Circadiane Phasenlage und kognitive Fähigkeiten. Gibt es einen Zusammenhang?


Bachelorarbeit, 2013
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Innere Uhr und externe Einflüsse

Erfassung mittels Selbstbeurteilungsfragebögen

Zusammenhänge zum Chronotyp
Alter und Geschlecht
Zusammenhang zu Persönlichkeitsvariablen
Zusammenhang zu akademischen und kognitive Leistungen

Fragestellung und Hypothesen

Methoden
Stichprobe
Erfassung des Chronotypen
Erfassung der verbalen und allgemeinen Intelligenz

Auswertung und Ergebnisse
Ermittlung des Chronotypen
Auswertung der Intelligenzaufgaben
Zusammenhang zwischen Chronotyp und Intelligenzleistungen

Diskussion
Überprüfung der Hypothesen
Zusammenhang zu Alter und Geschlecht
Betrachtung der Messinstrumente des Chronotyps
Limitationen

Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Die folgende Studie überprüft an einer studentischen Population die Fragestellung, ob es einen systematischen Zusammenhang zwischen der circadianen Phasenlage eines Individuums und seinen kognitiven Fähigkeiten gibt. Besonderes Augenmerk wird auf mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede in diesem Zusammenhang gelegt. Verbale Intelligenz wurde gesondert von allgemeiner Intelligenz erfasst und betrachtet. Für die Gesamtstichprobe konnten weder für verbale Intelligenz noch für allgemeine Intelligenz eine signifikante Beziehung zum Chronotyp gefunden werden. In der weiblichen Stichprobe trat jedoch eine signifikante, positive Korrelation zwischen Morgenorientierung und allgemeiner Intelligenz auf (r = -.64). Als mögliche Gründe für diesen unerwarteten Zusammenhang werden Einflüsse vom Persönlichkeitsfaktor Gewissenhaftigkeit diskutiert. Implikationen der Befunde für weitere Forschungen in diesem Bereich werden dargelegt.

Circadiane Phasenlage und kognitive Fähigkeiten

Gibt es einen Zusammenhang?

Wann wir aufstehen, wann wir zu Bett gehen und zu welcher Tageszeit wir uns am leistungs­fähigsten fühlen, beeinflusst unseren Lebensstil. Das Bewusstsein über interindividuelle Unterschiede ist in der Gesellschaft ebenso präsent wie Theorien darüber, welche Lebensweise zu bevorzugen ist. Redensarten wie „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ oder „Morgenstund‘ hat Gold im Mund“ sprechen für Vorteile des frühen Aufstehens. Das amerikanische Sprichwort „Early to bed and early to rise makes a man healthy, wealthy and wise” preist ebenfalls die Vorzüge der Morgentypen. Doch gibt es dafür auch wissenschaftliche Evidenz? Menschen unterscheiden sich darin, wann sie zu Bett gehen und wann sie aufwachen bzw. aufstehen. Morgentypen – auch Lerchen genannt – legen sich bedeutend früher schlafen und erwachen früher als Abendtypen (Eulen) (Horne & Östberg, 1977). Zudem haben sie unterschiedliche Uhrzeiten, zu denen sie sich am besten fühlen (Larsen, 1985). In der Forschung hat diese unterschiedliche Tageszeitpräferenz als Chronotyp Eingang gefunden.

In den nächsten Abschnitten soll genauer erläutert werden, wodurch der menschliche Chronotyp beeinflusst wird, wie die individuelle Tageszeitpräferenz erfasst werden kann und welche interindividuellen Unterschiede es zwischen Menschen mit unterschiedlicher circadianen Phasenlage gibt. Auf Grundlage dieser Befunde wird dann der Fragestellung nachgegangen, inwiefern ein Zusammenhang zwischen Chronotyp und kognitiven Fähigkeiten zu erwarten ist.

