HIV und Soziale Arbeit. Möglichkeiten der HIV/AIDS-Prävention im Schulalter


Bachelorarbeit, 2015
51 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 HIV/AIDS : Theoretische Grundlagen
2.1. HIV und AIDS aus medizinischer Sicht
2.1.1 Übertragungswege des HI-Virus
2.1.2 Krankheitsverlauf
2.1.3 HIV–Tests
2.1.4 Die antiretrovirale Therapie (ART)
2.1.5 Epidemiologische Daten - Weltweite Situation
2.1.6 Epidemiologische Daten - Situation in Deutschland
2.2 HIV/AIDS und die Soziale Arbeit
2.2.1 Herausforderungen der AIDS-Arbeit
2.2.2 Aufträge der AIDS-Arbeit
2.3 Sexualpädagogische AIDS-Prävention im Schulalter
2.3.1 Präventionsbegriff und Präventionsarten
2.3.2 Prävention von HIV und AIDS
2.3.3 Sexualpädagogische Prävention als Aufgabe der Schule
2.3.3.1 Exkurs: Sexualverhalten Jugendlicher in Zeiten von HIV und AIDS
2.3.4 Jugendliche als Zielgruppe HIV/AIDS–präventiver Angebote

3 Zwischenfazit/ Vorstellung der These

4 Empirische Untersuchung
4.1 Methodische Vorgehensweise
4.1.1 Literaturrecherche
4.1.2 Strukturiertes Leitfadeninterview am Beispiel des Experteninterviews
4.1.3 Grenzen und Möglichkeiten qualitativer Interviews
4.1.4 Aufbau und Inhalt des Interviewleitfadens
4.1.5 Auswahl der Interviewpartner
4.1.6 Auswertungsverfahren
4.2 Darstellung und Analyse des erhobenen Materials

5 Diskussion

6 Fazit / Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Anhang: Interviewleitfaden

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Kaum eine Erkrankung hat seit ihrer Entdeckung so viel Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erhalten wie AIDS. Nichtsdestotrotz erscheint es nach wie vor so, dass über die Medien hinaus, ungern über die Krankheit gesprochen wird. Ein Grund dafür könnte zum Einem sein, dass AIDS häufig in gesellschaftlich tabuisierten Bereichen übertragen wird. Dies kann ungeschützten Geschlechtsverkehr oder intravenösen Drogenkonsum betreffen. Oft werden auch Menschen, die sogenannten Randgruppen angehören mit AIDS in Verbindung gebracht. Beispiele dafür stellen Prostituierte, Drogenabhängige oder Homosexuelle dar. Zum Anderem gibt es nach wie vor kein wirksames Heilmittel gegen die Krankheit, was zur Folge hat, dass der Verlauf immer tödlich endet. Demnach haben HIV und AIDS viel mit den Themen Sterben und Tod zu tun. Auch hierüber wird in der Gesellschaft nur äußerst ungern gesprochen. Nicht selten geht diese Tabuisierung auf Grund von Ängsten und Unwissenheit mit Ausgrenzung und Stigmatisierung Betroffener einher, die neben den gesundheitlichen Folgen im besonderen Maße mit psychischen und sozialen Folgen zu kämpfen haben. Obwohl Deutschland im internationalen Vergleich im Hinblick auf die Epidemiologie relativ günstig dar steht kommt es auch hier zu Lande jedes Jahr zu Neuinfizierungen. Gerade auf Grund des bis heute nicht existierenden Heilmittels gegen die Krankheit scheint Prävention der einzig wirksame Schutz vor einer Infizierung zu sein.

Jugendliche befinden sich in einer Phase in der die ersten sexuellen Erfahrungen gemacht werden. Verhaltenweisen sind häufig noch nicht ausreichend gefestigt, sondern müssen erst erlernt werden. Dies kann dazu führen, dass es zu riskantem, unbedachtem Verhalten kommt. Ungeschützter Geschlechtsverkehr könnte ein Beispiel für ein solch riskantes Verhalten sein. Es könnte daher äußerst sinnvoll sein bereits im Schulalter durch die Soziale Arbeit HIV/ AIDS- präventive Maßnahmen anzubieten, um vor Neuinfizierungen zu schützen und um Ängste und Vorurteile abzubauen. Die Autorin der vorliegenden Arbeit möchte dies mit Hilfe von leitfadengestützten Experteninterviews untersuchen. Darüber hinaus sollen grundlegende Aspekte der Krankheit aufgezeigt werden, eine Verbindung zu der Rolle der Sozialen Arbeit hergestellt werden und ein theoretischer Überblick über HIV/AIDS- Prävention im Schulalter gegeben werden.

