Sprachen in der Sprache. Varietäten des Deutschen und ihre mögliche Umsetzung im Deutschunterricht


Hausarbeit, 2017
27 Seiten, Note: 1,0
Lisa Henigin (Autor)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Deutsch sprechen – oder babbeln, schwätzen, schnacken, labern?

2. Varietät – Versuch einer Definition

3. Dialekte
3.1 Dialekt / Mundart und Standardsprache: Definitionsprobleme
3.2 Entstehung der Dialekte
3.3 Dialektgrenzen
3.4 Zukunft der Dialekte

4. Soziolekte
4.1 Jugendsprache
4.1.1 Wer ist „Die Jugend“?
4.1.2 Merkmale der Jugendsprache
4.2 ‚Genderlekte‘
4.2.1 Was ist Gender?
4.2.2 Männersprache vs. Frauensprache

5. ‚Sprachen in der Sprache‘ als Unterrichtsgegenstand
5.1 Exemplarische Bedeutung
5.1.1 Bildungsstandards
5.1.2 Lehrplan
5.2 Gegenwartsbedeutung
5.3 Zukunftsbedeutung
5.4 Methodische Überlegungen
5.4.1 Dialekte
5.4.2 Jugendsprache
5.4.3 ‚Genderlekte‘

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Deutsch sprechen – oder babbeln, schwätzen, schnacken, labern?

Dass es sich bei der deutschen Sprache um kein homogenes Gebilde handelt, sondern sie in vielen verschiedenen Varietäten auftritt, zeigt sich zum Beispiel dann, wenn Senioren Probleme haben zu verstehen, was es heißt, wenn ihre Enkel ‚kp‘ haben oder die letzte Klassenarbeit als ‚epic fail‘ bezeichnen, wenn ein Berliner auf Kommunikationsschwierigkeiten in Bayern stößt, oder deutsche Staatsbürger schmunzeln, wenn sie Schweizerdeutsches Fernsehen verfolgen. Dies sind nur wenige Beispiele für die vielen Situationen, in welchen wir uns im Alltag mit sprachlichen Varietäten des Deutschen konfrontiert sehen.

Dieser Konfrontation mit Varietäten sehen sich auch Schülerinnen und Schüler sowohl im privaten Alltag, als auch im Schulalltag ausgesetzt, da oft viele unterschiedliche Sprachstile im Unterricht vertreten sind. Um an diese Alltagserfahrungen anzuknüpfen und so das Sprachbewusstsein der Schülerinnen und Schüler zu fördern, bietet sich eine Behandlung des Themas ‚Deutsche Sprachvarietäten‘ im Unterricht an.

Die vorliegende Hausarbeit entstand in Anlehnung an die im Seminar Varietäten des Deutschen behandelten Themen. In den ersten Kapiteln wird der Versuch unternommen, den Begriff Varietät zu definieren und die Varietäten Dialekt und Soziolekt näher zu beschreiben und zu analysieren. Bezüglich der Soziolekte wird hauptsächlich auf Jugendsprache und die sogenannten ‚Genderlekte‘ eingegangen. Im Anschluss werden die Wichtigkeit der Thematik für den Deutschunterricht aufgezeigt und mögliche didaktische Umsetzungen beispielhaft dargestellt.

2. Varietät – Versuch einer Definition

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass in der Linguistik keine Einigkeit darüber besteht, um was genau es sich bei dem Begriff Varietät handelt und wie er abzugrenzen ist, wodurch eine genaue Definition erschwert wird. (vgl. Sinner 2014: 19) Geht man davon aus, dass ein bestimmtes sprachliches System als Sprache identifiziert wurde und verschiedene Sprachen keine Varietäten sind, können Varietäten als Subsysteme eines bestimmten sprachlichen Systems klassifiziert werden. (vgl. ebd.)

Auch Berruto (2004) hebt hervor, dass eine streng abgrenzende Definition des Terminus Varietät problematisch ist. (vgl. 189) Laut ihm geht man in der Regel davon aus, dass Varietäten bestimmte Realisierungsformen eines Sprachsystems sind, welche gemeinsam mit bestimmten sozialen und funktionalen Merkmalen, die den Sprecher oder die Gebrauchssituation kennzeichnen, auftreten. (vgl. ebd.) Die Hauptschwierigkeit bei der Definition von Varietät besteht laut Berruto darin, dass nicht klar ist, welche Menge und welche Typen von Merkmalen benötigt werden, um von einer eigenständigen Varietät zu sprechen. (vgl. ebd.) Außerdem bereite es Schwierigkeiten, Sprachvarietäten abzugrenzen, einzuordnen und zu unterscheiden, schließlich dürfe nicht übersehen werden, dass in einer Sprache nicht alles variabel ist, sondern es einen „einen stattlichen invariablen Kern des Systems gibt, und folglich alle Varietäten ein und derselben Sprache einen nicht geringen gemeinsamen Teil (common core) haben“. (ebd.)

Laut Christian Lehmann[1], Professor für allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Erfurt, ist eine sprachliche Varietät die Ausprägung einer Sprache auf einer der folgenden vier Dimensionen: die diaphasische Dimension, die diastratische Dimension, die diatopische Dimension oder die diachronische Dimension. (vgl. Lehmann 2017)

Auf der diaphasischen Ebene werden verschiedenen Kommunikationssituationen unterschieden, in welchen unterschiedliche Stile oder Register verwendet werden, wie zum Beispiel gesprochene oder geschriebene Sprache. (vgl. ebd.) Bei der diastratischen Dimension geht es um verschiedene Soziolekte, wie zum Beispiel die Jugendsprache, die in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gesprochen werden. Hier unterscheidet man, neben dem Alter, unter anderem auch nach Geschlecht oder Beruf. (vgl. ebd.) Auf der diatopischen Ebenen, wird das Sprachgebiet in Orte unterteilt, in welchen unterschiedliche Dialekte gesprochen werden und bei der diachronischen Dimension wird betrachtet, wie Varianten einander auf einer Zeitachse folgen und so zum Beispiel altmodische von modischen bzw. geläufigen Ausdrücken abgegrenzt. (vgl. ebd.)

Von Lehmanns Definition ausgehend, möchte ich mich in dieser Arbeit hauptsächlich mit der diastratischen und der diatopischen Dimension, also mit Dialekten und Soziolekten beschäftigen, und sowohl ihre Wichtigkeit für den Deutschunterricht, als auch eine mögliche unterrichtliche Aufbereitung darstellen.

3. Dialekte

3.1 Dialekt / Mundart und Standardsprache: Definitionsprobleme

Genau wie der Begriff Varietät, gestaltet sich das Finden einer eindeutigen Definition des Begriffs Dialekt als schwierig. Oft wird Dialekt als eine „örtliche oder regional gebundene besondere Form einer Sprache“ (Brockhaus 1988: 446) bezeichnet, es herrscht jedoch Uneinigkeit darüber, was genau ein Dialekt oder eine Mundart ist, ob es Unterschiede zwischen diesen beiden Begriffen gibt, und wann genau man noch von Dialekten oder Mundart spricht und wann nicht. (vgl. Löffler 2003: 1) Geschichtlich gesehen wurde der Begriff Mundart laut Heinrich Löffler in seiner Einführung zur Dialektologie als gelehrte deutsche Entsprechung des lateinischen Fremdwortes dialectus eigenführt. (vgl. Löffler 2003: 2) Auch im Schwedischen und Dänischen stehen die Termini munart und mundart für Dialekt. In Deutschland dagegen hat sich das Fremdwort Dialekt als volkstümlich durchgesetzt, während Mundart hauptsächlich in der Fachwissenschaft verwendet wird. (vgl. ebd.) Obwohl die beiden Begriffe geschichtlich gesehen also synonym gebraucht werden, gibt es auch differenzierte Verwendungsweisen. Laut Löffler wird Dialekt von manchen Sprachwissenschaftlern für „landschaftliche Schreibsprache in historischer Zeit“ (Löffler 2003: 3) und Mundart für die dazugehörige Sprechsprache verwendet. (ebd.) Andere sehen Dialekte als die Äste eines Baumes und Mundart als Zweige an den Ästen an. (ebd.)

Dieses Durcheinander erschwert einen Definitionsversuch, jedoch lässt sich sagen, dass allen Definitionen eines gemeinsam ist, nämlich „die relative Unselbständigkeit des Begriffs Dialekt/Mundart. “ (ebd.) Dialekte werden laut Löffler immer in komplementärer Beziehung mit einer Bezugsgröße, meist eine übergeordnete Standardsprache, gesehen und untersucht. (ebd.)

Im Lexikon der Sprachwissenschaft von Hadumod Bußmann, findet man zum Terminus Standardsprache folgende Definition:

„[s]eit den 70er Jahren in Deutschland übliche deskriptive Bezeichnung für die historisch legitimierte, über- regionale, mündliche und schriftliche Sprachform der sozialen Mittel- bzw. Oberschicht; in diesem Sinne synonyme Verwendung mit der (wertenden) Bezeichnung ‚Hochsprache‘. Entsprechend ihrer Funktion als öffentliches Verständigungsmittel unterliegt sie (besonders in den Bereichen Grammatik, Aussprache und Rechtschreibung) weitgehender Normierung, die über öffentliche Medien und Institutionen, vor allem aberdurch das Bildungssystem kontrolliert und vermittelt wird. […]“ (Bußmann 2002: 648)

Die Abgrenzung zwischen Dialekt und Standardsprache kann laut Löffler nach mehreren Gesichtspunkten geschehen, welche im Folgenden aufgelistet werden.

1. Linguistisches Kriterium: Ein Dialekt ist hier als Subsystem eines übergreifenden Sprachsystems anzusehen, wobei die Abweichung zwischen Sprachsystem und Subsystem auf allen grammatischen Ebenen nur so weit gehen darf, dass eine gegenseitige Verstehbarkeit nicht gestört ist. Wie weit diese Abweichung genau gehen kann, damit die Verstehbarkeit weiterhin gewährleistet ist, kann nicht genau angegeben werden. (vgl. Löffler 2003: 3)
2. Kriterium des Verwendungsbereiches: Dialekte werden hauptsächlich im familiären und intimen Bereich, im Arbeitsplatz und in der mündlichen Kommunikation verwendet, während von Standardsprache im öffentlichen Bereich, in der mündlichen und schriftlichen Rede, und in der Literatur, Kunst, Wissenschaft, etc. Gebrauch gemacht wird. (vgl. Löffler 2003: 5) Hier lässt sich allerdings sagen, dass alle Verwendungsbereiche, die den Dialekt kennzeichnen, auch von der Standardsprache abgedeckt werden können, was in manchen Gegenden oder im Sprachgebrauch mancher Individuen auch geschieht. Demnach kann eine Abgrenzung nach Verwendungsbereich nicht als allgemeingültig betrachtet werden. (vgl. ebd.)
3. Kriterium der Sprachbenutzer: Man könnte Dialekte und Standardsprache durch das Betrachten der Personen, die die ein oder andere Varietät benutzen, voneinander abgrenzen. Dialekte werden häufig der Unterschicht zugeschrieben, Standardsprache der Mittel- und Oberschicht. (vgl. Löffler 2003: 6) Allerdings findet man, laut Löffler, vor allem im Süden Deutschlands, Dialekte auch in der gehobenen Schicht, während in der gesamten Bundesrepublik Standardsprache auch in der Unterschicht zu finden ist. (vgl. ebd.)
4. Kriterium der sprachgeschichtlichen Entstehung: Standardsprache kann als „Vereinigungsform von zeitlich vorgelagerten Dialekten als Verkehrs- oder Kultursprache“ gesehen werden. (ebd.) Erst durch den Buchdruck und Luthers Bibelsprache, entstand, laut Löffler, eine deutsche Kultur- und Einheitssprache, die eine Kompromissform aus verschiedenen Dialekten darstellte. (vgl. ebd.)
5. Kriterium der räumlichen Erstreckung: Von allen Einteilungsprinzipien ist das räumliche das am weitesten verbreitete. Es besagt, dass Dialekte orts- und raumgebunden, sowie landschaftsspezifisch sind, während die Standardsprache überörtlich und räumlich nicht begrenzt ist. (vgl. Löffler 2003: 7)
6. Kriterium der kommunikativen Reichweite: Dieses Kriterium ist eng mit dem oben genannten Kriterium der räumlichen Erstreckung verbunden und besagt, dass Dialekte den geringsten und die Standardsprache den größten Verständigungsradius haben. (ebd.)

Vergleicht man die oben genannten Einteilungsprinzipien, lässt sich feststellen, dass es eine Gemeinsamkeit gibt: Dialekte können nicht aus sich selbst heraus, sondern nur in Relation zu einem Nicht-Dialekt, einer Standardsprache, definiert werden.

3.2 Entstehung der Dialekte

Die mittelalterlichen lantsprachen, können als die Vorläufer von Dialekten betrachtet werden. (vgl. Bausinger 1989: 103) Die Vereinheitlichung der Sprache entstand damals in zusammengehörigen Kommunikationsräumen, also in Gebieten, wo die Bevölkerung sich in politische, bzw. verwaltungsmäßige Einheiten zusammenschloss. (vgl. ebd.) Neben diesen politischen Gründen, waren auch „rechtliche Gründe, wirtschaftliche Gegebenheiten und Fragen der Verkehrserschließung maßgebend“. (ebd.) Auch die Abgrenzung nach außen spielte eine wichtige Rolle, also das Entstehen eines Wir-Bewusstseins und einer regionalen und lokalen Identität, was unter anderem der Grund für sprachliche Unterschiede zwischen nah beieinanderliegenden Gebieten und Orten sein kann. (vgl. ebd.)

3.3 Dialektgrenzen

Nicht nur die Abweichung von einer Standardvarietät spielt bei der Definition und der Einteilung von Dialekten eine wichtige Rolle, sondern auch ihre jeweilige Position im Gefüge der Gesamtheit der Dialekte. (vgl. Bausinger 1989: 100f) Differenzierungen zwischen den verschiedenen Dialekten werden unter anderem durch Dialektkarten, anhand von Dialektgrenzen, untersucht. Hierbei werden Unterschiede durch bestimmte Merkmale eines Dialekts festgemacht, deren Grenzlinien verfolgt werden. (vgl. Bausinger 1989: 101) Wo zum Beispiel sagt man zum Anschnitt vom Brot Knust und wo Riebele ? Warum bekommt man, wenn man in Berlin Pfannkuchen bestellt, das, was man in der Pfalz als Berliner, in Hessen als Kreppel und in Bayern als Krapfen kennt? Und was muss man in Berlin bestellen, um das zu bekommen, was man in der Pfalz unter Pfannkuchen versteht? Die Antwort: Eierkuchen. Neben der Untersuchung von Unterschieden auf lexikalischer Ebene, gibt es unter anderem auch Unterschiede auf phonologischer, syntaktischer oder stilistischer Ebene, deren Grenzlinien verfolgt werden können. (vgl. Bausinger 1989: 102)

Das Vorhandensein vieler verschiedener Grenzen erschwert eine Einteilung von Dialekten. Deshalb wird versucht, die einzelnen Merkmale in eine Rangfolge bezüglich ihrer Wichtigkeit zu bringen. (vgl. Bausinger 1989: 101) Außerdem hat man begonnen, vorhandene Grenzlinien einzelner Merkmale zu zählen und nur dort von einer wirklichen Dialektgrenze zu sprechen, wo mehrere Merkmalsgrenzlinien auftreten. (vgl. ebd.)

3.4 Zukunft der Dialekte

In der Geschichte der Sprachforschung wurde immer wieder der Untergang der Dialekte, und dass sie der Einheitssprache zum Opfer fallen würden, vorhergesagt. Als Gründe hierfür wurden unter anderem Aufklärung und erweiterte Bildung, der wachsende Verkehr, die Massenmedien und Bevölkerungsbewegung gesehen. (vgl. Bausinger 1989: 104) Laut Bausinger lagen alle diese Prognosen falsch. Zwar wurde laut ihm richtig erkannt, dass es eine Tendenz zur sprachlichen Einigung gab, jedoch wurde seiner Meinung nach übersehen, dass dies Gegentendenzen auslöste und Dialekte so zur Sprache emotionaler Identität und Intimität und dadurch immer mehr wertgeschätzt wurden. (vgl. ebd.)

4. Soziolekte

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Soziolekten um sprachliche Varietäten, die von bestimmten sozialen Gruppen, unterschieden nach Alter, Geschlecht, Beruf, etc., genutzt werden. Gross (1998) stellt in seinem Einführungsband zur Linguistik des Deutschen fest, dass ein Individuum meist über eine ganze Reihe von Soziolekten verfügt, abhängig von seiner Eingebundenheit in verschiedene gesellschaftliche Gruppen und soziale Systemen. Hierbei spielt die Angehörigkeit zu bestimmten Religionen, sozialen Schichten oder Parteien, aber auch Freundes- und Familienkreisen eine Rolle. (vgl. Gross 1998: 167)

Im Folgenden möchte ich auf zwei Soziolekte genauer eingehen: Die Jugendsprache und die sogenannten ‚Genderlekte‘, da ich glaube, dass sie aufgrund ihrer Nähe zum Alltag der Schülerinnen und Schüler für eine unterrichtliche Aufbereitung besonders interessant sind.

4.1 Jugendsprache

4.1.1 Wer ist „Die Jugend“?

Mit dem Begriff Jugend sind, je nach Kontext, viele verschiedene Bedeutungsinhalte verbunden, wie auch Jens Maßlo (2010) in seinem Kapitel zum Definitionsversuch des Begriffs aufzeigt. Laut ihm wird der Begriff vor allem in den Medien und der Werbung verwendet, um ein bestimmtes Schönheitsideal zu charakterisieren, wenn zum Beispiel von jungem Aussehen die Rede ist. (vgl. Maßlo 2010: 28) Des Weiteren beschreibt der Begriff laut Maßlo einen zeitlichen Abschnitt im Leben eines Individuums, welcher durch Altersangaben eingegrenzt wird. Setzt man dem Begriff allerdings ein Pronomen voran (die Jugend), so bezeichnet er eine bestimmte Gruppe in einer Gesellschaft, „deren Mitglieder sich durch bestimmte Kriterien, vor allem Alter oder Entwicklungsstand, von den anderen Gruppen abgrenzen lassen.“ (vgl. ebd.)

Auch die genaue Eingrenzung von Jugend nach dem Alter ist nicht eindeutig festgelegt. Laut Maßlo setzt das Kinder- und Jugendhilfegesetz die Altershöchstgrenze seiner Zielgruppe bei 27 Jahren fest, während im Lexikon BROCKHAUS von 1998 dagegen, in einer Definition des Begriffs Jugend die Altersspanne zwischen 12 und 25 Jahren genannt wird. (vgl. ebd.) Laut Kösters (1999) gelten für die Vereinten Nationen Individuen bis 23 Jahre als jugendlich, während in Deutschland im juristischen Sinne solche Individuen als jugendlich angesehen werden, die mindestens 14 Jahre alt sind, das 18. Lebensjahr aber noch nicht vollendet haben. (vgl. Kösters 1999: 44)

Der für diese Arbeit herangezogene Jugendbegriff, ist der, der in der Soziologie am häufigsten Verwendung findet. Dort bezeichnet man das Jugendalter allgemein als einen „Zwischenschritt zwischen dem abhängigen Kind und dem unabhängigen Erwachsenen“ und das Hineinwachsen in zentrale gesellschaftliche Rollen. (vgl. Hurrelmann und Quenzel 2016: 39) Ein wesentlicher Baustein hierbei, ist die Verbindung der „persönlichen Individuation“ und der sozialen Integration, welche als Voraussetzung für die Ausbildung einer Ich-Identität der Jugendlichen gilt. (Hurrelmann und Quenzel 2016: 5)

Sprache spielt bei dieser Identitätsfindung eine zentrale Rolle, da sie dazu dient Gruppenzugehörigkeit zu bekräftigen und die Abgrenzung zu anderen Gruppen zu verstärken. (vgl. Reinke 1994: 296) Jugendliche nutzen also eine bestimmte Varietät, um sich als Mitglied der Gruppe Jugendliche auszuweisen. Auf diese Varietät, die Jugendsprache, soll im Folgenden näher eingegangen werden.

4.1.2 Merkmale der Jugendsprache

Die Jugendsprache weißt Merkmale auf verschiedenen sprachlichen Ebenen auf, die sie von der Standardsprache unterscheidet. Hier sollen die phonologische Ebene, die lexikalische Ebene und die morphologische Ebene genauer betrachtet werden.

Marlies Reinke zeigt in ihrem Aufsatz Jugendsprache auf, dass sich trotz des raschen Wandels der Varietät einige Grundprinzipien und Strukturen herausstellen lassen. (vgl. Reinke 1994: 297) Auf der phonologischen und artikulatorischen Ebene, sorgen laut Reinke Sprachspielereien und Aussprachevariationen dafür, dass sich die Lautstruktur der Jugendsprache von der der Standardsprache abhebt. Auch die Variation von Sprechtempo, Betonung und Rhythmus werden von Jugendlichen genutzt. (vgl. ebd.)

Auf der lexikalischen Ebene führt Reinke an, dass eine Wortschatzerhebung bezüglich der Jugendsprache aufgrund ihres raschen Wandels problematisch ist. Allerdings gibt es einige Kernwörter, wie zum Beispiel cool, welche dem Jugendsprachwortschatz zugrunde liegen. (vgl. Reinke 1999: 298) Daneben sind vor allem auch die „hyperbolisierenden Entzückungswörter“ auffällig, deren Wirkung durch doppelte oder mehrfache Prädikation (z.B. echt total + Adjektiv) noch verstärkt wird und die genutzt werden, um sich über sprachliche Konventionen hinwegzusetzen. (ebd.) Eine weitere wichtige Rolle im lexikalischen Bereich, spielen Anglizismen, also englische Begriffe, die häufig durch die Pop-/Rockmusik, oder heutzutage vor allem durch das Internet in die Sprache der Jugendlichen dringen. (Bsp.: Show, Sound, Feeling, Power) Englische Lexeme werden in der Jugendsprache problemlos in das deutsche Flexionssystem eingebunden und teilweise werden englische Verben mit deutschen Suffixen versehen (Bsp.: powern, reinmoven). (vgl. ebd.)

Auf der morphologischen Ebene fällt laut Reinke vor allem auf, dass Flexionsendungen und „grammatische Wörter“, wie zum Beispiel Pronomen, in der Jugendsprache vernachlässigt werden, was in Lautschwächung, Kürzung und Verschmelzung resultiert. (ebd)

Bei der Wortbildung sind vor allem Neubildungen im Sprachgebrauch von Jugendlichen häufig anzutreffen. Neben Kompositionen und Wortbildungen mit produktiven Affixen, wie zum Beispiel Hirni oder ablachen, kommen auch Kompositionen mit Affixoiden (z.B. super -) häufig vor. (vgl. Reinke 1994: 298) Außerdem gibt es Konversionen, das heißt Wörter werden in andere Wortarten überführt, wie zum Beispiel das Nomen Scheiße, welches schon vor geraumer Zeit zu einem Adjektiv wurde (Das ist doch scheiße!), was nicht mehr als Normverletzung angesehen wird. Daneben ist auch Onomatopoesie (z.B. „ Würg!“ – Als Ausdruck des Ekels.) ein zentrales Merkmal der Jugendsprache. (vgl. ebd.)

Laut Eva Neuland ist Jugendsprache ein prägnantes Phänomen des Sprachbewusstseins von Jugendlichen, das heißt, Jugendliche sind sich darüber bewusst, dass sie anders sprechen als Erwachsene. (vgl. Neuland 2008: 44) In einer von ihr angeführten Studie, nannten Jugendliche selbst, als typische Merkmale der von ihnen genutzten Varietät Folgendes: „lockerer als die Erwachsenensprache, Verwendung von Ausdrücken aus dem Englischen, rascher Wandel, Verwendung von provokativen Ausdrucksweisen und von Abkürzungen und unvollständigen Sätzen sowie Spiel mit Sprache.“ (ebd.)

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Jugendsprache, so schwer sie aufgrund ihres raschen Wandels auch zu fassen sein mag, durch experimentelle und kreative Sprachproduktion gekennzeichnet ist, die genutzt wird, um sich bewusst von der Standardsprache abzugrenzen.

[...]


[1] http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.html?http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/varietaeten.php (zuletzt eingesehen am 06.03.2017)

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Sprachen in der Sprache. Varietäten des Deutschen und ihre mögliche Umsetzung im Deutschunterricht
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Varietäten des Deutschen
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V380982
ISBN (eBook)
9783668575158
ISBN (Buch)
9783668575165
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialekte, Varietäten, Soziolekte, Jugendsprache, Varietäten im Unterricht, Jugendsprache im Unterricht, Genderlekte, Männersprache, Frauensprache, Deutschunterricht, Linguistik, Dialekte im Unterricht
Arbeit zitieren
Lisa Henigin (Autor), 2017, Sprachen in der Sprache. Varietäten des Deutschen und ihre mögliche Umsetzung im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380982

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