Seit gut 20 Jahren arbeite ich in der freien Wirtschaft als Angestellte eines internationalen Unternehmens. Der Büroalltag, dessen Kultur und Mitarbeiter haben mich über die Jahre geprägt und gefördert und sind Teil meines Lebens geworden. So weckte das mir bisher unbekannte Genre der „Büroromane“ schnell meine Neugierde und der Wunsch entstand, die literarische Darstellung der Bürowelt und das Angestelltendasein in den Mittelpunkt meiner Examensarbeit zu stellen.
Bereits im 19. Jahrhundert wurden Angestellte und Beamte zu Protagonisten in der Literatur; Nikolai Gogols "Der Mantel" (1842) und Italo Svevos "Ein Leben" (1892) sind frühe Beispiele
dafür. In Schweden spiegelten Elin Wägner in ihrem Debütroman "Norrtullsligan" (1908) und Ernst L. Ekman in dem Roman "Kontor" (1939) die Bürowelt wieder, während in der deutsch-sprachigen Literatur u. a. Irmgard Keun in "Gilgi – eine von uns" (1931) und Martin Kessel in "Herrn Brechers Fiasko" (1931) literarisch das Angestellten-Leben und ihren Alltag festhielten.
In der Vielzahl geeigneter Primärliteratur entdeckte ich "Im Bureau" (2011) – eine von Reto Sorg und Lucas Marco Gisi posthum und thematisch gebündelte Sammlung von Texten des deutsch-schweizerischen Autors Robert Walser (1878-1956), die den Büroalltag des frühen 20. Jahrhunderts in kurzen literarischen Portraits beleuchtet. Obwohl die Geschichten dieser Anthologie vor einhundert Jahren geschrieben wurden, spürte ich eine Verbindung zu meinem eigenen Arbeitsalltag und erkannte Kollegen und Situationen in der fiktiven Welt wieder. Walser war selbst viele Jahre in der Bank und im Versicherungswesen tätig, und so ahnte ich einen unausweichlichen autobiographischen Einfluss in den Texten, was das Werk für mich noch interessanter machte.
Der Fokus meiner Arbeit liegt auf diesen Betrachtungen von Walser, wo das Büroleben, seine Umgebung und die Menschen dieses Milieus beleuchtet werden. Für die Untersuchung wird zudem Sekundärliteratur, die auf den Angestelltenalltag dieser Zeitperiode eingeht, verwendet, wie z. B. die von Siegfried Kracauer (1889-1966) deutsche soziologische Studie "Die Angestellten" (1929). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Der Autor und das Werk
1.2. Eingrenzung der Arbeit
1.3. Ziel der Untersuchung und Begründung
1.4. Methode
1.5. Gliederung der Arbeit
2. ROBERT WALSER, Im Bureau – ANALYSE DES MATERIALS
2.1. Der Commis (1902)
2.2. Ein Vormittag (1907)
2.3. Das Büebli (1908)
2.4. Germer (1910)
2.5. Helblings Geschichte (1913)
2.6. Der arme Mann (1916)
2.7. Poetenleben (1916)
2.8. Helbling (1917)
2.9. Der Sekretär (1917)
2.10. Der junge Dichter (1918)
2.11. Erich (1925)
2.12. Acht Uhr (1926)
2.13. Herren und Angestellte (1928)
2.14. Aus dem Leben eines Commis (1928/29)
2.15. Die Verkäuferin (1931/32)
3. AUSWERTUNG/SCHLUSS
3.1. Zusammenfassung der Ergebnisse
3.2. Abschließende Bemerkungen
3.3. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die fiktiven Angestellten-Figuren in Robert Walsers Anthologie Im Bureau zu untersuchen, insbesondere ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Kollegen sowie ihre Einstellung zum eigenen Berufsalltag. Dabei wird analysiert, inwieweit Walsers literarische Darstellung der zeitgenössischen gesellschaftlichen Realität entspricht, indem die fiktiven Texte mit der soziologischen Studie Die Angestellten von Siegfried Kracauer in Beziehung gesetzt werden.
- Literarische Typologie von Angestelltenfiguren bei Robert Walser
- Vertikale Interaktion (Verhalten gegenüber Hierarchiestufen)
- Horizontale Interaktion (Verhalten gegenüber Kollegen)
- Internes Verhältnis (Selbstbild und Berufsrolle)
- Vergleich der fiktiven Bürowelt mit Kracauers soziologischer Analyse
Auszug aus dem Buch
Der Commis im Allgemeinen
Der Commis im Allgemeinen steigt bei der Interaktion mit Vorgesetzten in eine Rolle hinein, wo er seine eigene Persönlichkeit in den Hintergrund drängt, sein wahres Ich verbirgt und dem Chef stets mit Demut und Sanftmut begegnet. Sein Verhalten ist auf Hierarchien ausgerichtet; je höher die Hierarchiestufe, je aufmerksamer und zuvorkommender wird der Commis. Unter Kollegen zeigt er gern eine offenere und zugänglichere Seite, aber wenn der Chef den Raum betritt, wird er wieder zum Untergebenen, konformen und angenehmen Mitarbeiter.