Innere Uhr und externe Einflüsse

Verantwortlich für unsere innere Uhr scheint vor allem der Suprachiasmatische Nucleus (SCN) im ventralen Hypothalamus zu sein. Von hier werden verschiedene physiologische Vorgänge gesteuert, die circadianen Rhythmen folgen (Takahashi & Zatz, 1982). Durch eine direkte Verbindung zwischen Retina und SCN werden Informationen über Helligkeit direkt weitergegeben. Der SCN steuert u. a. mithilfe dieser Information viele biologische Funktio­nen, die auf einen circadianen Rhythmus synchronisiert werden. Eine wichtige davon ist die Melatonin­ausschüttung, welche ihr Maximum (Acrophase) in der Nacht zeigt. Melatonin scheint außerdem die Körpertemperatur direkt zu beeinflussen, wobei hohe Melatonin­ausschüttung mit niedrigerer Körpertemperatur einhergeht (Cagnacci, 1997). Es lassen sich Unterschiede in solchen physiologischen Maßen feststellen, die mit einer Morgen- bzw. Abendorientierung zusammenhängen. So können unterschiedliche Verlaufskurven der Melatoninausschüttung je nach circadianer Phasenlage festgestellt werden (Griefahn, 2002). Dass sich Acrophase der Körpertemperatur zwischen Morgen- und Abendtypen unterscheidet, konnte unter alltäglichen Bedingungen gezeigt werden (Horne & Östberg, 1977) und in einem Übersichtsartikel über verschiedene Studien hinweg bestätigt werden (Kerkhof, 1985). Dies ist höchstwahrscheinlich auf die je nach circadianer Phasenlage unterschiedlich verlaufender Melatoninausschüttung zurückführen. Aufgrund mulitsynaptischer Verbindung zwischen Hypothalamus und Nebenniere über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse passt der SCN auch den Rhythmus der Kortisol­­ausschüttung auf Tageslänge an. Dieser Rhythmus ist charakterisiert durch die Acrophase kurz nach dem Aufwachen, sinkende Werte im Tagesverlauf und dem Nadir (Minimum) etwa zwei Stunden nach Schlafbeginn (Hofstra & de Weerd, 2008). Bailey und Heitkemper (2001) konnten unter Laborbedingungen Differenzen in der Zeit des Kortisolanstiegs zwischen Lerchen und Eulen beobachteten. Diese Unterschiede verschwanden jedoch, wenn sie für die Schlafens- und Aufstehzeiten kontrol­lierten, woraus sie schlussfolgerten, dass die physio­logischen Unterschiede durch die verschiedenen Schlafrhythmen zu erklären seien. Andere Autoren belegen jedoch unter alltäglichen Bedingungen den unter­schiedlichen Kortisolanstieg, welcher nicht durch unterschiedliche Schlafens- und Aufwach­zeiten erklärbar ist. Morgen- und Abendtypen unter­schieden sich beim Aufwachen und in der erste Stunde nach dem Aufwachen signifikant in ihrem Kortisollevel (Kudielka, Federenko, Hellhammer, & Wüst, 2006; Randler & Schaal, 2010).

Aufgrund der direkten Verbindung zwischen Retina und SCN ist Tageslicht der potenteste externe Zeitgeber. Roenneberg und Merrow (2007) fanden heraus, dass der Chronotyp bis zu einer Stunde früher wird, wenn bis zu zwei Stunden pro Tag unter freiem Himmel verbracht werden, verglichen mit gar keiner Zeit unter Tageslichteinfluss. In ländlichen Gebieten, wo Menschen mehr Zeit draußen verbringen, gibt es mehr frühe Chronotypen als in städtischen Gebieten. Ein weiterer Beleg für den Einfluss von Tageslicht ist der Befund, dass es einen systematischen Zusammenhang zwischen der Zeit des Sonnenaufgangs (innerhalb einer Zeitzone) und dem Chrontoyp gibt (Borisenkov, Perminova, & Kosova, 2010; Roenneberg & Merrow, 2007) und dass der Chronotyp auch mit dem geographischen Breitengrad variiert (Borisenkov, 2010). Doch nicht nur das Tageslicht, sondern auch soziale und gesellschaftliche Vorgaben wirken als externe Zeitgeber. So können soziale Cues (regelmäßige Essenszeiten, Kontakt zu anderen Personen) auch bei fehlendem Licht ausreichend dafür sein, dass der circadiane Rhythmus aufrecht erhalten wird (Aschoff et al., 1971). Auch gesellschaftliche Vorgaben wie regelmäßige Arbeitszeiten können den Chronotyp beeinflussen: Arbeiter zeigen im Vergleich zu gleichaltrigen Studenten frühere Schlafens- und Aufstehzeiten (Mecacci & Zani, 1983). Die Autoren schlussfolgern deshalb, dass die Aufnahme einer regelmäßigen Arbeit zu einer Veränderung des Chronotyp in Richtung Morgentyp führt.

