manlîchiu wîp, wîplîch man. Eine Analyse des Crossdressing-Phänomens in der mittelalterlichen hagiographischen Literatur


Hausarbeit, 2012
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Crossdressing in der hagiographischen Literatur

2. Crossdressinggeschichten in der Legenda aurea
2.1 Die heilige Jungfrau Marina: Das Mädchen mit der Mönchskutte
2.2 Die Heilige Eugenia
2.3 Die Heilige Pelagia

3. Crossdressing in einem Märe

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Einführung

In der vorliegenden Seminararbeit werde ich versuchen, das literarische Phänomen des Crossdressing zu analysieren. Dies soll an drei Beispielen von Heiligenlegenden aus der Legenda aurea des Jacobus von Voraigne geschehen, wobei ich keine Anmerkungen zum Autor anführen werde, da dies nicht relevant für meine Untersuchung ist. Ich werde die Legenden jeweils auf die Umstände des Crossdressings hin untersuchen. Hierbei werde ich die Umstände, wie es zum Crossdressing kam, ob dieses freiwillig war und welche direkten und indirekten Konsequenzen dieses hatten, analysieren. Zum Schluss werde ich noch, als Kontrast zu den Heiligenlegenden, ein Märe betrachten, in welchem das Crossdressing von einem Mann vollzogen wurde und dort ebenfalls dieselben Punkte herausarbeiten.

1. Crossdressing in der hagiographischen Literatur

Betrachtet man die mittelalterliche Hagiographie, so fällt auf, dass eine ganze Reihe von Frauen ihre tatsächliche Heiligkeit durch den Akt des Crossdressings, also des Kleidertausches, erlangt haben. Die ist aus unter anderem zwei Gründen verwunderlich: Erstens gibt die Bibel zu diesem Thema eine äusserst klare und abweisende Position Preis1. Im fünften Buch des Moses im Alten Testament heisst es deutlich:

Männerzeug darf nicht auf einer Frau sein, und ein Mann darf nicht das Gewand einer Frau anziehen. Denn jeder, der dieses tut, ist ein Greuel für den HERRN, deinen GOTT.2

Diese crossgedressten Frauen sind durchwegs semantisch sehr stark aufgeladen und bieten, zumindest sicherlich aus literarischer Sicht, ein äusserst breites Spannungsfeld. Diese Transvestiten, wie sie Hotchkiss nennt, illustrieren evidenterweise die problematischen Ansichten bezüglich der Unterlegenheit der Frau zum Mann und der weiblichen Sexualität. Es kann auch beobachtet werden, dass in den insgesamt über 30 überlieferten Legenden, in welchen heilige Frauen vorkommen, die den Kleidertausch vollzogen haben, nur ganz wenige den Märtyrertod erlitten haben. Dieser ist innerhalb dieser Gattung deshalb marginal und somit nimmt diese Art von Legenden einen speziellen Platz in der hagiographischen Literatur ein. Daraus kann geschlossen werden, dass die Heiligkeit, vornehmlich auch die eigentliche Heiligwerdung, unter anderem dadurch erreicht wurde, dass die eigene Weiblichkeit dem Äusseren nach, verneint wurde3. Hagiographische Geschichten tauchten immer wieder in sehr berühmten Textsammlungen auf, die uns heute überliefert sind. Darunter zu finden sind die Speculum historiale von Vincent de Beauvais, die Legenda aurea, in welcher sich die Eugenia befindet, von Jacobus de Voraigne und dem Catalogus sanctorum von Petrus de Natalibus4. Heiligengeschichten waren in mittelalterlicher und vormittelalterlicher Zeit offenbar derart populär, dass sie bereits schon ab dem 9. Jahrhundert Eingang in die vernakulare Literatur fanden. Den endgültigen „Durchbruch“ in der westlichen Hagiographie schafften diese Legenden dann zwischen dem 13. Und dem 15. Jahrhundert, da von diesen Schriften zahlreiche Übersetzungen angefertigt wurden. Die meistübersetzte Legendensammlung war damals die Legenda aurea.

Ich habe nun oft von Hagiographie gesprochen, erstaunlicherweise, so wie Hotchkiss zeigt, ist die durchaus kein einfach zu handhabender Begriff. Die Problematik dabei liegt in dem Umstand, dass zu der Zeit, als diese Legende emsig, von Klerus und der lesekundigen Bevölkerung, als tatsächlich historisch wahre Dokumente gelesen wurden. Bei näherer Betrachtung kann jedoch festgestellt werden, dass es Elemente in diesen Geschichten, wie Flucht, Verhüllung, Rufmord und Anagnorisis, gibt, die ihnen eine literarische Qualität verleihen. Dadurch zeigen die Protagonistinnen in diesen Geschichten, dass sie dem Manne nicht nur ebenbürtig sind, sondern diesen gar noch übertreffen in Tugend und Stärke5.

In den ersten paar Jahrhunderten des Christentums dominierten ganz klar die Vorstellungen der Männer hinsichtlich der weiblichen Spiritualität. Jenes Bild des spirituellen „Selbst“ der Frau, welches die Männer hatten, war kein inverses, sondern ein männliches. Aus dieser Anschauung folgt, dass man(n) die crossgedresste Frau als eine Frau angesehen wurde, die sich bloss den männlichen Idealen annähern wollte. Bynum, so Hotchkiss, hat gezeigt, dass aufgrund der Tatsache, dass die Autoren dieser hagiographischen Texte ausnahmslos Männer waren, diese tendenziös sind und sich somit eine ernsthafte Analyse dieser Frage im Vorfeld bereits als obsolet erweist. Nichtsdestotrotz geben diese Geschichten einen guten Einblick in die einst vorherrschende Geschlechterdefinition. In einigen Fällen ist sogar zu beobachten, dass Männer tatsächlich Mitgefühl für Frauen zeigen, die diesen sozialen Einschränkungen unterworfen waren6. Trotz dieses leicht gestreuten Mitgefühls blieb die patriarchale Dominanz bestehen. Dies ging sogar soweit, dass ein Mensch um Christ sein zu können, männlich sein musste. So lesen wir im Gospel of Thomas, dass eine Frau nur dann ins ewige Königreich Gottes eintreten kann, wenn sie zum Mann wird. Eine etwas mildere Formulierung findet sich bei Basil von Caesarea, in seinem Werk über Asketismus, der schreibt, dass die strenggläubige Frau, die sich dem Mann annähert, diesen sogar übertreffen kann, wenn sie sich nur in religiöser Strebsamkeit übt. Diese Situation wird von der Eremitin Sarah, über welche in der Apophthegmata Patrum geschrieben wird, auf die Spitze getrieben, indem sie vor ihren Glaubensbrüdern verkündet, dass sie es sein, die ein Mann ist und sie [ihre Glaubensbrüder] es seien, die Frauen sind. Sie nimmt mit dieser scharfen Aussage unweigerlich in Anspruch, dass sie ihren Brüdern spirituell überlegen ist. Hierzu sein noch angemerkt, dass dieses preisen von Frauen mit männlichen Attributen keine Neuentwicklung der christlichen Literatur ist, sondern bereits der römische Dichter Horaz zurück. Die Vorstellung von der Frau als defekten Mann geht noch ein halbes Jahrtausend weiter auf Hippokrates und Aristoteles zurück. Diese Tendenz wurde dann durch die Kirchenväter noch einmal zusätzlich verstärkt7.

Äquivalent tendenziöse Formulierungen lassen sich auch in der Heiligen Schrift finden. Bereits in der Genesis des Alten Testaments steht:

[…]

Da ließ Gott, der HERR, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so daß er einschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und verschloß ihre Stelle mit Fleisch; und Gott, der HERR, baute die Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, zu einer Frau, und er brachte sie zum Menschen. Da sagte der Mensch: Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch; diese soll Männin heissen, denn vom Mann ist sie genommen.8

Somit ist bereits in der grossen theokratischen Schrift der Grundstein für diese Tendenz gelegt. Sie wird jedoch noch durch den Sündenfall Evas verstärkt9.

Bereits die frühesten christlichen Autoren bis hin zu Meister Eckhart haben konstatiert, dass der männliche Geist durch männliche Metaphern und Konzepte die spirituelle Entwicklung beider Geschlechter kennzeichnet. Darauf folgt die Ansicht, dass Männlichkeit eine moralische Qualität ist. Nun stellt sich jedoch die Frage, warum, obwohl die katholische Kirche das Crossdressing nie gutgeheissen hat, so viel darüber geschrieben wurde. Die Antwort hierzu lässt sich in vielen autoritären christlichen Schriften finden, die sich mit der Geschlechterdefinition beschäftigen. Das Crossdressing kann als Verwirklichung der männlichen Metaphern des Glaubens angesehen werden. Crossgedresste Frauen veranschaulichen somit die Macht des Christentums, seine Anhänger gänzlich zu transformieren10.

2. Crossdressinggeschichten in der Legenda aurea

Die Legenda aurea ist eine Heiligenlegendensammlung aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die eine Vielzahl berühmter Heiligengeschichten beinhaltet, von welchen ich nun eine kleine Auswahl behandeln möchte. Diese Untersuchung soll zeigen, dass das Phänomen des Crossdressing durchaus nicht unüblich in der hagiographischen Literatur des Mittelalters war. Diese Geschichten bilden innerhalb der Hagiographie eine nicht unmerkliche Untergruppe und verdienen daher eine etwas nähere Betrachtung.

2.1 Die heilige Jungfrau Marina: Das Mädchen mit der Mönchskutte

Die Geschichte der Heiligen Jungfrau Marina ist eine sehr kurze und kompakte Geschichte, die trotz ihrer Kürze einiges an Material hergibt. Als ersten Punkt erscheint es mir sinnvoll zu untersuchen, wie sich die Umstände des Crossdressings in dieser Geschichte verhalten.

Zu Beginn der Geschichte erfährt man, dass Marina bereits als Kind mit ihrem Vater in ein Kloster ging, wo dieser dem Abt vorgab, Marina sei ein Junge. Marina wurde fortan als Bruder Marinus bezeichnet. Interessant ist hierbei, dass der Akt des Crossdressings gänzlich auf äusseren Einfluss, somit den des Vaters, zurückzuführen ist. So lesen wir in der Geschichte:

Die Jungfrau Marina war die einzige Tochter ihres Vaters. Der Vater suchte ein Kloster auf und ließ seine Tochter andere Kleider anziehen, so daß sie nicht mehr wie eine Frau, sondern wie ein Mann aussah. Dann bat er den Abt und die Brüder, seinen einzigen Sohn aufzunehmen. Sie gaben seiner Bitte nach. Der angebliche Sohn wurde als Mönch aufgenommen und von allen Bruder Marinus genannt.11

[…]

In dieser Anfangsszene ist deutlich zu erkennen, dass hier das Crossdressing seitens Marinas nicht die geringste Bedeutung hat. Der Text gibt nichts darüber bekannt, wie alt Marina tatsächlich war, als sie mit ihrem Vater eintrat. Fakt bleibt, dass das Crossdressing hier einzig aus dem Grund erfolgte, weil der Vater ihr es befahl. Marina wurde in dem Kloster sehr fromm und als ihr Vater schliesslich auf dem Sterbebett lag, war sie 27 Jahre alt. An dieser Stelle folgt eine weitere Schlüsselszene, die direkt mit dem Crossdressing Marinas zusammenhängt. Der letzte Wille ihres Vaters ist es explizit, dass sie niemals jemandem ihr wahres Geschlecht offenbaren dürfe. Der Text selbst gibt dem Leser keinerlei Hinweise darauf, was die Intention des Vaters ist, Marina einen solchen Befehl zu erteilen. So lesen wir in Text:

[…]

Er aber begann ein Leben in großer Frömmigkeit und großem Gehorsam. Als nun Marina siebenundzwanzig Jahre alt war und ihr Vater fühlte, daß er dem Tode nahe war, rief er seine Tochter zu sich, bestärkte sie in ihren guten Vorsätzen und befahl ihr, niemals jemandem zu enthüllen, daß sie eine Frau sei.

[…]

Der Text verrät nichts darüber, ob Marina auch ohne diesen väterlichen Befehl im Kloster geblieben wäre. Etwas darüber zu sagen wäre reine Spekulation und nicht Sinn dieser Arbeit. Der Vater nimmt jedoch einen sehr grossen Einfluss auf das Leben Marinas, indem er ihr diesen letzten Befehl gibt. Im Klartext heisst dies für Marina, dass sie den Rest ihres Lebens ein einem nicht freiwillig gewählten Zustand verbleiben muss, ohne ein Möglichkeit, diesem zu entfliehen. Ein Gegenargument liesse sich dahingehend finden, dass man sagen könnte, durch ihr klösterliches Leben wurde sie ja sehr fromm und gehorsam und hat deshalb kein Bedürfnis, dies zu tun. Solch eindeutige Stellen lassen sich im Text aber nicht finden.

Wie andere Heilige auch12, wird Marina an eine Stelle im Text hart getestet. Da sie regelmässig für das Kloster Holz holen muss, begibt sie sich stets in die gleiche Unterkunft, in welcher die schwangere Tochter des Wirtes wohnt. Da diese offenbar von einem Soldaten geschwängert und danach gefragt wurde, schob sie kurzerhand die ganze Schuld auf Marina. Interessant an dieser Stelle ist die Tatsache, dass diese beiden Frauen, zumindest verrät uns der Text dies nicht, im Vorfeld nicht die geringste Beziehung in welcher Art auch immer, zueinander gehabt haben. Da Marina jedoch durch ihr Gebot des Vaters, sich niemals anderen Menschen als Frau zu offenbaren, bleibt keine andere Wahl, als dieses Verbrechen, welches sie evidenterweise nicht begangen haben kann, auf sich zu nehmen. Somit bleibt auch in dieser sehr zugespitzten Situation das Crossdressing erhalten. Sie gestand und wurde aus dem Kloster ausgeschlossen. Hierzu die Legende:

[…]

Sie [Marina] war häufig mit einem Ochsenkarren unterwegs und brachte Holz in das Kloster. Gewöhnlich stieg sie im Haus eines Mannes ab, dessen Tochter von einem Soldaten schwanger geworden war. Als diese gefragt wurde, behauptete sie, der Mönch Marinus habe sie vergewaltigt.

[...]


1 Hotchkiss 1996, S. 13.

2 Altes Testament, 5. Mose 22.5.

3 Hotchkiss 1996, S. 13.

4 Hotchkiss 1996, S. 14.

5 Hotchkiss 1996, S. 15.

6 Hotchkiss 1996, S. 16.

7 Hotchkiss 1996, S. 17.

8 Altes Testament 1. Mose 2.21-23

9 Altes Testament 1. Mose 3.6

10 Hotchkiss 1996, S. 19.

11 Ecker 1999, S. 127.

12 Vgl. Legende der Eugenia.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
manlîchiu wîp, wîplîch man. Eine Analyse des Crossdressing-Phänomens in der mittelalterlichen hagiographischen Literatur
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Legenden
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V295898
ISBN (eBook)
9783656938750
ISBN (Buch)
9783656938767
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, analyse, crossdressing-phänomens, literatur
Arbeit zitieren
Master Student Samuel Burkhard (Autor), 2012, manlîchiu wîp, wîplîch man. Eine Analyse des Crossdressing-Phänomens in der mittelalterlichen hagiographischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295898

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