Medienkompetenz und Medienerziehung. Vom bewussten Umgang mit mediendidaktischen Konzepten im Unterricht


Masterarbeit, 2015

32 Seiten, Note: 2,3

Marie Bolderer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretischer Teil
1. Definition des Begriffs Medium
2. Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen
3. Medienkompetenz als Erziehungsziel

III. Praktischer Teil
4. Mediendidaktische Konzeptionen
4.1. Medienintegration – eine Frage des Habitus der Lehrkräfte
4.2. Zur Wirksamkeit von Medien im Unterricht
4.3. Intermedialität und Unterricht
4.4. Symmedialer Unterricht
5. Didaktische Überlegungen zum Einsatz von Medien im Unterricht
5.1. Situation und Bedürfnis als entscheidende Faktoren des Lernens mit Medien anhand eines exemplarischen Beispiels
5.2. Möglichkeiten audiovisueller Medien im Unterricht
5.3. Internetnutzung im Unterricht

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wir amüsieren uns zu Tode“ – so titelte Neil Postman bereits in den 1980er Jahren eines seiner bekanntesten Bücher, in dem er sich als ein vehementer Medienkritiker zeigte.[1] Postman beklagte den Untergang der Schriftkultur und den Aufschwung der visuellen Medien, insbesondere des Fernsehens. Heute kann man das visuelle Spektrum mühelos um das Internet und Smartphones erweitern. Postman hat in seinen Ausführungen deutlich gemacht, dass die Menschen nicht die Welt an sich wahrnehmen, sondern vielmehr Bilder der Welt betrachten. Die reale Welt und das tatsächliche Leben finden für den Einzelnen fast nur noch medial vermittelt statt. Diese Allgegenwart des Medialen verlangt eine durchaus medienkritische Haltung. Postman benannte bereits damals, vor drei Jahrzehnten, die absolute Notwendigkeit einer Medienkompetenz für Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer. Die Möglichkeit, mit Medien „kompetent“ umzugehen, hat seither noch stark an Bedeutung gewonnen und ist schier unabdingbar. Die aktuelle Gesellschaft ist eine Informations- und Mediengesellschaft, in der es zunehmend schwieriger wird, sich zu orientieren und seinen Platz zu finden. Unsere Wirklichkeit wird heutzutage in erster Linie durch Medien bestimmt. Die Medienpädagogik ist daher konsequenterweise ein Bereich, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Der Medienpädagoge geht von der Beobachtung und Interpretation vorgegebener und sich entwickelnder Wirklichkeitskonstruktionen aus, die die Medien anbieten, aber auch die Lerner mitbringen. Als Teil der Erziehungswissenschaft kommt der Medienpädagogik eine immer wichtigere Rolle zu, da sie Handlungsanleitungen zur Verfügung stellen kann, die innerhalb der Schule und des Unterrichts von entscheidender Bedeutung für die Vermittlung von Medienkompetenz sind.

Aus praktischer Sicht sollte der Umgang mit Medien im Unterricht unter dem Begriff der „Ermöglichungsdidaktik“[2] gesehen werden, womit eine prinzipielle Wirkungsoffenheit von Lehr- und Lernprozessen gemeint ist, die überproportional vertretenes Sachwissen nicht mechanisch aufruft, sondern den Erwerb von Wissen in einen engen Zusammenhang zum Aufbau von Handlungsfähigkeit stellt.

Vor allem in Bezug auf die Vermittlungsformen für Inhalte werden Veränderungen in den letzten Jahren überdeutlich. Der Anteil der medialen Erfahrung ist im Verhältnis zu den unmittelbaren Erfahrungen erheblich gestiegen. Viele Inhalte, die unser Denken und Handeln beeinflussen, werden inzwischen medial durch Computerspiele oder Plattformen im Internet erfahren.[3] Auch verändert sich die aktuelle Entwicklung stärker von der Rezeption zur Produktion neuer Medien. Die Gefahr von Medien-Analphabeten sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden, denn Menschen, die mit den neuen Medien nicht umgehen können, werden zunehmend sozial und ökonomisch ausgegrenzt.[4]

Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen Wechselwirkungen zwischen Erziehung und Medieneinsatz im Unterricht unter Ausnutzung mediendidaktischer Konzepte. Wie können Schülerinnen und Schüler zu einem bewussten und kritischen Umgang mit Medien erzogen werden? Welche mediendidaktischen Ansätze sind hilfreich für einen Unterricht, der Medien souverän und unabhängig für die Stoffvermittlung nutzt, aber erzieherische Komponenten nicht aus den Augen lassen will?