Der Chronotyp eines Menschen ergibt sich nun aus dem Zusammenspiel dieser internen und externen Zeitgeber (Roenneberg, 2012). Schon frühe Studien, in denen Versuchspersonen über einen längeren Zeitraum isoliert von externen Einflüssen lebten, konnten zeigen, dass sich der Aktivitätsrhythmus (Schlaf- und Wachzeiten) und der Rhythmus der vegetativen Körperfunktionen im Schnitt bei 24.9 Stunden einstellt (Aschoff, Gerecke, & Wever, 1967). Es wurde allerdings auch festgestellt, dass es interindividuelle Unterschiede gibt und dass die Werte dieser free-running period sowohl weit über als auch unter 24 Stunden liegen können. Roenneberg, Wirtz-Justice und Merrow (2003) beschreiben in ihrem Artikel das Zusammen­spiel zwischen externen Zeitgebern und der free-running period. Frühe Chronotypen haben einen internen Rhythmus von unter 24 Stunden, welcher durch externe Zeitgeber auf Tageslänge synchronisiert werden muss. Abendtypen hingegen haben einen internen Rhythmus, der länger als 24 Stunden ist. Je stärker der Einfluss von externen Zeitgebern, desto ähnlicher werden Abendtypen sowohl in ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus als auch in ihren physiologischen Vorgängen den Morgentypen (Wright et al., 2013). Aufgrund dieser verschiedenen Einflüsse sind nur wenige Individuen extreme Morgen- bzw. Abendtypen. Die meisten Menschen sind sogenannte Neutraltypen und man geht von einer Normalverteilung dieses Merkmales aus.

Erfassung mittels Selbstbeurteilungsfragebögen

Der Chronotyp kann reliabel anhand dieser physiologischen Merkmale erfasst werden. Da dies jedoch aufwendig und kostenintensiv ist, wurden verschiedene Fragebögen entwickelt, die die individuelle Tageszeitpräferenz mittels Selbstbeurteilung erfassen. Die meisten Autoren gehen dabei von einem eindimensionalen Konstrukt aus, an dessen Enden extreme Morgen- bzw. Abendorientierung stehen. Einer der ersten und bis heute am meisten genutzte Fragebogen ist der Morningness-Eveningness-Questionnaire (MEQ, Horne & Östberg, 1976). Versuchs­personen werden in 19 Items aufgefordert, ihre Tageszeit­präferenz bezüglich verschiedener hypothetischer Situationen anzugeben (s. Anhang A). Die Einschätzungen der Versuchs­personen werden in verschiedenen Antwortformaten festgehalten. Anhand dieser Antworten werden die Probanden in eine von fünf Gruppen eingeteilt: definitiver bzw. moderater Morgentyp, Neutraltyp oder moderater bzw. definitiver Abendtyp. Der MEQ bzw. Übersetzungen desselben zeigen hohe Überein­stimmung mit physiologischen Maßen wie Körpertemperatur (Horne & Östberg, 1976, 1977) oder Beginn der nächtlich erhöhten Melatoninkonzentration (Griefahn, Künemund, Bröde, & Mehnert, 2001). Die Annahme der Normalverteilungen des Merkmales Chronotyp konnte bei Messungen mit dem MEQ bestätigt werden (Chelminski, Ferraro, Petros, & Plaud, 1997). Dass der MEQ Präferenzen für hypothetische Situationen erfragt, wird von manchen Autoren kritisiert. So entwickelten Roenneberg, Wirz-Justice und Merrow (2003) einen Fragebogen, der getrennt nach Arbeitstagen und freien Tagen die tatsächlichen Schlafens- und Aufstehzeiten erfragt: der Munich Chronotype Questionnaire (MCTQ). Anhand der angegebenen Daten im MCTQ kann der Schlafmittelpunkt an freien Tagen berechnet werden, der für ein eventuelles Schlafdefizit korrigiert wird. Dieser mid-sleep point an freien Tagen (MSF) wird als Indikator für den Chronotyp genutzt, wobei ein früherer MSF für eine stärkere Morgenorientierung spricht. In ihrer Veröffentlichung des Fragebogens zeigen die Autoren, dass auch durch die Messungen des MCTQ die Normalverteilung der Tageszeitpräferenz belegt werden kann. Aufgrund ihrer verschiedenen Ansätze, werden diese beiden etablierten Fragebögen in der vorliegenden Studie eingesetzt.

Zusammenhänge zum Chronotyp

Viele Forscher haben versucht, Zusammenhänge zwischen dem Chrontoyp und anderen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Persönlichkeit oder Intelligenz zu finden. Im Folgenden sollen die Hauptbefunde dazu erläutert werden.

Alter und Geschlecht

Während man zunächst vermutete, dass es nur geringe Unterschiede in der circadianen Phasenlage zwischen Frauen und Männern gibt, welche zu klein sind, um sie mit Selbstbeurtei­lungs­fragebögen zu erfassen (Tankova, Adan, & Buela-Casal, 1994), zeigten spätere Studien mit großen Stichproben einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Einordnung zu einem bestimmten Chronotypen und dem Geschlecht (Chelminski et al., 1997): Frauen zeigen eine Tendenz zu einer stärkeren Morgenorientierung als Männer. Randler (2007) konnte diesen Befund in einer Meta-Analyse belegen. Er fand einen kleinen, aber signifikanten Zusammenhang zwischen dem Geschlecht und dem Chrontoyp, welcher über verschiedene Selbstbeurteilungsverfahren gemessen wurde (zu 55.8 % mit dem MEQ).

Der Zusammenhang zwischen Chronotyp und Alter konnte mittlerweile in vielen Studien belegt werden (Tankova et al., 1994). Roenneberg et al. (2004) konnten zeigen, dass der MSF in jeder Altersgruppe zwar normalverteilt ist, das jeweilige Mittel jedoch verschoben ist: Während Kinder eher Lerchen sind, verschiebt sich ihr Chronotyp in der Pubertät nach hinten und erreicht mit etwa 20 Jahren das Maximum und somit die stärkste Abendorientierung. Danach gibt es eine Entwicklung zurück zu stärkerer Morgen­orientierung, bis sie mit etwa 50 Jahren wieder stagniert.

Da es Korrelationen zwischen dem Chronotyp und dem Alter bzw. dem Geschlecht gibt, ist es in der vorliegenden Studie notwendig, einen eventuellen Zusammenhang zu ermitteln und ggf. dafür zu kontrollieren. Nur so können die Zusammenhänge zu kognitiven Fähigkeiten klar erkannt werden.

Zusammenhang zu Persönlichkeitsvariablen

Um den Zusammenhang zwischen Chronotyp und kognitiven Fähigkeiten genau zu betrachten, dürfen Persönlichkeitsvariablen nicht außer Acht gelassen werden. Besonders interessant sind dabei die Faktoren Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen aus der etablierten Persönlichkeitstheorie der Big Five, da für diese Korrelationen mit Intelligenz gefunden werden konnten (Furnham & Chamorro-Premuzic, 2006).

