Masturbation unterliegt als philosophisches Thema auch nach der sexuellen Aufklärung einem negativen Image, das mit Angst und Strafandrohung verbunden ist. Es scheint kaum möglich zu sein, Masturbation ohne Vorurteile und negative Konnotationen zu betrachten. [...]
Da sich Alan Soble in seinem Aufsatz über die Masturbation vor allem an der Begriffsbestimmung abarbeitet, soll hier in kurzen Schritten eine kleine Geschichte der Masturbation nachgezeichnet werden, da auf diesem Hintergrund verständlicher wird, warum Alan Soble in seiner Begriffsbestimmung so diffizil vorgeht.
Die massive Negativbewertung der Masturbation ist nach den Studien bspw. von Philippe Brenot ein relativ neues Phänomen. Und die sexuelle Aufklärung im 20. Jahrhundert ist eng mit der „Entkriminaliserung“ der Masturbation verbunden. So schreibt Shere Hite in ihrem berühmten Bericht über das sexuelle Erleben der Frau: „Masturbation ist, in einem sehr realen Sinn eines der wichtigsten Themen, die in diesem Buch erörtert werden,…“
Im Jahre 1758 veröffentlichte der Mediziner Samuel Tissot das Buch „Testamen de Morbis ex Manustupratione“. Damit begann eine Art von Inquisition und sexueller Unterdrückung, die sich bis ins 20. Jahrhundert fortsetzte. Brenot interpretiert diese vehemente Ablehnung der Masturbation als Reaktion auf einen traumatischen Schock: „In reality, Tissot was only the amplifying echo of a traumatic shock – the discovery of spermatozoa…“ 1677 hatte Leeuwenhoek die Spermatozoen entdeckt und diese Entdeckung überforderte die Wissenschaftler und Philosophen, weil sie diese Tatsache bei der moralischen Bewertung der Sexualität mitbedenken mussten.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen
2. Einleitung
3. Zur Begriffsbestimmung
4. Abgrenzung von anderen philosophischen Ansätzen
4.1. Der Ansatz von Goldmann
4.2. Der Ansatz von Nagel
4.3. Der Ansatz von Solomon
5. Das unitarische Modell
6. Der utilitaristische Ansatz
7. Emanzipation und Masturbation
7.1. Der Ansatz von Stoltenberg
7.2. Die Ansätze von Finnis, Scruton und Calhoun
8. Die Frage der Schuld
9. Zur Bewertung
10. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das philosophische Tabu der Masturbation, um durch eine präzise Begriffsbestimmung und die Analyse verschiedener philosophischer Ansätze ein deskriptives Verständnis der menschlichen Sexualität jenseits normativer Vorurteile zu entwickeln.
- Phänomenologische und philosophische Einordnung der Masturbation
- Kritische Auseinandersetzung mit interaktionellen Sexualitätsmodellen
- Dekonstruktion gesellschaftlicher und moralischer Vorurteile
- Analyse der Unterscheidung zwischen solitärer und partnerschaftlicher Sexualität
- Untersuchung des Verhältnisses von Masturbation, Moral und Identität
Auszug aus dem Buch
3. Zur Begriffsbestimmung
Soble grenzt den Begriff der Masturbation zunächst auf das ein, was im Deutschen Selbstbefriedigung (Ipsation) genannt wird, und gibt den Begriff der gegenseitigen Masturbation auf, um eine begriffliche Klarheit zu schaffen. Dafür setzt Soble bisherigen Vorstellungen von Masturbation folgende Gesichtspunkte entgegen: 1. Masturbation kann auch öffentlich sein. 2. Sie muss nicht zwangsläufig durch die Hand herbeigeführt werden. 3. Masturbation muss nicht auf den Orgasmus ausgerichtet sein. 4. Sie ist nicht rein genital fixiert. 5. Der Masturbierende ist der Masturbierte, Masturbation ist selbstreflexiv, (allerdings kann gegenseitige Masturbation ebenso selbstreflexiv sein).23 Aus dem letzten Punkt ergibt sich die Schwierigkeit, genau zwischen Masturbation alleine und gegenseitiger Masturbation zu unterscheiden. Lässt eine Person sich von einer anderen Person masturbieren, kann dieser Akt rein selbstbezüglich sein und die Tätigkeit oder Anwesenheit der anderen Person ist für den Akt unwesentlich. Es lässt sich nicht exakt unterscheiden, welche Bedeutung der anderen Person bei einer gegenseitigen Masturbation zukommt. Um begrifflich klar zu bleiben, ist es daher sinnvoll, Masturbation als einen solitären Akt zu definieren.