Die Omnipräsenz der Medien führt zu einer Medienselbstverständlichkeit, die die Gefahr birgt, die Nutzung des Mediums nicht mehr zu hinterfragen. Denn Medienkultur ist genuin marktbezogen und gehorcht ökonomischen Gesetzen. Ein Erziehungsziel sollte daher eine gewisse Autonomie im Umgang mit den unterschiedlichen zur Verfügung stehenden Medien sein, eben jene Medienkompetenz, die einem Nutzer die Oberhand lässt und nicht dem Medium. In diesem Sinne kann ein Leitspruch der Aufklärung das Ziel mediendidaktischen Arbeitens prägnant zusammenfassen: Sapere aude! Wage zu wissen!

Die vorliegende Arbeit soll in diesem Zusammenhang zeigen, welche mediendidaktischen Ansätze es überhaupt gibt und wie diese in den Unterricht integriert werden können. Aus diesem Grund wird eingangs in einem kürzeren theoretischen Teil auf die Begrifflichkeiten medienpädagogischen Arbeitens eingegangen. Fragen des alltäglichen Umgangs mit Medien sowie die omnipräsente mediale Sozialisation von Kindern und Jugendlichen spielen dabei eine Rolle. Von Interesse ist hier in erster Linie die Medienkompetenz als das wichtige Ziel eines medienpädagogischen Unterrichts.

Im praktischen Teil der Arbeit werden mediendidaktische Konzeptionen diskutiert und zwar insbesondere im Hinblick auf die Medienintegration und Wirksamkeit sowie hinsichtlich der Formen des intermedialen und des symmedialen Unterrichts. Dabei wird aber nicht nur die Schülerseite beleuchtet, sondern auch die Lehrerseite. Denn Schüler[5] können nur so medienkompetent sein, wie es ihnen die Lehrer vermitteln können. Im letzten Kapitel der Arbeit werden konkrete und praktische Überlegungen zum situativen Unterricht angestellt und die Möglichkeiten vorgestellt, die es für den Einsatz audiovisueller Medien und die sinnvolle Internetnutzung im Unterricht gibt.

II Theoretischer Teil

1. Definition des Begriffs Medium

Der Begriff des Mediums ist in alltäglichen Kontexten omnipräsent. Ob Buch, Zeitung, Smartphone, Fernsehen oder Computer und Internet, die mediale Vielfalt der Welt ist ein wichtiges Charakteristikum der Gegenwart. Nicht ohne Grund wird auch vom Medienzeitalter gesprochen. Der Begriff des Mediums bildet in einem ersten Zugriff kein problematisches Verhältnis ab. Allerdings wird es etwas komplizierter, wenn man eine wissenschaftlich tragfähige Definition und damit eine exakte Beschreibung des Gegenstands anstrebt. Es ist schwierig, eine umfassende Definition zu finden, daher wird bei der Beschreibung dessen, was unter einem Medium zu verstehen ist, von unterschiedlichen Sichtweisen ausgegangen.

Der Duden definiert ein Medium als „vermittelndes Element“ und „organisatorischer und technischer Apparat für die Vermittlung von Meinungen, Informationen, Kulturgütern“[6].