Randler (2008) untersuchte eine große Stichprobe (N = 1231) Jugend­liche und Studierende auf den Zusammenhang zwischen Chronotyp und den Persönlichkeitsvariablen der Big Five. Er fand die stärkste Korrelation zwischen Morgenorientierung und Gewissen­haftigkeit (r = .37, für Alter kontrolliert). Zwischen dem Faktor Offenheit und dem Chronotyp konnten hingegen keine systematischen Zusammenhänge aufgedeckt werden. Diese Befunde wurden auch metaanalytisch belegt. Die Varianzaufklärung für den Faktor Gewissenhaftigkeit wird auf 9 % geschätzt (Tsaousis, 2010).

Zusammenhang zu akademischen und kognitive Leistungen

Verschiedene Studien konnten einen Zusammenhang zwischen Morgenorientierung und besseren schulischen Leistungen zeigen (Borisenkov et al., 2010; Díaz-Morales & Escribano, 2013; Preckel et al., 2013; Randler & Frech, 2006; Vollmer, Schaal, Hummel, & Randler, 2011). Es werden unterschiedliche Gründe für diesen Zusammenhang diskutiert. Morgen­typen zeigen aufgrund ihrer circadianen Phasenlage eine höhere Überein­stimmung zwischen ihrer Tagesbestform und Unterrichts- bzw. Prüfungszeit als Abendtypen und erbringen deshalb bessere Leistungen (z.B. Beşoluk, 2011; Randler & Frech, 2006). Dieser so genannte synchrony effect konnte für schulrelevante Anforderungen wie Aufmerksamkeit (Natale, Alzani, & Cicogna, 2003), aber auch für übergreifende Konzepte wie fluide Intelligenz–nicht jedoch für kristalline–gefunden werden (Goldstein, Hahn, Hasher, Wiprzycka, & Zelazo, 2007). Bei Abendtypen hingegen besteht eine Diskrepanz zwischen ihrer biologischen Tageszeit­präferenz und dem sozial vorgegebenen Rhythmus. Dieses Phänomen wird oft als social jetlag beschrieben und führt bei ihnen im Verlauf der Woche aufgrund der frühen Schulanfangszeiten zu einer Akkumulation des Schlafdefizits. Einige Autoren sehen Tagesmüdigkeit als Folge dieses Schlafdefizits als Hauptgrund für die Leistungs­unterschiede zwischen Morgen- und Abendtypen (Roeser, Schlarb, & Kübler, 2013). Aufgrund der Nicht-Passung von biologischem und sozialem Rhythmus kommt es bei Schülerinnen und Schülern mit Abendorientierung zudem vermehrt zu Konflikten über Schlafens- und Aufstehzeiten mit den Eltern (Zimmermann, 2011), stärkeren Problemen im schulischen Bereich und infolgedessen wiederum zu mehr Konflikten mit den Eltern (Vollmer et al., 2011). Generell haben Jugendliche mit Abendorientierung schwieri­gere Familienbeziehungen und Beziehungen zu Gleichaltrigen und Lehrern verglichen mit Morgentypen (Andershed, 2005) und zeigen zudem ein höheres Risiko in den Grenz- bzw. klinischen Bereich für Verhaltens­auffälligkeiten zu fallen (Goldstein et al., 2007).

