Die „Sesame Street“ und ihr Einfluss auf das Selbstbild benachteiligter Kinder. Kompensatorisches Fernsehen in der Bildungspolitik


Seminararbeit, 2012
15 Seiten, Note: 1
Sarah G. (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kompensatorische Erziehung
2.1. Begriffsklärung
2.2. Ziele
2.3. Das Ziel des positiven Selbstbildes

3. Die Fernsehsendung „Sesame Street“
3.1. Historischer Hintergrund und Entwicklung der Vorschulserie
3.2. Die Konzeption
3.3. Die Philosophie

4. Die Umsetzung des positiven Selbstbildes in der „Sesame Street“

1. Einleitung

„Sunny Day / Sweepin' the clouds away / On my way to where the air is sweet / Can you tell me how to get / How to get to Sesame Street?” [1]

Mit diesen Worten wird seit bereits 43 Jahren[2] die Vorschulsendung Sesame Street in den USA eröffnet. Sie ist beliebt bei Eltern, Pädagogen und bei den Kindern selbst. Doch welches Konzept steckt hinter dieser erfolgreichen Fernsehsendung und welches Selbstbild von benachteiligten Kindern wird hierbei vermittelt?

Im Zuge des Proseminars „Menschenbilder und -konstruktionen - Anthropologie und Erziehung in den USA unter besonderer Bezugnahme auf den Pragmatismus und John Dewey“ beschäftigt sich diese Proseminararbeit mit dem Konzept der kompensatorischen Erziehung und versucht dabei das Selbstbild benachteiligter Kinder am Beispiel der amerikanischen Fernsehsendung Sesame Street näher zu hinterfragen. Im Laufe des Studiums der Bildungswissenschaften der Autorin konnte sie bereits eine Forschungsarbeit zum Thema der kompensatorischen Erziehung am Beispiel des Head Start Programms verfassen, in der sie konkret die kompensatorische Wirkung und Zielumsetzung kompensatorischer Erziehung des Head Start Programms betrachtete. In dieser Arbeit wird, auf der Grundlage der kompensatorischen Erziehung, das Selbstbild benachteiligter Kinder am Beispiel der Sesame Street analysiert.

Mit der Forschungsfrage: „Inwiefern konnte das angestrebte Ziel des positiven Selbstbildes benachteiligter Kinder in der kompensatorischen Fernsehsendung Sesame Street umgesetzt werden? “ wird zunächst dargestellt, welches Selbstbild das Konzept der kompensatorischen Erziehung anstrebt, um anschließend hinterfragen zu können, wie dieses in der Sesame Street umgesetzt wurde. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht folglich die Darstellung des Selbstbildes sozial benachteiligter Kinder.

Viele Autoren/innen haben sich sowohl dem Thema der kompensatorischen Erziehung als auch speziell dem Thema der Vorschulsendung Sesame Street angenommen. Im öffentlichen Diskurs steht aktuell das Thema der Bildungspolitik in den USA. Durch die beginnende Wirtschaftskrise 2008 in den USA stieg bis heute die Arbeitslosigkeit stetig an, weshalb 2009 20,7 Prozent der Kinder unter 18 Jahren unter der Armutsgrenze in den USA lebten[3]. Demnach lebt über ein Fünftel aller Kinder in Armut und besitzt somit eine schlechtere Chance auf Bildung. Je größer die Schere zwischen Armut und Reichtum wird, desto größer wird das Problem für Familien, ihren Kindern eine Chance auf Bildung zu ermöglichen. Das Konzept der kompensatorischen Erziehung und besonders die eigens dafür entwickelte Fernsehsendung Sesame Street, welche das Bildungsfernsehen revolutionierte und nach über 40 Jahren noch immer Kindern aus Randgruppen als Bildungsplattform dient, gewinnt in diesen Zeiten wieder umso mehr an Bedeutung.