2 HIV/AIDS : Theoretische Grundlagen

2.1. HIV und AIDS aus medizinischer Sicht

HIV ist die Abkürzung für den englischen Begriff „ Human Immunodeficiency Virus “ (englisch für „Humanes Immunschwäche Virus“). AIDS dagegen steht für „ Acquired Immune Deficiency Syndrome “ (englisch für „erworbenes Immundefektsyndrom“) und bezeichnet eine Krankheit des Immunsystems, die wiederum durch das HI- Virus ausgelöst wird. Das Virus, das zu der Familie der Retroviren gehört, wurde erstmals im Jahr 1981 bei einem Menschen als solches identifiziert. Die Krankheit hat sich anschließend weltweit verbreitet und ist zur Pandemie geworden (vgl. Suttorp 2003, S. 508, f.). Die Lage hinsichtlich der Epidemiologie von HIV und AIDS stellt sich in Deutschland als relativ günstig dar, wogegen gerade Länder des subsaharischen Afrikas stark betroffen sind (vgl. 2.1.5 Epidemiologische Daten).

Wie bereits beschrieben, stellt AIDS eine Immunschwächekrankheit dar. Das HI- Virus befällt zunächst die menschlichen Immunzellen, die T4-Helferzellen. Daraufhin verändert es deren Erbinformation (DNS), vermehrt sich in ihnen und zerstört sie schließlich. Die zerstörten T4-Helferzellen können ihrer Aufgabe, den Körper vor Krankheitserregern zu schützen, nicht mehr nachkommen, was zur Folge hat, dass das menschliche Abwehrsystem geschwächt wird. Obwohl das Immunsystem Antikörper entwickelt, kann es den HI-Virus nicht mehr aus dem Körper entfernen. Die Infektion bleibt somit bestehen und die Zahl und Funktionsfähigkeit der T4-Helferzellen nimmt im Laufe der Zeit immer mehr ab. Es existiert nach wie vor kein Heilmittel gegen AIDS, was zur Folge hat, dass die Krankheit immer tödlich endet.

