Die Seminararbeit geht der Frage nach, ob und inwiefern tradierte Geschlechterrollen angesichts moderner Formen von Arbeit und neuen Arbeitsverhältnissen einem Wandel unterliegen. Um diesen Wandel möglichst präzise abzubilden, wird auch die Veränderung der Berufsstrukturen untersucht. Dies ist notwendig, um zu eruieren, ob ein eventueller Wandel der Geschlechterverhältnisse generell in allen Berufsfeldern feststellbar ist oder auf unterschiedlichen Qualifikationsniveaus basiert.
Grundlage der Forschungsfrage bildet die Annahme, dass die mit dem Ende des fordistischen Zeitalters einsetzende Erosion des männlichen Familienernährermodells und die im Postfordismus aufkommenden neuen Arbeitsverhältnisse auch die Geschlechterverhältnisse entsprechend prägten und veränderten. Höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, höhere Bildungsabschlüsse, Gleichstellungspolitiken, ein verändertes Organisationsverständnis und die Entgrenzung von Arbeit und Leben lassen dieser Annahme nach einen Entgeschlechtlichungsprozess erkennen, der tradierte Geschlechterarrangements zunehmend in Frage stellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Fordismus
2.1 Die Rolle der Frau in der fordistischen Gesellschaft
2.2 Die Institutionalisierung von Geschlechterverhältnissen durch den Sozialstaat
2.3 Der fordistische Kapitalismus als Stabilisator geschlechtlicher Arbeitsteilung und geschlechtssegregierter Arbeitsmärkte
3. Postfordismus
3.1 Frauen im Postfordismus
3.2 Atypische Arbeitsverhältnisse, Prekariat und Flexibilisierung der Arbeitswelt
3.3 Die Umstrukturierung des Arbeitsmarktes aus vergeschlechtlichter Perspektive
3.3.1 Der vergeschlechtlichte Habitus (Bourdieu) als Erklärungsansatz geschlechtlicher Identitäten am Arbeitsmarkt
3.3.2 Verarbeitungsmuster sozialer Unsicherheit nach Klaus Dörre
3.4 Der Wandel der Geschlechterverhältnisse in post-industriellen Berufsstrukturen
3.4.1 Professionelle Berufe
3.4.2 Organisationsdominierte Berufe
3.4.3 Medien- und Kulturberufe
4. Résumé
Zielsetzung & Themen
Die Seminararbeit untersucht, inwieweit tradierte Geschlechterrollen im Zuge des Wandels moderner Arbeitsverhältnisse – weg vom fordistischen hin zum postfordistischen Modell – einer tatsächlichen Veränderung unterliegen oder ob weiterhin Re-Gendering-Prozesse und eine Zementierung geschlechtsspezifischer Rollenstrukturen dominieren.
- Erosion des männlichen Familienernährermodells und Auswirkungen der Flexibilisierung.
- Analyse der geschlechtsspezifischen Segregation in unterschiedlichen Berufsfeldern (Professionen, Organisationen).
- Untersuchung von Prekarisierung und Entgrenzung von Arbeit als neue Herausforderungen.
- Diskussion von Degendering versus Re-Gendering in der modernen Arbeitswelt.
- Bedeutung von Arbeitsmarktstrukturen, Sozialstaat und gesellschaftlicher Habitusbildung.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Der vergeschlechtlichte Habitus (Bourdieu) als Erklärungsansatz geschlechtlicher Identitäten am Arbeitsmarkt
Nach Bourdieu erzeugt die gesellschaftliche Konstruktion des Körpers und der biologischen Unterschiede ein bipolares Bedeutungssystem, welches als geschlechtlicher Habitus verinnerlicht wird. Dinge und Aktivitäten werden nach dem Gegensatz von männlich und weiblich eingepasst und erhalten dadurch handlungsstrukturierende Kraft. Somit „selektiert der geschlechtliche Habitus Handlungsstrategien und sorgt so für eine Korrespondenz zwischen strukturellen Ungleichheiten und symbolischer Ordnung der Gesellschaft.“ (Dörre 2007, 294) Über symbolische Mechanismen wird so der biologische Unterschied und das Geschlecht an sich als natürliche Rechtfertigung des gesellschaftlich konstruierten Unterschieds zwischen den Geschlechtern und der geschlechtlichen Arbeitsteilung herangezogen. Frauen, wie Männer wenden dieses Schemata unbewusst ohne rationales Kalkül an, wobei sich für Frauen aufgrund der patriarchalen Geschlechterordnung immer ein Akt der Unterwerfung darin wiederfindet. Die Wirkung dieser Form von symbolischer Herrschaft manifestiert sich neben der Rollenzuweisung in Haushalt und Familie auch auf dem Arbeitsmarkt und besitzt trotz Bildungsexpansion, Frauenbewegung und feministischer Kritik immer noch eine starke sozialisierende Kraft. (Vgl. Dörre 2007, 294f)
Mit Bourdieus Ansätzen des vergeschlechtlichten Habitus und der symbolischen Gewalt kann veranschaulicht werden, warum überdurchschnittlich viele Frauen in beruflichen Positionen landen, die „auf einer Verlängerungslinie der häuslichen Funktionen“ (Bourdieu 2005, 163) im Dienstleistungssektor liegen. Zum anderen lässt sich damit auch begründen, warum neue Formen der Beschäftigungsverhältnisse von den Männern als „zwangsfeminisiert“ und von den Frauen als „entweiblich“ wahrgenommen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Paradigmenwechsel von der fordistischen zur postfordistischen Gesellschaft und stellt die Hypothese auf, dass dieser Wandel zwar Chancen für Frauen bietet, jedoch auch neue, subtilere Mechanismen der Ungleichheit hervorbringt.
2. Fordismus: Dieses Kapitel analysiert das industrielle Modell des 20. Jahrhunderts, das auf dem männlichen Familienernährer basierte und durch den Sozialstaat eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung tief in der Gesellschaft institutionalisierte.
3. Postfordismus: Hier werden die Flexibilisierung der Arbeitswelt, die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse und deren spezifische Auswirkungen auf Frauen untersucht, wobei theoretische Konzepte wie der geschlechtliche Habitus und Verarbeitungsmuster sozialer Unsicherheit herangezogen werden.
4. Résumé: Das Fazit stellt fest, dass von einem umfassenden Wandel der Geschlechterrollen nur bedingt die Rede sein kann, da trotz formaler Modernisierung und Degendering-Tendenzen eine patriarchale Modernisierung und die Zementierung alter Muster erkennbar bleiben.
Schlüsselwörter
Fordismus, Postfordismus, Geschlechterverhältnisse, Arbeitsmarkt, Geschlechtersegregation, Prekarisierung, Flexibilisierung, Normalarbeitsverhältnis, geschlechtlicher Habitus, patriarchale Modernisierung, Entgrenzung von Arbeit, Re-Gendering, Familienernährermodell, Tertiarisierung, berufliche Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, ob und inwiefern der Wandel von der fordistischen zur postfordistischen Arbeitswelt zu einer Aufhebung traditioneller Geschlechterrollen führt oder ob sich neue, verdeckte Formen der Benachteiligung etablieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Transformation von Arbeitsverhältnissen, die Rolle des Sozialstaats bei der Zementierung von Geschlechterrollen, die zunehmende Prekarisierung durch Flexibilisierung und die geschlechtsspezifische Segregation in verschiedenen Berufssegmenten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu eruieren, ob der im Postfordismus beobachtbare Wandel der Erwerbsarbeit generell zu einem Abbau von Geschlechterungleichheit führt oder ob die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf institutioneller und habitueller Ebene fortbesteht.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer umfangreichen Literaturrecherche und der Anwendung soziologischer Theorien, insbesondere des Habitus-Konzepts nach Pierre Bourdieu und organisationssoziologischer Ansätze.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse des fordistischen Modells, eine Untersuchung des postfordistischen Umbruchs inklusive atypischer Arbeitsformen sowie eine Differenzierung nach verschiedenen Berufsfeldern wie Professionen und Dienstleistungssektor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fordismus, Postfordismus, Prekarisierung, geschlechtlicher Habitus, patriarchale Modernisierung, geschlechtsspezifische Segregation und Entgrenzung von Arbeit.
Was bedeutet der Begriff "Zwangsfeminisierung" im Kontext der Arbeit?
Dies ist ein von Klaus Dörre geprägter Begriff, der beschreibt, wie Männer auf den Abstieg in prekäre, oft als "weiblich" konnotierte und schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse reagieren und dies als Männlichkeitsverlust empfinden.
Inwiefern beeinflusst das "Eineinhalb-Personen-Modell" die heutigen Geschlechterverhältnisse?
Es beschreibt die anhaltende Praxis, dass hinter einer voll erwerbstätigen Person (meist der Mann) eine zweite Person (meist die Frau) steht, die den Reproduktionsbereich abdeckt, wodurch die berufliche Laufbahn des Mannes abgesichert und die traditionelle Segregation aufrechterhalten wird.
- Citation du texte
- Maria Grashäftl (Auteur), Dominik Prüller (Auteur), 2017, Geschlechterverhältnisse im Wandel? Geschlechtsspezifische Auswirkungen von Arbeitsverhältnissen und Berufsstrukturen in einer veränderten Arbeitswelt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383711