Untersucht man den Begriff des Mediums aus etymologischer Sicht, so gelangt man zu dem lateinischen Adjektiv „medius“, das die Bedeutung „vermittelnd“ und „in der Mitte stehend“ hat. Bei einem einfachen Sender-Empfänger-Modell ist das Medium der Kommunikationskanal.[7] Dieser wiederum dient in einem mathematisch-physikalischen Zusammenhang dazu, Zeichen oder Signale von einem Sender zu einem Empfänger zu bringen. Der Kanal wird nicht weiter wahrgenommen, solange die Signale problemlos und ungehindert übertragen werden können.[8] Herbert Marshall McLuhan, ein kanadischer Medientheoretiker stellt nun diese Übertragung auf den Kopf. Er verweist darauf, dass der Inhalt eines Mediums der Wesensart des Mediums gegenüber blind macht.[9] Das Medium gibt den Inhalten eine bestimmte Form vor, die der Betrachter bzw. Empfänger jedoch nicht wahrnimmt oder übersieht. Diese Erkenntnis McLuhans gipfelt in dem bereits zu einem geflügelten Wort gewordenen Satz: „The medium is the message.“ – „Das Medium ist die Botschaft.“[10] Die Form des Mediums hat Auswirkungen auf die Form von Denken, Handeln und Kommunikation. Ein Beispiel sind Kurznachrichten (SMS), die durch ihre starke Begrenzung in der Regel nicht geeignet sind, komplexe philosophische Inhalte zu erläutern. Auch der Internetchat ist ein Beispiel, wie ein technischer Übertragungskanal die Kommunikation beeinflussen kann. In einem Chat können die Teilnehmer anonym auftreten, sie können sich eine virtuelle Identität konstruieren und so sein, wie sie in der Realität nie sein könnten. Sie können ebenfalls freier über brisante Themen reden, die in einer face-to-face-Situation schwierig wären. Wie prägend die Form des Mediums ist, beschreibt Krämer sehr anschaulich: „Medien wirken wie Fensterscheiben. Sie werden ihrer Aufgabe umso besser gerecht, je durchsichtiger sie bleiben, je unauffälliger sie unterhalb der Schwelle der Aufmerksamkeit verharren.“[11] Dieses Beispiel illustriert die Tatsache, dass die Form des Mediums mindestens ebenso wichtig ist wie der Inhalt und keineswegs außer Acht gelassen werden sollte.

Pross koppelt den Medienbegriff und den Kommunikationsbegriff eng zusammen. Er sieht in einem Medium zunächst ein Kommunikationsmittel.[12] Der Schwachpunkt dieser Betrachtungsweise besteht darin, dass mehr oder weniger alles, was der Kommunikation dient, ein Medium sein kann. Man kann beispielsweise vereinbaren, dass man eine bestimmte Mitteilung durch eine Blume im Knopfloch mitteilt. In diesem Fall ist die Blume ein Medium.

Beth und Pross verweisen darauf, dass die Verfügbarkeit bestimmter Medien auch das kommunikative Verhalten ändert. Es entstehen neue Zwecke und Bedürfnisse der Kommunikation.[13] So erzeugt das Handy (bei einzelnen Nutzern) eine Vielzahl von Kommunikationsbedürfnissen: Mitteilung über den aktuellen Standort, Nachfragen und Erinnern in alltäglichen Situationen, in denen dies ohne ein Handy mitunter gar nicht vorgenommen bzw. als einer Handlung bedürftig erachtet werden würde. Folgende Situation ist hier beispielhaft: Der Zug verspätet sich und der Abholende und entsprechend möglicherweise Wartende wird umgehend per Handy informiert.

Aus einer mediendidaktischen Perspektive ist Pross‘ Klassifikation der Medien in primäre, sekundäre und tertiäre Medien hilfreich für die Analyse der sehr vielfältigen Kommunikationsbeziehungen, weil er den materialen Modus eines Mediums in den Blick nimmt.[14] Primären Medien ist gemeinsam, dass kein Gerät zwischen den Sender und den Empfänger geschaltet ist. So sind Mimik, Gestik oder auch das Theater[15] primäre Medien. Unter sekundären Medien versteht Pross die Medien, die auf der Seite der Produktion ein Gerät erfordern, aber nicht auf der Seite der Rezeption. In diese Rubrik fallen Bild, Schrift, Druck, Buch oder Zeitung. Die tertiären Medien verlangen auf beiden Seiten der Kommunikation Geräte, wie z. B. das Smartphone oder das Fernsehen.

Im Unterricht können mit dieser Klassifikation Kommunikationsabläufe zerlegt und veranschaulicht werden. Das Fernsehen ist z. B. als tertiäres Medium durch zahlreiche sekundäre Medien (wie Skripte, Bilder) und primäre Medien (wie Sprache und Mimik) geprägt.

