Russland und die Krim-Krise aus der Sicht des Neorealismus


Essay, 2017
8 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Krim-Krise unter neorealistischer Betrachtung
2.1 Die Entstehung des Neorealismus
2.2 Akteure und Strukturen des Neorealismus
2.3 Anarchie als Sicherheitsdilemma
2.4 Status Quo und Machtungleichgewicht – Wirkung der Anarchie

3 Empirische Anwendung der Neorealismus-Theorie auf die Annexion der Krim
3.1 Annexion der Krim durch Russland – Verlauf
3.2 Die zentralen Akteure
3.3 Westpolitisches Voranschreiten und Russlands Gegenmaßnahmen

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Annexion der Krim 2014 sorgte für viele Diskussion und Gesprächsstoff. Russland ließ die Krim gewaltsam erobern und begründete dies als legitime Art und Weise, da die Krim praktisch sowieso zu Russland gehört. Er schaffte nach 1783 die zweite Krimkrise, welche die Meinungen von Experten spalten sollte. Die Legitimität wird von verschiedenen Seiten in Frage gestellt, auch wird Russland völkerrechtswidriges Verhalten unterstellt. Dieses Essay wird sich mit dem Verlauf der Krim-Krise und wie sich die Theorie des Neorealismus auf diese anwenden wird, beschäftigen. Die genau definierte Forschungsfrage dieser Arbeit lautet wie folgt:

Wie lässt sich die Annexion der Krim mithilfe der Theorie des Neorealismus erklären?

Nach dieser Einleitung werde ich die Theorie des Neorealismus erklären, dazu nutze ich die Aspekte Entstehung, Akteure und Strukturen, das sogenannte Sicherheitsdilemma und die Wirkung einer anarchischen Struktur. Darauffolgend werde ich mich mit der empirischen Anwendung dieser Theorie auf die Krim-Krise beschäftigen. Ich werde strukturiert vorgehen und die zentralen Akteure aus Sicht des Neorealismus erklären, anschließend erläutere ich die versuchte Ostanbindung der NATO und Russlands Gegenmaßnahmen aus Sicht der Neorealisten. Das Essay werde ich am Ende mit einem Fazit abrunden, in welchem ich erkläre, warum der Neorealismus eine legitime Theorie zur Erklärung der Krim-Krise ist und welche Schlüsse ich aus dieser ziehe.

2 Die Krim-Krise unter neorealistischer Betrachtung

In dem folgenden Abschnitt werde ich die Theorie des Neorealismus erklären. Die Theorie des Neorealismus dient als Grundgerüst dieser Arbeit und soll die außenpolitischen Vorgänge Russlands an der Krim erklären.

2.1 Die Entstehung des Neorealismus

Die Theorie des Neorealismus teilt sich in den offensiven Neorealismus nach John J. Mearsheimer sowie in den defensiven Neorealismus nach Kenneth Waltz auf. Waltz veröffentlichte 1979 das Buch „Theory Of International Politics“ und gilt als Begründer des Neorealismus. Dieses Essay beschäftigt sich mit dem Neorealismus und dessen Anwendung auf die Krim-Krise insbesondere aus Sicht Mearsheimers.

2.2 Akteure und Strukturen des Neorealismus

Die Theorie des Neorealismus ist eine systemische Theorie der internationalen Beziehungen. Der Neorealismus geht davon aus, dass ein anarchisches Weltbild herrscht. Dies bedeutet, dass es keine übergeordnete Weltordnung gibt, sondern dass jeder Staat für sich selber zuständig ist. Der Zustand der Anarchie ist hier also die hier die unabhängige Variable. Anarchie ist ein gegenwärtiger Zustand. Die oberste Priorität der Staaten ist das Überleben, also die Erschaffung und Erhaltung von Sicherheit für das eigene Land (Mearsheimer 2014a: 30-31). Der Neorealismus lässt innerpolitische Faktoren außen vor und behandelt die Staaten als Ganzes und ausschließlich deren Sicherheitspolitik aufgrund der Struktur der Anarchie (Mearsheimer 2014a: 30).

Die anarchische Struktur zwingt die Staaten zur Homogenität, das heißt sie müssen ein Selbsthilfesystem erschaffen und können sich nicht spezialisieren (Waltz 2009: 37). Der Staat ist autonom und nicht von anderen Staaten abhängig. Außerdem geht der Neorealismus davon aus, dass Staaten immer rational und einheitlich handeln. Das oberste Ziel, die Sicherheit bzw. das „Überleben“ der Staaten, muss erhalten bleiben und darf nicht durch normgeleitete Entscheidungen oder durch die Abhängigkeit von nationalen Gesellschaften aus den Augen verloren werden. Eine zusammenhängende Außenpolitik wird laut dem Neorealismus durch die Vereinheitlichung außenpolitischer Entscheidungsträger herbeigeführt. Das anarchische Weltsystem führt laut den Neorealisten dazu, dass Staaten jederzeit auf Kriege vorbereitet sein müssen. Staaten müssen im Ernstfall ihr Überleben sichern können (Mearsheimer 2014a: 32-34). Der offensive Neorealismus nach Mearsheimer geht davon aus, dass Staaten stets nach Macht bzw. Hegemonie streben. Rationales Handeln, Dominierung sowie das Streben nach eigener vorteilhafter Position ist das Ziel (Mearsheimer 2014a: 138).

2.3 Anarchie als Sicherheitsdilemma

Durch das anarchische System ist ein Sicherheitsdilemma vorherrschend, welches dazu führt, dass Staaten weniger kooperativ sind. Staaten sind sich unsicher über die Gewinnverteilung bei Kooperationen, das Nullsummenspiel bestimmt das Denken der staatlichen Akteure. Nullsummenspiel bedeutet, dass Staaten bei Veränderungen niemals auf gleicher Ebene profitieren können, es wird immer einen Gewinner und einen Verlierer geben (Mearsheimer 2014a: 35-36)

2.4 Status Quo und Machtungleichgewicht – Wirkung der Anarchie

Staaten wollen die Maximierung von Sicherheit, sollte es im internationalen System zu einem Machtungleichgewicht kommen, setzen Staaten alles daran, Machtungleichgewichte direkt zu kompensieren. