Platons Verständnis von Bildung versus abrufbares Wissen. Wie würde Platon PISA beurteilen?


Seminararbeit, 2012
19 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Platons Verständnis von Bildung versus abrufbares Wissen

2. Definitionen

3. Das Bildnis des Höhlengleichnisses
3.1. Die Beschreibung des Bildnisses
3.2. Die Interpretation des Bildnisses

4. Die PISA Studie
4.1. 'Die Darstellung der Studie
4.2. Die Hintergründe: was will PISA?

5. Der gebildete Mensch
5.1. Der gebildete Mensch bei Platon
5.2. Der gebildete Mensch nach heutigem Verständnis

6. Das Menschenbild einst und jetzt

7. Literaturverzeichnis

1. Platons Verständnis von Bildung versus abrufbares Wissen

Platons Auffassung von Bildung, seine Vorstellung von einem gebildeten Menschen wird im Höhlengleichnis deutlich. Was verstehen wir heute unter einem gebildeten Menschen? Gibt es heute eine globale Auffassung von Bildung, einem Wort, das ohnehin in der Form nur im deutschsprachigen Raum verwendet wird und wenn, wie definiert sich der Gebildete von heute? Lässt sich der Grad der Bildung messen? Lässt er sich anhand der PISA Studie messen oder ist PISA kein geeignetes Werkzeug dafür? Was misst PISA? - Bildung oder Wissen? Ist Wissen Bildung? Ist für Platon Wissen Bildung? All diese Fragen werfen die Forschungsfrage auf: Wie würde Platon das Programme for International Student Assessment beurteilen?

Das kann anhand bloßer Literaturrecherche nicht beantwortet werden. Offenbar gibt es dazu keinen Forschungsstand bzw. hat sich noch niemand die Frage gestellt, was Platon von PISA halten würde. Wohl unter anderem auch deshalb, weil der wissenschaftliche Bedarf danach nicht allzu groß ist. Dennoch scheint es eine interessante Fragestellung zu sein, und das Ergebnis könnte einiges über den Wandel des Menschenbildes einst und jetzt aussagen.

Würde Platon mit seinem Verständnis von Bildung heute noch unter uns weilen, was hielte er davon, Schüler durch einen internationalen Wissenstest zu prüfen, zu beurteilen und zu vergleichen bzw. die Ergebnisse auf die Bildungsinstitutionen der Staaten umzulegen? Ist es Platon je in den Sinn gekommen, Wissen zu vergleichen? Wie auch im Rahmen des Seminars diskutiert wurde, hat Platon einen Gebildeten nicht gleich gesetzt mit einem Wissenden, einem, der sich Wissen angelernt hat. Etwas zu vergleichen impliziert einen Wettbewerb.

Ist es relevant, viel zu wissen oder viel zu können? Welche Relevanz hat Wissen am Markt, geht es hier um die Ware Bildung statt um die wahre Bildung? Testet PISA also, welche Staaten ihren Schülern eine Bildung zukommen lassen, die letztendlich ökonomisch besser verwertbar ist?

Das Ziel des Themas ist es, durch Literaturanalyse und Prüfung mit Hilfe von hermeneutischen Aspekten nach Rittelmeyer und Parmentier, Gemeinsamkeiten und Divergenzen zwischen dem Menschenbild von vor über 2000 Jahren und heute zu finden. Nach dieser Einleitung und ein paar Definitionen wichtiger Grundbegriffe folgt das 3. Kapitel, in dem es um Platon geht. Das 4. Kapitel zeigt Fakten zu PISA auf. Beides wird schließlich im 5. Kapitel zu einander in Beziehung gesetzt und kommentiert. Das Fazit findet sich im 6. Kapitel gefolgt vom Literaturverzeichnis der verwendeten Quellen.

2. Definitionen

Bevor nun die Situation in der Höhle dargestellt wird, sollen ein paar Begriffe näher erläutert werden, da diese essentiell für das weitere Verständnis der Arbeit sind. Die Reihenfolge der Begriffe bedeutet keine Wertigkeit, sie sind alphabetisch gelistet. Die Erklärungen basieren in erster Linie auf Ruhloffs Interpretation des Höhlengleichnisses, wie er sie in den Vorlesungen zu den Konstitutionsproblemen der Bildungswissenschaft im Sommersemester 2011 erläutert hat.

Anamnesis1: Ähnlich wie heute in der Buddhistischen Lebensanschauung existiert bei Platon die Auffassung, dass die Seele nach und nach verschiedene Körper bewohnt und sich zwischen diesem Leben hier auf der Erde teils im Hades, teils in höheren Sphären aufhält. Während der Leben in Körpern und auch in der Unterwelt erlernt sie Dinge durch Lernen und durch Erlebtes. Im körperlosen Zustand hat sie die Möglichkeit, sich praktisch in der Welt des Wissens aufzuhalten. Bei der Anamnesis erinnert sich die Seele an alles Erlernte und an alle Eindrücke in allen Stadien ihrer Wanderung.

elenktische Pädagogik2: Darunter versteht man die Sokratische Methode, dem, der etwas lernen möchte, durch Befragung dazu zu verhelfen, sich an das Wissen, das laut der Anamnesis in seiner Seele vorhanden ist, zu erinnern. Sokrates leitet dieses Verfahren von der Hebammenkunst, der Meieutik ab, die ebenfalls etwas, was buchstäblich schon in einem drinnen ist, herausbringen möchte.

Paideia3: Unter Paideia kann man einerseits die Erziehung und Bildung verstehen, die einem Schüler zu Gute kommt, also ein Vorgang am zu Erziehenden. Zum anderen meint Paideia aber auch die Tatsache, dass jemand Bildung besitzt, sich also dem Vorgang schon unterzogen hat und folglich einen entsprechenden Besitz dessen nachweisen kann.

Periagogé4: Das hängt wiederum eng mit dem Begriff der Paideia zusammen. Unter Periagogé versteht man jene Umwendung, die im Höhlengleichnis mehrfach passiert und die überhaupt erst ermöglicht, dass jemand zu wahrer Bildung gelangen kann.

Sophisten5: Die Sophisten waren nach unserem heutigen Verständnis Lehrer, die in erster Linie adeligen aber auch anderen Jünglingen, deren Eltern es sich leisten konnten, ihr Wissen beigebracht haben. Dabei war besonders die Rhetorik ein essentieller Bestandteil dieser bezahlten Wissensvermittlung. Platon war ein großer Gegner der Sophisten und hielt auch die Rhetorik nicht für eine Kunst. Auch Sokrates hätte sich nie als solcher bezeichnet, da er ja bekanntlich von sich sagte „nie irgend jemandes Lehrer gewesen“6 zu sein.

Nachdem nun einige Grundbegriffe für das allgemeine Verständnis erörtert wurden, wird Platons Bildnis des Höhlengleichnis dargestellt und in weiterer Folge interpretiert.

3. Das Bildnis des Höhlengleichnis

Das Höhlengleichnis findet sich am Anfang des 7. Buch der Politeia. Sokrates spricht im Dialog mit Glaukon über Paideia und Periagogé, woraus man letztendlich Platons philosophisches Verständnis von Bildung ableiten kann.

3. 1. Die Beschreibung des Bildnisses

Das Bildnis wurde in vielen Übersetzungen und Interpretationen dargestellt. Die hier folgende Kurzbeschreibung orientiert sich zur Gänze an der Übersetzung von Karl Vretska7:

Tief unten in einer Höhle sitzen Gefangene. Sie sind zeitlebens an Armen und Beinen gefesselt in einer Position, die es ihnen nicht erlaubt, sich auch nur umzudrehen. Vor ihnen ist eine Wand. Hinter ihnen führt ein Weg hinauf bis zu einem Feuer bzw. noch weiter bis zum Ausgang der Höhle. Zwischen den Gefangenen und dem Feuer ist links und rechts des Weges eine Wand. Entlang dieser Wand tragen Menschen Gegenstände hin und her. Das Feuer wirft die Schatten der tragenden Menschen bzw. der getragenen Gegenstände an die Wand, vor der die Gefangenen sitzen. Die Gefangenen kennen nichts anderes als die Bilder dieser Schatten, die sie zu deuten versuchen.

Plötzlich wird ein beliebiger dieser Gefangenen von seinen Fesseln erlöst und soll den Weg bis zum Feuer bzw. weiter bis zum Ausgang der Höhle hinauf gehen. Seine Arme und Beine schmerzen bei den Bewegungen. Als er sich umdreht und zum Feuer sieht, brennt das Licht in seinen Augen, sodass er den Blick abwenden muss.

An der Stelle des Weges, wo die tragenden Menschen kreuzen, sieht er nun, was diese Schatten wirklich sind. Er geht am Feuer vorbei, er gewöhnt sich langsam an das Licht. Er geht weiter bis zum Ausgang der Höhle, wo es gerade Nacht ist, ihn also die Sonne nicht blendet. Er bleibt oben vor der Höhle bis es Tag wird, sodass er schließlich das Licht der Sonne sehen kann. Er beschließt, zurück zu gehen in die Höhle und den anderen Gefangenen davon zu erzählen.

3. 2. Die Interpretation des Bildnisses

Mit dem Gleichnis malt Platon ein Bild der Bildung, wobei bestimmte Elemente metaphorisch für Bereiche der Paideia stehen. In Anbetracht des vorangehenden Sonnengleichnisses aus dem 6. Buch der Politeia – um darauf näher einzugehen fehlt hier der zur Verfügung stehende Raum – wird deutlich, dass die Lichteinflüsse stellvertretend für den Grad der Bildung stehen. Kauder8 vergleicht die fast komplette Dunkelheit bzw. den schwachen Schein des weiter oben in der Höhle brennenden Feuers mit der Unbildung der Gefangenen. Er betont weiters, dass die starre Kopf- bzw. Körperhaltung, zu der sie gezwungen sind, ihnen nur diese eine Perspektive erlaubt.

Die Gefesselten befinden sich im Zustand des nicht-wissenden Nicht-Wissens, so Ruhloff in seinen Vorlesungen. Sie sehen nur die diffusen Schatten, die nach Kauder9 eine Metapher für bloße Vermutungen bar jeder Grundlage sind. Im Glauben daran aber, dass das, was die Gefangen sehen, die Realität ist, halten sie sich selbst nicht für ungebildet. Kauder konstatiert hier: „Bildungsbemühungen setzen an Ein-Bildung an. Diese tritt erfahrungsweltlich gesehen als der Regelfall mangelhafter Bildung auf.“10 Sie wissen also nicht, dass sie Nicht-Wissende sind, vergleichbar mit mangelhaft Gebildeten, die der Meinung sind, sich eine profunde Allgemeinbildung angeeignet zu haben.

Aus all den Unwissenden wird nun einer willkürlich ausgewählt, um entfesselt und aufrecht gehend am Feuer und den Trägern vorbei, den Weg nach draußen anzutreten. Das tut er nicht freiwillig, denn er hat Schmerzen, er ist vom Licht geblendet und kann nicht sehen und möchte sein vertrautes Umfeld, das einzige, was er bislang kennen gelernt hat, nicht verlassen. Nach Ballauf11 haben wir es hier mit der ersten von vier Umwendungen, zu tun: von dem, was er kennt, wovon er annimmt, dass es wahr ist, hin zu der Erkenntnis, dass die Darstellungen an der Wand nur Schatten waren. Um auf Kauder zurück zu kommen, der im ersten Absatz von den Perspektiven spricht, kann man wohl von einem gelungenen, wenn auch nicht freiwilligen Perspektivenwechsel ausgehen.

Das Bewegen ist schmerzhaft, was es nun mal tatsächlich ist, wenn man sich aufraffen muss, um gewohntes Wissen zu hinterfragen und gegebenenfalls durch Neu-Erlerntes zu ersetzen. Der Schein des Lichts sticht in den Augen: das Licht, das Wahre, das Gute schmerzt, wenn man sieht, dass das bisher Gekannte nur Vermutungen waren. Sich hin zu wenden zum Unbekannten (hier zum Schmerzhaften) bedeutet nun die 2. Stufe der Periagogé12. Mayer-Drawe stellt es noch vehementer dar: „[...] es ist geradezu entsetzlich – es bedeutet Konfrontation und leitet Leiden ein.“13

Der Entfesselte wehrt sich folglich gegen das Bewegen und das Emporsteigen, nur unter Zwang wird er den Weg hinauf geführt. Da er nun nicht mehr an die Wand sieht, sondern sich komplett umgedreht hat, hat er seine Perspektive geändert, was nach Ballauf14 als 3. Umwendung zu verstehen ist. Kauder15 interpretiert diese Stelle des Hinauf-geführt-werdens so, dass „Bildung […] mit dem Bild des Führens versinnbildlicht [wird].“16 Es bedarf also jemandem, der den Lernenden bei dem Prozess der Umwendungen führt, sodass er schließlich auch die letzte Umwendung, die bewusste Abkehr vom Gewohnten, vollziehen kann17.

Schließlich gelangt der Gefangene bis an den Höhleneingang. Draußen, so nimmt Kauder18 an, ist Abend, sodass er unter Lichtbedingungen, die seinen Augen keine weiteren Schmerzen zufügen, ins Freie tritt. „[...] dann fällt zeitgleich mit der Tagesdämmerung die Blendung von ihm ab, d.h., ihm geht im doppelten Sinn „ein Licht auf“.“19 Daraus kann gefolgert werden, dass genau so wie der Tagesanbruch in Helligkeitsstufen passiert, auch die Erkenntnis einer gewissen Reihenfolge unterliegt, die stufenweise schließlich im Prozess der wahren Bildung im philosophischen Sinn gipfelt.

Wo ist aber in der Darstellung nun die vierte Umwendung, von der Ballauf20 spricht, geblieben? Sie erfolgt erst jetzt, nachdem der Entfesselte das Licht gesehen hat. Er dreht sich um und geht in die Höhle zurück. Nicht aber, um sein altes Leben wieder aufzunehmen, sondern weil er erkennt, dass „sein Wissen nur im Austausch mit seinen Mitmenschen von Bedeutung ist. […]. Die Rückkehr ins Dunkle und zu den Schatten wird ihm zum pädagogischen Ziel seiner Erkenntnis.“21 Diese letzte Umkehrung erfolgt freiwillig, ohne die führende Hand des Pädagogen. Zu wahrer Bildung zu kommen, wird ein Führer benötigt, jedoch liegt es in der Verantwortung jedes einzelnen selbst, sie zu erkennen und zu vermitteln.

[...]


1 Vgl. Ruhloff 2011, S. 4.

2 Vgl. Ebd, S. 8.

3 Vgl. Ebd, S. 3.

4 Vgl. Ebd, S.7.

5 Vgl. Ebd, S. 7. 18

6 Fischer 1997, S. 51.

7 Vgl. Vretska 2004, 514 a – 521 a 18

8 Vgl. Kauder 2001, S. 51.

9 Vgl. Ebd, S. 53.

10 Ebd, S. 55.

11 Vgl. Mitgutsch 2008, S. 39. zit.n. Ballauf 1952, S. 23.

12 Vgl. Mitgutsch 2008, S. 39. zit. n. Ballauf 1952, S. 23.

13 Mitgutsch 2008, S. 39. zit. n. Meyer-Drawe 2005, S. 32. 18

14 Vgl. Mitgutsch 2008, S. 39. zit. n. Ballauf 1952, S. 23.

15 Vgl. Mitgutsch 2008, S. 40,. zit. n. Ballauf 1953, S. 23.

16 Kauder 2001, S. 63.

17 Vgl. Mitgutsch 2008, S.41. zit. n. Ballauf 1952, S. 23.

18 Vgl. Kauder 2001, S. 64.

19 Kauder 2001, S. 65.

20 Vgl. Mitgutsch 2008, S.39. zit. n. Ballauf 1952, S. 23.

21 Mitgutsch 2008, S.40. 18

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Platons Verständnis von Bildung versus abrufbares Wissen. Wie würde Platon PISA beurteilen?
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Bildungswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar
Note
3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V322998
ISBN (eBook)
9783668221369
ISBN (Buch)
9783668221376
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Bildung, PISA, Wissen, Höhlengleichnis
Arbeit zitieren
Simone Kostka (Autor), 2012, Platons Verständnis von Bildung versus abrufbares Wissen. Wie würde Platon PISA beurteilen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322998

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Platons Verständnis von Bildung versus abrufbares Wissen. Wie würde Platon PISA beurteilen?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden