Reformpädagogik nach G. M. Kerschensteiner und die Bedeutung für die heutige Berufsbildung


Hausarbeit, 2014
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Über die Person Georg Michael Kerschensteiner

3 Das fundamentale Konzept der staatsbürgerlichen Erziehung

4 Das Konzept der Fortbildungsschule

5 Entwicklung der Berufsschule

6 Kritische Einwände gegen Kerschensteiners Reformpädagogik

7 Resümee

8 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Reformpädagoge Georg Michael Kerschensteiner wird als einer der einflussreichsten Pädagogen des vergangenen Jahrhunderts angesehen. Als Stadtschulrat Münchens unternahm er die Umgestaltung des Berufsschulwesens, welches bis zum heutigen Tage noch in den von ihm eingeführten Grundansätzen besteht. Kerschensteiner legte großen Wert auf den Nexus von Fachpraxis -und Theorie, wie auch die dem Schema der staatsbürgerlichen Erziehung entsprechende Vermittlung von Allgemeinwissen, was letztlich die Entstehung des zweigliedrigen Berufsausbildungssystems in Deutschland nach sich zog. Aufgrund dieses Aufbaus der Berufsausbildung gilt Deutschland als einer der Spitzenreiter in der globalen Gegenüberstellung.

Thema dieser Hausarbeit ist nun, die ursprünglichen Entwicklungen darzulegen, welche die Form der heutzutage praktizierten, dualen Berufsausbildung zum Resultat haben. Demnach wird ein Überblick über Kerschensteiners Konzept der staatsbürgerlichen Erziehung sowie die Fortbildungsschule, welche später zur Berufsschule wurde, gegeben.

Der erste Abschnitt meiner Arbeit umfasst eine biographische Kurzfassung über Kerschensteiners Person. Es folgt die für das Verständnis Kerschensteiners Überlegungen erforderliche Erläuterung der staatsbürgerlichen Erziehung, welche seiner Pädagogik elementar zugrunde liegt. Anschließend wird das Projekt der Fortbildungsschule illustriert, wobei zu schildern sei, wie wichtig Kerschensteiners Ansicht nach die Berufsbildung ist. In diesem Zuge werde ich auf die Struktur der Fortbildungsschule eingehen, bei der die Schul Werkstatt die essentielle Rolle spielt. Der darauffolgende Teil beschäftigt sich mit der Genese der Berufsschule, welche ihre Wurzeln in der Fortbildungsschule hat. In diesem Kontext seien Kerschensteiners Anordnungen, die zur Durchsetzung und dem Gelingen einer solchen Schulform beitragen, zu erwähnen. Zum Schluss werden kritische Bemängelungen hinsichtlich Kerschensteiners Konzeption dargelegt und ein Resümee gegeben.

2 Über die Person Georg Michael Kerschensteiner

G. M. Kerschensteiner wurde als Sohn Anton und Katharina Kerscheinsteiners am 29.07.1854 in München geboren. Mittels autoritärer und disziplinarischer Erziehung wurde er schon früh zu Gefügigkeit, Gewissenhaftigkeit und Korrektheit erzogen und lernte, gute Leistungen in der Schule zu erbringen. Nach seiner Schullaufbahn traf Kerschensteiner seine Wahl auf den Beruf des Lehrers (Kerschensteiner, 1939, s. 25-32).

1866 wurde ihm eine Stelle an der Präparandenanstalt in Freising zuteil. Seiner zukünftigen Ehefrau Marie Kerschensteiner zufolge war Kerschensteiner in keiner Weise von seiner anstehenden Laufbahn als Lehrer überzeugt. Er lernte, weil es keinen anderen Ausweg für ihn gab. Er musste lernen. Trotz allem bestand G. Kerschensteiner mit knapp siebzehn Jahren sein Examen mit Bestnote (ebd., s. 35-40).

1871 trat Kerschensteiner ein Schulpraktikum in Ebersberg an. Da er sich in dieser Zeit mit desinteressierten, untätigen Schülern herumplagen musste, begann er mit zunehmender Härte zu lehren. Als er im folgenden Jahr nach Augsburg versetzt wurde, traf Kerschensteiner die Entscheidung, seinen Gymnasialabschluss nachzuholen und kehrte nach erfolgreich absolviertem Abitur nach München zurück, wo er Mathematik und Physik an der Technischen Hochschule studierte (ebd., s. 42-43, 60).

1883 assistierte er an einem Gymnasium in Nürnberg, wo er darum bestrebt war, Treffen mit den Heranwachsenden außerhalb des Schulunterrichts zu organisieren, ihnen ihre Wesensart vor Augen zu führen und guten Einfluss auf sie auszuüben. Seine Art und Weise mit den Schülern umzugehen machte ihn rasch zum Lieblingslehrer des Gymnasiums. Noch im selben Jahr verdiente sich Kerschensteiner seinen Doktortitel, (ebd., s. 88-91). Fünf Jahre später nahm er das Amt des Mathematik -und Physiklehrers an einem Schweinfurter Gymnasium an und wurde wenige Jahre später in seine Heimat München versetzt, wo er als Mathematik-, Physik-, und Naturkundelehrer arbeitete. Als er 1895 den Posten des Stadtschulrats bekam, begann er allmählich mit der Lehrplanreform, (ebd., s. 122-125).