Trotz größerer Freiheiten im Stundenplan konnten auch im universitären Bereich Zusammenhänge zwischen Morgenorientierung und besseren akademischen Leistungen gezeigt werden. Studierende mit Morgenorientierung haben einen besseren Notendurchschnitt und erzielen bessere Ergebnisse in den Abschlussexamen (Beşoluk, Önder, & Deveci, 2011). Als mögliche Gründe dafür werden ähnliche Aspekte wie im schulischen Bereich diskutiert. Die größeren Freiheiten zur Gestaltung des Tages von Studenten beziehen sich vorrangig auf Lehrveranstaltungen, nicht jedoch auf Prüfungen. Somit kommt auch in studentischen Stichproben ein synchrony effect als mögliche Erklärung infrage. Desweiteren werden auch Persönlichkeits- und Lebensstilunterschiede in Betracht gezogen. Die Erkenntnis, dass Morgentypen höhere Gewissenhaftigkeitswerte zeigen (s. Abschnitt 2.2) und höhere Gewissenhaftigkeit ebenfalls mit besseren Schul­leistungen (Laidra, Pullmann, & Allik, 2007) sowie mit akademischen Leistungen korreliert (Wagerman & Funder, 2007), ist eine weiterer Aspekt, der zur besseren Leistung von Morgentypen führen kann. Anhand der Ergebnisse der verschiedenen Studien ist von einer multifaktoriellen Beeinflussung des Zusammenhangs zwischen Chronotyp und akademischen Leistungen auszugehen.

Höhere kognitive Fähigkeiten sagen schulischen Erfolg vorher (Deary, Strand, Smith, & Fernandes, 2007) und sind positiv mit akademischer Leistung korreliert (Rohde & Thompson, 2007). Aufgrund dessen würde man auch zwischen kognitiven Fähigkeiten und Morgen­orientierung einen Zusammenhang vermuten. Studien, die sich direkt mit dem Zusammenhang zwischen circadianer Phasen­lage und kognitiven Leistungen befassen, sind jedoch rar. Roberts und Kyllonen (1999) untersuchten eine Stichprobe von 420 (73 weiblich) US Air Force Rekruten (M Alter = 20.2 Jahre). Sie ermittelten den Chrontoyp mittels MEQ und der Composite Circadian Scale. Kognitive Fähigkeiten wurden anhand der Armed Services Vocational Aptitude Battery und einer Auswahl aus der Cognitive Abilities Measurement (Version IV) Battery erfasst, welche laut Autoren vor allem Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und zeitliche Verarbei­tung misst. Entgegen den Befunden zum Zusammenhang zwischen Chronotyp und akademischen Leistungen konnten die Autoren eine geringe, aber signifikante und über die verschiedenen Mess­instrumente hinweg konsistente Korrelation zwischen Abendorientierung und kognitiven Leistungen feststellen. Den robustesten Zusammenhang fanden sie dabei zwischen den Messungen zur Tageszeitpräferenz und dem Arbeitsgedächtnis. Andere Forscher hingegen konnten keinen Zusammenhang zwischen Chronotyp und kognitiven Fähigkeiten feststellen (Song & Stough, 2000). Diese Autoren nutzten zur Erfassung der Tageszeit­präferenz von 50 weiblichen Psychologiestudentinnen (M Alter = 24.9 Jahre) ebenfalls den MEQ. Die kognitiven Fähigkeiten erhoben sie mit der Multi­dimensional Aptitude Battery. Weder die individuelle circadiane Phasenlage noch die Testzeit hatten einen Einfluss auf die Ergebnisse der Intelligenzaufgaben und es gab keinen Interaktionseffekt. Eine neuere Studie von Killgore und Killgore (2007) untersuchte dieselbe Fragestellung an 54 Probanden (29 männlich). Zur Erfassung des Chronotyps wurde der MEQ eingesetzt. Kognitive Fähigkeiten wurden anhand der Welcher Abbreviated Scale of Intelligence ermittelt. In der Gesamtstichprobe konnte kein Zusammenhang zwischen Morgen- bzw. Abendorientierung und dem Full Scale IQ bzw. dem Performance IQ festgestellt werden. Es trat jedoch eine kleine, signifikante Korrelation mit verbaler Intelligenz auf (r = -.23). Die Analyse getrennt nach Geschlecht ergab, dass bei den Männern keine der Intelligenzskalen einen signifikanten Zusammenhang zum Chronotypen zeigt, bei den Frauen allerdings ein Zusammenhang zwischen Abendorientierung und höherer verbaler Intelligenz besteht (r = -.44).

Sowohl der Zusammenhang zwischen Morgenorientierung und akademischen Leistungen, als auch die Korrelation zwischen kognitiven Fähigkeiten und Abendorientierung konnte metaanalytisch belegt werden (Preckel, Lipnevich, Schneider, & Roberts, 2011).

Als mögliche Ursachen für diese Befunde kommt eine Moderation über das Alter infrage (Roberts & Kyllonen, 1999): Wie eingangs erläutert, besteht ab einem Alter von etwa 20 Jahren ein robuster Zusammenhang zwischen Alter und Morgen­orientierung (z.B. Roenneberg et al., 2007). Der lineare Zusammenhang zwischen steigendem Alter und reduzierten kognitiven Fähigkeiten ist ebenfalls gut dokumentiert (für einen Übersichtsartikel siehe Kramer & Willis, 2003). Alter könnte also die moderierende Variable sein, die den Zusammenhang zwischen Abend­orientierung und kognitiven Fähigkeiten erklärt. Auch hier wird die Notwendigkeit deutlich, alle Messinstrumente auf Alterseffekte zu überprüfen. Da die Ergebnisse auf Korrelationen beruhen, können keine kausalen Schlüsse gezogen werden. Inhaltliche Begründungen für den berichteten Zusammenhang folgen zwei verschiedenen Ansätzen: Einerseits könnte es aufgrund starker Abendorientierung zu höherer Intelligenz kommen, da extreme Abendtypen in unserer Gesellschaft hohe Anpassungs­leistungen erbringen müssen (Hahn, Preckel, & Spinath, 2011). Aufgrund von sozialen und beruflichen Einflüssen sind Menschen mit starker Abendorientierung gezwungen, Strategien zu entwickeln, um ihren Alltag zu meistern, da ihr interner Rhythmus oft im starken Gegensatz zum extern vorgegebenen steht. Andererseits könnte es auch sein, dass höhere kognitive Fähigkeiten zu stärkerer Abendorientierung führen. Eine Idee in dieser Argumentationslinie ist, dass Individuen mit höheren kognitiven Fähigkeiten bewusst die Abendstunden nutzen, um zu arbeiten und sich so vor Ablenkungen und Störungen zu schützen (Hahn et al., 2011). Zudem konnte gezeigt werden, dass höhere Werte in verbaler Intelligenz in der Kindheit eine höhere Abendorientierung im jungen Erwachsenen­alter vorhersagen können (Kanazawa & Perina, 2009).

Um die einzelnen Theorien auszubauen, sind weitere Studien nötig, die etablierte Intelligenz­messungen einsetzen, um den Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und Chronotyp explizit zu untersuchen. Ziel der folgenden Studie ist es daher, den bisherigen Forschungsstand zu erweitern. In dem Versuch, die berichteten Befunde von Killgore und Killgore (2007) zu replizieren, soll neben der allgemeinen Intelligenz insbesondere verbale Intelligenz betrachtet werden. Die vorliegende Studie ist zudem eine der wenigen Studien, die untersucht, ob es geschlechtsspezifische Unterschiede des Zusammenhangs zwischen kognitiven Fähigkeiten und dem Chronotyp gibt. Zudem wird anhand der Nutzung verschiedener etablierter Selbsbeurteilungsfragebögen zur Erfassung des Chronotyps untersucht, ob sich diese unterschiedlich gut eignen, den Zusammen­hang abzubilden.

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Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Circadiane Phasenlage und kognitive Fähigkeiten. Gibt es einen Zusammenhang?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Psychologisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
29
Katalognummer
V335238
ISBN (eBook)
9783668253988
ISBN (Buch)
9783668253995
Dateigröße
765 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Circadiane Phasenlage, Intelligenz, Morgenorientierung, Abendorientierung, Chronotyp
Arbeit zitieren
Lisa Pagel (Autor), 2013, Circadiane Phasenlage und kognitive Fähigkeiten. Gibt es einen Zusammenhang?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335238

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