2.1.1 Übertragungswege des HI-Virus

Das HI-Virus kann durch ungeschützten oralen, vaginalen und analen Geschlechtsverkehr, der Gabe von Blut oder Blutderivaten, Transplantationen infizierter Organe, durch eine Schwangerschaft oder über das Stillen des Kindes und durch den Gebrauch von kontaminierten Nadeln und Spritzen, sowie durch Nadelstichverletzungen, offene Hautwunden und Schleimhautkontakte übertragen werden (vgl. HIV – Arbeitskreis Südwest 2003, S.6). Das HI-Virus liegt somit in Sekreten der rektalen Schleimhaut, Blut, Sperma, Scheidenflüssigkeit, Eiter und Muttermilch von Infizierten vor. Im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung des HI-Virus spielen einige Faktoren eine wichtige Rolle. Darunter fallen beispielsweise die Menge und die Dauer des Kontaktes mit der infektiösen Körperflüssigkeit, der Zustand des Immunsystems und die Art und Größe der Eintrittspforte. Als Eintrittspforte gelten offene Wunden, beziehungsweise frische Verletzungen oder eitrige Wunden im Bereich der Haut, sowie der Schleimhäute. Allerdings kann das Virus durch Schleimhäute von Darm, Scheide, Muttermund und dem vorderen Teil der männlichen Harnröhre auch ohne das Vorhandensein von Verletzungen übertragen werden. Das Risiko einer Infektion wird um ein vielfaches erhöht, wenn gleichzeitig eine weitere sexuell übertragbare Krankheit vorliegt. Die genaue Infektiosität der Körperflüssigkeit ist sehr variabel und feststellbar durch die Viruslast (vgl. Schmidt 2009, S. 15). Wie hoch das tatsächliche Risiko ist, sich mit HIV zu infizieren, hängt demnach im hohem Maße von der Viruslast der infektiösen Körperflüssigkeit ab. Die Viruslast beschreibt die Virusmenge im Blut. Diese ist bei einer akuten HIV Infektion sehr hoch, bildet sich darauf folgend zurück und steigt bei zunehmender Immunschwäche des Erkrankten wieder an. Eine hohe Viruslast erhöht ebenfalls das Risiko einer Infektion (vgl. Dressler 2008, S. 155). Das höchste Risiko stellt in Mitteleuropa der sexuelle Kontakt ohne Kondom mit einem HIV–positiven Menschen dar. Rund 80 Prozent aller HIV-Infektionen werden so übertragen. Ungeschützter Analverkehr, bei dem häufig kleine Risse an der Schleimhaut auftreten, begünstigt eine Ansteckung am ehesten. Das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, ist für die empfangende Person sowohl beim vaginalen als auch beim analen Geschlechtsverkehr höher als für die eindringende Person. Ein ebenfalls hohes Risiko birgt das gemeinsame Benutzen von Injektionsnadeln beim intravenösen Drogenmissbrauch. Ein eher mittleres bis geringes Risiko geht vom ungeschützten Oralverkehr aus. Ein Risiko besteht grundsätzlich nur, wenn Samenflüssigkeit oder Menstruationsblut in den Mund gelangt. Die Übertragungsrate des HI-Virus durch eine infizierte Mutter an ihr ungeborenes Kind ist während der Schwangerschaft, der Geburt und während des Stillens gegeben, kann jedoch durch die Gabe antiretroviraler Medikamente sowohl an die Mutter als auch an das Kind nach der Geburt erheblich gesenkt werden. Die ursprünglich geschätzte Übertragungsrate von 20 bis 40 Prozent kann so auf unter 2 Prozent gesenkt werden. Durch die Routineüberwachung der Blutspende in Deutschland, die seit 1985 Pflicht ist, geht von einer Infektion durch Bluttransfusionen, Organtransplantationen und Blutmedikamenten nur noch ein sehr geringes Restrisiko von circa eins zu drei Millionen aus (vgl. Schmidt 2009, S. 16). HIV kann unter anderem nicht durch nichtsexuelle Sozial- und Körperkontakte, die gemeinsame Benutzung von Geschirr oder Bettwäsche, durch eine Tröpfcheninfektion oder durch Insektenstiche übertragen werden (Vgl. HIV – Arbeitskreis Südwest 2003, S.6). Die einzigen Übertragungswege sind die oben beschriebenen. Schutz bietet in erster Linie natürlich das Tragen eines Kondoms und die Benutzung steriler Spritzen. Ebenfalls wird davon ausgegangen, dass beschnittene Männer beim Vaginalverkehr mit einer HIV- infizierten Frau ein um circa 60 Prozent geringeres Risiko haben (vgl. Schmidt 2009, S. 16).

2.1.2 Krankheitsverlauf

Der Krankheitsverlauf einer unbehandelten HIV- Infektion verläuft bei jedem Infizierten verschieden. Die Infektion kann auf Grund fehlender Symptome jahrelang unerkannt bleiben. Der Krankheitsverlauf einer HIV/AIDS-Erkrankung wird in verschiedene Phasen eingeteilt, die mit der akuten HIV-Infektion beginnt. Zwischen den verschiedenen Phasen liegen oft lange Zeiten ohne körperliche Beschwerden (vgl. Deutsche AIDS- Hilfe e.V.: hiv – infektion und therapie 2012, S. 26).

Die akute HIV-Infektion beschreibt eine mehrere Tage bis wenige Wochen nach einer Infektion mit HIV während der Ausbildung einer Immunantwort auftretende, vorübergehende Symptomatik. Es findet eine starke Virusvermehrung statt (vgl. Dressler 2008, S. 4). In der Mehrzahl der Fälle treten in etwa zwei bis drei Wochen nach der Infektion Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Unwohlsein, Appetitlosigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen, Nachtschweiß, Mandel- und Lymphknotenschwellungen, Hautausschlag, Durchfall, Muskelschmerzen, schmerzhafte Schluckbeschwerden oder Geschwüre im Mund auf. Diese grippeähnliche Symptomatik hält in der Regel circa sieben bis zehn Tage an und klingt von alleine wieder ab. Das Virus wird in dieser Phase vom Immunsystem als Eindringling erkannt. Körpereigene Abwehrzellen werden ihm entgegengesetzt und es werden Antikörper produziert. Diese sind nach Ansteckung spätestens 12 Wochen später mit Hilfe eines HIV- Antikörpertests zu erkennen. Das Immunsystem erleidet bereits in dieser Phase einen weitgehend irreparabeln Schaden.