Er fing an, sich mit dem Thema der Fortbildungsschulen auseinanderzusetzen und konstruierte Schulen zur Berufsausbildung für Volksschulabsolventen. In dem Kontext entstand die Idee der nach dem Grundprinzip der Selbsttätigkeit, nicht der Belehrung, ablaufenden Arbeitsschule (ebd., s. 129). Im Jahre 1912 belegte Kerschensteiner das Amt des Reichstagsabgeordneten für die ,Fortschrittliche Volkspartei‘ und widmete seine

Aufmerksamkeit den Erziehungsfragen. Etwa sechs Jahre später wurde Kerschensteiner von einer Lungenentzündung heimgesucht. Er wurde als Honorarprofessor an der Universität München, wo er mit Eduard Spränger Bekanntschaft machte, beschäftigt, welcher als erster Dozent Kerschensteiners pädagogischen Grundgedanken an der Universität unterrichtete. Als Kerschensteiner 1920 an das Reichsministerium Berlins ging, wurde der Bau einer Idealanstalt nach der Verfahrensweise der Arbeitsschule durchgeführt. Wenige Jahre später trug Kerschensteiner den Titel des Ehrendoktors der Kulturwissenschaften der Technischen Universität in Dresden und starb am 15.01.1932 an den Folgen seiner schweren Erkrankung (ebd., s. 178-194).

3 Das fundamentale Konzept der staatsbürgerlichen Erziehung

Folgendes Zitat gibt Aufschluss über Kerschensteiners Verständnis staatsbürgerlicher Erziehung: ״[...] Das Ziel der staatsbürgerlichen Erziehung ist nichts anderes als das Schlagen immer humaner, das Vertragen immer freiwilliger zu gestalten!“ (Kerschensteiner, 1958, s. 40)

Hinsichtlich des Begriffes der staatsbürgerlichen Erziehung vertritt Kerschensteiner die Ansicht, dass diese misslungen sei, weil sie in zu großer Distanz zu den Einrichtungen der rechtmäßigen Gegebenheiten stehe und ebenso wenig an die vorherrschenden schulischen Anstalten anknüpfe (ebd., s. 38). Kerschensteiner zufolge ist staatsbürgerliche Erziehung ״eines der wichtigsten Fundamente des Staatsgebäudes“ (Kerschensteiner, 1901, s. 6).

Als die wesentliche Erziehung umfasse sie alle Ziele und Zwecke der Bildung der Menschen und verkörpere dementsprechend den wertvollsten Gegenstand schulischer Bildung (Kerschensteiner, 1958, s. 34). Die Absicht hinter dieser Art von Erziehung liege in der Festigung des ethischen Idealbildes eines Rechts -und Kulturstaates, welcher durch Gelehrtheit einer einheitlichen Gemeinschaft, in der staatliche Gesetze nicht von Nöten sind, ausgedrückt wird (ebd., s. 40). Voraussetzung für eine Konformität innerhalb einer Gesellschaft ist, dass eine sittliche, d.h. ethische und moralische, Erziehung eines jeden Einzelnen vor dem Hintergrund der Staatsgesinnung ausgeübt werde (ebd., s. 45).

Einige Schulen vermittelten zu dieser Zeit schon Inhalte, die die Chance einer solchen Erziehung gewährleisteten, allerdings müssten diese unter der Perspektive der Sittlichkeit und Ethik überarbeitet werden. Staatsbürgerliche Erziehung sei keinesfalls mit staatsbürgerlicher Belehrung gleichzustellen, wessen Absicht die Tradierung staatswissenschaftlichen Wissens ist. Im Gegenteil steht sie für eine Entwicklung der staatsbürgerlichen Tugenden, die über den einfachen Wissenserwerb und die Kenntnissteigerung hinausgehen. Solche Tugenden äußern sich beispielsweise in Rücksichtnahme, Hingabesittlichkeit, moralischer Tapferkeit sowie Verantwortung (ebd., s. 13).

