Der Schutz durch die Beijing Rules. Entstehung, Bedeutung und die Position Deutschlands


Seminararbeit, 2014

34 Seiten, Note: 11


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einführung

B. Entstehung der Beijing Rules
I. Entstehungsgeschichte der allgemeinen Menschenrechte
II. Geschichte der Kinderrechte
III. Entwicklungsprozess in den 80er Jahren
1. Kongresse der Vereinten Nationen zur Verbrechensverhütung und Behandlung Straffälliger
a) Sechster Kongress zur Verbrechensverhütung in Caracas
b) Siebter Kongress zur Verbrechensverhütung in Mailand
2. Probleme bei der Ausarbeitung

C. Der Schutz durch die Beijing Rules
I. Inhalte der Beijing Rules
1. Erster Teil
a) Das Kindeswohl
b) Das Verhältnismäßigkeitsgebot
c) Anwendungsbereich
2. Zweiter Teil
a) Freiheitsentzug als letztmögliche Maßnahme
b) Diversion
3. Sonstige Regelungsbereiche
a) Resozialisierung
b) Stationäre Maßnahmen
c) Schlussbestimmungen

D. Bedeutung der BR
I. “International Soft Law”
II. Integrale Bestandteile der Beijing Rules in der UN- Kinderrechtskonvention
III. Das Mustergesetz für die Jugendgerichtsbarkeit
IV. Die Bedeutung der Beijing Rules auf europäischer bzw. nationaler Ebene
1. Empfehlungen des Europarates
2. Richtlinien
3. Nationale Ebene
D. Die Position Deutschlands
I. Historischer Überblick
II. Erstes Änderungsgesetz zum Jugendgerichtsgesetz von
III. Herausragende Stellung des deutschen Jugendstrafrechts am Beispiel der Heranwachsenden
IV. Defizite im deutschen Jugendstrafrecht

E. Schluss

Literaturverzeichnis:

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Weidkuhn, Ursina: Jugendstrafrecht und Kinderrechte, Genf 2009

Der Schutz durch die Beijing Rules. Entstehung, Bedeutung und die Position Deutschlands

A. Einführung

Den Vereinten Nationen zufolge leben derzeit 1,8 Milliarden Kinder auf der gan- zen Welt. Mitte 2013 lag der Anteil unter 15-Jähriger auf dieser Erde bei 26%, der Großteil davon lebt auf dem afrikanischen Kontinent. Der Anteil an unter 15- Jährigen liegt dort sogar bei über 41%.1 Ein überwältigender Anteil der Welt- bevölkerung also, der eines besonderen Schutzes bedarf. Es ist offensichtlich, dass kein Mensch mit umfangreicher Erfahrung und Selbsteinschätzung auf die Welt kommt, sondern entwicklungsbedürftig ist. Um diese Entwicklungsbedürftigkeit geht es insbesondere, wenn wir von Kinderrechten reden, ein Recht auf eine nor- male Entwicklung und die Bedingungen, die dafür nötig sind. Denn diese Entwicklung legt den Grundstein für ein Leben als Erwachsener.2 Besonders wichtig ist dieses Recht im Hinblick auf jugendliche Delinquenten. Jene also, die strafrechtlich auffällig werden und gerade deshalb besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Im Folgenden wird die Entwicklung der allgemeinen Menschen- und speziell der Kinderrechte aufgezeigt und wie das aufkommende Kinderrechts- bewusstsein zu internationalen Mindeststandards für die Jugendgerichtsbarkeit führte. Diese Mindeststandards auch Beijing Rules3 (BR) genannt, werden sodann näher vorgestellt, ihre Bedeutung erläutert und die entsprechende rechtliche Lage in Deutschland skizziert.

B. Entstehung der Beijing Rules

Menschenrechte wie wir sie heute kennen, waren lange keine Selbstverständlichkeit sie rühren von stetiger Weiterentwicklung und neuen Erkenntnissen. Im Folgenden soll diese Entwicklungslinie skizziert werden, um zu verstehen, wie wertvoll die neuen Errungenschaften auf dem Gebiet der Menschenrechte sind und wie wichtig kontinuierliche Auseinandersetzung mit ihnen ist.

I. Entstehungsgeschichte der allgemeinen Menschenrechte

Angefangen bei der antiken griechischen Philosophie finden sich Vorläufer der Idee, dass alle Menschen gleich sind. So beschrieben Platon und Aristoteles, den Maßstab jeder politischen Ordnung, als das natürliche Recht, das sich aus dem Wesen des Menschen ergibt.4 Viele Jahre später entdecken wir diesen Gedanken im frühen Christentum wieder, das den Menschen, als Ebenbild Gottes, ein gewis- ses Maß an naturgegebenen Rechten zuspricht. Gefestigte Ideen sogenannter natürlicher Rechte und ein politisches Verlangen danach, sind allerdings erst in der Zeit der Aufklärung zu verorten. Die Ideen von John Locke und Jean Jacques Rousseau beeinflussten die, von Bürgern, die um ihre Rechte wussten und bereit waren diese einzufordern, geprägte Zeit. Die ersten Kodifizierung solcher Rechte sind die “Magna Charta Liberatum” aus dem Jahre 1215, die den Bürgern zwar noch keine individuellen Rechte zugestand, aber dennoch als Vorläufer dieser Idee gilt, die “Habeas-Corpus-Akte” aus dem Jahr 1679, in der Bürger vor grund- loser Verhaftung geschützt wurden und das wohl wichtigste Dokument in der Entwicklung der Menschenrechte, die “Virginia Bill of Rights”. Diese wurde am 12. Juni 1776 in den USA mit direktem Bezug auf die Ideen von John Locke unterzeichnet. Sie stellt den ersten Menschenrechtskatalog der Geschichte dar und beinhaltete bereits den Kern der noch heute geltenden Menschenrechte: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und Eigentum, Versammlungs- und Pressefreiheit, Freizügigkeits- und Petitionsrecht, Anspruch auf Rechtsschutz und das Wahlrecht. Wenige Jahre später, am 26. Juni 1789, folgte die “Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte” in Frankreich dem revolutionären Trend. Die Forderungen der französischen Revolution nach Gleichheit und politischer Mitbestimmung verbreiteten sich hiernach in Kontinentaleuropa.5

Einen Dämpfer erfuhr die Entwicklung der Menschenrechte allerdings in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die vom Aufstieg totalitärer Regime geprägt war. Schnell ersetzten sie die Idee der naturgegeben Rechte des Einzelnen, durch die Ideologie des Kollektivs, dem der Einzelne zu dienen und seine gesamte Verfügbarkeit bereit zu stellen hatte.6

Rückwirkend gesehen waren es aber die Lehren der beiden Weltkriege, die den Ausschlag gaben für ein Bewusstsein über die Wichtigkeit der Menschenrechte und deren vertragliche Verankerung. Dieser Erkenntnis wurde schließlich am 10.12.1948 Ausdruck verliehen durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die den wohl größten Durchbruch der Menschenrechte darstellt.7

II. Geschichte der Kinderrechte

In der Chronik der Menschenrechte tauchen die Kinderrechte erst sehr spät auf. Lange galt das Kind8 als Eigentum des Vaters.9 Erst im 20. Jahrhundert wuchs das Bewusstsein für das Kind als eigenständiges Individuum.

Um die Geschichte der Kinderrechte zu erläutern sollen hier zunächst die beiden wichtigsten Entwicklungsstränge aufgezeigt werden. So entstand zunächst das Bewusstsein darüber, dass Kinder aufgrund ihres frühen Stadiums in der Entwick- lung besonders schutzbedürftig sind. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelten sich besondere Schutzpflichten gegenüber Kindern, wie das Recht auf Bildung und das Verbot der Kinderarbeit. Allerdings war das Kind zunächst nur reines Objekt dieser Schutzpflichten.10 Die eigentliche Anerkennung des Kindes als Rechtssubjekt mit ihm eigens zustehenden Rechten und Pflichten zählt als die zweite Entwicklungslinie.11 Zum ersten mal festgehalten wird dieser Gedanke am 20. November 1959 in der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes. Richards Farson drückte dies in seiner Publikation “Birthrights” von 1974 folgendermaßen aus: “Wir sollten umdenken und nicht die Kinder, sondern ihre Rechte schützen.”12 Damit wird der Paradigmenwechsel schön zusammengefasst. Nicht der Schutz des Kindes stand nunmehr im Vordergrund, sondern das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.13 Die Zeit der Kinderrechte war angebrochen und um dies zu verdeutlichen widmeten die Vereinten Nationen (VN) den Kinderrech- ten ein eigenes Jahr. 1985 wurde zum Jahr des Kindes, ganz unter dem Motto “Participation, Development and Peace”- Teilnahme, Entwicklung und Frieden.14

Wichtige Normierung auf dem Weg der Kinderrechte ist zunächst die “Declara- tion on the Rights of the Child” von 1923, die von der Generalversammlung des Völkerbundes15 erlassen wurde und das erste Dokument, das sich mit den Rechten des Kindes befasste, darstellt. Sie enthielt die Anerkennung einer Sonderstellung und die besondere Schutzbedürftigkeit, die Kinder benötigen um eine möglichst normale Entwicklung zu durchlaufen.16 Hauptsächlich sollte sie die vom Krieg geschädigten Kinder schützen. Allerdings war die Deklaration nicht rechtsver- bindlich. 1946 verlor sie, mit Auflösung des Völkerbundes, ihre Rechtsgrundlage und damit verbunden jegliche Aussagekraft. Sie verbleibt damit ein Relikt der Zwischenkriegszeit. Zeitgleich wurde aber für vom Zweiten Weltkrieg betroffene Kinder UNICEF17 gegründet, das 1953 fester Bestandteil der VN wurde und sich noch heute weltweit für das Wohl der Kinder einsetzt. 1959 reihte sich die bereits erwähnte Erklärung der VN über die Rechte des Kindes in die Chronik ein, welche wiederum nicht einklagbar war und ihre Einhaltung allein vom Willen der Nationen abhing. Erst 1989 wurden die Kinderrechte schließlich rechtsverbindlich normiert, und zwar in der UN- Kinderrechtskonvention (KRK) und ihren Zusatz- protokollen. Einen effektiven Rechtsschutz in Form eines Individualbeschwerde- verfahrens bekam diese aber erst am 14. April dieses Jahres, mit Inkrafttreten des dritten Zusatzprotokolls. Ein Einschnitt in der Entwicklung der Kinderrechte, der untermauert, dass es sich bei den Rechten des Kindes um individuelle, einklag- bare Rechtspositionen handelt.18

Bemerkenswert ist auch, dass die KRK so viele Mitgliedstaaten wie kein anderer völkerrechtlicher Vertrag besitzt. Keine Vertragsstaaten sind derzeit nur die USA, Somalia und der Südsudan, wobei die beiden letzteren angekündigt haben der Konvention beizutreten.19 Nähere Angaben darüber wann genau dies geschehen wird, können zu diesem Zeitpunkt leider nicht gemacht werden.

III. Entwicklungsprozess in den 80er Jahren

Wir befinden uns nun in einer Zeit, in der zweifellos anerkannt wird, dass Kinder besonders schutzbedürftig sind. Besonders betont wird nun der Schutz jener, die ihn aufgrund von jugendlichem Fehlverhalten am nötigsten brauchen. Im Fol- genden wird die Entstehung der Mindestgrundsätze der VN über die Jugendg- erichtsbarkeit aufgezeigt.

1. Kongresse der Vereinten Nationen zur Verbrechensverhütung und Behandlung Straffälliger

Die seit 1955 alle fünf Jahre stattfindenden Kongresse der VN über Verbrechens- verhütung und Behandlung Straffälliger, stützen sich auf die Befugnis des Wirtschafts- und Sozialrats der VN, internationale Konferenzen zu organisieren.20 Hierbei handelt es sich um Fachkongresse, an denen sowohl Minister, Strafvoll- zugsbeamte, als auch alle möglichen Experten aus Wissenschaft und Praxis sowie internationale Organisationen und NGOs21 teilnehmen. Genutzt werden sie zur Vorbereitung von Resolutionen der Generalversammlung oder dem Wirtschafts- und Sozialrat.22 “Ihr übergeordnetes Ziel besteht darin, weltweit eine effektivere Politik der Verbrechensverhütung und wirksamere Maßnahmen in der Stra- frechtspflege zu fördern.”23

a) Sechster Kongress zur Verbrechensverhütung in Caracas 1980

Ihre Anfänge fanden die BR auf dem 6. Kongress der VN für Verbrechens- verhütung, in Caracas, Venezuela. Auf diesem wurden die ersten grundlegenden Garantien festgelegt, die in die ausgearbeiteten Mindeststandards für die Jugendg- erichtsbarkeit eingearbeitet werden sollten. So unter anderem der Grundsatz der Untersuchungshaft als letztmögliches Mittel und die besondere Vorsicht im Um- gang mit Jugendlichen, aufgrund ihrer frühen Phase der Entwicklung.24

Konkret mit der Ausarbeitung der Mindestgrundsätze für die Jugendgerichts- barkeit und ursprünglich der Jugendhilfe, wurde die in Wien ansässige Kommis-sion für Verbrechensverhütung und Kontrolle beauftragt. Einen ersten Entwurf fertigte aber die UNAFEI25 bereits im Jahre 1981 aus. Dabei wurde aber, wie auch bei allen folgenden Entwürfen, die Jugendhilfe aus Gründen der Einfachheit weg- gelassen. Zu diffus wäre ein Versuch der internationalen Regelung auch noch die- ses Bereiches gewesen und hätte womöglich den Erfolg der Gesamtanstrengung gefährdet.26 Weiter in den Vorbereitungen ging es ab 1983 mit verschiedenen Ta- gungen auf allen Kontinenten, die die Gesamtthematik regional spezifisch beleuchten sollten. 1984 nahmen sich dann die internationalen Gesellschaften für Strafrecht, Kriminologie und Kriminalpolitik dem Thema an.27

Zeitgleich befasste sich die Abteilung in Wien mit dem 1981 in Fuchu, Japan entwickelten Entwurf und formulierte darauf basierend einen neuen Text, der 1984 dem Komitee für die Prävention und Kontrolle von Kriminalität unterbreitet wurde. Dauraufhin wurden nochmals einige Änderungen vorgenommen und die endgültige Fassung auf dem letzten großen Vorbereitungstreffen, für den Kon- gress in Mailand, vorgestellt. Dieses Treffen fand in Beijing, China statt, was auch der Grund für die Bezeichnung der Mindestgrundsätze der Jugendgerichts- barkeit, als “Beijing Rules” ist. Die dort angenommene Konzeption der Mindest- standards wurde sogleich unter diesem Namen deklariert, einem Namen, der sich bis heute gehalten halt.28

b) Siebter Kongress zur Verbrechensverhütung in Mailand 1985

Der in Beijing angenommene Entwurf wurde dann auf dem eigentlichen Kongress 1985 in Mailand vorgelegt, es wurde erneut darüber abgestimmt und direkt an die Generalversammlung zur formellen Übernahme, weitergeleitet.29 Noch im selben Jahr erlies die VN Generalversammlung die Resolution A/RES/40/33 “The United Nations Standards Minimum Rules for the Administration of Juvenile Justice”, die sogenannten Beijing Rules.

Da die BR auf einigen Gebieten nur marginale Angaben machten, oder andere auf Grund der Fülle ganz weg liesen (die Jugendhilfe), forderte man, noch auf der selben Konferenz Mindestgrundsätze zum Schutz inhaftierter Jugendlicher und Regeln für die Prävention jugendlicher Deliquenz auszuarbeiten.30 Fünf Jahre später entstanden aus dieser Forderung heraus die sogenannten “Havana Rules” (UN Rules for the Protection of Juveniles deprived of their liberty) und die “Riyadh Guidelines” (UN Guidelines for the Prevention of Juvenile Deliquency). Zusammen stellen sie einen Dreiklang dar: Prävention, ein gesondertes Jugenstrafrecht und den Schutz inhaftierter Jugendlicher zusammen bilden sie den internationalen Mindeststandard für das Jugendstrafrecht.31

2. Probleme bei der Ausarbeitung

Beim Versuch ein so umfangreiches Feld wie die Jugendgerichtsbarkeit für die gesamte Staatengemeinschaft zu regeln oder zumindest Mindeststandards dafür zu schaffen, musste kontinuierlich gegen die verschiedenen Anschauungen und Überzeugungen unterschiedlicher Kulturen gekämpft werden, um eine möglichst große Akzeptanz der Regeln zu erzielen. Denn nur wenn der Entwurf auf Zustimmung in den Nationen stößt kann eine Resulotion Erfolg haben. Um also diese Anerkennung von möglichst vielen, wenn nicht gar allen Staaten zu erhal- ten, hat die Abteilung für Verbrechensbekämpfung in Wien zum einen den Text an vielen Stellen flexibler und unverbindlicher formuliert, als zunächst geplant und zum Anderen hat sie der Vorlage einen Vorspann beigefügt, der den Prozess und die Entwicklung der Grundsätze aufzeigt. Ein solches Vorgehen sollte allzu vielen Änderungswünschen zuvorzukommen.32 Trotz dieser Bemühungen und Einbußen in der konkreten Formulierung, wurden auf dem Kongress in Mailand zahlreiche Änderungswünsche laut.

So wurde zum Beispiel Regel Nr. 1.5 neu hinzugefügt, die nun lautet: “Diese Mindestgrundsätze sind entsprechend den in den einzelnen Mitgliedstaaten gege- benen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnissen zu verwirklichen”, sowie die Vereinbarkeitsklausel in 2.2 “(…) in einer mit ihren jeweiligen Rechtssystemen und Rechtsauffassungen vereinbaren Weise (…)”.33 Deutlich wird, dass die Staatengemeinschaft zu dieser Zeit noch nicht zu konkreteren und vorallem nicht zu rechtsverbindlichen Regeln in diesem Bereich bereit war. Be- denken wir, dass Resolutionen als Annäherungsphase hin zu verbindlichem Recht gesehen werden können, sind die von den Staaten akzeptierten Grundsätze doch ein großer Schritt in Richtung Konsens der Nationen und eine anfängliche Zurückhaltung gegenüber einer Rechsverbindlichkeit ein hinzunehmendes Hindernis auf dem Weg zu einem stetig wachsenden Menschenrechtsschutz.

C. Der Schutz durch die Beijing Rules

In einem ersten Schritt wurde die Entwicklung der Menschenrechte im Allgemeinen im Zusammenhang zu den Kinderrechten und der daraus resultierenden Resolution über die Jugendgerichtsbarkeit aufgezeigt. In einem nächsten Schritt werden nun ihre Inhalte zusammengefasst und einzelne wichtige Garantien herausgegriffen und näher erläutert, um einen möglichst umfassenden Einblick in den Schutz durch die BR zu gewähren.

I. Inhalte der Beijing Rules

Die Mindestgrundsätze für die Jugendgerichtsbarkeit sind in sechs Abschnitte und 30 Regelungsbereiche unterteilt, wobei jedem einzelnen ein Kommentar zugefügt wurde, der als wesentlicher Bestandteil der Grundsätze angenommen wurde, zum besseren Verständnis dient und zum Teil selbst Garantien enthält.34

1. Erster Teil

Der erste Teil der BR befasst sich mit den allgemeinen Prinzipien der Resulo- tion.35 Im Vordergrund stehen hier das Wohl des Kindes36 das angemessene Verhältnis zwischen Reaktion und den Umständen des Täters37, die Prävention jugendlicher Deliquenz38, sowie das Einschreiten der Jugendgerichtsbarkeit möglichst gering zu halten39. Des weiteren finden sich in diesem Teil Regelungen zum Anwendungsbereich der Mindeststandards und ein Abschnitt, der klarstellt, dass die BR ohne jegliche Diskriminierung anzuwenden sind.40 Außerdem er-wähnt werden grundlegende Verfahrensgarantien und der Schutz der Pri-vatssphäre der Jugendlichen, der in allen Stadien des Verfahrens zu wahren ist.41

a) Das Kindeswohl

“Die Förderung des Wohls des Jugendlichen ist oberstes Gebot.” So formuliert es der Kommentar zu Regel 24 der BR, doch ist dies nicht die einzige Verankerung des Kindeswohls als tragender Gedanke der BR. So heißt es bereits in der Präam- bel, dass das Wohl des Kindes und das ihrer Familie zu fördern sei, gleich in der ersten Regelung der BR bekennen sich die Mitgliedstaaten dazu das Wohl des Kindes zu fördern. Einer der Leitgrundsätze für die richterliche Entscheidung ist, das Wohl des Jugendlichen bei der Würdigung des Falles, als ausschlaggebendes Kriterium zu sehen.42 Diese Aufzählung ist nicht abschließend, sie dient lediglich der Veranschaulichung darüber, welch großer Stellenwert dem Kindeswohl in den BR zukommt. Denken wir zurück an die Entstehungsgeschichte und das wachsene Verständnis für die Rechte der Kinder kann man wohl sagen das Kindeswohl ist nicht nur tragender Gedanke der BR, sondern mehr noch, Grund ihrer bloßen Ex- istenz.

Doch was genau ist unter diesem Begriff genau zu verstehen, der bei näherer Betrachtung doch unbestimmt, gar generalklauselartig, wirkt.

[...]


1 Statista, DSW 2014.

2 Flammer, in: Kinderrechte-Kinderschutz, Regula Gerber Jenni, 2002, S. 26.

3 United Nations Standard Minimum Rules for the Administration of Juvenile Justice (Mindest standards der Vereinten Nationen für die Jugendgerichtsbarkeit.

4 Herrmann, Idee der Menschenrechte, in: Bundeszentrale für politische Bildung.

5 vgl. hierzu: Fritzsche, Menschenrechte, S. 27 ff.

6 Opitz, Menschenrechte und Internationaler Menschenrechtsschutz im 20. Jahrhundert, S. 12 ff.

7 Nach Fritzsche, Menschenrechte, S. 29.

8 Der Definition des “Kindes” aus der UN- Kinderrechtskonvention folgend, werden im folgenden die Begriffe “Kind” und “Jugendlicher” weitestgehend gleichwertig verwendet.

9 Liebel, Wozu Kinderrechte, Grundlagen und Perspektiven, S. 14.

10 Liebel, Wozu Kinderrechte, Grundlagen und Perspektiven, S. 16.

11 Jenni/Hausammann, Kinderrechte-Kinderschutz, S. 4.

12 Liebel, Wozu Kinderrechte, Grundlagen und Perspektiven, S. 7.

13 Liebel, Wozu Kinderrechte, Grundlagen und Perspektiven, S. 23f.

14 UN Chronicle, 1986 Volume XXIII, International Youth Year, S. 29.

15 Vorgänger der VN.

16 Liebel, Wozu Kinderrechte, Grundlagen und Perspektiven, S. 16.

17 UNICEF - United Nations International Children’s Emergency Fund, Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen

18 Cremer, DGVN, S. 22.

19 Steinke, SZ- online.

20 Sch ü ler-Springorum, in: Höynck, Internationale Menschenrechtsstandards, S. 21.

21 NGO - Non-governmental Organization.

22 Morgenstern, Internationale Mindeststandards für ambulante Strafen, S. 73.

23 Pressemitteilung UNIS/CP/509, United Nations information service.

24 A/CONF.87/14/Rev. 1 Resolution 4 S. 7.

25 United Nations Asia and Far East Institute Sitz in Fuchu, Japan.

26 ZStW 99,2 Schüler-Springorum, 814 (299).

27 Sch ü ler-Springorum, ZStW 99,2 814 (300).

28 Sch ü ler-Springorum, ZStW 99,2 814 (300).

29 Kongressbericht A/CONF 121/22/Rev.1 (1986) S.18.

30 D ü nkel, ZStW 100,1 364 (101).

31 Van Bueren/ Tootell, Beijing-Rules.

32 Sch ü ler-Springorum, ZStW 99, 2 817 (303).

33 Sch ü ler-Springform, ZStW 99,2 818 (304).

34 Kongressbericht A/CONF 121/22/Rev 1 (1986) S. 151.

35 Deutsche Übersetzung der “Standard Minimun Rules for the Administration of Juvenile Justice” aus ZStW 99,1 1987, die auf der Übertragung durch den Deutschen Übersetzungsdienst der Ver- einten Nationen beruht und durch das Referat Jugendstrafrecht im Bundesjustizministerium in einigen Punkten korrigiert wurde; anschließende Gesamtbearbeitung durch Professor Schüler- Springform.

36 Regel 1.1 Beijing Rules.

37 Regel 5 Beijing Rules.

38 Regel 1.2 Beijing Rules.

39 Regel 1.3 Beijing Rules.

40 Regel 2 Beijing Rules.

41 Regel 7 und 8 Beijing Rules.

42 Regel 17.1 d) Beijing Rules.

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Details

Titel
Der Schutz durch die Beijing Rules. Entstehung, Bedeutung und die Position Deutschlands
Hochschule
Universität Passau
Note
11
Autor
Jahr
2014
Seiten
34
Katalognummer
V364694
ISBN (eBook)
9783668445932
ISBN (Buch)
9783668445949
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schutz, beijing, rules, entstehung, bedeutung, position, deutschlands
Arbeit zitieren
Antigona Lesi (Autor), 2014, Der Schutz durch die Beijing Rules. Entstehung, Bedeutung und die Position Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/364694

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