In der zweiten Phase, der sogenannten Latenzphase, treten kaum Symptome auf. Das Immunsystem und weitere Organe werden jedoch weiterhin geschädigt. Begleiterscheinungen sind vor allem psychischer Natur. Die dritte Phase beschreibt die symptomatische HIV-Infektion. Die Symptome gestalten sich zunächst unspezifisch. Beispiele sind Veränderungen an Haut und Schleimhäuten, Magen- Darm- Beschwerden, Nachtschweiß, Fieber oder eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, die längere Zeit brauchen um auszuheilen, als bei nicht HIV- Infizierten (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e.V.: hiv – infektion und therapie 2012, S. 28). Der Immundefekt AIDS tritt nach dem endgültigen Zusammenbruch des Immunsystems auf. Das Immunsystem kann sich nun nicht mehr gegen Erreger wie Viren, Bakterien oder Pilze wehren, die für gesunde Menschen normalerweise keine große Gefahr darstellen. Das Vollbild einer AIDS-Erkrankung beinhaltet einen HIV-bedingten Gewichtsverlust von mehr als 10 Prozent des Ausgangsgewicht verbunden mit chronischem Durchfall, Schwäche, Fieber, schweren Infektionskrankheiten und bestimmten bösartigen Tumoren. Es treten aidsdefinierende Krankheiten, sogenannte opportunistische Infektionen, auf. Beispiele dafür sind die Pneumocystis-Pneunomie, eine besondere Form der Lungenentzündung, Tuberkulose, schwere, anhaltende Herpes-Infektionen und Krebserkrankungen wie das Kaposi-Sarkom, einem sehr seltenen normalerweise meist gutartigem Hautkrebs oder maligne Lymphome (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e.V.: hiv – infektion und therapie 2012, S. 33 f. ) Das Tödliche an einer HIV-Infektion sind letztendlich die Folgen der Immunschwäche und die sich herausbildenen opportunistischen Erkrankungen (vgl. Schmidt, 2009 S. 14).

2.1.3 HIV–Tests

Es gibt prinzipiell zwei Wege eine HIV- Infizierung zu diagnostizieren: den direkten Virusnachweis und den Antikörpernachweis. Ein direkter Virusnachweis kann beispielsweise durch einen Antigentest erfolgen (Vgl. HIV- Arbeitskreis Südwest 2003, S. 15). Dieser findet jedoch in der Praxis kaum Anwendung, da er sehr kostenintensiv ist und im Vergleich zum Antikörpertest auch nicht als sicherer gilt. Mit Hilfe eines Antikörpertests wird geprüft, ob der Körper Abwehrstoffe gegen das Virus produziert hat. Demnach wird also nicht das Virus selbst nachgewiesen, sondern lediglich gebildete Antikörper. Diese Antikörper treten gewöhnlich innerhalb von zwölf Wochen nach einer Infektion mit dem HI- Virus im Körper auf. Demzufolge kann auch erst nach drei Monaten durch eine Blutprobe ermittelt werden, ob eine Übertragung des Virus nach einer möglichen Infektion überhaupt stattgefunden hat. Ein positives Testergebnis bedeutet das Antikörper nachgewiesen wurden sind, ein negatives Testergebnis dagegen, dass keine Abwehrstoffe im Blut vorhanden sind. Wurde bei der Durchführung des ersten Tests, dem sogenannten Suchtest, ein positives Ergebnis angezeigt, kommt ein zweiter Test, der Bestätigungstest, zum Einsatz. Der ELISA – Test (enzyme-linked Immunosorbent Assay) wird in Deutschland als Suchtest verwendet und der Western – Blot - Test als Bestätigungstest (Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe 2005, S. 27. Da der kostengünstigere ELISA- Test hochsensibel ist und auf Grund dessen des Öfteren falsch-positive Ergebnisse ermittelt ist die Durchführung eines Bestätigungstests unumgänglich. Ermittelt der Bestätigungstest ebenfalls HIV- Antikörper im Blut, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass das Virus tatsächlich übertragen wurde. Es besteht die Möglichkeit einen HIV- Antikörpertest anonym in den meisten Gesundheitsämtern durchführen zu lassen. Ist hingegen eine kompetentere und umfangreichere Beratung gewünscht, sollte man den Test durch einen niedergelassenen Arzt durchführen lassen (Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe 2005, S. 20).

