Die "Halbstarken". Zur Auswirkung staatlicher und gesellschaftlicher Einflüsse auf eine Jugendsubkultur in der BRD und DDR


Bachelorarbeit, 2014
49 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Zu den Begriffen „halbstark“ und Subkultur
2.1 Definition und Formen von Subkulturen
2.2 Die Entstehung und Entwicklung des Stigmatas „Halbstarke“

3 Die Aktivität der „Halbstarken“ in der BRD und DDR
3.1 Die BRD
3.2 Die DDR

4 Wie konnte es zur Entstehung des „Halbstarken-Phänomens“ kommen?
4.1 Der historische Kontext
4.2 Die sozio-ökonomischen und sozialpsychologischen Ursachen

5 Die Reaktionen von Staat und Gesellschaft und deren Wirkung auf die Subkultur
5.1 Die BRD
5.2 Die DDR

6 Zu den Hypothesen

7 Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

Abstract

Die vorliegende Arbeit hatte die Beantwortung zweier Forschungsfragen zum Ziele. Zum einen sollte den Ursachen der Entstehung des „Halbstarken-Phänomens“ nachgegangen werden und zum anderen wurde untersucht, welche Auswirkungen die staatlichen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die Jugendsubkultur in der BRD und der DDR hatten. Für dieses Vorhaben wurde systematisch in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur recherchiert. Das Phänomen hat verschiedene jugend- und sozialpsychologische Ursachen, wobei der historische Kontext der Nachkriegszeit und die zunehmende Kommerzialisierung und Mediatisierung der Jugend nicht außer Acht zu lassen sind. Es hat sich herausgestellt, dass die Szene der DDR, aufgrund der repressiven Maßnahmen des Staates kurzlebiger und keineswegs solidarischer war als ihr westdeutsches Pendant, aber allerdings ein etwas stärkeres protestpolitisches Moment aufwies. Leider herrscht noch Forschungsmangel in Bezug auf die „Halbstarken“ der DDR, weshalb weitere Analysen von Aktenmaterial und evtl. Leitfadeninterviews mit Zeitzeugen angebracht wären.

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Jugendsubkulturen, welche in unserer modernen, funktional differenzierten und individualisierten westlichen Gesellschaft eine immer gewichtigere Rolle spielen und sich selbst immer stärker ausdifferenzieren, stellen ein besonderes soziologisches und sozialpsychologisches Forschungsinteresse dar. So gibt es heute die Szenen der Gothics, Punks, Skinheads und Rockabillies; um nur einige zu nennen. Die explizite Erforschung dieser stellt ein erhebliches Potential für die Erklärung der Prozesse der Vergesellschaftung bereit. Die Kultur der „Halbstarken“ in den 1950er Jahren bildet dabei keine Ausnahme. Als erste Jugendsubkultur der Nachkriegszeit, die zudem eine der Größten in der deutschen Geschichte war, liegt deren forschungsspezifische Bedeutung vor allem in der Tatsache, dass sie in zwei politisch komplett differenten Staatssystemen in etwa derselben Zeit in Erscheinung trat.

In meiner Arbeit über die „Halbstarken“ in den 1950er Jahren möchte ich zum einen der Frage nach den möglichen Ursachen der Entstehung dieser Jugendsubkultur nachgehen und zum anderen, differenziert nach BRD und DDR, die Reaktionen von Staat (Exekutive, Legislative und Judikative) und Gesellschaft (Medien und Öffentlichkeit, etc.) auf die „Halbstarken“ und „Halbstarken-Krawalle“ und deren Auswirkung auf die Jugendsubkultur selbst untersuchen. Dabei habe ich drei Hypothesen aufgestellt, welche, anhand der vorhandenen literarischen Evidenz, bestätigt bzw. falsifiziert werden sollen:

Hypothese 1:

Aufgrund des, im Vergleich zur BRD, deutlich größeren staatlichen Zwangs war die DDR-Szene kleiner, weniger brutal und hat sich schneller aufgelöst.

Hypothese 2:

Aufgrund des Kleingruppencharakters und der staatlichen Verfolgung der DDR-Szene war die Solidarität größer als in Westdeutschland.

Hypothese 3:

Aufgrund des repressiven diktatorischen Systems der DDR war dort das politische Protestpotential der „Halbstarken“ größer als in der BRD.

Bei dieser rein literaturbasierten Untersuchung werde ich in Kapitel zwei zunächst die Begriffe „Subkultur“ und „Halbstarke“ klären, wobei ich auf die Entstehungsgeschichte und den Bedeutungswandel des Begriffs der „Halbstarken“ eingehen und die „Halbstarken“ in die diversen Formen von Subkulturen einordnen will. Danach soll die Lebendigkeit und Aktivität (hauptsächlich anhand der „Halbstarken-Krawalle“) der Szenen in der BRD und DDR beleuchtet werden. Im vierten Kapitel komme ich dann zu den historischen sowie den sozio-ökonomischen und sozialpsychologischen Ursachen der Entstehung der „Halbstarken“. Nachdem ich dann in Kapitel fünf die unterschiedlichen staatlichen und sozialen Reaktionen und deren Wirkung auf das „Halbstarken-Phänomen“ in der BRD und der DDR aufgezeigt habe, werde ich im letzten Abschnitt vor dem Fazit meine Hypothesen abschließend in Betracht ziehen.

2 Zu den Begriffen „halbstark“ und Subkultur

2.1 Definition und Formen von Subkulturen

Mit seinem Artikel „The Concept of the Sub-Culture and Application“ führte der amerikanische Soziologe Milton Gordon 1947 den Begriff der Subkultur, welchen er auf die amerikanischen Unterschichtgruppen bezog, in die wissenschaftliche Diskussion ein. Der anfänglich in Bezug auf delinquentes Verhalten gebrauchte Begriff verlor erst im Laufe der 1970er Jahre allmählich seine negative Konnotation (Wurschi 2007: 21 f.).

Eine Subkultur wird als Teilgruppe einer Gesellschaft mit einem System geteilter Symbole, Normen und Werte sowie ähnlicher Verhaltensweisen angesehen. Aufgrund ihres relativen kulturellen Eigenlebens kann es dabei zu Konflikten mit der vorherrschenden Gesamtgesellschaft kommen (Janssen 2010: 29).

