Exegese von Genesis 6,5-7,6. Die Sintfluterzählung


Quellenexegese, 2015
20 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
Bibelstelle:

2. Textkritik/ Texterschließung
2.1 Übersetzungsvergleich:
2.2 Der literarische Zusammenhang
2.3 Abgrenzung des Textes:
2.4 Gliederung:
2.5 Sprachliche Analyse:

3. Entstehungsgeschichte
3.1 Literarkritik:
3.2 Redaktion und Komposition:
3.2.1 Die nicht-priesterliche Sintfluterzählung:
3.2.2 Die priesterliche Sintfluterzählung:

4. Motivgeschichte und Intertextualität
4.1 Form und Gattungskritik:
4.2 Andere Flutmythen:
4.2.1 Gemeinsamkeiten mit altorientalischen Flutmythen:
4.2.2 Unterschiede zu den altorientalischen Flutmythen:

5. Untersuchung zum prägenden Hintergrund des Textes
5.1 Die konkrete historische Situation:
5.2 Die allgemeine Lebenssituation (Sitz im Leben):
5.3 Die geistesgeschichtliche Situation:

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Proseminars zum Alten Testament „Einführung in die Aufgaben und Methoden der Bibelauslegung“ habe ich eine Exegese zu Genesis 6,5-7,6 geschrieben. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem ersten Teil der Sintfluterzählung aus dem 1. Buch Mose. An einigen Stellen bezieht sich die Arbeit jedoch auf die gesamte Sintfluterzählung, um bestimmte Muster und Motive besser aufzeigen zu können. Hierzu wurde die Übersetzung der Elberfelder Bibel aus dem Jahr 2011 benutzt.

Außerdem wurden zur Texterschließung verschiedene Übersetzungen miteinander verglichen, um zu versuchen die ursprüngliche Übersetzung herauszufiltern. Im Anschluss folgt eine Untersuchung zur Entstehungsgeschichte des Textes. Des Weiteren wird auf die Motivgeschichte und die Intertextualität näher eingegangen. Am Ende werden die Ergebnisse mit dem Ziel zusammengefasst den Aussagegehalt der Sintfluterzählung im alten Israel herauszuarbeiten.

Bibelstelle:

6,5 Und der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag.

6 Und es reute den HERRN, dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte, und es bekümmerte ihn in sein Herz hinein.

7 Und der HERR sprach: Ich will den Menschen, den ich geschaffen habe, von der Fläche des Erdbodens auslöschen, vom Menschen bis zum Vieh, bis zu den kriechenden Tieren und bis zu den Vögeln des Himmels; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.

8 Noah aber fand Gunst in den Augen des HERRN.

Ankündigung der Sintflut - Bau der Arche

9 Dies ist die Generationenfolge Noahs: Noah war ein gerechter Mann, untadelig war er unter seinen Zeitgenossen; Noah lebte mit Gott.

10 Und Noah zeugte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet.

11 Die Erde aber war verdorben vor Gott, und die Erde war erfüllt mit Gewalttat.

12 Und Gott sah die Erde, und siehe, sie war verdorben; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verdorben auf Erden.

13 Da sprach Gott zu Noah: Das Ende alles Fleisches ist vor mich gekommen; denn die Erde ist durch sie erfüllt von Gewalttat; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde.

14 Mache dir eine Arche aus Goferholz; mit Zellen sollst du die Arche machen und sie von innen und außen mit Pech verpichen!

15 Und so sollst du sie machen: Dreihundert Ellen (sei) die Länge der Arche, fünfzig Ellen ihre Breite und dreißig Ellen ihre Höhe.

16 Ein Dach sollst du der Arche machen, und zwar nach der Elle sollst du sie (von unten nach) oben fertigstellen; und die Tür der Arche sollst du in ihrer Seite anbringen; mit einem unteren, einem zweiten und dritten (Stockwerk) sollst du sie machen!

17 Denn ich, siehe, ich bringe die Wasserflut über die Erde, um alles Fleisch unter dem Himmel, in dem Lebensodem ist, zu vernichten; alles, was auf der Erde ist, soll umkommen.

18 Aber mit dir will ich meinen Bund aufrichten, und du sollst in die Arche gehen, du und deine Söhne und deine Frau und die Frauen deiner Söhne mit dir.

19 Und von allem Lebendigen, von allem Fleisch, sollst du (je) zwei von allen in die Arche bringen, um sie mit dir am Leben zu erhalten; ein Männliches und ein Weibliches sollen sie sein!

20 Von den Vögeln nach ihrer Art und von dem Vieh nach seiner Art, von allen kriechenden Tieren des Erdbodens nach ihrer Art: (je) zwei von allen sollen zu dir hineingehen, um am Leben zu bleiben!

21 Und du, nimm dir von aller Speise, die man isst, und sammle sie bei dir, dass sie dir und ihnen zur Nahrung diene!

22 Und Noah tat es; nach allem, was Gott ihm geboten hatte, so tat er.

Noah und seine Familie gehen in die Arche

7,1 Und der HERR sprach zu Noah: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich gerecht vor mir erfunden in dieser Generation.

2 Von allem reinen Vieh sollst du je sieben zu dir nehmen, ein Männchen und sein Weibchen; und von dem Vieh, das nicht rein ist, (je) zwei, ein Männchen und sein Weibchen;

3 auch von den Vögeln des Himmels je sieben, ein Männliches und ein Weibliches: um Nachwuchs am Leben zu erhalten auf der Fläche der ganzen Erde!

4 Denn noch sieben Tage, dann lasse ich auf die Erde regnen vierzig Tage und vierzig Nächte lang und lösche von der Fläche des Erdbodens alles Bestehende aus, das ich gemacht habe. -

5 Und Noah tat nach allem, was der HERR ihm geboten hatte.

6 Und Noah war 600 Jahre alt, als die Flut kam, Wasser über die Erde.

2. Textkritik/ Texterschließung

2.1 Übersetzungsvergleich:

Um der ursprünglichen Lesart des Textes möglichst nahe zu kommen, werden im Folgenden verschiedene Übersetzungen miteinander verglichen und versucht die Gründe der verschiedenen Variationen zu erklären. Gleich vorweg sollte erwähnt werden, dass es sich bei wahrscheinlich allen Geschichten im Alten Testament erst um mündlich tradierte Geschichten handelte, die oftmals erst nach einer langen mündlichen Überlieferungszeit niedergeschrieben wurden. Weitere Gründe für verschiedenen Übersetzungsvarianten sind zum Einen, dass die Texte im Laufe der Zeit oft abgeschrieben wurden und dabei Übertragungsfehler unterlaufen konnten und zum Anderen wurden an einigen Stellen bewusst Ergänzungen und Auslassungen vorgenommen. Letzteres gilt es in diesem Schritt zu ergründen. Zum Vergleich stehen die Auslegung des masoretischen Textes (MT), auf die sich auch die Elberfelder Übersetzung stützt und die der Septuaginta (LXX).

In Gen 6,7 der MT Fassung steht: „…da reute es den Ewigen, daß er die Menschen auf Erden geschaffen,…“. Während die LXX an dieser Stelle das Wort „reuen“ weglässt: „…da nahm es sich Gott zu Herzen, dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte,…“. Hier wurde vermutlich bewusst die Aussage vermieden, Gott bereue die Schöpfung des Menschen und damit seine eigene Tat. Mit dieser Auslassung wird gezielt eine theologische Aussage getroffen, um einem Konflikt zu entgehen. Dadurch lässt sich vermuten, dass hier die LXX etwas überarbeitet wurde und der MT die ursprüngliche Lesart ist.