Zur Bearbeitung der vorausgehenden Forschungsfrage wird die hermeneutische Methode verwendet. Mit Hilfe dieser kann auf vorangegangene wissenschaftliche Studien und Arbeiten verstehend, interpretierend und analysierend eingegangen werden um sich analytisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Laut Koller ist der Hauptgegenstand der hermeneutischen Methode das „Verstehen“. Er behauptet, dass „pädagogische Sachverhalte und Phänomene, denen Bedeutungen zugeschrieben werden (…) ohne Kenntnis dieser Bedeutungen gar nicht angemessen zu begreifen sind.“ [4] Somit muss ich, um meine Forschungsfrage beantworten zu können, das Wesen kompensatorischer Erziehung sowie das Selbstbild benachteiligter Kinder analysieren und verstehend interpretieren.

In dieser Arbeit wird zunächst eine kurze Einleitung verfasst und in dieser das Interesse für das Thema der Arbeit vorgestellt. Der zweite Teil setzt sich mich mit dem Konzept der kompensatorischen Erziehung auseinander. Zunächst wird im ersten Unterkapitel die Begriffe der kompensatorischen Erziehung definiert und weiterführend die Ziele kompensatorischer Erziehung vorgestellt. Anschließend betrachte die Arbeit das Ziel des positiven Selbstbildes genauer. Im dritten Teil wird die Fernsehsendung „Sesame Street“ als ein Beispiel kompensatorischer Erziehung vorgestellt. Dabei veranschaulicht die Autorin zunächst in den ersten zwei Unterkapiteln den historischen Hintergrund, die Entwicklung der Vorschulsendung Sesame Street und das Konzept. Das letzte Unterkapitel widmet sich speziell der Philosophie der Fernsehendung. Der vierte Teil der Arbeit wird sich abschließend der gestellten Ausgangsfrage konkret zuwenden und die erarbeiteten Ergebnisse nochmals zusammenfassen.

2. Kompensatorische Erziehung

Das zentrale Problem der aktuellen US-amerikanischen Bildungspolitik beinhaltet die Frage, inwieweit etwas geschehen muss, damit die schlechten Startchancen von Kindern aus sozialen Randgruppen mit Hilfe spezieller Erziehungsprogramme ausgeglichen werden können[5]. In dieser Diskussion wird vielfach auf das in den USA entwickelte Konzept der Fernsehsendung Sesame Street verwiesen, welches als ein Beispiel kompensatorischer Programme in dieser Arbeit analysiert wird.

2.1. Begriffsklärung

Bevor das Konzept der Vorschulserie betrachtet werden kann, ist es notwendig zunächst zu klären, was unter dem Begriff der kompensatorischen Erziehung zu verstehen ist. Im Pädagogik Lexikon ist folgende Definition auf zu finden:

„[Kompensatorische Erziehung ist der] Ausgleich von Erziehungs- und Bildungsdefiziten bei Einzelnen, Gruppen oder ganzen Bevölkerungsgruppen durch öffentlich oder private Einrichtungen und Angebote. [Der] Ausgleich von Nachteilen gleich welcher Art durch Erziehung und Programmen kompensatorischer Förderung gehört zum tradierten Selbstverständnis der Pädagogik. Kompensatorische Erziehung bezeichnet i.d.R. nach 1960 im engeren Sinne und international pädagogischen Programmen, die kognitive, sprachliche oder andere Nachteile der sozialen Herkunft ausgleichen sollten.[Kompensatorische Erziehung wurde] schwerpunktmäßig für die Phase der frühen Kindheit, der Vor- und Pflichtschulzeit entwickelt und v.a. in Maßnahmen der Sprachförderung, des sozialen Lernens und des Nachholens von Basiskompetenzen ausgearbeitet, aber auch durch Vorgaben für Muster integrativer Beschulung entwickelt […]. „[6]

Folglich sollen Erziehungs- und Bildungsdefizite schwerpunktmäßig in der Vor- und Hauptschulzeit benachteiligter Kinder mit Hilfe von speziell entwickelten Programmen ausgeglichen werden.