Die zu Beginn des Kapitels angekündigte und bisher schuldig gebliebene Definition eines Mediums kann nun als Fazit nach der Reflexion über Medien wie folgt lauten: Medien beeinflussen das Denken und Handeln der Menschen und formen Kommunikationsprozesse (McLuhan). Eine Medientypologie wie die von Pross erklärt zwar nicht das Medium selbst, hilft aber, eine Übersicht über mögliche Medien zu erhalten.

Diese Annäherung an eine mögliche Definition des Mediums ist für mediendidaktische Überlegungen vor dem Hintergrund einer Erziehung zur Medienkompetenz durchaus sinnvoll.

2. Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen

Bei der Mediennutzung und dem damit verbundenen Konfliktpotenzial muss man zwischen Kindern und Jugendlichen unterscheiden, wobei der Fokus der Arbeit auf der Mediennutzung von Jugendlichen liegt.

Die zunehmende Komplexität der Lebenswelt von Jugendlichen legt die Vermutung nahe, dass diese ihre Bedürfnisse stärker durch den Zugriff auf Medien, speziell auf den Computer und das Internet, zu befriedigen suchen. Jugendliche unterliegen einer generellen Statusunsicherheit durch die Ablösung vom Elternhaus. Sie suchen Orientierung durch den Pluralismus der Werte angesichts der sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft. Sie sind ungewiss hinsichtlich ihrer beruflichen Perspektive und sie sehen sich einer immer stärkeren Konkurrenz durch die modernen Lebensbedingungen ausgesetzt.[16] Insofern wird Medienkompetenz vor allem ab der Sekundarstufe I ein immer wichtigerer Gegenstand im Unterricht, unabhängig vom jeweiligen Fach, was jedoch nicht heißen soll, dass der Umgang mit Medien im Grundschulbereich zu vernachlässigen ist. Mit der zunehmenden Selbstständigkeit der Schüler sollen sie befähigt werden, eigenverantwortlich mit Medien umzugehen.

Soziale, kulturelle und ökonomische Faktoren beeinflussen von der Geburt an die Lebenswelt[17] heranwachsender Kinder und Jugendlicher und folglich auch ihren Umgang mit Medien. Es spielt daher in der Regel eine fundamentale Rolle, ob Heranwachsende in einem bildungsorientierten oder bildungsfernen Elternhaus aufwachsen, ob sie in finanziell gut gestellten oder materiell prekären Verhältnissen aufwachsen, ob sie in der Großstadt oder auf dem Dorf leben, ob in einer traditionellen Kleinfamilie oder einer größeren Patchworkfamilie.

Die Mediennutzung der Eltern ist ebenfalls ausschlaggebend. Wird eine dogmatische Fernsehabstinenz oder ein exzessiver Fernsehkonsum betrieben? Welche Funktionen übernehmen die Medien im Elternhaus? Soll das Kind fernsehen, damit es ruhig gestellt ist oder werden gezielt Neigungen gefördert? Findet ein regelmäßiges Vorlesen statt? Welche Medien existieren im Haushalt? Ist in jedem Raum ein Fernseher? Gibt es Bücher und wenn ja, in welcher Zahl?[18]

Das zeitgenössische Leitmedium ist nicht mehr das Buch, wie noch vor einigen Jahrzehnten, sondern besteht aus audiovisuellen Angeboten. Unter einem Leitmedium versteht man das Medium, das den größten Einfluss hat auf die Rezeptionserwartungen, die Rezeptionsgewohnheiten und die Vorlieben der Nutzer. Beispielsweise lässt sich bei der aktuellen Internetnutzung beobachten, dass frühere textuelle Darstellungen zunehmend von audiovisuellen Präsentationen abgelöst werden. Die Medienformate sind somit beständig im Wandel, was, wie später noch zu zeigen sein wird, nachhaltige Anforderungen an die Medienkompetenz stellt. In den vergangenen Jahren konnte man Nachrichten im Internet lesen, heute sieht man die Nachrichten als gesprochene und bebilderte Kurzfilme, teils als originale oder gekürzte ursprüngliche Fernsehsendung, teils extra für das Internet erstellt.