Hauptaufgabe der staatsbürgerlichen Erziehung sei es demnach die altruistische, d.h. uneigennützige und selbstlose, Nutzung von Wissen und Fähigkeiten in den Mittelpunkt schulischer Erziehung zu rücken, damit sich im Einzelnen ein Wille entwickelt, sich zu beugen und auf gleicher Ebene das Solidaritätsgefühl zu kräftigen (Kerschensteiner, 1901, s. 9). Die staatsbürgerliche Erziehung gehe demnach mit politischer Bildung Hand in Hand, vorausgesetzt sie werde nicht im parteipolitischen Sinne gedeutet (Kerschensteiner 1958, s. 19). In diesem Kontext kombiniert Kerschensteiner die staatsbürgerliche Erziehung, politische Bildung sowie Vaterlandsliebe miteinander. ״Vaterlandsliebe ohne politische Bildung ist ein Luftschiff ohne Lenkbarkeit, und politische Bildung ohne staatsbürgerliche Erziehung ist ein lenkbares Luftschiff ohne Kompaß und Steuerungskarte“, schrieb er (ebd., s. 22). Aus seinen eigenen Erfahrungen als Praktikant heraus kommt er allerdings zum Fazit, dass die Mehrheit nicht die geistigen Eigenschaften habe, politische Kontexte in vollem Umfang nachvollziehen zu können. Demzufolge sei es von größerer Bedeutsamkeit, sich die staatsbürgerlichen Tugenden frühestmöglich anzueignen (ebd., s. 23). Darüber hinaus könne soziale Erziehung einen großen Teil zur staatsbürgerlichen Erziehung beitragen, wenn sie sich dem Dienst der Gemeinschaft unterstelle, nicht für die Befriedigung eigener Bedürfnisse missbraucht werde (ebd., s. 25). Auf diese Weise würde über eine intentionale, soziale Erziehung die Herausbildung beider Grundtugenden staatsbürgerlicher Erziehung, moralischer Mut und selbstloses Wohlwollen, unterstützt (ebd., s 28). Zahlreiche der von Kerschensteiner aufgeführten Tugenden könnten sich aus Arbeitstüchtigkeit, welche aus der wirtschaftlich- technischen Erziehungsweise hervorgeht, entwickelt werden, wenn in den Schulen kein gnadenloser Erwerbsegoismus sowie Ehrgeiz aufgezogen würden (ebd., s. 15). Kerschensteiners Ansicht zufolge ist es nicht nur die Pflicht der allgemeinbildenden Schulen, staatsbürgerliche Erziehung zu unterstützen, sondern haben diese vor allem auch die Aufgabe, die Heranwachsenden auf die Erziehung in den Fortbildungsschulen zu rüsten. Er ist der Auffassung, dass den Kindern während der Volksschulzeit die erforderliche Reife fehle, um staatsbürgerliche Erziehung ganz und gar übernehmen zu können (Kerschensteiner, 1901, s. 84). Es sei nach Kerschensteiner unvermeidbar, jeden einzelnen Schüler durch Unterstützung in seinen Fertigkeiten auf die Arbeitswelt vorzubereiten, damit der Schüler das Gefühl bekommt, ״ein tätiges Mitglied des Ganzen zu sein“ (ebd., s. 84). Es müsse ihm verständlich gemacht werden, dass er ״auch im öffentlichen Leben seinen Mitbürgern gerecht zu werden [hat], auf daß [neben ihm] auch das Ganze gedeihe“ (Kerschensteiner, 1954, s. 132).

4 Das Konzept der Fortbildungsschule

Die im Vorfeld veranschaulichte staatsbürgerliche Erziehung demonstriert offensichtlich Kerschensteiners Bemängelung am gegenwärtigen Schulsystem. Ihm zufolge wird dieses durch Eintrichtem von Wissen charakterisiert und lässt ״die mit Wissensstoffen schön patini eiten dreizehnjährigen Kinderköpfe [...] wie blank polierte hohle Kupferkessel [erscheinen]“ (Kerschensteiner, 1904, s. 91). Er sagt, dass drei Jahre Praxisleben zu einem Verschwinden dieser aufgepfropften Bildung führen würden. Kerschensteiner nach bedeutet Bildung nicht, Kenntnisse und Wissen zu haben, sondern diese als eine sich von innen heraus ausbildende Formgebung, die das Ziel des ״ganze[n] Mensch[en] verfolgt“ anzusehen (ebd.). Dieser ganze Mensch habe die Aufgabe, seine sowie die Pflichten des Volkes zu erkennen und auszuführen (ebd., s. 94). Durch die Berufsbildung werde die Menschenbildung erlaubt, da eine umfängliche Berufsbildung der Orientierung verhelfe. Kerscheinsteiners Vorstellung nach müsse die Berufsbildung mit der staatsbürgerlichen Erziehung im Einklang Stehen, sodass berufliches Wissen dem Gemeinwohl diene. Die Fortbildungsschule nach Kerschensteiner stellt die Voraussetzung solch einer Berufsbildung dar. Sie erstreckt sich nach Austritt aus der Volksschule über die ganze Ausbildungszeit und fokussiert die gesamte Bildung mit Hinblick auf die Gewährleistung des Allgemeinwohls (ebd., s 102).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Reformpädagogik nach G. M. Kerschensteiner und die Bedeutung für die heutige Berufsbildung
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V428972
ISBN (eBook)
9783668728202
ISBN (Buch)
9783668728219
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reformpädagogik, kerschensteiner, bedeutung, berufsbildung
Arbeit zitieren
Patrycia Gellert (Autor), 2014, Reformpädagogik nach G. M. Kerschensteiner und die Bedeutung für die heutige Berufsbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428972

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