Im weiterführenden Kapitel werden die Ziele der kompensatorischen Erziehung genannt, welche für die Umsetzung der angestrebten und ausgleichenden Bildungsprogramme als Grundstein dienen sollen.

2.2. Ziele

Kompensatorische Erziehung ist ein Teil im vielseitigen Konzept zur Überwindung von Armut. Es ist dabei wichtig, konkrete Ziele festzulegen, um den „Kampf gegen die Armut“ gewinnen zu können. Dementsprechend lassen sich bei du Bois- Reymond[7] folgende Ziele bestimmen:

1. die Reichweite kindlicher Erfahrungen erweitern;
2. Vokabular und Fähigkeit zur verbalen Kommunikation erhöhen;
3.Interessen fördern und Fähigkeiten entwickeln, Informationen zu suchen und aufzunehmen;
4. Fähigkeiten im Zuhören entwickeln;
5. Fähigkeiten in audiovisueller Diskriminierung hervorheben;
6. Fähigkeiten im Begreifen von Beziehungen entwickeln;
7. ein positives Selbstbild entwickeln;
8. Befriedigungsmöglichkeiten aus neuen Erfahrungen und Aufgabenvollendungen vorgeben;
9. Modelle und Fähigkeiten zur positiven und konstruktiven Steuerung des eigenen Verhaltens bereitstellen und vermitteln;
10. eine richtige Einstellung zur Gesundheit und hygienischen Gewohnheit vermitteln und die notwendige Gesundheitsbetreuung einrichten;
11. soziale Fähigkeiten und Einstellungen entwickeln, die wichtig für den Schulerfolg sind;
12. eine Umgebung schaffen mit vielen Möglichkeiten für Kinder und Eltern, Erfolg zu erleben;
13. die Fortschritte des Kindes sichern und die Familie durch direkte und intensive Elternarbeit stärken;
14. bei den Eltern das Verständnis wecken und Fähigkeiten entwickeln, die sie zur aktiven Kooperationen in der Erziehung des Kindes befähigen.

Diese Zielvorstellungen kompensatorischer Erziehung, wie sie in den USA betrieben wird, setzen voraus, dass die Programme die intellektuellen und emotionalen Bereiche eines Kindes einbeziehen, die später für das Schulleben und dessen Anforderungen wichtig sein können[8]. Ein wichtiger Bereich, an dem das Konzept der kompensatorischen Erziehung ansetzt, ist der emotionale Bereich der Kinder. Aus diesem Grund betrachte das folgende Kapitel das Ziel des positiven Selbstbildes detaillierter.

2.3. Das Ziel des positiven Selbstbildes

Das Selbstbild eines Kindes ist ein wesentlicher Grundstein für die persönliche und emotionale Entwicklung. Es ist wichtig, „den sozial benachteiligten Kindern ein positives Selbstbild zu vermitteln, da sie in ihrer Familie und Nachbarschaft meist nur Herabsetzung ihres Selbstwertgefühls erfahren.“[9]

Durch die Unterscheide wie Hautfarbe, Religion oder Kultur werden sie ausgegrenzt. Auch durch die ärmlichen Verhältnisse, in denen sie leben, werden sie ungenügend versorgt und von den Eltern oftmals als Belastung bzw. als Grund für die Armut angesehen.[10] Folglich fühlen sich die Kinder wertlos, schuldig und ausgegrenzt. Dies führt zur Missachtung der eigenen Person, zur Isolierung oder zu aufkommenden Gewalttaten.

Es ist laut Fatke[11] wichtig, dass die Verfasser der kompensatorischen Konzepte auftretende Konflikte versuchen zu beseitigen. Es muss die Akzeptanz der kulturellen Unterschiede sowie eine Ermutigung zu sprachlichen Äußerungen gefördert werden. Desweiteren ist es für den Aufbau eines positiven Selbstbildes wichtig, dass den benachteiligten Kindern besondere Zuwendungen zukommen, zum Beispiel indem sie gelobt werden, aber auch wiederum bei Fehlern verbessert und gefördert werden. Somit erlernt das Kind ein Gefühl seiner eigenen Wertschätzung. Desweiteren ist das Ermutigen zu Gesprächen von großer Bedeutung. Die benachteiligten Kinder sollen in Gesprächen untereinander und mit den Erwachsenen erfahren und ausprobieren, aus sich herauszugehen. Dabei ist es wichtig, dass diese Kinder konkret ihren Namen wiederholt in den Gesprächen verwenden und Gespräche mit „Mein Name ist... „ beginnen. Der Name eines Kindes steht durchaus in einem engen Zusammenhang mit seiner Selbsterfahrung und -sicherheit. Ein letzter und wichtiger Aspekt für die Verbesserung des Selbstbildes ist das Verwenden von Rollenspielen. Das Verkleiden und das „tun als ob“ erhöht das Selbstwertgefühl und verstärkt das Selbstvertrauen. Mit Hilfe der Übernahme von bestimmten Rollen können besonders benachteiligte Kinder ihren Eltern signalisieren, was für sie bedeutsam ist und dies ermöglicht den Eltern folglich einen Einblick in das Innere des Kindes.

Ein Programm der kompensatorischen Erziehung, welches große Anerkennung in den letzten Jahrzehnten erfuhr, ist die Fernsehsendung „Sesame Street“. Im zweiten Abschnitt dieser Arbeit wird das Konzept dieser Sendung näher betrachtet.

[...]


[1] Feinstein, Phylis: Alles über Sesame Street. Die Geschichte einer revolutionären Fernsehreihe für Kinder.- München: Heyne, (1972), S. 61

[2] Vgl. Iben, Gerd: Kompensatorische Erziehung. Analysen amerikananischer Programme. - München: Juventa- Verlag, (1971), S. 52

[3] National Poverty Center: Poverty in the United States. Online im Internet: URL: http://www.npc.umich.edu/poverty [ Stand 08.02.2012]

[4] Koller, Hans-Christoph: Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung. – Stuttgart: W. Kohlhammer, (2009), 4. Aufl., S. 203

[5] Vgl. Du Bois-Reymond, Manuela : Strategien kompensatorischer Erziehung. Das Beispiel der USA. - Frankfurt a. Main: Suhrkamp, (1973), 2. Aufl., S. 110

[6] Tenorth, Heinz- Elmar; Tippelt, Rudolf: Beltz Lexikon Pädagogik.- Weinheim und Basel: Beltz Verlag (2007), S. 413

[7] Vgl. Du Bois-Reymond, Manuela : Strategien kompensatorischer Erziehung. Das Beispiel der USA. - Frankfurt a. Main: Suhrkamp, (1973), 2. Aufl., S. 135f

[8] Vgl. Du Bois-Reymond, Manuela : Strategien kompensatorischer Erziehung. Das Beispiel der USA. - Frankfurt a. Main: Suhrkamp, (1973), 2. Aufl., S. 110

[9] Iben, Gerd: Kompensatorische Erziehung. Analysen amerikananischer Programme. - München: Juventa- Verlag, (1971), S. 36

[10] Vgl. ebd. , S. 37

[11] Vgl. zu diesem Absatz: Fatke, R.: Psychohygienische Probleme der Förderung sozial benachteiligter Kinder. In: Zeitung für Pädagogik, (1970), Heft 1, S. 65-82

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die „Sesame Street“ und ihr Einfluss auf das Selbstbild benachteiligter Kinder. Kompensatorisches Fernsehen in der Bildungspolitik
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V354788
ISBN (eBook)
9783668408371
ISBN (Buch)
9783668408388
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sesamstraße, Bildungspolitik, Vorschulbildung, Kompensatorische Erziehung
Arbeit zitieren
Sarah G. (Autor), 2012, Die „Sesame Street“ und ihr Einfluss auf das Selbstbild benachteiligter Kinder. Kompensatorisches Fernsehen in der Bildungspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354788

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