Eine multidisziplinäre Einführung in Human- und Gesellschaftswissenschaften. Das Phänomen Burnout


Hausarbeit, 2016

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Einordnung des Phänomens Burnout
2.2 Gesellschaftspolitische Ursachen und individuelle Konsequenzen
2.3 Der Aspekt der Veränderung

3 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ich wünschte, ich könnte Burnout bekommen. Ich fühle mich so unendlich leer und ausgebrannt, dass ich hoffe, dass man es bald von außen sehen kann und ich zuhause bleiben muss. Aber dann stehen da meine Schüler und ich mache einfach weiter.“ So beginnt ein Gespräch mit einer Kollegin an meiner Schule. Sie lässt sich neben mir auf den ungemütlichen Stuhl sinken und seufzt tief, bevor sie anfängt zu sprechen.

Ich bin Lehrerin an einer berufsbildenden Schule und dort unter anderem Personalrätin. Aber die Kollegin, die so neben mir oder mit mir sprach, sprach mich nicht in irgendeiner Funktion an, sondern erzählte mir etwas und es klang, als müsse ich ganz selbstverständlich wissen, wie sich das anfühlt. Und ich gebe zu, das erste, was ich dazu dachte war: „Woher weiß sie denn so genau, wie ich mich fühle?“

Einige Tage später las ich einen Artikel zum Thema Burnout im Internet. Ein Professor, dessen Namen ich nicht mehr weiß, schrieb sinngemäß, dass er nicht recht wisse, wovon die Menschen Burnout hätten. Die permanente Erreichbarkeit, Handys, E-Mails usw., das könne es nicht sein, denn noch vor wenigen Jahrzehnten hätten die Menschen überall und zu jeder Zeit mit den Schweden rechnen müssen – sie lebten praktisch in permanenter Todesangst. Da hätte es auch keinen Burnout gegeben. Und ich fühlte mich ertappt, auch so eine lamentierende (Neckel und Wagner 2014, S. 541) Schreibtischtäterin zu sein, die ohnehin nur vormittags arbeiten muss.

Meine innere Haltung zum Thema Burnout ist ein permanenter Diskurs angefeuert vom täglichen Erleben, den eigenen Erschöpfungszuständen und der Sehnsucht nach Klarheit. Ich suche Klarheit über die Symptome, die Begrifflichkeit selbst, die Einordnung, die Frage nach der Echtheit des Syndroms oder über die Stichhaltigkeit der Position, dass Burnout als Modeerscheinung abzutun ist und bin hoch intrinsisch motiviert, den angesprochenen Fragen in den folgenden Abschnitten nach zu gehen.

2 Hauptteil

2.1 Einordnung des Phänomens Burnout

Für den Umgang mit Burnout durch das Individuum und die gesellschaftspolitischen Konsequenzen des Massenphänomens ist die Einordnung durch die Krankenversicherungsträger vielleicht nicht von vorrangigem Interesse. Dennoch soll vorab ein Bild davon gezeichnet werden, wie der Burnout in das Bewusstsein der Allgemeinheit vorgedrungen ist und warum dieser zum Teil anders wahrgenommen wird, als zum Beispiel andere psychische Leiden. Auch die Situiertheit in den unterschiedlichen Disziplinen soll betrachtet werden.

In den Medien wird der Burnout inzwischen als Modeerscheinung vor allem der Führungsebenen kritisiert. Dabei leiden Menschen aller Berufsoder Sozialgruppen unter dem Zustand der totalen körperlichen und geistigen Erschöpfung (Neckel und Wagner 2014, S. 537). Die Weltgesundheitsorganisation hat für diesen Zustand keine psychische Erkrankung festgestellt, sondern ordnet die Symptome einem „Problem der Lebensbewältigung“ nach ICD10 (WHO 2016) zu. Man erkennt allerdings deutliche Parallelen zu den Symptomen einer Depression, sodass sich diese oft schwer voneinander abgrenzen lassen (Voss und Weiss 2014, S. 37), wenngleich das Stigma einer Depression ausbleibt. Konsens besteht unter Medizinern, Psychologen und Sozialwissenschaftlern darüber, dass der Burnout ein „meist arbeitsbedingtes Erschöpfungssyndrom“ (Neckel und Wagner 2014, S. 537) darstellt, welches paradoxer Weise sogar als rühmliches Abzeichen des absoluten Engagements und Arbeitseinsatzes getragen werden kann (Schmidbauer 2012, S. 159).

Nach neuesten Forschungsergebnissen lässt sich der Burnout durch drei Komponenten beschreiben: „exhaustion, cynicism, and inefficacy“ (Stoeber und Damian 2015, S. 275/276). Die Ausprägungen und Facetten von Erschöpfung, Zynismus und gefühlter oder reeller Erfolglosigkeit werden im zweiten Abschnitt näher betrachtet.

Unabhängig von unterstellten Moden ist die Entwicklung psychischer Erkrankungen parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen in den Arbeitsund Lebensbedingungen – vor allem der sprunghafte Anstieg in jüngerer Vergangenheit - anhand der Statistiken der Krankenversicherer gut nachvollziehbar (Voss und Weiss 2014, S. 38). Dies legt die Frage nahe, welche Veränderungen in der Lebensund Arbeitswelt das Burnout-Syndrom etwa seit den 1990er Jahre begünstigen?

2.2 Gesellschaftspolitische Ursachen und individuelle Konsequenzen

Während psychische und physische Erschöpfungszustände in den 1970er Jahren vor allem bei sozialen und lehrenden Berufen beobachtet werden konnten zieht sich das Phänomen „Burnout“ – so prägte Freudenberger den Begriff damals – heute durch alle Bereiche der Arbeitswelt und betrifft darüber hinaus genauso Alleinerziehende, wie Angestellte und Arbeiter der nicht-Führungsebene oder Arbeitslose (Neckel und Wagner 2014, S. 536). An dieser Stelle kann – folgt man der soziologischen These, „psychische Leiden als soziale Leiden“ (S. 537) zu verstehen und Exogenität (innere Auswirkung äußerer Umstände) (Ehrenberg 2013, S. 50)zu unterstellen - die Frage gestellt werden, welche Umstände damals vor allem die genannten Berufsgruppen, heute aber fast alle Menschen betreffen und solche umfänglichen Erschöpfungszustände begünstigen. Neckel und Wagner geben umfangreich Auskunft über die gesellschaftspolitischen Veränderungen, die als Ursachen für eine Burnout-begünstigende Umwelt, genannt werden können.

Zuallererst spielt das Schlagwort „Entgrenzung“ in Zweierlei Hinsicht eine offenbar wichtige Rolle. Einerseits findet eine Entgrenzung zwischen Arbeitswelt und Privatleben statt, weil z. B. die digitale Kommunikation eine permanente Erreichbarkeit – auch in der sog. Freizeit – ermöglicht hat und diese quasi auch zur Norm geworden ist, andererseits auch deshalb, weil eine Art von Verbetrieblichung die Organisation und Struktur des Privatlebens übernommen hat, z. B. durch den allgegenwärtigen Wettbewerb (Neckel und Wagner 2014, S. 538/539). Ehemals einzelne, klar begrenzte Wettbewerbssituationen bestimmen nun häufig die soziale Ordnung als Ganzes (S. 539). Ursprünglich dienten Wettbewerbe in den 90er Jahren dazu, Motivation und Engagement zeitlich begrenzt zu befeuern, um wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Inzwischen ist das Ziel jedoch häufig eine permanente Optimierung und Effizienzsteigerung beim Einsatz der Ressourcen. Die Arbeitskraft – nicht mehr unbedingt der Mensch als Person – wird in kürzesten Abständen, manchmal permanent einem Wettbewerb ausgesetzt, in dem sie sich fortlaufend unter Beweis stellen und als wert genug für das Unternehmen darstellen muss, ohne dabei jemals einen Status von endgültiger Sicherheit – also eine Belohnung für die fortwährende Anstrengung - zu erhalten (S. 539). Wettbewerb, der Ressourcen bündeln und durch Ansporn und Motivation vermehren sollte, zehrt diese nun auf, ohne Phasen der Regeneration zuzulassen. Ein eindringliches Beispiel hierfür sind die immer häufiger werdenden befristeten Arbeitsverträge, in denen sich Menschen permanent beweisen, also ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit demonstrieren müssen. Verstärkt wird dieses Gefühl durch den mit Globalisierung legitimierten Druck, der durch engmaschige Kontrollsysteme kommodifizierter Arbeit auf die Belegschaft übertragen wird. Darüber hinaus werden Arbeitsprozesse nunmehr anders bewertet. Projektarbeit suggeriert Freiheit in der Arbeitseinteilung, zieht aber nach sich, dass Mitarbeiter ihre eigenen Kräfte verschleißen, um um jeden Preis ein Ziel zu erreichen, das nicht mehr nach Aufwand (z. B. Arbeitszeit) sondern nur nach finanzieller Einträglichkeit bewertet und beund entlohnt wird. Gleichzeitig können Wettbewerbe in der Regel nur von wenigen Einzelnen „gewonnen“ werden, wobei allzu viele nicht-Gewinner [„Erfolglose“ nach (Stoeber und Damian 2015, S. 276)] demotiviert zurückbleiben und in Sorge um den eigenen Arbeitsplatz trotzdem weiter Höchstleistungen vollbringen wollen und gefühlt müssen, um nicht abgehängt zu werden. Die individuelle Freiheit birgt die Gefahr, dass Mitarbeiter unbezahlte Überstunden machen, länger, mehr und pausenloser arbeiten und dabei nie sicher sein können, ob sie gut genug sind -also besser als die Konkurrenz (Neckel und Wagner 2014, S. 539).

Demzufolge sind es nicht die permanente Anstrengung bzw. der Stress allein, sondern vielmehr eine Menge der genannten Aspekte, die sich zu einer permanenten Anstrengung ohne erreichbares Ziel (Gratifikation, Sicherheit, …) subsumieren lassen (Neckel und Wagner 2014, S. 539).

Trotzdem bleibt zunächst die Frage offen, weshalb sich Menschen in den Mühlen dieses Wettbewerbs aufreiben und ihre persönlichen Ressourcen vollkommen aufzehren. Ein Blick zurück auf die ersten Beobachtungen zum Burnout in den 1970er Jahre, zeigt, dass besonders Personen davon betroffen waren, die sich besonders mit Ihrem Beruf identifizierten, sich darin selbst verwirklichten und ihren persönlichen Wert zum großen Teil am beruflichen Erfolg festmachten (Neckel und Wagner 2014, S. 540). Diese Art der Vulnerabilität war damals vor allem den sozialen Berufen zugeschrieben, findet sich heute aber in allen Wirtschaftszweigen. Schlimmer noch: Identifikation mit dem Job, dem Unternehmen, Engagement als Unternehmer des eigenen Selbst und die intrinsische Motivation sich selbst im beruflichen Erfolg zu verwirklichen sind sogar zu Anforderungen an Arbeitnehmer geworden – sogar zu Einstellungsvoraussetzungen! „Arbeitsethos und Selbstkonzept gehen [dann schnell] ineinander über“ (Graefe 2014, S. 91) und führen dazu, persönlich zu viel Zeit und Ressourcen in die Arbeit zu investieren (Neckel und Wagner 2014, S. 539), ohne entsprechende Erholungsphasen wahrzunehmen oder wahrnehmen zu können.

Weiterhin hat sich eine perfektionistische Veranlagung als begünstigende Komponente bei der Entstehung von Burnout identifizieren lassen (Stoeber und Damian 2015, S. 276).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Eine multidisziplinäre Einführung in Human- und Gesellschaftswissenschaften. Das Phänomen Burnout
Hochschule
Hochschule RheinMain  (Sozialwesen)
Veranstaltung
Arbeit - Eine multidisziplinäre Einführung in Human- und Gesellschaftswissenschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V356551
ISBN (eBook)
9783668427570
ISBN (Buch)
9783668427587
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Burnout, Arbeit
Arbeit zitieren
Maike Gehlert-Orth (Autor), 2016, Eine multidisziplinäre Einführung in Human- und Gesellschaftswissenschaften. Das Phänomen Burnout, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356551

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