Die Kurzgeschichte "Das Modell Coppelia" der dänischen Autorin Dorrit Willumsen erzählt vordergründig achronologisch von dem Kennenlernen und der Entfremdung eines Ehepaares und beinhaltet dabei auch Themen, die sich der Phantastik zuordnen lassen.
Ausgehend von Todorovs Theorie über die phantastischen Literatur wird die Erzählung deshalb vom Standpunkt verschiedener Theorien, die sich mit dem Phantastischen befassen, heraus betrachtet. Hierzu werden zunächst einzelne Themen herausgearbeitet sowie ergründet, wie diese eingesetzt und welche Wirkungen mit ihnen erzielt werden.
In einem zweiten Schritt wird auf die Farbgestaltung in der Erzählung eingegangen. Die Autorin verwendet an manchen Stellen ihrer Kurzgeschichte Farbadjektive, am auffallendsten ist hierbei wohl die immer wiederkehrende blaue Farbe. Auch hier möchte ich die Stellen, an denen Willumsen aktiv auf die Wahrnehmung der Leser einwirkt, näher auf ihre Funktion hin untersuchen.
Zuletzt befasse ich mich mit dem Modell Coppelia, dahinter verbirgt sich mehr als nur der Titel der Kurzgeschichte, denn zugleich ist ein Modell auch immer eine Vorlage und so stellt sich die Frage, wer diese Vorlage entworfen und auf wen sie angewendet werden soll.
Inhaltsverzeichnis der Arbeit
1 Einleitung
2 Themen des Phantatischen
2.1 Wiederspiegelungen von Menschlichkeit
2.1.1 Blicke, Bilder und Spiegel
2.1.2 Doppelgänger
2.2 Geschlechtlichkeit und Sexualität
2.3 Grenzen und Grenzüberschreitung
3 Farbgestaltung in der Geschichte
4 Modell Coppelia
4.1 Der Modellbegriff
4.2 Puppenartige Tendenzen
5 Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kurzgeschichte "Das Modell Coppelia" der dänischen Autorin Dorrit Willumsen unter dem theoretischen Blickwinkel der phantastischen Literatur, um zu klären, ob das Werk eindeutig der Phantastik zugeordnet werden kann. Im Zentrum steht dabei die Analyse von Themenkomplexen wie menschlicher Identität, Machtverhältnissen durch den Blick, Geschlechterrollen sowie der symbolischen Farbgestaltung und dem Motiv des Modells/der Puppe.
- Analyse der phantastischen Literaturtheorie nach Tzvetan Todorov.
- Untersuchung von Identitätskonstruktionen und Doppelgänger-Motiven.
- Dekonstruktion von Geschlechterrollen und Androgynität.
- Symbolik der Farbgestaltung als Ausdrucksmittel.
- Interpretation des Modellbegriffs und der Entmenschlichung zur "Puppe".
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Blicke, Bilder und Spiegel
Blicke, auch diejenigen, die nicht geworfen werden dürfen, spielen in der Erzählung eine zentrale Rolle. Der Leser erfährt, dass der Erzähler bei der ersten Begegnung mit Coppelia nicht sie selbst bemerkte, sondern die Blicke, die ihr von anderen sehnsüchtig zugeworfen werden.
„Und als sie über den Strand trippelte – langbeinig wie ein Strauß –, erhoben sie alle ihre Körper und drehten alle ihre Köpfe in einer sehnsüchtigen Fanfare.“
Hier wird durch den Blick ein Machtverhältnis geschaffen, da der Blickende seiner Bedürftigkeit dessen, auf das sein Blick fällt, Ausdruck verleiht. Dieser Zustand ist in dem Sinne bemerkenswert, da sich hier im Gegensatz zur üblichen Machtstruktur der passiv Handelnde, nämlich derjenige, der angeblickt wird, der Betrachtete, in einer höheren Machtposition befindet als der aktive Betrachtende. Demnach hat insbesondere Coppelia Macht über ihr Umfeld, sobald dieses sie brachtetet, dieser Umstand auch wird vom Erzähler beschrieben, als er sich erinnert, wie die zwölf jungen Männer am Strand Coppelia verfallen waren, während diese, mit dem Rücken zu ihnen gewandt, sie nicht beachtete.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich Coppelia ihrer Wirkung auf andere und ihrer damit verbundenen Macht unbewusst ist. Vielmehr weiß sie ihre Wirkung bewusst einzusetzen und vermeidet es, von anderen angesehen zu werden, wenn sie dadurch nicht in eine höhere Machtposition gelangt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Phantastik in Dorrit Willumsens Werk ein und skizziert die methodische Vorgehensweise auf Basis der Literaturtheorie von Todorov.
2 Themen des Phantatischen: In diesem Kapitel werden theoretische Grundlagen wie Ich- und Du-Themen sowie Spiegelungen von Menschlichkeit und Geschlechtlichkeit auf die Erzählung angewandt.
2.1 Wiederspiegelungen von Menschlichkeit: Dieses Unterkapitel untersucht die Bedeutung von Blicken, Spiegelbildern und Doppelgängern als Identitäts- und Machtinstrumente.
2.1.1 Blicke, Bilder und Spiegel: Hier wird analysiert, wie Blicke Machtstrukturen definieren und wie die Grenze zwischen belebtem Subjekt und unbelebtem Bild verschwimmt.
2.1.2 Doppelgänger: Dieser Abschnitt beleuchtet das Motiv der Verdopplung und die Unheimlichkeit identischer Wesen im Kontext von Freuds Theorie.
2.2 Geschlechtlichkeit und Sexualität: Die Analyse konzentriert sich auf das Aufbrechen klassischer Rollenbilder hin zur Darstellung von Androgynität.
2.3 Grenzen und Grenzüberschreitung: Dieses Kapitel behandelt räumliche und soziale Grenzziehungen sowie die Bedeutung von Übergangsriten nach Arnold van Gennep.
3 Farbgestaltung in der Geschichte: Der Fokus liegt hier auf der symbolischen Verwendung von Farben, insbesondere Blau, Rot und Grün, zur Verstärkung der phantastischen Wirkung.
4 Modell Coppelia: Dieses Kapitel dekonstruiert den Titelbegriff und untersucht Coppelia als Entwurf einer Person sowie als Scheitern eines Pygmalion-Mythos.
4.1 Der Modellbegriff: Hier wird der semantische Unterschied zwischen Fotomodell und Modell als Vorlage/Muster auf die Figur der Coppelia übertragen.
4.2 Puppenartige Tendenzen: Der Abschnitt widmet sich der Unheimlichkeit, die von puppenhaftem Verhalten und der Nachahmung des Lebendigen durch Coppelia ausgeht.
5 Schluss: Das Fazit bestätigt die Einordnung des Werkes als phantastische Literatur, da die Ungewissheit bis zum Ende gewahrt bleibt.
Schlüsselwörter
Das Modell Coppelia, Dorrit Willumsen, Phantastik, Todorov, Doppelgänger, Androgynität, Geschlechterrollen, Symbolik, Farbgestaltung, Pygmalion-Mythos, Unheimliches, Grenzüberschreitung, Identität, Machtstruktur, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit analysiert die Kurzgeschichte "Das Modell Coppelia" von Dorrit Willumsen im Hinblick auf ihre Zugehörigkeit zur phantastischen Literatur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung umfasst die Aspekte des Blicks, Doppelgänger-Motive, Geschlechterrollen, Androgynität sowie symbolische Farbgestaltungen und den Modellbegriff.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Anwendung der Theorien von Todorov, Freud und Brittnacher zu klären, ob es sich bei dem Werk um eine phantastische Erzählung handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Konzepte der Phantastik, Symbolik und der Anthropologie (Übergangsriten) auf den Primärtext anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse phantastischer Motive (Spiegel, Doppelgänger), die Untersuchung der Geschlechterrollen, die Deutung der Farbgestaltung und die philosophische Betrachtung des Modellbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Phantastik, Androgynität, Doppelgänger, Modell, Unheimliches, Machtstruktur und Identitätskonstruktion.
Wie definiert der Autor das Phantastische?
Der Autor stützt sich auf Tzvetan Todorov, für den das Phantastische durch die "Unschlüssigkeit" des Lesers gegenüber dem scheinbar Übernatürlichen definiert wird.
Warum wird Coppelia als "Puppe" bezeichnet?
Der Begriff wird verwendet, um die puppenhaften Verhaltensweisen, das Fehlen einer eigenständigen Persönlichkeit und die ständige Verwandlung der Figur in der Wahrnehmung des Erzählers zu beschreiben.
Welche Bedeutung hat der Spiegel in der Geschichte?
Spiegel dienen als Motive für Machtverhältnisse, Selbstverlust und die Ununterscheidbarkeit zwischen Realität und Abbild, was das phantastische Element der Ungewissheit verstärkt.
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- Anna Schiefler (Autor), 2014, Das Phantastische in Dorrit Willumsens "Das Modell Coppelia", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298571