Der Topos "Krankheit" im Roman Medea: Stimmen von Christa Wolf


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

12 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Krankheit“ und „Heilung“ im Roman
2.1. Medeas Krankheit
2.2. Medea als „Heilerin“
2.3. Glaukes Krankheit
2.4. Die Krankheit der Bürger – die Pest

3. Der medizinphilosophische Kontext
3.1 Die Philosophie der Krankheit
3.2. Der pragmatische und der initiatische Sinn des „Heilens“
3.3. Erinnern und Verdrängen

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

Hinweis:

Mithilfe der Nummerierung des Literaturverzeichnisses, gebe ich im Text die Nummer der Quellenangabe vor. Somit verhindere ich mehrfache Wiederholungen.

1 Einleitung

Christa Wolf schreibt in ihrem Roman „Medea.Stimmen“ nicht über die Figur der Medea als eine Kindsmörderin, sondern als eine selbstbewusste und emanzipierte Frau, die auf der Suche zur (Selbst-)Erkenntnis mit Leiden konfrontiert wird. (vgl. 2)

Im Text wird deutlich, dass Medea als „Heilerin“ unter den Kolchern gilt und ihre Heilkünste werden auch von den Korinthern zu Anfang geschätzt und bevorzugt. Ihre Hochmut und ihr Stolz machen sie aber unbeliebt und sie zieht das Missfallen der Korinther auf sich. Als sie das Skelett der toten Iphinoe, der älteren Tochter des Königs Kreon und der Königin Merope, in einem geheimen Gang im Palast entdeckt, macht sie sich Akamas, den ersten Astronomen des Königs, zum Feind. Mithilfe Medea hat sich zwar Glaukes Zustand, der jüngeren Tochter des Königs die krank ist, verbessert, doch ihr Einfluss auf Glauke wird zu gefährlich für Akamas. Obwohl Medea dieses Geheimnis für sich behalten will und ihre Nachforschungen dazu für ihre eigene Erkenntnis dienen, wurde sie vom Königshaus als Gefahr angesehen und ein Plan wurde erstellt um sie zu vernichten. Nach den Gerüchten, sie habe ihren Bruder ermordet, und einem Erdbeben, welches viele Tote und die Pest mit sich gebracht hat, wird die als „Hexe“ und „Zauberin“ beschuldigt. Diese und viele andere Beschuldigungen werden ihr zugeworfen und nach einer Gerichtsverhandlung wird sie schließlich aus Korinth verbannt.

An dieser Stelle bleiben jedoch wesentliche Fragen offen:

Welche Erkenntnis hat Medea für sich erhofft?

Wie hat Medea Glaukes Krankheit geheilt?

Warum wurde sie als Zauberin beschuldigt nachdem die Pest ausgebrochen war?

Diese Hausarbeit spricht einige der zahlreichen Aspekte an, die in „Medea.Stimmen“ von Christa Wolf zum Thema Krankheit aufkommen.

Eine vollständige Interpretation des Themas kann und soll sie nicht bieten.

Die Seitenangaben der Zitate aus „Medea.Stimmen“ beziehen sich auf die erschienene ungekürzte Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlages 1998 (12. Auflage November 2006)

2 „Krankheit“ und „Heilung“ im Roman

2.1 Medeas Krankheit

Im Roman wird mit vielen Beispielen Medeas Krankheit geschildert. Ihre Krankheit bezieht sich an manchen Stellen auf Fieberausbrüche, die sie an ihre Kindheit und an ihre Mutter erinnern, als sie noch in Kolchis gewesen ist. (vgl.1, S.18-19) Diese Fieberausbrüche sind jedoch das Ergebnis der Entdeckung der Leiche Iphinoes, die sie in einem geheimen Gang im Palast gefunden hat.

„Die Krankheit, der Schmerz, dem sich Medea ausliefern muss, ist erforderlicher Ausdruck des Schocks, der den vollständigen Erkenntnisprozess auslöst. Diese Selbsterkenntnis verläuft ohne Garantie von außen, ohne Schützende Systeme und wird für viele zur „Zone des Grauens“. (2)

In diesem Auszug von Julia Schoch ist zu beachten, dass Medea durch die Fieberausbrüche versucht den Schock, der Entdeckung der toten Iphinoe, zu verarbeiten. Der einzige Weg für Medea wieder gesund zu werden, ist durch ihre Krankheit zur eigenen Erkenntnis zu kommen.