Die Mediennutzung Heranwachsender ist individualisiert und differenziert. Es lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen. In der Regel lesen Mädchen mehr als Jungen, die sich wiederum stärker den audiovisuellen Medien zuwenden. Kinder und Jugendliche zeigen eine hohe Aufgeschlossenheit und Innovationsfreude gegenüber den neuen Medien. Der Umgang mit einem Medium ist in der Grundschule ein anderer als im Gymnasium. Über die Nutzung von bestimmten Medien und Medienformaten können Jugendliche eine Gruppenzugehörigkeit artikulieren und sich von den Erwachsenen abgrenzen.

Bei Grundschülern steht häufig der rein spielerische Aspekt im Vordergrund.

Folglich werden Medien selektiv genutzt und dienen unter anderem der sozialen Identitätssicherung.[19] Älteren Schülern dienen Medien dann eher der Informationsbeschaffung und als Kommunikationsmittel.

Es ist mit Sicherheit nicht übertrieben, wenn man feststellt, dass die Kinder und Jugendlichen heute in einer noch nie dagewesenen Vielfalt an Medienangeboten und unterschiedlichen Mediengeräten aufwachsen. Es ist nicht mehr so, dass die Medien später separat hinzukommen, sondern sie wachsen in diese mediale Lebenswelt hinein. Das wird ersichtlich, wenn man Kleinkinder beobachtet, die ganz selbstverständlich ein Smartphone in die Hand nehmen und über das Display „wischen“. Gleichermaßen verfahren sie mit einem Mobiltelefon, bei dem jedoch noch die Tastatur bedient werden muss und das noch nicht über einen Touchscreen verfügt. Da das Smartphone das simple Handy schon quasi abgelöst hat, und die Bedienung vieler Medien direkt über den Bildschirm funktioniert, ist das eine kulturelle Praxis, die Kleinkinder häufig beobachten und sofort nachahmen, ganz gleich, auf welche Geräte sie Zugriff haben, solange sich diese irgendwie ähneln.

Es gibt in dem Sinne auch keine Medienrealität. Es gibt eine Medienpraxis, in der das Leben an sich und die Realität nicht voneinander trennbar sind. Die Nutzung von Medien deckt nämlich die gesamte Lebensrealität ab. Die Funktionen reichen von der Bewältigung alltäglicher Situationen bis zur Fundierung der eigenen Individualität.[20]

3. Medienkompetenz als Erziehungsziel

Erzieherische Akte können und müssen im Hinblick auf Medien erfolgen, denn Medien sind per se keine pädagogischen Einrichtungen. Das heißt, Medien transportieren nicht durch sich selbst erwünschte pädagogische Resultate, es sei denn, es handelt sich um konkrete Lern- oder Bildungsmedien. Im Umgang mit Medien ist daher von Medienkompetenz als dem wichtigsten Schlagwort die Rede.

Der Kompetenzbegriff ist in der Erziehungswissenschaft allgegenwärtig und hat den Qualifikationsbegriff längst abgelöst. Man spricht von Lesekompetenz, Sozialkompetenz, Kommunikationskompetenz etc. Den Hintergrund für diese Begriffswahl stellt der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte dar, der der Auffassung ist, dass ein junger Mensch befähigt werden müsse, sich in den ganz unterschiedlichen Lebenslagen zurechtzufinden. Man spricht auch von der „Individualisierung der Lebenslagen“,[21] denn heute gibt es keine objektiven Voraussagen darüber, wie sich der Lebensweg eines Schülers gestalten wird. Einmal erworbene Qualifikationen verfügen über eine geringe Halbwertzeit, sodass der Schüler die Fähigkeit des Lernens erwerben muss und nicht eine konkrete Qualifikation. Mit dieser Fähigkeit des selbstständigen Wissenserwerbs wird dann auch der Begriff der Kompetenz virulent. In einer dysfunktionalen, dem schnellen technologischen Fortschritt unterworfenen Gesellschaft ändern sich auch die Anforderungen an jeden Menschen in immer kürzeren Zeitspannen. Um junge Menschen adäquat auf das Leben vorzubereiten, ist es notwendig, eine Lernkultur zu implementieren, die selbstorganisiertes Handeln fördert, Anpassungsleistungen einfordert sowie Aktivität und Durchsetzungswillen betont. Die Frage nach dem Sinn und der Neuartigkeit – besser dem Besonderen – der Medienkompetenz darf dabei nicht aus dem Blick geraten, selbst wenn heutzutage schon sehr selbstverständlich von Medienkompetenz gesprochen wird.

[...]


[1] Vgl. Postman: Wir amüsieren uns zu Tode, 1985.

[2] Arnold/Gómez: Grundlinien einer Ermöglichungsdidaktik, 2007, S. 96.

[3] Vgl. Tulodziecki / Herzig: Computer & Internet im Unterricht. Medienpädagogische Grundlagen und Beispiele, 2002, S. 33.

[4] Vgl. Wagner/Kleinberger Günther: Was ist neu an den Kompetenzen für neue Medien? 2004, S. 4f.

[5] Der Begriff „Schüler“ umfasst in dieser Arbeit die Schüler und Schülerinnen gleichermaßen.

[6] Duden: Medium. [Online] URL: http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Medien [26.03.2015].

[7] Vgl. Frederking/Krommer/Maiwald: Mediendidaktik Deutsch, 2008, S. 12f.

[8] Vgl. Shannon/Weaver: The Mathematical Theory of Communication, 1949, S. 31ff.

[9] Vgl. McLuhan: Die magischen Kanäle. Understanding Media, 1995, S. 21.

[10] Vgl. McLuhan: Die magischen Kanäle. Understanding Media, 1995, S. 21, S. 406.

[11] Krämer: Das Medium als Spur und Apparat, 2000, S. 74.

[12] Vgl. Beth/Pross: Einführung in die Kommunikationswissenschaft, 1976, S. 109ff.

[13] Vgl. Beth/Pross: Einführung in die Kommunikationswissenschaft, 1976, S. 110.

[14] Vgl. Beth/Pross: Einführung in die Kommunikationswissenschaft, 1976, S. 117.

[15] Hier lässt sich natürlich hinterfragen, inwiefern das Theater nicht als Ort für eine bestimmte Kommunika- tion auch einen Kanal und damit ein sekundäres Medium darstellen kann.

[16] Vgl. Tulodziecki/Herzig: Computer & Internet im Unterricht. Medienpädagogische Grundlagen und Bei- spiele, 2002, S. 32.

[17] In der Definition des Begriffs der Lebenswelt wird auf den Medienpädagogen Franz-Josef Röll zurückge- griffen. Er definiert Lebenswelt als „kulturell gestaltete, gesellschaftlich konstituierte, symbolisch gedeu- tete Wirklichkeit, die Verhaltensweisen, Lebensstile und Leitvorstellungen und damit dem jeweiligen sub- jektiven Selbstverständnis Form verleiht“ (Röll: Mythen und Symbole in populären Medien. Der wahr- nehmungsorientierte Ansatz in der Medienpädagogik 1998, S. 301).

[18] Vgl. Frederking/Krommer/Maiwald: Mediendidaktik Deutsch, 2008, S. 64f.

[19] Vgl. Frederking/Krommer/Maiwald: Mediendidaktik Deutsch, 2008, S. 66. Im nächsten Kapitel wird der Zusammenhang von Altersdifferenzierung und Mediennutzung als Gegenstand der Medienpädagogik noch deutlicher.

[20] Vgl. Kerlen: Jugend und Medien in Deutschland, 2005, S. 33.

[21] Moser: Die Medienkompetenz und die ‚neue‘ erziehungswissenschaftliche Kompetenzdiskussion, 2010, S. 60.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Medienkompetenz und Medienerziehung. Vom bewussten Umgang mit mediendidaktischen Konzepten im Unterricht
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
32
Katalognummer
V317752
ISBN (eBook)
9783668168664
ISBN (Buch)
9783668168671
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medienkompetenz, medienerziehung, umgang, konzepten, unterricht
Arbeit zitieren
Marie Bolderer (Autor), 2015, Medienkompetenz und Medienerziehung. Vom bewussten Umgang mit mediendidaktischen Konzepten im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317752

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