2.1.4 Die antiretrovirale Therapie (ART)

In Deutschland befinden sich nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts 54000 HIV-Infizierte unter antiretroviraler Therapie (Stand: Ende 2013) (vgl. Robert Koch Institut, HIV/AIDS in Deutschland, 2013) Es stehen heutzutage mehr als 20 antiretrovirale Substanzen zur Verfügung, die die Vermehrung von HIV unterdrücken (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe: hiv – infektion und therapie, 2012 S. 51). In Deutschland ermöglicht das gesetzliche Krankenversicherungssystem seit 1995/1996 allen HIV-Infizierten die nötige Behandlung, die zu einer erheblichen Lebenszeitverlängerung führt und bei gut funktionierendem Verlauf nur wenige Einschränkungen mitsichbringt. Eine lebenslange Einnahme antiretroviraler Substanzen ist nach wie vor notwendig (vgl. Schmidt 2009, S. 17-18). Die Behandlung Betroffener erfolgt durch eine antiretrovirale Kombinationstherapie. Antiretrovirale (i.e.S. gegen HIV gerichtete) Behandlungen erfordern die tägliche Einnahme mehrerer, meist drei, virostatischer (bezeichnet die Eigenschaften von Substanzen oder Arzneimittel, die Vermehrung von Viren zu hemmen) Arzneimittel, die unterschiedliche Wirkmechanismen oder Angriffsorte haben und die Virusvermehrung hemmen (vgl. Dressler, 2008 S. 154). Die Medikamente richten sich gegen den Virus selbst und dienen einer Verlängerung der symptomfreien Zeit vor AIDS, indem sie die Vermehrung des HI-Virus hemmen, das Fortschreiten der Infektion um Jahre bis Jahrzehnte herauszögern und das Auftreten und die Anzahl opportunistischer Infektionen senken. Bestenfalls kommt es zu einer möglichst vollständigen Unterdrückung der Virusreplikation, einer möglichst langen Verhinderung der Resistenzentwicklung und einer Verbesserung und Stabilisierung des Immunsystems. Darüber hinaus soll die Viruskonzentration im Blut auf unterhalb der Nachweisgrenze gesenkt werden (vgl. Schmidt 2009, S. 18). In der Regel werden durch die ART nur leichte Nebenwirkungen ausgelöst, jedoch leiden einige Betroffene auch unter erheblichen Störungen. Zu den Kurzzeitnebenwirkungen können beispielsweise Durchfall, Erbrechen, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen oder Hautausschläge gehören. Als Langzeitnebenwirkungen können unter anderem Lipoatrophie (Schwinden des Unterhautfettgewebes), Störungen des Zuckerstoffwechsels, Nieren- und Leberschädigungen, Verringerung der Knochendichte, Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf- System sowie des zentralen Nervensystems gehören (vgl. Deutsche AIDS- Hilfe: hiv – infektion und therapie 2012, S. 66).

2.1.5 Epidemiologische Daten - Weltweite Situation

Aids gehört trotz der medizinischen Fortschritte im Hinblick auf die Behandlungsmethoden nach wie vor zu einer der häufigsten Todesursachen weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte im Jahr 2013 eine Statistik zu den weltweit häufigsten Todesursachen aus dem Jahr 2012. Mit 1,5 Millionen verstorbener Menschen im Jahr 2012 ist Aids demnach die sechst häufigste Todesursache. Im Vergleich dazu lag die Zahl der Aids-Toten im Jahr 2000 bei 1,7 Millionen Menschen, was aufzeigt, dass es zwar einen Rückgang gibt, jedoch nur einen sehr langsamen (vgl. WHO: the top ten causes of death 2014). Eine globale Statistik der HIV/AIDS–Epidemie von UNAIDS besagt, dass es im Jahr 2013 35 Millionen an HIV erkrankte Personen gab, worunter 2,1 Millionen Neuinfektionen fielen. 12,9 Millionen Menschen befanden sich zu diesem Zeitpunkt in einer Therapie. Die Neuinfektionen sind im Vergleich zum Jahr 2001 laut UNAIDS um 33 Prozent gefallen. Insgesamt seien seit dem Beginn der Epidemie 36 Millionen Menschen an den Folgen von AIDS gestorben (vgl. UNAIDS: Global Fact Sheet 2013). Die höchsten Infektionsraten werden nach wie vor in vielen afrikanischen Ländern südlich der Sahara aufgewiesen, UNAIDS geht gar von 70 Prozent aller HIV-Neuinfektionen unter Erwachsenen in diesen Gebieten aus. Eine hohe Anzahl an HIV/AIDS-infizierten Personen leben darüber hinaus in Süd- und Südostasien, Lateinamerika, Osteuropa und Zentralasien (vgl. UNAIDS: Global Report 2013).