Anhand ihres Gedankenflusses kann man sehen, dass Medea wegen dem Fieber halluziniert. Sie erinnert sich an Geschehnisse aus der Vergangenheit, die sie nicht sehr einfach von der Gegenwart unterscheiden kann: „Ruhig. Ganz ruhig, eins nach dem anderen. Besinn dich. Wo bist du. Ich bin in Korinth.“ (1, S.14)

Der Gegenstand der Krankheit ist für Medea zwar bekannt, da sie als „Heilerin“ gilt, aber im Zustand in dem sie sich befindet, können ihre Heilkünste ihr nicht helfen. Das Fieber hat sie schwach werden lassen und ohne die Hilfe anderer hätte sie ihre Krankheit nicht überstehen können:

„Die Krankheit, wie sie mich auch durchschüttelt, will mir eine Atempause verschaffen, ich kenne den geheimen Sinn der Krankheiten, doch weiß ich ihn bei anderen besser zur Heilung zu nutzen, als bei mir selbst. Halb willentlich überlasse ich mich dem Fieber, das steigt und mich auf einer heißen Woge wegspült, das mir Bilder zuträgt, Fetzen von Bildern, Gesichter.“ (1, S.23)

In einer der Erinnerungen, die Medea beschreibt, als sie sich im Palast befindet kurz vor der Gerichtsverhandlung, erwähnt sie ihre Krankheit nochmals. Aber in dieser erklärt sie, wie sie sich heilen kann. Der „Lebensschmerz“, der nicht nur sie selbst betrifft, sondern auch Iphinoe, hilft ihr einzusehen, dass sie leben will. Oistros ist der Anlass, dass sie eine „Wiedergeburt aus Liebe“ erlebt. Sogar ihre Haare die sie wegen dem Kummer und dem schweren Fieber verliert, wachsen wieder nach. (vgl.1, S.174)

2.2 Medea als „Heilerin“

Medeas wird als „Heilerin“ in einem bestimmten Abschnitt des Romans deutlich: „Aber eines hat sie sich nicht nehmen lassen, mit ihrem Holzkästchen und der weißen Binde um die Stirn durch die Stadt zu laufen, zum Zeichen, dass sie als Heilerin unterwegs war und in ihrer Sammlung nicht gestört werden wollte, und jedermann hat sie respektiert, und die Familien, in denen sie einem Kranken geholfen hat, verbreiten ihr Lob. Es wurde Mode in Korinth, sich an sie zu wenden und nicht an die Astrologen oder an die Ärzte aus der Schule des Akamas.“ (1, S.61)

Ihre Kraft Menschen zu heilen, hat sie aus Kolchis erlernt, und in Korinth weiter ausgeübt. Ihre Methoden waren zwar nicht einheimisch, aber erfolgreich. Man hat sie als „Heilerin“ respektiert und bevorzugt. Aber wegen ihrem Übermut und der Verleumdung der Schulmedizin, verliert sie diese Anerkennung und es dauert nicht lange bis man sie als „Zauberin“ beschuldigt:

„Diese Unglücksselige wurde so übermutig, dass sie einem Beamten des Königs gegenüber, dessen Sohn sie von unerträglichen Kopfschmerzen befreit hatte, die Heilkunst dieser würdigen Männer bündig „faulen Zauber“ nannte – ein Wort, das dieser Mann pflichtschuldigst im Palast verbreitete.“ (1, S.61)

In einem anderen Abschnitt kann man erkennen, dass Medeas Heilkünste sogar der armen Glauke helfen, die unter „Schwächeanfällen“ leidet. Medeas will Glauke nicht nur eine körperliche sondern auch seelische Heilung bieten. Mit „Umschlägen und widerlichen Tinkturen“ heilt sie ihren Körper, der von einem Hautausschlag befallen ist. (vgl.1, S.139) Und mit „bunten kolchischen Kleidern“, die ihre üblichen schwarzen ersetzen sollen, versucht sie Glauke ein starkes Selbstwertgefühl zu geben. (vgl.1, S.128)

Obwohl sich Glaukes Zustand zu verbessern scheint, muss Akamas dies jedoch unterbinden, da Medea sich heimlich um Glauke kümmert. (vgl. 1, S.111) Ihre Heilung bezieht sich auf das Selbstvertrauen, dass Glauke finden muss, um wieder gesund zu werden. Medea heilt aber in diesem Fall Glauke nicht aus medizinischen Gründen, sondern für die eigene Erkenntnis, um die Wahrheit der ermordeten Schwerster Iphinoe in Glaukes Gedächtnis und ihren Erinnerungen herauszufinden.

2.3 Glaukes Krankheit

Zu Glaukes Krankheit gibt es im Roman eine spezielle Textstelle die ihren Zustand konkret beschreibt: „So dass ich, besorgt, beinah Alarm geschlagen hätte, wenn nicht der Schwächeanfall der Glauke mich ganz in Anspruch genommen hätte. Aber das wisse er ja. Schwächeanfall, das ist das Wort, auf das die Ärzte sich mit dem König geeinigt haben, wenn seine blasse dünne Tochter wieder einmal zu zucken anfängt, sich auf die Erde wirft, wo ihr Körper sich in grässlicher Weise verrenkt und auf einen Bogen gespannt zu werden scheint, während ihre Augen sich verdrehen, so dass man nur das Weiße in ihnen sieht, und auf ihre verzerrten Lippen Schaum tritt.“ (1, S.74-75)

Dieser Abschnitt ist aus der Erzählung der Agameda, einer Schülerin Medeas, die neben den Ärzten des Königs, Glaukes Krankheit zu behandeln versucht. Ihre genaue Beschreibung dieses so genannten „Schwächeanfalls“ hilft uns zu verstehen, dass es sich um einen epileptischen Anfall handelt.