Ein weiterer Punkt ist die Frage, ob die Einführung des Glieds notwendiger Bestandteil sexueller Akte ist. Die Einführung des Glieds in die Vagina ist kein tragendes Unterscheidungskriterium, denn es gibt sowohl einzeln als auch mit anderen weitere Formen der Lustbefriedigung und Ersatzmöglichkeiten (z. B. Dildo). Zudem erweist sich eine solche Unterscheidung als phallozentrisch und typisch männliche Sicht. Ferner wäre ein solcher Ansatz allein auf Fortpflanzung fokussiert und widerspräche durch die unterschiedlichen Praktiken der These, dass Masturbation ein einsames Tun ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkungen: Einführung in die Problematik des negativen Images von Masturbation und die Notwendigkeit einer philosophischen Aufarbeitung zur Destigmatisierung.
2. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage sowie die Hürden bei der wissenschaftlichen und philosophischen Definition von Masturbation als Teil der menschlichen Sexualität.
3. Zur Begriffsbestimmung: Klärung des Masturbationsbegriffs als solitären Akt und Abgrenzung von partnerschaftlichen Modellen zur Schaffung einer begrifflichen Basis.
4. Abgrenzung von anderen philosophischen Ansätzen: Kritische Diskussion der Theorien von Goldmann, Nagel und Solomon hinsichtlich ihrer Eignung zur Beschreibung von Masturbation.
5. Das unitarische Modell: Darstellung eines Gegenmodells, das Masturbation nicht als peripher, sondern als gleichwertigen Teil menschlichen Begehrens versteht.
6. Der utilitaristische Ansatz: Betrachtung der Masturbation unter dem Aspekt ihrer funktionalen Nützlichkeit für die sexuelle Entwicklung.
7. Emanzipation und Masturbation: Untersuchung progressiver und konservativer Argumente zur Emanzipation sowie die spezifischen Analysen von Stoltenberg, Finnis, Scruton und Calhoun.
8. Die Frage der Schuld: Analyse der Zusammenhänge zwischen psychologischen Definitionen von Sexualität, Moralvorstellungen und entstehenden Schuldgefühlen.
9. Zur Bewertung: Synthese der Ergebnisse und Einordnung der Bedeutung von Alan Sobles Arbeit für die philosophische Sexualitätsforschung.
10. Schluss: Zusammenfassende Reflexion über die Natur des Begehrens und das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der interaktionellen Sexualität.
Schlüsselwörter
Masturbation, Sexualphilosophie, Selbstbefriedigung, Alan Soble, Sexualität, Perversion, Ontologie, Moral, Ethik, Erotik, Begehren, Interaktion, Identität, Phänomenologie, Tabu.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung von Masturbation, um das Phänomen von moralischen Vorurteilen und negativen Konnotationen zu befreien und als legitimen Teil der menschlichen Sexualität zu beschreiben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die begriffliche Definition von Masturbation, die Kritik an traditionellen Modellen der Sexualität, das Spannungsfeld zwischen solitärem Lustgewinn und partnerschaftlicher Kommunikation sowie die historische und kulturelle Tabuisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Masturbation deskriptiv und nicht normativ zu erfassen, um so die Grundlagen für ein besseres Verständnis menschlicher Sexualität jenseits zirkulärer Argumentationen zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt primär die Methode der philosophischen Begriffsanalyse und der kritischen Auseinandersetzung mit existierenden philosophischen Ansätzen, ergänzt um phänomenologische Perspektiven.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Ansätze renommierter Denker wie Goldmann, Nagel, Solomon und Stoltenberg diskutiert und deren Schwächen – insbesondere die Überintellektualisierung oder die Zirkelschlüsse – aufgezeigt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Masturbation, Sexualphilosophie, Moral, Identität, Begehren und die Abgrenzung von normativen zu deskriptiven Ansätzen geprägt.
Warum wird Masturbation in der traditionellen Philosophie oft als pervers eingestuft?
Viele Philosophen setzen Sexualität mit einer notwendigen Kommunikation oder Interaktion zwischen zwei Subjekten gleich; da Masturbation als solitärer Akt diese Interaktion vermissen lässt, wird sie in diesen Systemen oft als mangelhaft oder pervers bewertet.
Welche Rolle spielt die Fantasie bei der Masturbation laut den behandelten Ansätzen?
Die Fantasie dient als notwendige Vermittlungsinstanz, die es dem Individuum erlaubt, das Fehlen eines physischen Partners zu überbrücken, wobei sie jedoch in der Philosophie kontrovers als Objektivierung oder psychologische Selbstverleugnung debattiert wird.
- Citation du texte
- Thomas Holtbernd (Auteur), 2014, Masturbation. Eine Begriffsbestimmung der Sexualität unter philosophischen Ansätzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285454