Aufgrund von erfahrenen „(s)ystemimmanente(n) Widersprüche(n) und strukturelle(n) Probleme(n)“ werden Subkulturen zum kulturellen Orientierungsmaßstab für Jugendliche, welche als Alternativen zur sozialen Wirklichkeit an Wert gewinnen. Sie stellen somit eine Möglichkeit der Identitätsfindung in der Phase der Adoleszenz dar (ebd.: 29 f.).

Den Bezugspunkt einer Subkultur stellt die übergeordnete, in der Gesellschaft vorherrschende Hegemonial- oder Mainstreamkultur dar. Diese ist die Leitkultur, in welche sich die Subkultur integriert bzw. sich von ihr abspaltet. Beide Kulturteile stehen in Wechselbeziehung zueinander und werden unterschiedlich stark voneinander beeinflusst. Die Verflechtung beider Stile miteinander wird dabei als Modularkultur bezeichnet, welche als Schnittmenge gemeinsam geteilter kultureller Elemente als Bindeglied von Sub- und Hegemonialkultur fungiert (Wurschi 2007: 22).

Rolf Schwendter unterscheidet zwei Subkulturtypen: die „Teilkulturen“, welche ihre Wirkung innerhalb der Hegemonialkultur finden, sowie die „Gegenkulturen“, welche sich dieser als Opposition entgegenstellen. Dabei unterteilt er die Gegenkulturen weiter in „progressive“ und „regressive“ Subkulturen. Während progressive Subkulturen versuchen, gesellschaftliche Strukturen zu verwerfen und die soziale Ordnung zu verändern, sind die Regressiven eher gewillt, in einem vorgefundenen Gesellschaftsraum Verschiebungen herbeizuführen. Des Weiteren seien progressive Subkulturen eher revolutionär und auf Fortschritt bedacht, während die regressiven Subkulturen eher reaktionär seien und somit als restaurative Kräfte wirken. Die progressiven Subkulturen unterteilt er weiterhin in „rationalistische“ und „emotionale“ Subkulturen, wobei die Rationalistischen die Neuordnung der Gesellschaft und deren aktive Mitgestaltung anstreben und die Emotionalen auf hedonistische Ziele, wie individuelle Freiheit, Selbstverwirklichung und Bewusstseinserweiterung bedacht sind (Schwendter 1973: 37-51; zitiert nach Wurschi 2007: 22; Janssen 2010: 30).

Gemeinsam geteilte Merkmale von Subkulturen betreffen den Kleingruppencharakter mit Mitgliedern relativer Altershomogenität, welche gemeinsame Erfahrungen teilen und ein gewisses Maß an Solidarität aufweisen. Ein erkennbarer stilistischer Habitus (äußerliches Erscheinungsbild etc.) ist dabei typisch. Häufig unterstehen sie auch einer annähernden Bildungshomogenität und spezifischen Schichtzugehörigkeit. Ganz allgemein wird Subkulturen „eine dynamisierende Wirkung für die gesellschaftlichen Prozesse zugestanden“ (Wurschi 2007: 23 f.).

Laut Wiebke Janssen ordnet Schwendter die „Halbstarken“[1] den regressiven Gegenkulturen zu (Janssen 2010: 30). Derartige Hinweise konnte ich bei Schwendter nicht finden. Meiner Ansicht nach sind die „Halbstarken“ eher den emotionalen progressiven Jugendsubkulturen zuzuordnen, da sie weder eine Wiederherstellung verkommener traditioneller Werte propagierten, noch einen Umsturz des gesamtgesellschaftlichen Systems anstrebten, sondern hauptsächlich nach individueller Freiheit strebten und sich Freiräume innerhalb der „spießbürgerlichen“ Erwachsenenwelt suchten.

2.2 Die Entstehung und Entwicklung des Stigmatas „Halbstarke“

Der Begriff des Jugendlichen sowie die Wahrnehmung der Jugend als eigenständige Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein trat erst zur Hochphase der Industrialisierung, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf. Im selben Zeitraum entstand auch deren Negativwahrnehmung in der Öffentlichkeit, welche mit dem Begriff des sogenannten „Halbstarken“ ihren Ausdruck fand (Grotum 1994: 21 f.).

Im eigentlichen Sinne kann der Begriff „halbstark“ als Synonym für „halbwüchsig“ und somit als Bezeichnung für Heranwachsende bzw. Jugendliche verstanden werden. In der Öffentlichkeit wurde er jedoch seit seiner Entstehung häufig als Stigmata für jugendliche Straftäter und Randalierer ge- bzw. missbraucht, weshalb sich viele junge Menschen in den Hochphasen des Begriffsgebrauchs, in welchen er als entgrenzte Vokabel Heranwachsende spezifischer Schichten und Generationen geradezu pauschalisierte, ihrer sozialen Achtung beraubt fühlten (Kaiser 1959: 13 f.).[2]

Auch wenn der Begriff bereits vor der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert dem Volksmunde geläufig war, fand er erst im Jahre 1955 Eingang in ein Wörterbuch (ebd.: 14). Im Jahre 1904 wurde er erstmalig literarisch erwähnt und 1912, durch die umfassende Arbeit „Naturgeschichte des Halbstarken“ von Clemens Schultz, endgültig als Negativbegriff in die sozialpädagogische Diskussion eingeführt (Grotum 1994: 23 f.). Das erste Mal tauchte er allerdings zum Ende des 19. Jahrhunderts in Hamburg als Bezeichnung für „Bleicherknechte“, welche auf Tanzböden im Vorort Winterhude „randalierten“, auf. In der Folgezeit wurde er zum Sinnbild für herumlungernde und verwahrloste Jugendliche der untersten sozialen Schichten, denen sich vor allem Pädagogen und Pastoren in diversen Schriften annahmen (Kaiser 1959: 14-17). Den Betroffenen wurde u.a. mangelndes Unrechtsbewusstsein, Passantenbelästigung, Zusammenrottung zu Aufläufen und Vandalismus nachgesagt (19). Man ging sogar soweit, diesen Jugendlichen eine Karriere als Zuhälter und Schwerverbrecher zuzuschreiben (Grotum 1994: 26). Diese Merkmale wurden aber auf die männlichen Großstadtjugendlichen der Arbeiterklasse beschränkt (Kaiser 1959: 19). Im Auge der Zeitgenossen besaß gerade diese Gesellschaftsschicht ein erhöhtes Umsturz- und Protestpotential, da sie im autokratisch-strukturierten wilhelminischen Deutschland der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zugerechnet wurden. Gerade der bürgerlichen Klasse waren die bereits öffentlich selbständig auftretenden Arbeiterjugendlichen suspekt, da sie, bedingt durch ihre relative materielle Unabhängigkeit, Einrichtungen, wie Tanzlokale und Kneipen, die normalerweise der Erwachsenenwelt vorbehalten waren, aufsuchen konnten (Grotum 1994: 23; Janssen 2010: 172). Dem Arbeiterjugendlichen war es einfach möglich sich den traditionellen sozialen Kontrollformen zu entziehen, was viele Zeitgenossen beunruhigte. Der Begriff kann in dieser Zeit aber noch nicht auf eine eigenständige, im Kollektiv auftretende Subkultur zurückgeführt werden, da er sich auf rein individuelle Akteure bezog, welche nur aufgrund der Häufung ihrer Anzahl in der Wahrnehmung der Beobachter als industriekapitalistisches Phänomen erschien (Grotum 1994: 209). Allerdings muss man für die Zeit vor 1930 zwischen der Hamburger und der Berliner Wortbedeutung unterscheiden. Während die Hamburger Quellen die Bezeichneten kriminalisierten, war der Berliner Begriffsgebrauch in dieser Zeit weniger geringschätzig und eher als Synonym für „halbwüchsig“ zu verstehen (Kaiser 1959: 19 f.).

Nachdem der Ausdruck in der Publizistik des Dritten Reichs und der unmittelbaren Nachkriegszeit fast vollständig verschwunden war (wohl aber nicht im alltäglichen Sprachgebrauch), wurde er nach dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 von der Ostberliner Presse wieder aufgegriffen, wohl um die „Revolutionäre“ herabzuwürdigen. Seinen „Siegeszug“ in der Öffentlichkeit tritt der Begriff von nun an aus Berlin an. Im Zeitraum zwischen 1956 und 1958, der Hochphase jugendlichen Randalierens in Bundesdeutschland, erfährt auch die Bezeichnung „halbstark“, im Kontext der „Halbstarken-Krawalle“, den historischen Höhepunkt seiner Verwendung (Kaiser 1959: 18 f.; Grotum 1994: 31). In dieser Zeit erfährt der Begriff eine gewisse Wandlung, indem er zur Negativumschreibung des Wandels der kulturellen Konsumtätigkeit und der alltäglichen Lebensführung von Jugendlichen wird (Janssen 2010: 168). Außerdem wurde er in dieser Zeit verschiedenen Bedeutungsebenen unterworfen. So konnten „Halbstarke“ arbeitslose, kriminelle Bandenmitglieder sein; oder „Eckensteher“, die einfachen „Unfug“ trieben. Im harmlosesten Falle allerdings, wurde man als „Halbstarker“ tituliert, wenn man sich nur US-amerikanische Kulturgüter, wie z.B. die „Nietenhose“ (Jeans) oder das „Texashemd“ (weißes T-Shirt), aneignete und westlichen „Götzenbildern“ (wie Bill Haley, Elvis Presley, Buddy Holly, Marlon Brando, James Dean etc.) huldigte (Janssen 2010: 173).

3 Die Aktivität der „Halbstarken“ in der BRD und DDR

Wenn von der „Aktivität“ der „Halbstarken“ die Rede ist, dann beziehe ich mich vor allem auf die „Halbstarken-Krawalle“. Diese sind der aussagekräftigste Gradmesser für die Erscheinung der bundesdeutschen und ostdeutschen Jugendsubkultur der 1950er Jahre und lassen einen fundierten Vergleich zwischen der BRD und der DDR zu, da sie in beiden Teilen Deutschlands, in teilweise unterschiedlicher Ausprägung, vorgekommen sind.

Curt Bondy, der eine der ersten umfangreichen Studien über das Phänomen der 1950er Jahre verfasst hat, definierte ein „Halbstarken-Krawall“ als „Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, … die fünfzig oder mehr junge Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren (Jugendliche) verursachen, die keine geschlossene Gruppe bilden und in ihrem Verhalten kein bestimmtes Ziel durchsetzen wollen.“ (1957: 28). Dabei unterschied er drei Typen von „Krawallen“ nach deren Entstehungsumständen:

- Der „ Veranstaltungs-Krawall“, welcher vor, während oder nach einer Veranstaltung stattfand (vor allem Konzerte, Filmvorführungen und Stadtfeste).
- Der „ Folge-Krawall“, welcher einem am selben Ort vorhergegangenen „Krawall“ folgt und dem, aufgrund des hohen Informationsgrades, häufig viele schaulustige Jugendliche und Erwachsene beiwohnen.
- Der „ reine Krawall“, welcher weder einen Veranstaltungsbezug aufweist, noch einem initiierenden „Krawall“ gefolgt ist (28 ff.; Hafeneger 1994: 116 f.).

Auch wenn diese Arten von „Krawallen“ Idealtypen darstellen und ein „Krawall“ durchaus unterschiedlichen Typen zugerechnet werden kann, so sind sie dennoch ein wertvolles Indiz zur Ergründung der Entstehungsursachen.

In der Zeit zwischen 1956 und 1958 kam es, laut Kaiser, zu 96 „Großkrawallen“[3] in Gesamtdeutschland (also BRD und DDR zusammengefasst) (1959: 107). Wenn man allerdings die „Krawalle“ in seinem Schaubild zählt, so kommt man auf 101 „Krawalle“ (102-105).[4] Dabei gesteht er sich ein, dass seine Angaben nicht der Vollständigkeit entsprechen, da ihm nicht alle „Krawalle“ bekannt geworden sind (243, Anm. 481). Bezieht Kaiser allerdings auch kleinere „Halbstarken-Exzesse“, mit Gruppen, deren Teilnehmerzahl die 50 nicht übersteigt, mit ein, so registriert er für den Zeitraum von 1956 bis 1958 sogar 350 jugendliche Ausschweifungen, wobei er von einem Vielfachen dieser Gruppendelikte in Bezug auf die „Großkrawalle“ ausgeht. Die durchschnittliche Anzahl der Teilnehmer dieser kleineren Ausschreitungen gibt er mit zwölf an (77).

3.1 Die BRD

Der Zeitraum der größten Ausschreitungen der „Halbstarken“ und damit deren Phase der größten Aktivität fand in Westdeutschland zwischen 1956 und 1958 statt. Eine beträchtliche Anzahl dieser „Krawalle“ belief sich dabei auf die Monate zwischen April 1956 und März 1957, wobei der September 1956 den Höhepunkt darstellt.[5] Die Zentren der Ausschreitungen bildeten dabei Westberlin mit insgesamt 38 und Nordrhein-Westfalen mit 20 „Krawallen“. Außer Rheinland-Pfalz meldete jedes Bundesland mindestens einen derartigen Aufruhr. Die „Krawalle“ waren vor allem ein Großstadtphänomen. So besaßen, von 27 Städten für 95 ermittelte „Krawalle“, 24 Städte eine Einwohnerzahl von über 100 000[6] (Kaiser 1959: 102-105; Grotum 1994: 79-84).

Das Ereignis, welches häufig als erster „Krawall“ in der Literatur genannt wird, war, anlässlich eines Louis Armstrong-Konzerts, die Ausschreitung am 17. Oktober 1955 in Hamburg. Den Anlass dafür gaben das allzu sehr gekürzte Gastspiel, die Absage eines Zweitkonzerts am selben Abend und die Androhung polizeilicher Zwangsmaßnahmen (Grotum 1994: 87). Es sollte allerdings festgehalten werden, dass bereits bei dem sogenannten „Himmelfahrtskrawall“ im Jahre 1953 in Hannover, Jugendliche besonders auffällig handelten und aus der Masse von zeitweilig bis zu 10 000 Menschen herausstachen. Für Bondy wiederum stellen die Aktivitäten einer Clique namens „Die Wilden“[7], welche sich im Sommer 1955 in Berlin-Lichterfelde gesellschaftsnonkonform verhielten, den Beginn des „Halbstarken-Phänomens“ dar (1957: 9; Kaiser 1959: 41 ff.). Im Januar 1956 kam es dann zu den ersten „Exzessen“ in Berlin-Neukölln und Frankfurt-Bornheim. Die Initialzündung für die folgende „Großkrawallwelle“ stellte der „Veranstaltungskrawall“ am 8. April 1956 im Berliner Sportpalast dar (Kaiser 1959: 93).

Nach Grotum wiesen knapp 47 % der „Krawalle“ Teilnehmerzahlen zwischen 50 und 199 auf, wohingegen eine Beteiligung von über 500 Personen mit ca. 14 % eher eine Ausnahme darstellte (Grotum 1994: 82). Diese Werte hat er, mittels der Angaben des Schaubildes, welches auf den Seiten 102-105 in Kaiser´s Werk „Randalierende Jugend“ dargestellt ist, berechnet. Folgt man allerdings Kaiser´s eigener Berechnung, so hatten 43 % der „Krawalle“ Teilnehmerzahlen zwischen 50 und 200 und sogar 21 % über 500 (1959: 78). Welcher Quelle man auch nachgehen mag, der Schwerpunkt der Teilnehmerzahlen belief sich auf 50 bis 300. Man sollte allerdings relativierend bemerken, dass, bei diesen Größenklassen, Schaulustige nicht ausgeschlossen werden können (ebd.). Der größte „Krawall“, welcher die Merkmale eines Veranstaltungs- und eines Folge-„Krawalls“ aufweist, fand am 10. November 1956 in Gelsenkirchen statt. Angeblich blockierten dort ungefähr 1500 Jugendliche nach einer Kinoaufführung den Bahnhofsvorplatz. Solche Zahlen wurden nur noch annähernd am ersten und dritten Dezember 1956, mit jeweils ca. 1000 Heranwachsenden, in Dortmund erreicht. (Kaiser 1959: 29; 103; Grotum 1994: 83). Janssen geht davon aus, dass derartige Größenordnungen auf die hohe Bevölkerungsdichte und die geringen Entfernungen der Städte im Ruhrgebiet zurückgeführt werden können (2010: 151).

Wenn es um den Anteil der „Halbstarken“ an der männlichen Gesamtjugend der BRD geht, so schätzt Kaiser diese Gruppe, je nach Gegend, auf ein Größenverhältnis von 1-5 %. Des Weiteren sieht er die „potentiellen Halbstarken“ in einer maximalen Größenordnung von 10 % (1959: 54). Er bezieht sich dabei bewusst nur auf die männlichen Jugendlichen, da der Anteil der weiblichen Jugendlichen an den „Halbstarken-Krawallen“ zu vernachlässigen sei.[8] Bei dieser Schätzung beachtet er außerdem die Fluktuation der „Krawallteilnehmer“, da nicht immer dieselben Jugendlichen an den verschiedenen „Krawallen“ eines Ortes teilgenommen haben (52). Insofern stellt diese Beurteilung der Größenordnung der „halbstarken“ Heranwachsenden, meiner Einsicht nach, eine plausible und nachvollziehbare Einschätzung dar.

Wenn es zu einem „Krawall“ gekommen war, so war die Tendenz zu einem „Folge-Krawall“, aufgrund der Erwartungshaltung, sowohl der Jugendlichen und Schaulustigen, als auch der Polizei, häufig besonders hoch. Ein gutes Beispiel liefert hierfür, der zum Ritual avancierte allwöchentliche „Krawall“ in der Afrikanischen Straße in Berlin- Wedding (Grotum 1994: 81). Dort sollen sich sogar ganze Familien mit Kinderwagen gesellt haben, um den bevorstehenden Aktionen als Zuschauer beizuwohnen (83).

Die Aktivitäten der „Halbstarken“ während ihrer „Krawalle“ beschränkten sich für gewöhnlich auf Taten wie Vandalismus, Ruhestörung, Passantenbelästigung und Verkehrsbehinderung. Das Provozieren der polizeilichen Staatsgewalt übte dabei einen besonderen Reiz auf die Jugendlichen aus (Simon 1996: 85). Diese Instanz wurde auch häufig mit Steinwürfen „begrüßt“. Den Jugendlichen ging es dabei hauptsächlich „um das Austarieren von … Handlungsspielräumen“ (Grotum 1994: 133). Dabei brachten sie ihre Taten nicht unbedingt mit Gesetzesbruch in Verbindung, sondern eher mit einem Kampf zweier verfeindeter Parteien um räumliche Hegemonie. Sensationslust und Neugierde spielte dabei eine ebenso große Rolle wie der soziale Druck innerhalb der eigenen Gruppierung, in welcher man nicht als Feige gelten wollte (135).

Bei allen „Halbstarken-Krawallen“ stellten sich diverse Gemeinsamkeiten heraus, welche als Prägung ihrer Definition als solche gelten können. So versammelten sich Jugendliche, die sich untereinander, in der Größenordnung aller Anwesenden, nicht kannten, als Masse vollkommen unorganisiert[9] waren und deren Handeln keinem offensichtlichen (vor allem aber keinem ideologischen) Zweck unterstand. Unter ihnen schwelte eine gewisse diffuse Erwartungshaltung, was das bevorstehende Ereignis anbelangt, wobei sie zwischen der Einhaltung und der Verletzung gesellschaftlicher Normen schwankten.[10] Das gemeinsame, eindeutige Feindbild stellte dabei die Polizei dar (ebd.: 141).

3.2 Die DDR

Auch die DDR kannte die Problematik mit randalierenden Jugendlichen gegen Ende der 1950er Jahre. Dort kam es ebenfalls zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen der Volkspolizei und den Heranwachsenden. Allerdings wurde das Phänomen in diesem Teil des getrennten Deutschlands, zum Zwecke der Distanzierung zur äquivalenten Erscheinung in der Bundesrepublik, mit dem englischen Begriff „Rowdytum“ besetzt (Janssen 2010: 10). So konnte die DDR vortäuschen, dass jugendliches Fehlverhalten ein reiner Import aus dem westlichen Ausland sei (180).

Ein weiterer Unterschied zur BRD stellt die zeitliche Verortung der „Halbstarken-Aktivitäten“ in der DDR dar. Denn dort „erwachten“ sie zeitlich versetzt und hatten ihre Kulmination erst in den Jahren 1958/59, um dann Anfang der 1960er Jahre wieder „einzuschlafen“ (ebd.: 24).

In Hinblick der Anzahl der „Halbstarken-Krawalle“ war Ostdeutschland dem Westen auf den ersten Blick deutlich unterlegen. Wie bereits weiter oben erwähnt, macht Kaiser für die DDR gerademal sechs „Großkrawalle“ aus (1959: 102-105). Das erste große Ereignis dieser Art fand demnach am 02. Oktober 1956 in Rostock statt[11]. Es folgten am 08. Dezember Berlin (Lustgarten), Potsdam (18. Mai 1957), Berlin (Prenzlauer Berg, 12. und 22. Oktober 1957) und am 16. Dezember 1958 Halle (ebd.). Ende November 1959 kam es zu „Zusammenrottungen“ lärmender Jugendlicher in Dresden, Erfurt und auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin; Ende Dezember 1959 zu „Krawallen“ in Salzwedel und am 14. Juli 1960 zu Ausschreitungen auf dem „Schlossteichfest“ in Karl-Marx-Stadt. Dies sind nur einige Beispiele. Anders als Kaiser, dem aufgrund der damaligen politischen Situation kaum ostdeutsche Quellen zugänglich waren, konnte Janssen in ihrer Untersuchung über die „Halbstarken“ der DDR, anhand von Berichten der Volkspolizeikreisämter, Parteileitungen und Zeitungen, insgesamt 22 solcher „rowdyhaften Ausschreitungen“, wie die „Halbstarken-Krawalle“ im Jargon der Parteifunktionäre häufig bezeichnet wurden, ermitteln. Dabei beachtete sie explizit, dass, im Sinne der westdeutschen Definition eines „Großkrawalls“ mindestens 50 Personen beteiligt waren (auch wenn dies aus einigen Quellen nur indirekt hervorgeht) und die Volkspolizei, zur Auflösung der Ansammlungen, einschreiten musste (2010: 145 f.). Da sich ihre Untersuchung aber nur auf die Bezirke Halle, Magdeburg und Karl-Marx-Stadt konzentrierte, scheint es ihr möglich, dass sich in der gesamten DDR sogar 30 bis 35 „Halbstarken-Krawalle“ ereigneten (292).

Auch wenn sich die meisten „Krawalle“ in Ost-Berlin und den Bezirksstädten abspielten, so gab es, im Unterschied zur BRD, auch einige Ausschreitungen in Kleinstädten (ebd.: 146 f.). Dabei waren in etwa 50 % der Fälle „Veranstaltungskrawalle“, welche sich auf Festveranstaltungen und Rummelplätzen entzündeten, die den Jugendlichen an den Schaustellerständen gute Möglichkeiten boten, neue Rock´n`Roll-Platten zu hören (147 f.). Es kam allerdings, im Gegensatz zu Westdeutschland, nicht zu größeren Auseinandersetzungen nach Kinobesuchen, da die einschlägigen Rock´n`Roll-Spielfilme in der DDR nicht aufgeführt wurden (187).

Zwölf der 22 „Großkrawalle“ in der DDR wiesen dabei Teilnehmerzahlen zwischen 50 und 200 auf und nur drei hatten (geschätzte) Teilnehmerzahlen von mindestens 500 (bei vier Krawallen wurden in dieser Hinsicht keine Angaben gemacht) (ebd.: 146).

Wie in Westdeutschland, so stellten auch die „Halbstarken“ in der Deutschen Demokratischen Republik eine Minderheit innerhalb ihrer Peergroup dar (ebd: 14). Auch sollte man festhalten, dass an den „Krawallen“ in Ost-Berlin auch häufig Jugendliche aus West-Berlin beteiligt waren, eine klare Abgrenzung zum westdeutschen Phänomen für diesen Teil Deutschlands deshalb nur schwer möglich ist (157).

Allgemein lässt sich festhalten, dass sich die Verhaltensweisen der ostdeutschen „Halbstarken“ von denen des westdeutschen Pendants kaum unterschieden. Auch sie beschränkten sich in ihren „rebellierenden“ Aktionen auf Passantenbelästigungen, Straßensperren, Sachbeschädigungen und körperlichen Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt. Bei dem sogenannten „Hallmarkt-Krawall“ am 16. Dezember 1958 in Halle, mussten sich sogar die Polizisten eingestehen, dass es „außer Pfeifen und provozierenden Äußerungen zu keinem nennenswerten Widerstand“ gekommen war (LHASA, Abt. MER, BDVP, 19, Nr. 132, Bl. 221; zitiert nach Janssen 2010: 137). Am 29. Dezember 1959 „wurden 32 Jugendliche wegen groben Unfugs im öffentlichen Straßenverkehr ins VPKA [Volkspolizeikreisamt; Anm. d. Verf.] eingeliefert“, weil sie die „Bewohner der Stadt … durch Knallfrösche und andere Knallkörper belästigt“, den „Verkehr behindert“ und „ Die Genossen der Volkspolizei … verlacht“ hatten (LHASA, Abt. MD, Rep. P 13, SED-BL Magdeburg, IV/2/16/6, Bl. 20; zitiert nach Janssen 2010: 140).

4 Wie konnte es zur Entstehung des „Halbstarken-Phänomens“ kommen?

4.1 Der historische Kontext

Das Phänomen der „Halbstarken“ kann durchaus als Erscheinung der modernen Industriegesellschaft betrachtet werden. Im Zuge der Industrialisierung kam es zu einem raschen Anstieg der städtischen Bevölkerung mit einer großen Anzahl jugendlicher Arbeiter. Mit ihr entwickelte sich ebenfalls ein gänzlich neues Zeitverständnis, welches, durch eine strikte Trennung von Arbeit und Leben, eine neue Definition von Freizeit implizierte. Diese neue Form von Freizeit determinierte eine Kontrolllücke, in der sich die Jugendlichen der Aufsicht der Erwachsenengesellschaft entziehen konnten (Grotum 1994: 21 ff.). Anders als in der agrarischen Gesellschaft besitzen die Institutionen der Familie und der Religionsgemeinschaft weniger Bindungskraft und schaffen demnach weniger Verhaltenssicherheit (Hafeneger 1994: 128).

Die „halbstarken“ Jugendlichen rekrutierten sich hauptsächlich aus den Jahrgängen 1936 bis 1942 und machten demnach ihre ersten Sozialisationserfahrungen teilweise noch im nationalsozialistischen Deutschland. Differenziert man diese Kohorte nun nach ihrer sozialen Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer (Aus-)Bildung und Berufstätigkeit, so kann man auf diverse typische kollektive Verhaltensweisen und Attitüden stoßen (Grotum 1994: 44). Die „Halbstarken“ können also als Generationseinheit betrachtet werden, welche ihr Kollektivbewusstsein aus gemeinsam geteilten Erlebnissen und Erfahrungen sowie durch kulturell-sinnstiftende Identifikationsobjekte (wie z.B. den Rock´n`Roll) ausbildeten (Janssen 2010: 26 f.).

Durch die Niederlage im zweiten Weltkrieg und dem damit einhergehenden Zusammenbruch des stark dogmatisierten und ideologisierten politischen Systems des dritten Reiches, welcher sich mit einem gewissen Ohnmachtsgefühl verband, schwand ein gewisser Autoritätsglaube in der Bevölkerung. Verstärkt wurde diese Erscheinung durch die katastrophalen Existenzbedingungen der Nachkriegszeit, in denen es an Nahrung, Wohnraum, Kleidung und Heizmaterial besonders mangelte.[12] Und auch in der elterlichen Autorität herrschte ein gravierender Mangel. So hatten 1,25 Millionen Kinder ihren Vater verloren, 20 % von ihnen waren sogar Vollwaisen und ca. 80 000 bis 100 000 lebten als Landstreicher. Für diese Generation war es zur Notwendigkeit geworden, bei der Beschaffung der alltäglich notwendigen Güter, wie z.B. Kohle und Nahrungsmittel, auch auf illegalem Wege, Hilfe zu leisten (Grotum 1994: 46 ff.). Diebstahl, Hehlerei und Schwarzmarktgeschäfte waren dabei an der Tagesordnung (Janssen 2010: 55).[13] Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und zum Spielen fanden sie ausschließlich, aufgrund der Enge des Wohnraums und der fehlenden Zuwendung der Eltern, in dem „Freiraum“ der zerbombten Trümmerlandschaft der Großstadt.[14] (von Wensierski 1985: 114). Festgefügte Traditionen verloren, trotz der wieder an Bedeutung gewinnenden Familie als zentralen Rückzugsort, unter anderem auch durch den Wandel von demographischen Strukturen (hervorgerufen durch die Flüchtlingsströme), zunehmend an Bedeutung. Die Probleme wurden durch die aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Ehemänner auch nicht geschmälert, da deren Bedeutung als autoritärer Bezugspunkt weitestgehend verloren war. Sie waren häufig traumatisiert und konnten mit der neuen Selbständigkeit von Frau und Kindern nicht umgehen, was die familiäre Atmosphäre vergiftete und die Kinder in den Freiraum der Stadt drängte, in dem sie relativ losgelöst von der reglementierten Erwachsenengesellschaft agieren konnten. Diese Unsicherheit der Lebenslage war für viele dieser Kinder und Jugendlichen bis in die 1950er Jahre hinein vorherrschend (Grotum 1994: 48 ff.; Ferchhoff 2007: 124 f.). Der Rückzug in die Subkultur kann somit als Reaktion auf familiäre und soziale Problemlagen verstanden werden. So werden, nach Brake, klassenspezifische Strukturprobleme als Generationskonflikt erfahren und der Ausweg aus diesem von den Heranwachsenden in der Subkultur gesucht. Das subkulturelle Umfeld wird so zum identifikativen Bezugspunkt, mit dem man gewisse Werte teilt, die man in der Schule, auf Arbeit und in der Familie vergeblich sucht. Die Flucht zu den Peers der „Halbstarken“ stellt also eine Alternative zur Alltagserfahrung in der sozialen Wirklichkeit dar (1981: 13 f.; Janssen 2010: 29 f.).[15]

Es scheint auch kaum verwunderlich, dass sich die Jugendlichen der 1950er Jahre, ihren, in der Nachkriegszeit errungenen, Autonomiegewinn, auch durch die Wiederentdeckung alter Werte durch die Elterngeneration, nicht nehmen lassen wollten. Als sich die Wirtschaft allmählich erholte und das Leben wieder seine geregelten Bahnen ging, schenkte man der Einhaltung kultureller Normen wieder viel mehr Beachtung (Schütze und Geulen 1991: 38). Der in den 1950er Jahren vorherrschende Erziehungsstil war autoritär und auf Gehorsam und Unterordnung ausgerichtet, was mit den, in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit gemachten, Sozialisationserfahrungen der Kinder und Jugendlichen nicht übereinstimmte. Dabei tat die körperliche Züchtigung, als typisches Erziehungsmittel dieser Zeit in Familie und Schule, dem Konflikt sicher keinen Abbruch.[16] So kam es zu einer gegenseitigen Schuldzuweisung einer angeblich falschen Lebensführung zwischen der Jugend und den Erwachsenen. Dies verdeutlicht beispielsweise eine in der Norddeutschen Zeitung vom 30.06.1956 auf Seite 25 abgedruckte Antwort einer Oberschülerin: „Was mit unserer Jugend nicht in Ordnung ist? – Ich kann es mit einem Wort sagen: die Eltern“ (Grotum 1994: 64ff.). Die autoritären Erziehungsansprüche der Parentalgeneration werden durchaus verständlich, wenn man bedenkt, dass deren eigene Jugend von Härte und Entbehrung geprägt war und es die Nachfolgegeneration, wenn man ein selbstgerechtes Denken der Erwachsenen voraussetzt, ebenso schwer haben sollte (Brand 1993: 116).

Für Fischer-Kowalski liegt das Problem darin, dass sich die Jugendlichen in einer kritischen Lebensphase befänden, in der die elterliche Kontrollfunktion deutlich nachlässt, eine andere soziale Kontrollinstanz, wie die selbstgegründete Familie oder der ständige Beruf, aber noch nicht vorliegt (1991: 55). Die damit gemeinte These vom Kontroll-Loch muss die Generation der „Halbstarken“ besonders hart getroffen haben. Wie bereits oben erwähnt, war deren Kindheit, durch das Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit, von sozialer Desorganisation geprägt. Während die Väter gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren, mussten sich die Mütter mit dem alltäglichen Überlebenskampf auseinandersetzen. Dabei blieb keine Zeit für die Erziehung (61). Dies wurde besonders in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. DDR deutlich. Dort waren, aufgrund der ökonomischen Bedingungen, bereits 1949 über 25 % der Frauen in der Industrie erwerbstätig.[17] Zusätzlich wurden diese Frauen, zum Zwecke der politischen Kontrolle, noch in sozialistische Organisationen eingespannt, was der Kindererziehung noch weniger Raum ließ (Janssen 2010: 58). Die Kinder selbst waren gezwungen, sehr früh sehr selbständig zu agieren und bei der Beschaffung der überlebensnotwendigen Güter mitzuhelfen, ihre kleinen Geschwister zu versorgen oder den Haushalt in Ordnung zu halten etc. Das Ziel der Pädagogik, die Kinder von ihren Eltern abhängig zu machen, um in ihnen ein Vertrauen in die Erziehungsberechtigung der Eltern auszulösen, konnte in dieser Zeit nicht verfolgt werden. Als diese Generation dann in den 1950er Jahren in die Pubertät kam, erlangte die Erwachsenengesellschaft, im Rahmen des „Wirtschaftswunders“, ihre moralischen Wertvorstellungen wieder, welche sie in der Nachkriegszeit nicht durchzusetzen vermochte, und forderte ebenfalls deren strikte Beachtung. Diese Einhaltung von Normen stand in krassem Widerspruch zu den, in der Kindheit und frühen Jugend gemachten Erfahrungen der Freiheit der „Halbstarkengeneration“. Diese Ambivalenz verschärfte sich durch die heimkehrenden Väter und deren Versuch, ihre Autorität über die Familie zurückzuerlangen und den weiteren Ausbau des Schulsystems, mit dessen Selbstverständnis als soziale Kontrollinstanz (Fischer-Kowalski 1991: 61 f.). Vor allem in der DDR wurde die Schule, zum Zwecke der politischen Indoktrination, zur primären, individuelle Meinungen und Lebenswelten unterdrückenden, Sozialisationsinstanz (Janssen 2010: 59). Das rasche Wachstum der Konsum- und Freizeitindustrie, welche die Wünsche der kaufkräftigen Jugend geschickt aufgriff und vermarktete, führte des Weiteren zu einer Vergrößerung der Autonomie- und Freiheitsbestrebungen der Jugend, was dem Dilemma weiteren Vorschub gegeben haben mag (20; Brand 1993: 121; Maase 1992: 96).

[...]


[1] Im Folgenden werde ich den Begriff „Halbstarke“ immer in Anführungszeichen setzen, da dieser auf viele Jugendliche der damaligen Zeit eine diskriminierende Wirkung ausübte. Ebenso verfahre ich mit dem Begriff „Krawall“, da dieser speziell als Synonym für die damaligen Ausschreitungen Jugendlicher verwendet wurde.

[2] Es sollte allerdings bemerkt werden, dass die Bedeutung dieser Bezeichnung im 21. Jahrhundert, für die Angehörigen der Subkultur der Rock´n`Roller und Rockabillies (welche, in gewisser Weise, die Nachkommen der „Halbstarken“ der 1950er Jahre darstellen), eine vollständig gegensätzliche ist. Für diese Kultur ist er allgemein positiv konnotiert und ein Ausdruck von Respekt und Ehrerbietung, was vor allem daran liegen mag, dass er im heutigen Sprachgebrauch kaum noch Verwendung findet und großen Wiedererkennungswert bekundet. Auch lässt sich schon in den 1950er Jahren eine ambivalente Haltung der Jugendlichen zum Begriff des „Halbstarken“ feststellen. Während der Großteil der Jugendlichen die Bezeichnung strikt ablehnten, gab es einige, die ihn scherzhaft verwendeten und sich wohlmöglich mit dem medial auferlegten Stigma identifizieren konnten (so z.B. die Betitelung eines Jugendlichen bei einem „Krawall“ in Bielefeld als „König der Halbstarken“) (Grotum 1994: 110).

[3] Als „Großkrawall“ bezeichnet auch Kaiser einen „Halbstarken-Krawall“ mit mindestens 50 halbwüchsigen Teilnehmern, wobei Schaulustige dabei nicht mit einberechnet sind (1959: 102).

[4] Wobei ausschließlich sechs „Krawalle“ in der DDR stattgefunden haben (wovon sich die Hälfte in Ostberlin zutrugen, welchem eine gewisse Ausnahmestellung in der DDR, besonders vor dem Bau der Mauer, aufgrund seiner geographischen Nähe zu Westberlin, ausgewiesen werden kann) (Kaiser 1959: 102-105; Grotum 1994: 231 ff.).

[5] So sind zwischen April 1956 und März 1957 mindestens 79 (bei Abzug eines „Krawalls“ in Rostock vom 02.10.1956 und in Ostberlin vom 08.12.1956) und im September 1956 24 „Großkrawalle“ festzustellen (Kaiser 1959: 102 ff.; Grotum 1994: 80).

[6] Eine besondere Ausnahme stellte in dieser Hinsicht ein „Krawall“ in Hasbergen bei Delmenhorst am 07. Oktober 1956 dar. Er wurde als die einzigste Ausschreitung dieser Art und in dieser Größenordnung, welche sich auf dem Lande zutrug, in der Bundesrepublik registriert. Der Nordwestdeutschen Zeitung vom 10. Oktober 1956 nach zu urteilen, überfielen „150 jugendliche Schläger (einen) Bauernhof“, nachdem es in einem ansässigen Gasthaus zu einer Schlägerei gekommen war (Grotum 1994: 107).

[7] Die Bezeichnung der Clique stammt von dem, im Jahre 1953 erschienenen US-amerikanischen Kultfilm „Der Wilde“, welcher, mit Marlon Brando in der Hauptrolle, zum Sinnbild jugendlicher Rebellion in den 1950er Jahren avancierte.

[8] Auf das Größenverhältnis von männlichen und weiblichen Randalierern werde ich noch in Kapitel 4 zu sprechen kommen, wenn es um die sozialpsychologischen Ursachen des „Halbstarken-Phänomens“ geht.

[9] Eine planvolle Organisation der „Krawalle“ durch das Verteilen von Handzetteln etc., welche über das zukünftige Treffen informierten, war in der Regel eher die Ausnahme (Lindner 1996: 33).

[10] Das Verständnis von der Beachtung der Normabweichung kann in diesem Sinne einen ambivalenten Charakter aufweisen. So könnten die Jugendlichen zwischen der Einhaltung bzw. Brechung der Werte der Hegemonialgesellschaft geschwankt haben und/oder zwischen der Einhaltung bzw. Brechung der Werte der subkulturellen Gesellschaft der „Halbstarken“, welche nach unhinterfragter Rebellion strebten.

[11] An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass Janssen bei einer Quellenüberprüfung feststellte, dass Kaiser ein Fehler bei der Datierung des Ereignisses in Rostock unterlaufen ist. So sollen die „Krawalle“ bereits in der Nacht vom 29. Zum 30. September 1956 stattgefunden haben (2010: 135; 179).

[12] von Wensierski sieht in diesem Mangel die Möglichkeit und Notwendigkeit der Relativierung und Überschreitung bestimmter gesellschaftlicher Normen wie Privatsphäre und Eigentum. (1985: 118). Das könnte wiederum negative Auswirkungen auf eine gesellschaftskonforme Sozialisation der „Halbstarkengeneration“ gehabt haben.

[13] Da diese kriminellen Erscheinungen aus der Not heraus entstanden, fielen die gerichtlichen Strafen, welche sich hauptsächlich auf Freizeitarreste beschränkten (auch aufgrund der überbelegten Jugendarrestanstalten), dementsprechend gering aus, was sich ebenfalls negativ auf das Unrechtsbewusstsein der Kinder und Jugendlichen ausgewirkt haben könnte (Roch 1987: 155).

[14] Das Problem des fehlenden Wohnraums betraf vor allem die BRD, aufgrund der Flüchtlingsströme aus dem Osten. Durch die Häufung der „Republikflucht“ der DDR bzw. SBZ entspannte sich die Wohnungssituation in Ostdeutschland schneller (Janssen 2010: 57 f.).

[15] Die damit einhergehende „Sozialisation durch Gleichaltrige“ bedeutet allerdings keinen zwingenden Mangel an Loyalität zum Elternhaus (Jugendwerk der Deutschen Shell 1977: 94). Die „Halbstarken“ galten in der beruflichen und familiären Lebenssphäre durchaus als angepasst.

[16] Dass Gewalt ein weitverbreitetes Erziehungsmittel der damaligen Zeit war, verdeutlicht der Ausspruch eines Zeitzeugen: „Das fand ich echt ´ne Sauerei mit der Schlägerei. Genauso in der Lehre. Da hat mich mal ein Geselle volles Rohr in den Arsch getreten, weil ich was vergessen hatte“ (Krüger und von Wensierski 1984: 206).

[17] Langer gibt für das Jahr 1950 sogar eine weibliche Erwerbsbeteiligung von 31,4 % in der Bundesrepublik an (1985: 113).

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Die "Halbstarken". Zur Auswirkung staatlicher und gesellschaftlicher Einflüsse auf eine Jugendsubkultur in der BRD und DDR
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
49
Katalognummer
V413703
ISBN (eBook)
9783668649835
ISBN (Buch)
9783668649842
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
halbstarken, auswirkung, einflüsse, jugendsubkultur
Arbeit zitieren
Ralf Leonhardt (Autor), 2014, Die "Halbstarken". Zur Auswirkung staatlicher und gesellschaftlicher Einflüsse auf eine Jugendsubkultur in der BRD und DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413703

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