Unter Kollegen zeigt sich der Commis freundschaftlich, unterhaltsam und zugänglich, sucht dabei aber Personen aus, wovon er selbst einen Nutzen hat. „Sagt ein Erfahrener am Tisch einen halben Witz, so lacht er höflich; sagt dagegen ein Lehrbursche einen ganzen Witz, so schweigt er“45 beschreibt der Erzähler der angeblich freundschaftlichen Art des Commis. Nur wer dem Commis nützlich sein kann, wird mit Offenheit begegnet, sonstige Mitarbeiter lässt er kalt.
Der Commis im Allgemeinen legt Wert darauf gesehen zu werden und zu beindrucken, jedoch durch Leistung und guten Eindruck, ohne dabei selbst laut werden zu müssen. Der Commis arbeitet deshalb fleißig und achtet auf sein Äußeres und sein Auftreten, wobei er gleichzeitig vermeiden möchte, überlegen zu wirken. Mangelnde Anerkennung und Fähigkeit, für sich selbst gerade zu stehen, lässt ihn von Zeit zu Zeit nachdenklich werden und sich und seinen Platz im Leben in Frage zu stellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der literarischen Darstellung des Angestelltendaseins bei Robert Walser sowie Erläuterung der methodischen Vorgehensweise und Einbeziehung von Kracauers soziologischer Studie.
2. ROBERT WALSER, Im Bureau – ANALYSE DES MATERIALS: Detaillierte, chronologische Analyse der einzelnen Kurzprosatexte der Anthologie Im Bureau hinsichtlich der Figurenkonstellationen, Hierarchien und Berufsrollen.
3. AUSWERTUNG/SCHLUSS: Zusammenführung der Teilanalysen zu einer Typologie der Angestelltenfiguren bei Walser und abschließende Reflexion über den Bezug zur soziologischen Realität des frühen 20. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Robert Walser, Angestellte, Büroalltag, Im Bureau, Siegfried Kracauer, Literaturanalyse, Kleinprosa, Hierarchien, Berufsrolle, Identität, Rollenspiel, Arbeitsethik, Arbeitswelt, Unterordnung, Boreout.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung des Angestelltenlebens in Robert Walsers Kurzprosasammlung "Im Bureau" und setzt diese in Bezug zur soziologischen Studie "Die Angestellten" von Siegfried Kracauer.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Interaktionsmuster der Angestellten im bürokratischen Umfeld, ihre Anpassungsstrategien gegenüber Vorgesetzten, ihre Haltung zu den Kollegen und ihre Identifikation mit der eigenen beruflichen Funktion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Angestellten-Figuren bei Walser als Typen zu klassifizieren und zu prüfen, inwieweit diese fiktiven Darstellungen die gesellschaftliche Realität und die soziologischen Befunde der damaligen Zeit widerspiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textimmanente Analyse der Kurzgeschichten angewandt, wobei die Figuren anhand dreier Kriterien – vertikales Verhältnis, horizontales Verhältnis und internes Verhältnis – auf ihre Interaktionen und Selbstwahrnehmung hin geprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der chronologischen Untersuchung der 15 in "Im Bureau" enthaltenen Texte, wobei jeder Text einzeln inhaltlich zusammengefasst und anschließend anhand der definierten Kriterien analysiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Robert Walser, Angestellte, Büroalltag, Identität, Rollenspiel, Hierarchien und die soziologische Perspektive von Siegfried Kracauer.
Was bedeutet das "interne Verhältnis" in der Analyse?
Das interne Verhältnis prüft die Haltung des Angestellten zu sich selbst und zu seiner eigenen Berufsrolle, also ob er sich mit seinem Status identifiziert, sich langweilt oder nach anderen Zielen strebt.
Inwiefern spielt das Motiv der "Bühne" eine Rolle?
Das Büro wird oft als eine Art Bühne inszeniert, auf der die Angestellten Rollen spielen, ihre Persönlichkeit hinter Fassaden verbergen und den Erwartungen des Systems entsprechen müssen.
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- Angelika Schedewie (Author), 2015, Die Arbeitswelt von Robert Walsers Angestellten in der Anthologie "Im Bureau", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304487