Während in der MT Übersetzung der Eigenname „Arche“ verwendet wird, benutzt die LXX die wörtliche Übersetzung „Kasten“ (z.B. Gen 6,14). Nach der Regel lectio difficilior lectio probabilior ist die schwierigere Lesart des MT als wahrscheinlicher zu bewerten.[1] Eine weitere auffällige Abgrenzung gibt es in Gen 6,18. Während der MT von einem „Bund“ spricht, den Gott mit Noah eingehen will, ist in der LXX von einer „Verfügung“ die Rede, die Gott für Noah aufstellt. Mit dem Wort „Verfügung“ hat die LXX einen Begriff gewählt, der in der Sprache des griechischen Rechts die letztwillige Verfügung meint. Diese Wortwahl verstärkt gegenüber der des MT nochmal die Rolle Gottes. Es scheint fast eine einseitiges Versprechen zu sein, was Gott Noah gibt.[2]

Aus diesen Gründen lässt sich vermuten, dass der masoretische Text der ursprüngliche Text ist.

2.2 Der literarische Zusammenhang

Die Urgeschichte (Gen 1-11) umfasst grundlegende Texte über das Verhältnis von Gott und Mensch. Anders als die darauffolgenden Erzelternerzählung (Gen 12-35), betreffen die Erzählungen der Urgeschichte die gesamte Menschheit. Die Sintfluterzählung ist der größte Erzählblock der Urgeschichte. Sie markiert das Ende der ersten Epoche der Menschheit, die Welt vor der Sintflut und gleichzeitig den Beginn einer zweiten Epoche, die Welt nach der Sintflut, welche bis heute andauert.[3] Diese neue Epoche der Menschheit bringt „neue Formen kosmischer und sozialer Ordnung mit sich.“[4] Denn die Zeit vom Sündenfall bis vor der Sintflut gilt als eine sündhafte und gewaltvolle Zeit, wie vor allem Gen 6,5 zeigt: „Und der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag.“

Gleichzeitig handelt die Geschichte auch von einem Neubeginn durch die Rettung Noahs und seiner Familie und der damit zusammenhängenden Wiederherstellung der Schöpfung.[5] In Gen 8,21 akzeptiert Gott, dass der Mensch von seiner Jugend an böse ist und geht daraufhin einen Bund mit Noah ein, indem er ihm verspricht nie mehr eine Sintflut über die Welt zu bringen. Zusätzlich entsteht in der nach-sintflutlichen Zeit eine neue Ordnung, die Gott durch „Gebote zum Schutz des Lebens“ erlässt (Gen 9,4-6) und damit die Zusage einer nachhaltigen Bewahrung der Schöpfung gibt.[6]

Bei der Fluterzählung handelt es sich um eine geschlossene Einheit. Die Erzählung, die sich von Gen 6,5-9,17 erstreckt, ist in sich schlüssig, jedoch steht sie insgesamt in einem größeren Zusammenhang in der Urgeschichte. So sind hier vor allem die Parallelen und Bezüge zur Schöpfungsgeschichte (Gen 1f) zu nennen. Aber auch inhaltlich wird z.B. die Thematik des Sündenfalls (Gen 3) oder des Brudermordes (Gen 4) aufgegriffen, um den hohen Grad der Bosheit der Menschen aufzuzeigen. Auch der Aufbau dieser vorangehenden Texte wird in der Sintfluterzählung aufgegriffen: Gott bestraft die Vergehen der Menschen und durchbricht diese Strafen jedoch wieder, bedingt durch die große Zuneigung, die er zu den Menschen verspürt. Um den Text in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen, muss man also die vorausgehenden Erzählungen der Urgeschichte beachten.[7] Dies wird im Kapitel zur Literarkritik noch näher untersucht.