2.1.6 Epidemiologische Daten - Situation in Deutschland

Die Situation in Deutschland hinsichtlich der Epidemiologie von AIDS/HIV stellt sich im Vergleich zu der europäischen und internationalen Lage relativ günstig dar (vgl. Schmidt 2009, S. 19).

Das Robert Koch–Institut gab an, dass Ende 2013 schätzungsweise 80000 Menschen in Deutschland mit einer HIV/AIDS-Erkrankung lebten. Davon waren im Schnitt 65000 der Personen männlichen und circa 15000 Personen weiblichen Geschlechtes. Die Anzahl der Kinder wird auf 200 geschätzt. Die Verteilung nach Infektionsrisiko gestaltet sich wie folgt: Ungefähr 53000 der Erkrankten fallen unter Männer, die sexuelle Kontakte mit Männern haben. Circa 18000 Personen gehörten zu den geschätzten 80000 Erkrankten, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert hatten, wovon sich nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts 10000 Personen in Deutschland infiziert hatten. Die Zahl der intravenösen Drogengebraucher/innen wird mit etwa 7800 angegeben. Darüber hinaus gab es Ende 2013 rund 450 Hämophile und Bluttransfusionsempfänger sowie 420 Erkrankte durch Mutter-Kind-Transmission. Die geschätzte Zahl der Menschen mit nicht-diagnostizierter HIV-Erkrankung lag bei 14000. Unter den circa 80000 deutschlandweit Infizierten befanden sich im Jahr 2013 schätzungsweise 54000 Personen unter antiretroviraler Therapie. Die Gesamtzahl der in Deutschland vermerkten Todesfälle bei HIV-Infizierten seit dem Ausbruch der Epidemie wird mit 28000 angegeben (vgl. Robert Koch-Institut: HIV/AIDS in Deutschland – Eckdaten der Schätzung 2013).

2.2 HIV/AIDS und die Soziale Arbeit

Die Krankheit AIDS/ HIV erzielte seit ihrem Bekanntwerden in den 1980er Jahren großes öffentliches Interesse. Dieses allgemeine gesellschaftliche Interesse ist auch heutzutage, wenn auch im kleinerem Rahmen, nach wie vor vorhanden und AIDS/ HIV Gegenstand von Präventionsmaßnahmen und Programmen (vgl. Schmidt 2009, S.84). Die Krankheit ist ein vielschichtiges Phänomen und wirft deshalb Problemlagen in unterschiedlichen sozialen Systemen auf. Dies beinhaltet „ Fragen der rechtlichen, ökonomischen, wissenschaftlichen, medialen, schulisch-erzieherischen etc. Reaktionsbildung“ (vgl. Dür; Pelikan 1998, S.154 f.). Die Soziale Arbeit als Profession hat dabei unter anderem die Aufgaben, mit Präventionsarbeit Neuinfektionen entgegen zu wirken und Folgeschäden einer Infektion, wie beispielsweise Diskriminierung und Ausgrenzung, zu verhindern und zu reduzieren. Darüber hinaus soll sie AIDS auch weiterhin zum Thema und Gegenstand von Öffentlichkeit, Medien und Politik machen (vgl. Schmidt 2009, S. 85). Das folgende Kapitel versucht sich den Herausforderungen und dem Auftrag der Sozialen Arbeit hinsichtlich der Thematik AIDS/HIV zu nähern.

2.2.1 Herausforderungen der AIDS-Arbeit

Die Herausforderungen der AIDS-Arbeit haben sich seit Ausbruch der Krankheit in den 1980er Jahren gewandelt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Galt AIDS nach seinem Bekanntwerden noch vordergründig als „Homosexuellenkrankheit“, hat es die Soziale Arbeit heutzutage mit einer Klientenverschiebung zu tun. Das liegt in erster Linie daran, dass das Spektrum der Risikogruppen sich erweitert hat (vgl. Schmidt 2009, S. 85). Die Krankheit ist nun nicht mehr an eine bestimmte sexuelle Orientierung gebunden und darüber hinaus zählen immer mehr Migranten zum Kreis der Infizierten (vgl. Schütte 2005, S. 13–22). Auch der Wandel der öffentlichen Sichtweise über die Krankheit und die medizinischen Fortschritte führen zu einer Veränderung der Problemlagen der Erkrankten. Durch heutzutage verabreichte Medikamente hat sich die Lebenszeit der Betroffenen stark erhöht, was wiederum zur Folge hat, die gewonnene Lebensdauer trotz HIV/AIDS best möglich zu gestalten. Eine große Herausforderung stellt neben dem Umgang mit der Krankheit und den dazugehörigen Symptomen, dem Leben mit möglichen Nebenwirkungen der Medikamente, der Umgang der Bevölkerung mit der Thematik dar. Obwohl sich das öffentliche Bild im Blick auf die Krankheit im Laufe der Jahre zum Positiven gewandelt hat, ist AIDS nichtsdestotrotz in vielen Fällen stets mit Vorstellungen von unaufgeklärten Angst-Fiktionen verbunden. Oft lässt sich dies weder mit sachlicher Informiertheit noch mit begründeten Annahmen zu AIDS in Einklang bringen. Möglicherweise lässt sich das als Folge der abnehmenden Nutzung von Informationsquellen erklären. Auch das von den Medien verbreitete Bild der Krankheit in den 1980er Jahren, das im Kapitel " HIV/ AIDS in der Darstellung der Medien“ näher beschrieben wurde, kann nach wie vor dazu beitragen, dass negative Vorurteile nicht abgebaut werden (vgl. Schmidt, 2009 S.86). Laut Rosenbrock wird die AIDS-Arbeit darüber hinaus auch dadurch erschwert, dass viele verschiedene Akteure von und für Veränderungen zu überzeugen und zu motivieren sind. Ebenfalls ist fraglich, inwieweit einzelne Elemente, in diesem Fall Elemente der großen Aufklärungskampagne, die seit den 1980er Jahren in Deutschland betrieben wird, miteinander oder für sich wirken, da es an Qualitätssicherung und Evaluation fehlt. Warum das Interesse für die Krankheit in der Bevölkerung nachgelassen hat, lässt sich nicht begründen (vgl. Rosenbrock 2005, S. 2 f. ).

2.2.2 Aufträge der AIDS-Arbeit

Nach Schmidt lässt sich die AIDS-Arbeit als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit in drei übergeordnete Zielsetzungen und Hauptaufgaben differenzieren: Beratung und Betreuung, Prävention und Solidarität mit den Betroffenen. Im Rahmen der AIDS- Arbeit nimmt die Soziale Arbeit eine zentrale Rolle ein. Die AIDS- Arbeit entspricht demnach „ aufgrund ihrer vielschichtigen Aufträge für unterschiedliche Zielgruppen der Pluralität der Sozialen Arbeit.“ Darüber hinaus sei die Soziale Arbeit „ aufgrund der umfassenden Vorstellung von Gesundheit für den Aids-Bereich wichtig, weil sie die Qualitätssteigerung von Lebensweisen und Lebenslagen auf der Ebene des Alltags managen kann “ (vgl. Schmidt 2009, S. 90). Die Soziale Arbeit im Bereich der AIDS- Arbeit kann man sowohl als akzeptierende als auch lebensweltorientierte Arbeit verstehen. Unter akzeptierender Sozialen Arbeit kann man eine Arbeit verstehen, die auf verschiedene Lebensarten ausgerichtet ist und dabei Lebensweisen und Milieus berücksichtigt (vgl. Härtel; Reichart 2003, S.30). Die lebensweltorientierte Arbeit hat nach Thiersch und Grunwald das Ziel eines „gelingenderen Alltags“ und orientiert sich an den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen des Adressaten, sowie an den Grunddimensionen Zeit, Raum und sozialen Bezügen. Veranschaulicht wird dies demnach in den Struktur- und Handlungsmaximen. Diese konkretisieren sich in den allgemeinen Prinzipien der Prävention, Alltagsnähe, Integration, Partizipation und Regionalisierung beziehungsweise in der Vernetzung (vgl. Thiersch; Grunwald 2004, S.173). Im Rahmen der AIDS- Arbeit sollte sich die Soziale Arbeit an diesen Maximen orientieren. Dies könnte beispielsweise bedeuten, offene und speziale Hilfsangebote zu gestalten, die sich in der Lebenswelt der Klienten befinden und niedrigschwellig und gut zu erreichen sind. Um den Betroffenen Integration zu ermöglichen und ihnen in solidarischer Haltung gegenüber zu stehen, muss außerdem eine Lebenswelt geschaffen werden, in der Ausgrenzung nicht vorhanden ist und Unterschiede anerkannt werden. Damit Partizipation beziehungsweise Teilhabe für die Betroffenen gewährleistet wird, müssen Möglichkeiten, wie zum Beispiel ehrenamtliche oder multiplikatorische Tätigkeiten in der Aids-Arbeit geschaffen werden. Im Zuge dessen ist es Aufgabe der Sozialen Arbeit, sowohl Rahmen als auch Raum zu schaffen. Möglich ist dies unter anderem durch das Verfassen von Konzepten, welche die praktische Arbeit legitimieren, der „ Planung und Strukturierung von konkreten Maßnahmen im regionalen Kontext sowie die Schaffung eines Netzwerkes von Kooperations- und Koalitionspartnern “ (Schmidt 2009, S. 90 – 91).

Von Bedeutung ist hier die Unterstützung verschiedener Institutionen sowie eine gelungene Zusammenarbeit aller Akteure eines multiprofessionellen Kontextes. Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld der Sozialen Arbeit liegt darin, Aids auch weiterhin Präsenz in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Durch Öffentlichkeitsarbeit kann sowohl die Aufmerksamkeit von Politik und den Medien für die Thematik gewonnen werden als auch das Interesse der Bevölkerung gesteigert werden. Hierbei könnte es hilfreich sein, den Fokus noch stärker auf einen multimedialen Ansatz zu legen und „neue“ Medien wie das Internet mehr mit einzubeziehen. Um sicherzugehen, dass die Programme und Maßnahmen der Aids-Arbeit die gewünschten Zielgruppen in gleicher Weise erreichen, sollte es darüber hinaus Auftrag der Sozialen Arbeit sein, die Chancengleichheit stets zu überprüfen und zu evaluieren und gegebenenfalls Möglichkeiten zur Besserung finden. Dies gilt ebenfalls für die angewandten Konzepte, Methoden und Verfahren. Interventionen müssen laufend so verändert werden, dass sie mit der jeweiligen Situation des Betroffenen übereinstimmen. Die Aids-Arbeit findet in vielen verschiedenen Konfliktbereichen statt, dessen Betroffene in der Regel Opfer von Diskriminierung und Ausgrenzung sind. Beispiele dafür können Drogenabhängige, Prostituierte, Homosexuelle oder Häftlinge sein. Eine Beeinflussung der gesellschaftlichen und sozialen Strukturen dieser Zielgruppen wird von der Sozialen Arbeit erwartet. Diesbezüglich ist es daher wichtig, auch diese Lebensweisen und die damit verbundenen Probleme noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, um für Verständnis zu sorgen und Diskriminierung zu bekämpfen (vgl. Schmidt 2009, S. 90 f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
HIV und Soziale Arbeit. Möglichkeiten der HIV/AIDS-Prävention im Schulalter
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
51
Katalognummer
V319048
ISBN (eBook)
9783668207233
ISBN (Buch)
9783668207240
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aids, HIV
Arbeit zitieren
Juliane Butzlaff (Autor), 2015, HIV und Soziale Arbeit. Möglichkeiten der HIV/AIDS-Prävention im Schulalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319048

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: HIV und Soziale Arbeit. Möglichkeiten der HIV/AIDS-Prävention im Schulalter


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden