Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Herrschaft und Knechtschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
16 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorbereitung zur Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft
2.1 Bewusstsein und Selbst bewusstsein
2.2 Begierde
2.3 Das andere Selbstbewusstsein

3 Herrschaft und Knechtschaft
3.1 Anerkennung
3.2 Der Kampf auf Leben und Tod
3.2.1 Exkurs: Alexandre Kojèves’ Auslegung des Kampfes auf Leben und Tod
3.3 Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit
3.4 Der Herr
3.5 Der Knecht

4 Schluss

Literatur

1 Einleitung

Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770 - 1831) Ausführungen zur Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft sind Teil seiner 1807 erschienenen Phänomenologie des Geistes. Das IV. Kapitel, in welches diese eingebettet sind, zählt — und hierin ist die Literatur im Vergleich zur Auslegung des Kapitels einer einstimmigen Meinung — zu den wirkungsmächtigsten der gesamten Hegelschen Philosophie.1

Ziel der Phänomenologie ist es, wie Herbert Schädelbach für Hegel zusammenfasst, “ein voll- ständiges System der Erfahrung des Bewusstseins zu exponieren, das sich im Resultat als System des erfahrenen Wissens des Absoluten erweist.”2 Diesem Ziel untergeordnet ist auch eine Behandlung der Selbst erfahrung des Bewusstseins, welche Gegenstand des hier zu bespre- chenden Abschnitts ist und welche den Ausgangspunkt für die besonders populär gewordene Herr/Knecht-Thematik darstellt. Der Anspruch dieser Arbeit ist es, die Hegelsche Argu- mentationskette dieser Genese des Selbstbewusstseins und der damit zusammenhängenden Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft nachzuvollziehen und eine schlüssige Interpreta- tion derselben zu erarbeiten.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wird in einem ersten Schritt der Weg des Bewusstseins über das Selbstbewusstsein hin zum anderen Selbstbewusstsein dargestellt. Dabei wird in Punkt 2.1 Bewusstsein und Selbst bewusstsein das Problem des Bewusstseins in seiner ausschließlich selbst reflektierenden Form erörtert. Für diese wird in Punkt 2.2 Begierde eine kurzfristige Lösung angeboten, allerdings anschließend in Punkt 2.3 Das andere Bewusstsein durch eine dauerhafte Möglichkeit ersetzt.

Mit diesen Vorbereitungen kann das eigentliche Hauptstück der Arbeit in einem zweiten Schritt dargestellt werden. In Punkt 3.1 Anerkennung soll dafür zunächst Hegels Begriff der Anerkennung geklärt werden. Wie sich dieser Begriff der Anerkennung zu Anfangs vollzieht, ist Gegenstand der darauf folgenden Abschnitte.

So wird in Punkt 3.2 Kampf auf Leben und Tod das erste Aufeinandertreffen zwei- er Selbstbewusstseine geschildert und anhand eines Ausflugs in die Hegel-Exegese Alexandre Kojèves’ der Übergang zur Differenz zwischen Herr und Knecht vollzogen, welche Punkt 3.3 Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit zum Gegenstand hat. In Punkt 3.4 Der Herr wird daraufhin die zunehmende Umkehrung des zuvor selbstständigen Bewusstseins in die Unselbstständigkeit dargestellt. Punkt 3.5 Der Knecht hingegen zeigt auf, wie das im Kampf unterlegene Bewusstsein durch die Arbeit zu seiner Selbständigkeit gelangt.

Daran anschließend folgt in Punkt 4 Schluss ein Fazit der Lage, in welcher sich das herrische und das knechtische Bewusstsein gemäß der Entwicklung des Anerkennungsbegriffs befinden. Darüber hinaus soll kurz die Möglichkeit einer kulturgeschichtlichen Anwendung der zuvor vorgestellten Hegelschen Gedanken diskutiert werden und mit einem Hinweis auf die Wichtigkeit des gegenseitig sich Anerkennens geschlossen werden.

2 Vorbereitung zur Dialektik von Herrschaft und Knecht- schaft

2.1 Bewusstsein und Selbst bewusstsein

Am Anfang von Hegels Argumentationskette der Dialektik von Herr und Knecht steht das Bewusstsein, welches um sich selbst weiß, d.h., welches sich selbst zum Gegenstand hat und somit seines Selbst bewusstseins gewiss ist. Ebenso sind Wahrnehmung und die sinnliche Gewissheit Gegenstand des Bewusstseins. Im Selbstbewusstsein ist das wissende Ich jedoch zugleich gewusstes Ich, es grenzt sich also insofern vom Bewusstsein der Wahrnehmung und der sinnlichen Gewissheit ab, als die Unterscheidung des Bewusstseins von seinem Gegenstand im Selbstbewusstsein lediglich innerlich vermittelt ist — “Der Unterschied ist nicht, und es [das Selbstbewusstsein, M.R.] nur die bewegungslose Tautologie des: Ich bin Ich”3. Dies bedeutet jedoch zugleich, dass sich Begriff und Gegenstand (“Gegenstand” nun im Sinne von Hegel’s “An-sich”4 ) im Selbstbewusstsein als dasselbe erweisen.

Insofern man gemäß der Hegelschen spekulativen Grundfigur5 das absolut Wahre als “Identität der Identität und Nicht-Identität” auffasst, ergibt sich folgendes: Dadurch, dass das Bewusstsein sich selbst zum Gegenstand hat, “ìst es selbst gegen ein Anderes, und greift zugleich über das Andere über, das für es nur es selbst ist”6. Es vollzieht sich somit die Einheit im Unterschiedenen und gemäß der Hegelschen Philosophie “sind wir also nun in das einheimische Reich der Wahrheit eingetreten”7.

Das Selbstbewusstsein bleibt dennoch “bewegungslose Tautologie”: Das Bewusstsein erreicht in dem Wissen um sich selbst zwar die Gefilde des für Hegel Absoluten, die Unterscheidung zwischen wissendem und gewusstem Ich wird jedoch innerlich vermittelt, bleibt somit leer und hat deshalb keine “Gestalt des Seins”8. Das Selbst bewusstsein hat aber nicht nur sich selbst, d.h. sein oben beschriebenes “wahres Wesen”9 zum Gegenstand. Ebenso wie das Bewusstsein hat auch das Selbst bewusstsein die sinnliche Gewissheit und Wahrnehmung zum Gegenstand (s.o.), zu welchem es zunächst im Gegensatz steht. Mithilfe dieses Gegensatzes stellt sich das Selbstbewusstsein “als die Bewegung dar, worin dieser Gegensatz aufgehoben und ihm die Gleichheit seiner selbst mit sich wird”10. Und das bedeutet: Erst durch den Gegensatz zum Gegenstand der sinnlichen Gewissheit und des Wahrnehmens ist es dem Selbstbewusstsein möglich, sich selbst zu veräußern, d.h., sich selbst gegenständlich zu werden und somit nicht der “bewegungslosen Tautologie des: Ich bin Ich” (s.o.) verhaftet zu bleiben. Das Bewusstsein ist sich seiner selbst zwar gewiss, kann diese Gewissheit jedoch nicht bewahrheiten, da dafür eine äußere Vermittlung notwendig ist. Diese äußere Vermittlung vollzieht das Selbstbewusst- sein zunächst in der Begierde.

2.2 Begierde

Die Begierde ist der sich praktisch vollziehende Begriff des Selbstbewusstseins11. In der Begierde beweist sich das Selbstbewusstsein: Indem sich das Selbstbewusstsein einen Gegenstand der sinnlichen Gewissheit oder des Wahrnehmens erfolgreich zu eigen macht, bewährt es sich gegenüber diesem. Es setzt sich selbst als das Stärkere und gelangt somit durch den äußeren Gegenstand wieder zu sich selbst.

Ein triviales Beispiel hierfür wäre der Verzehr einer Pizza: Die Begierde äußert sich als Man- gelzustand12, in diesem Fall als Hunger. Im Hunger richtet sich das Selbstbewusstsein auf einen äußeren Gegenstand - die Pizza. Es wird sich durch den Mangelzustand des Hungers, des Nicht-Seins, jedoch auch seines eigenen Seins bewusst, was zu einem Widerspruch führt: Das Selbstbewusstsein begehrt ein Anderes, wodurch es erfährt, was es nicht hat oder ist und gleichzeitig kommt das Selbstbewusstsein zu sich selbst, d.h., es wird sich seines Man- gelzustandes bewusst und somit sich selbst. Um diesen Widerspruch zu überwinden, muss das Selbstbewusstsein den Gegenstand, welcher “für es mit dem Charakter des Negativen be- zeichnet ist”13, vernichten und sich zu eigen machen. Dies geschieht mit dem Verzehr der Piz- za, durch welchen das Selbstbewusstsein seinen Mangelzustand und den damit verbundenen inneren Widerspruch überwindet. Im Auflösen dieses Widerspruchs vernichtet das Selbstbe- wusstsein den äußeren Gegenstand, es macht ihn sich jedoch zugleich zu eigen, wodurch er aufgehoben wird. Außerdem wird er “hinaufgehoben”, denn das Selbstbewusstsein hat sich selbst bewährt und ist nach der erfolgreichen Überwindung seines Mangelzustandes gestärkt zu sich selbst gekommen. Somit ergibt sich für den Gegenstand der Begierde eine Negation in der berühmten Hegelschen Dreifachbedeutung14: Er wird vernichtet, sowie aufgehoben im Sinne von bewahrt und aufgehoben im Sinne von hinaufgehoben.. Durch die Begierde schafft es das Selbstbewusstsein deshalb, der lediglich innerlich vermittelten Gewissheit seiner selbst zu entkommen und gelangt, vermittelt durch einen äußeren Gegenstand, zur “Gewißheit seiner selbst als wahre Gewißheit, als solche, welche ihm selbst auf gegenständliche Weise geworden ist.”15

Das Selbstbewusstsein muss jedoch die Erfahrung machen, dass die Begierde seine “wahre Gewißheit” nicht auf Dauer erzeugt: Gemäß des Hegelschen Begriff des Lebens16 sind sämtliche Gegenstände, die das Selbstbewusstsein negiert, um sich äußerlich zu vermitteln selbst-ständig. Der Gegenstand, an dem sich das Selbstbewusstsein zu bewähren hat, erscheint infolgedessen immer wieder und erzeugt somit kontinuierlich den Mangelzustand und den damit verbundenen Widerspruch im Selbstbewusstsein, welchen es zu überwinden hat (s.o.). Dies bedeutet wiederum, dass das Selbstbewusstsein die Negation am immer wiederkehrenden Gegenstand der Begierde aufs neue vollziehen muss.

Ein weiterer Grund dafür, dass das Selbstbewusstsein in der Begierde nicht zu seiner dauer- haften Befriedigung kommt, liegt darin, dass es den Gegenstand der Begierde immer nur als einzelnes negieren kann, jedoch nie in seiner Allgemeinheit. Insofern die vorher als Beispiel herangezogene Pizza Gegenstand der Begierde wäre, bedeutete dies, dass das Selbstbewusst- sein immer nur die einzelne Pizza negieren kann, nicht jedoch die Pizza im Allgemeinen. In seiner später erscheinenden Enzyklopädie schreibt Hegel deshalb: “(...) da die Befriedigung nur im Einzelnen geschehen, dieses aber vorübergehend ist, so erzeugt sich in der Befriedi- gung wieder die Begierde.”17

Das Selbstbewusstsein gelangt somit nicht durchgehend und dauerhaft zur “Wahrheit der Gewißheit seiner selbst”: Der äußere Gegenstand, auf den das Selbstbewusstsein in der Be- gierde zugeht, kehrt ständig wieder und es muss sich somit an diesem immerfort aufs neue bewähren. Die Begierde ist somit eine von kurzer Dauer geprägte Lösung für die Wahrheit der Gewissheit des Selbstbewusstseins. Um diese zu gewährleisten, liegt der Schlüssel viel- mehr wo anders: “Das Selbstbewußtsein erreicht seine Befriedigung nur in einem anderen Selbstbewußtsein.”18

2.3 Das andere Selbstbewusstsein

Dass das Selbstbewusstsein nur durch ein anderes Selbstbewusstsein zur durchgehend ge- sicherten Wahrheit der Gewissheit seiner selbst gelangt, scheint zunächst als ungedecktes Postulat und Herbert Schädeldach nennt diesen abrupten Übergang Hegels in die Intersub- jektivität “einen der dunkelsten in der PhG [Phänomenologie des Geistes, M.R.]”19. Ralf Ludwig interpretiert Hegel an dieser Stelle der Phänomenologie sogar so, dass Hegel hier keinen zweiten Akteur auf der Bildfläche erscheinen lässt und das Selbstbewusstsein sich innerhalb ein und desselben Individuums verdoppelt.20 Für diese Auslegung finden sich in der Phänomenologie zwar Belege21, das Auftreten mindestens zweier Subjekte erweist sich jedoch vor Allem in Hegel’s Entwicklung der Herr- und Knecht-Thematik als deutlich konsis- tenter. Im Folgenden wird entsprechend von einer intersubjektiven Interpretation des anderen Selbstbewusstseins ausgegangen. Doch wie vollzieht Hegel den Übergang zu diesem anderen Selbstbewusstsein?

Zunächst ist das Bewusstsein in der innerlich vermittelten Reflexion seiner selbst stecken geblieben. Die Gewissheit seines Selbst bewusstseins hat dadurch noch keine Wahrheit, es wird sich zwar seiner selbst bewusst, hat jedoch lediglich die leere Erkenntnis des “Ich bin Ich” gewonnen. In der Begierde schafft es das Selbstbewusstsein, sich durch ein Äußeres zu vermitteln. Es scheitert jedoch daran, die Wahrheit der Gewissheit seiner selbst konti- nuierlich aufrecht zu erhalten: Dem Bewusstsein gelingt es zwar, sich durch einen äußeren Gegenstand selbst zu vermitteln, indem es diesen negiert. Es muss aber die Erfahrung dessen Selbstständigkeit machen und ist somit dazu verdammt, sich am Objekt der Begierde immer

[...]


1 [8][6][4]Vgl. u.a. Siep (2000), S. 97/98, Schnädelbach (1999), S. 65 und Ludwig (2009), S. 82.

2 [6]Schnädelbach (1999), S. 61.

3 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 138.

4 [4]“Das Vorhandensein; das Sein in seinem einfachen Bestehen; das in sich ruhende Sein; das, was ohne Reflexion mit sich eins ist; Dinge, die von Natur aus sind (Baum, Stein, auch Tiere); das Wesen der Dinge.” Ludwig (2006), S. 196.

5 [6]Zum Begriff der spekulativen Grundfigur siehe Schädelbach (1999), S. 14 - 42.

6 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 138.

7 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 138.

8 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 138.

9 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 139.

10 [2]G. W. F. Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 139.

11 [5]Vgl. Marx (1986), S. 26.

12 [5]Hegel bezeichnet die Begierde auch als “Krankheit”. Vgl. Marx (1986), S. 27.

13 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 139.

14 [6, 4] Vgl. Schnädelbach (1999) und Ludwig (2009)

15 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 143.

16 [2][5]Vgl. Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 139-143 und Marx (1986), S. 35-53.

17 [2]Hegel (1970), Band X: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, S. 217/218, § 428.

18 [2]Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 144.

19 [6]Schnädelbach (1999), S. 63

20 [4]Vgl. Ludwig (2009), S. 79 - 81

21 [2]Hegels Rede von der “Verdopplung des Selbstbewusstseins” kann als Verdopplung innerhalb ein und desselben Individuums verstanden werden. Wenn kurz darauf die Zeilen vom “Ich, das Wir, und [dem, M.R.] Wir, das Ich ist” zu lesen sind, gerät diese Auslegung jedoch bereits in Erklärungsnot, insofern man Hegel’s Selbstbewusstsein keine multiple Persönlichkeit diagnostizieren will. Vgl. Hegel (1970), Band III: Phänomenologie des Geistes, S. 144/145.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Herrschaft und Knechtschaft
Hochschule
Universität Mannheim
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V294689
ISBN (eBook)
9783656924258
ISBN (Buch)
9783656924265
Dateigröße
798 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
georg, wilhelm, friedrich, hegel, herrschaft, knechtschaft
Arbeit zitieren
Maximilian Reisch (Autor), 2014, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Herrschaft und Knechtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294689

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