2.3 Abgrenzung des Textes:

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, wo sich der Anfang der Sintfluterzählung befindet. Daran lässt sich bereits erkennen, dass es keine eindeutigen Indizien für einen Orts- oder Personenwechsel gibt, durch welche sich die Erzählung deutlich abgrenzen würde. Eine Möglichkeit ist, dass die Erzählung bei Gen 6, 1-4 beginnt. Dabei handelt es sich um die Kurzerzählung „Göttersöhne und Menschentöchter“. Diese Erzählung bildet laut Kapiteleinteilung den Anfang der Sintfluterzählung. Inhaltlich sieht man jedoch nur kaum einen Zusammenhang zwischen den beiden Erzählungen. Es gibt Theorien, die besagen, dass die Sünden der Menschentöchter und Göttersöhne (Gen 6,2: „…und sie nahmen sich von ihnen allen zu Frauen, welche sie wollten.) als eine Art Illustration der Verderbtheit der Menschen dienen soll und somit einleitend sei für Gottes Entschluss die Menschheit auszulöschen (Vgl. Gen 6,7).[8] Doch von den meisten Autoren wird ein Zusammenhang zwischen den beiden Geschichten bestritten, da nicht explizit von der Schuld der gesamten Menschheit die Rede ist, was eine so drastische Maßnahme wie voraussetzen würde.[9]

Eine weitere Möglichkeit ist es den Anfang bei der Toledotformel in Gen 6,9 zu sehen: „Dies ist die Generationenfolge Noahs…“. Zwar wirkt diese Stelle tatsächlich wie der Beginn einer neuen Erzählung, allerdings lässt sich dies ganz leicht damit erklären, dass in die biblische Sintfluterzählung zwei verschiedene Versionen der Flutmythologie eingegangen sind und es daher zu der Doppelung kommt. Auf diesen Aspekt wird später noch genauer eingegangen.

Die dritte und gleichzeitig am verbreitetsten Variante, für die auch ich mich in dieser Exegese entschieden habe, ist die Erzählung in Gen 6,5 beginnen zu lassen. Denn geht man von einer Zäsur nach V4 aus, beginnt die Erzählung mit einem neuen Handlungszusammenhang und einer neuen Thematik: Gott beschließt eine Sintflut über die Menschheit zu bringen, da er feststellt, dass die gesamte Menschheit von Grund auf böse ist.

Der Schluss der Sinfluterzählung befindet sich fast umumstritten bei Gen 9,17. Durch den Bund, den Noah mit Gott eingeht, wird der Handlungszusammenhang und die Thematik zu einem Ende geführt. Jedoch gibt es auch hier eine Doppelung des Schlussteils. Bereits in Gen 8,22 findet die Erzählung, mit dem Brandopfer das Noah Gott machte, ein vorläufiges Ende. Doch es folgt eine längere Gottesrede (Gen 9,1-17), die nochmal einen anderen sachlichen Schwerpunkt setzt.[10]

Diese Doppelungen am Anfang und am Schluss weisen daraufhin, dass sich die gesamte Sintfluterzählung über einen doppelten Rahmen erstreckt. Welche markanten Eigenschaften die jeweiligen Bögen aufweisen wird im Kapitel zur Redaktionsgeschichte genauer erläutert. Nach der Sintfluterzählung folgt die Erzählung „Noahs Fluch und Segen“, die zwar die gleichen Protagonisten wie die Sintfluterzählung hat, jedoch wird hier eine neue Thematik angebrochen.

[...]


[1] Vgl. Kreuzer, Proseminar, 46.

[2] Vgl. Erläuterungen und Kommentare Septuaginta Deutsch, S. 170.

[3] Vgl. Schüle, Die Urgeschichte, S. 118.

[4] Schüle, Urgeschichte (2008).

[5] Vgl. Ruppert, Genesis, S. 297.

[6] Vgl. Schüle, Die Urgeschichte, S. 119f.

[7] Baumgart, Sintflut/ Sintfluterzählung (2005).

[8] Vgl. Petersen, Mythos im Alten Testament, 246.

[9] Vgl. Ruppert, Genesis, S. 265.

[10] Vgl. Schüle, Die Urgeschichte, S. 121.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Exegese von Genesis 6,5-7,6. Die Sintfluterzählung
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Einführungsseminar
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V341528
ISBN (eBook)
9783668314931
ISBN (Buch)
9783668314948
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bibel, altes testament, genesis, exegese
Arbeit zitieren
Leonie Schneider (Autor), 2015, Exegese von Genesis 6,5-7,6. Die Sintfluterzählung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341528

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