Glaukes Situation verbessert sich aber erst mit Medeas Hilfe, die ihr dabei hilft ihr Gedächtnis zu erforschen, um den Grund ihrer epileptischen Anfälle zu finden. (vgl.3) Der ursprüngliche Grund ihrer Krankheit ist der Mord an der Schwester Iphinoe, den Glauke miterlebt und tief in ihrem Gedächtnis vergraben hat. Glauke leidet dadurch an „schweren Depressionen“ und macht sich für ihr Leid verantwortlich. (vgl. 5)

„Zur Selbstbestrafung ‚zerreiß[t] [sie ihre] Kleider und zerkratz[t] [ihr] Gesicht’ (1, S.127). Medea will daher nicht nur den körperlichen, sondern auch den geistigen Heilungsprozess vorantreiben und drängt Glauke immer wieder dazu, sich an die ‚Bilder der Vergangenheit’ (1, S.143) zu erinnern.“ (5, S.6)

Diese „Bilder der Vergangenheit“ sind für Glauke ihre „schlimmen früheren Ereignisse und die brutale Gefangennahme ihrer Schwester durch bewaffnete Soldaten“. (vgl. 5) Die Verdrängung dieses Erlebnisses hat Glauke aber nicht geholfen es zu vergessen. Ihr Körper hat es Glauke nicht erlaubt, weil es bemerkt hat, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ihre Krankheit ist das Ergebnis dieser „Uneinheit“.

2.4 Die Krankheit der Bürger – die Pest

Nach einem Erdbeben in Korinth, in dem viele Menschen umkommen, und noch mehr von den Trümmern begraben werden, ist die Regierung in Korinth nicht im Stande, diese Leichen zu entfernen. Somit bricht „die Pest“ unter den Bürgern aus. Medea wird dieses Unglück vorgeworfen, da sie als „Zauberin“ und „Hexe“ gilt: „Ich sagte mir, ich bin Medea, die Zauberin, wenn ihr es denn so wollt.“ (1, S.178-179), obwohl sie vor einer solchen Katastrophe gewarnt hat:

„Medea fand natürlich mit ihren Warnungen kein Gehör, aber sogar die Ärzte um Kreon warnten an , man müsste die Toten bergen und begraben, sie wussten aus Erfahrung, dass sie eine Gefahr für die Lebenden darstellten, und tatsächlich traten die ersten Fälle der Seuche in der unmittelbaren Nähe jener verwüsteten Viertel auf, wo die Überlebenden in notdürftigen Unterkünften zusammen mit den Ratten in Nachbarschaft der Toten hausen.“ (1, S.164)

Christa Wolf will mit dieser Krankheit den Wert einer Herrschaft zeigen, die ihre Fehler nicht einsehen will und aus Medea einen „Sündenbock“ macht.

Die Korinther machen Medea verantwortlich für ihr Leiden. Trotzdem hilft Medea als „Heilerin“ den Bürgern, die Pest zu überstehen: „Die Pest breitet sich aus. Medea hat in diesen Wochen mehr als jeder andere getan, die Kranken verlangen nach ihr, sie geht zu ihnen. Aber viele Korinther behaupten, sie ziehe die Krankheit hinter sich her. Sie sei es gewesen, die der Stadt die Pest gebracht habe.“ (1, S.165)

Die Schuld welche „als Strafe die Pest mit sich zieht“, ist für Glauke „das Übermaß“ (vgl.1, S.127). Man redet ihr ein, dass nur eine die Schuldige an diesem Verhängnis ist. Medea, die Glaukes Therapie nicht zu Ende führen konnte und Glauke somit wieder kränklich wurde: „Jetzt wird ihr der Hochmut vergangen sein. Immer lauter wird ihr nachgesagt, sie habe ihren kleinen Bruder umgebracht, und heute hörte ich Stimmen, die ihren Namen zusammen mit der Pest nannten, die unten in den Armenvierteln der Stadt ihre ersten Opfer gefordert hat, …“ (1, S.139)

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Topos "Krankheit" im Roman Medea: Stimmen von Christa Wolf
Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki  (Deutsche Sprache und Philologie)
Veranstaltung
Christa Wolf
Note
3
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V285603
ISBN (eBook)
9783668420090
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Autor dieser Arbeit ist kein Deutsch-Muttersprachler. Bitte haben Sie Verständnis für grammatikalische Fehler und Uneinheitlichkeiten im Ausdruck.
Schlagworte
topos, krankheit, roman, medea, stimmen, christa, wolf
Arbeit zitieren
Meropi Karpatsi (Autor), 2009, Der Topos "Krankheit" im Roman Medea: Stimmen von Christa Wolf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285603

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