Diese Arbeit widmet sich dem Versuch, zwei Theorierichtungen zu betrachten, deren Gemeinsamkeiten und gegenseitige Ergänzungsfähigkeit im wissenschaftlichen Diskurs bislang keine Beachtung gefunden haben. Hierbei handelt es sich um die Phänomenologie und die Psychoanalyse.
Um diese vergleichend zu diskutieren, wird eine der Grundfragen der Geschlechterforschung, die Herstellung von Geschlecht, aus beiden Perspektiven heraus betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Gesa Lindemann: Das paradoxe Geschlecht - Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl
2. Karin Flaake: Körper, Sexualität und Geschlecht – Studien zur Adoleszenz junger Frauen
3. Die Herstellung des Geschlechts
3.1 Herstellung des Geschlechts über den Körper
3.1.1 Körpererleben
3.1.2 Menstruation
3.2 Begehren und Sexualität
3.3 Aneignungsprozesse
4. Exkurs: Die Geschlechterdifferenz
5. Versuch eines integrierendes Ansatzes
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Möglichkeiten einer interdisziplinären Verknüpfung von Phänomenologie und Psychoanalyse am Beispiel der "Herstellung von Geschlecht" zu untersuchen. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob und wie diese beiden Theorierichtungen, die bisher eher getrennt voneinander diskutiert werden, Gemeinsamkeiten aufweisen und sich gegenseitig in ihrem Erkenntnisgewinn ergänzen können, um die soziale Konstruktion des Geschlechts besser zu verstehen.
- Theoretische Grundlagen der Phänomenologie (Lindemann) und Psychoanalyse (Flaake)
- Bedeutung des Körpers und des Körpererlebens für die Geschlechtsidentität
- Rolle der Sexualität und des Begehrens in der Geschlechtsherstellung
- Adoleszenz und Aneignungsprozesse als kritische Phasen der Vergeschlechtlichung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Körpererleben
Im Zusammenhang mit dem Körpererleben nimmt Lindemann den Begriff der „Inselstruktur des körperlichen Leibes“ von Schmitz (1965, 25) auf. Die Leibinseln beschreiben Regionen, die relativ zu anderen Regionen zu sehen sind. Gerade diese Relativität macht sie körperlich und damit an das Hier-Jetzt gebunden.
„Leibinseln sind, wie Schmitz (1965: §54) gezeigt hat, nicht einfach da oder nicht da, sondern bilden ein Gefüge, dessen Bestandteile - die einzelnen Leibinseln - und Struktur - die Gesamtheit des körperlichen Leibes - hinsichtlich ihres Seins veränderbar sind. Leibinseln können sich in ihrer Größe ausdehnen, mehr oder weniger aufdringlich gespürt werden oder auch ganz verschwinden.“ (Lindemann 2011, 207)
Hierbei wird der Körper, den eine Person hat, als eine bestimmte Raum-Zeit-Stelle definiert, während der Leib, der eine Person selbst ist, ein absoluter Ort ist, also ein nicht-relativierbares Hier-Jetzt darstellt. Der körperliche Leib bezeichnet den Zerfall des Leibes in mehrere Orte, wenn er von innen gespürt wird, dabei aber nicht zum Körper wird (vgl. ebd. 56).
Es muss bedacht werden, dass die Verschränkung von Körper und Leib vor allem eine Verschränkung von einem von Wissen und Symbolstrukturen durchzogenen Körper und Leib ist (vgl. ebd. 36). Der Körper wirkt auf den Leib wie ein Programm, dass Empfindungen und Verhalten vorbestimmt (vgl. ebd. 39). Dieser programmatische Charakter findet sich auf mehreren Ebenen: „Die Körperformen werden für die leibliche Erfahrung verbindlich, damit einher geht die programmatische Anforderung an die Form des auf die Umwelt Gerichtetseins und schließlich wird über den Körper für den Leib die Fülle von Sachverhalten und Normen verbindlich, die ein Leben in einem Geschlecht charakterisieren“ (ebd. 64). Das Spüren der Leibinseln wird dann nach diesen Vorgaben gemäß der Ordnung des objektivierten Geschlechts strukturiert und kann sich dabei auch gegen den bewussten Willen eines Individuums stellen (vgl. ebd. 58). Um also ein männliches Gefühl zu haben, muss der eigene körperliche Leib an einer Stelle gespürt werden, die mit dem Symbol des Mannseins zusammenfällt, oder darf dieser Symbolik zumindest nicht widersprechen (vgl. ebd. 63).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gesa Lindemann: Das paradoxe Geschlecht - Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl: Dieses Kapitel stellt die phänomenologische Studie von Gesa Lindemann vor, die Transsexualität nutzt, um die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts zu analysieren.
2. Karin Flaake: Körper, Sexualität und Geschlecht – Studien zur Adoleszenz junger Frauen: Hier wird die psychoanalytische Studie von Karin Flaake eingeführt, die die Entwicklung von Mädchen in der Adoleszenz und die Bedeutung von Körperlichkeit und Sexualität untersucht.
3. Die Herstellung des Geschlechts: Dieses Hauptkapitel synthetisiert die Erkenntnisse beider Studien, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Entstehung von Geschlechtlichkeit aufzuzeigen.
3.1 Herstellung des Geschlechts über den Körper: Es wird analysiert, wie der Körper als geschlechtsrelevantes Zeichen fungiert und wie die Differenzierung in Mann und Frau durch gesellschaftliche Praktiken erfolgt.
3.1.1 Körpererleben: Dieses Unterkapitel beleuchtet, wie der körperliche Leib und das Erleben von Leibinseln durch das "Programm" des objektivierten Geschlechts strukturiert werden.
3.1.2 Menstruation: Die Menstruation wird als eine besondere Form der leiblichen Erfahrung untersucht, die das Geschlecht symbolisch festigt und in den Leib einschreibt.
3.2 Begehren und Sexualität: Hier wird erörtert, wie das sexuelle Begehren die Geschlechterdifferenz im System von Gleich- und Verschiedengeschlechtlichkeit wechselseitig bedingt und organisiert.
3.3 Aneignungsprozesse: Dieses Unterkapitel untersucht die bewussten und unbewussten Prozesse, durch die Individuen (insbesondere Transsexuelle und adoleszente Mädchen) ihr Geschlecht aktiv oder durch Sozialisation erwerben.
4. Exkurs: Die Geschlechterdifferenz: Dieser Exkurs vertieft die strukturelle Unterscheidung der Geschlechter anhand von Dichotomisierungsregeln und asymmetrischen Körpermerkmalen.
5. Versuch eines integrierendes Ansatzes: Das Kapitel skizziert einen ersten Entwurf, wie phänomenologische und psychoanalytische Ansätze methodisch zusammengeführt werden können.
Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Möglichkeiten sowie Grenzen einer interdisziplinären Geschlechterforschung.
Schlüsselwörter
Geschlechterforschung, Phänomenologie, Psychoanalyse, Herstellung von Geschlecht, Körpererleben, Adoleszenz, Transsexualität, Leib, Begehren, Sozialisation, Identität, Geschlechterdifferenz, Interdisziplinarität, Körperlichkeit, Sexualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Geschlecht als soziale Konstruktion hergestellt wird, indem sie die phänomenologische Perspektive von Gesa Lindemann und die psychoanalytische Perspektive von Karin Flaake miteinander vergleicht und integriert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Körpers und des leiblichen Empfindens, die Bedeutung der Sexualität und des Begehrens sowie die psychischen und sozialen Aneignungsprozesse während der Adoleszenz und bei Geschlechtsveränderungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass sich die Ansätze von Phänomenologie und Psychoanalyse in der Geschlechterforschung ergänzen können, um ein tieferes Verständnis für die Entstehung von Geschlechtlichkeit zu gewinnen.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden theoretischen Ansatz, der zwei exemplarische empirische Studien (Lindemann 2011 und Flaake 2001) einer kritischen Analyse unterzieht und diese unter einer interdisziplinären Fragestellung zusammenführt.
Welche zentralen Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Herstellung von Geschlecht über den Körper (inklusive Körpererleben und Menstruation), das Begehren als systembildendes Element sowie die spezifischen Aneignungsprozesse bei Transsexuellen und jungen Frauen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Geschlechterforschung, Phänomenologie, Psychoanalyse, Körpererleben, Adoleszenz, Transsexualität, Leib und Aneignungsprozesse.
Wie genau hilft die Phänomenologie beim Verständnis der Geschlechterherstellung?
Die Phänomenologie, insbesondere nach Lindemann, beschreibt, wie das Geschlecht in den Leib eingeschrieben wird und der Körper als "Programm" fungiert, das unser Erleben und unsere Wahrnehmung von Männlichkeit und Weiblichkeit normativ bestimmt.
Welchen Beitrag leistet die Psychoanalyse in Bezug auf die Familiendynamik?
Die Psychoanalyse nach Flaake verdeutlicht, wie unbewusste Wünsche, Phantasien und die Beziehung zu den Eltern – besonders zur Mutter – die Aneignung weiblicher Identität während der Adoleszenz und den Umgang mit dem eigenen Körper maßgeblich prägen.
- Citar trabajo
- Janina Jaeckel (Autor), 2013, Geschlechterforschung aus phänomenologischer und psychoanalytischer Perspektive, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353229