildung, der Einfluss von Kommunikation auf das Kindesbild sowie die Bedeutung von Authentizität der Betreuungsperson.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Lesern (insbesondere Tagespflegepersonen) aufzuzeigen, wie eine Begleitung von Kindern ohne Manipulation und Machtanspruch gelingen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine fundierte Literaturanalyse, in der sie sich kritisch mit verschiedenen pädagogischen und psychologischen Theorien (u.a. Alice Miller, Ekkehard von Braunmühl) auseinandersetzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition von Erziehung, dem pädagogischen Gegenteileffekt, dem Umgang mit Problemsituationen und der praktischen Umsetzung von Kinderrechten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Antipädagogik, Selbstbestimmung, Notwehrprinzip, Kinderrechte, Respekt und Bildungsplan.
Was ist mit dem "Pädagogischen Gegenteileffekt" gemeint?
Er beschreibt das Phänomen, dass Erziehung oft das Gegenteil von dem bewirkt, was intendiert war, da das Kind die unterschwellige Botschaft wahrnimmt, nicht gut genug zu sein.
Wie definiert die Autorin das "Notwehrprinzip"?
Es dient dazu, dass der Erwachsene die eigenen Grenzen wahren und seine Interessen authentisch vertreten darf, statt sich als unterwürfige Beziehungsperson aufzuopfern.
- Quote paper
- Franziska Schult (Author), 2014, Antipädagogik. Über die Möglichkeiten der Antipädagogischen Einstellung im Bereich der Kindertagespflege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284620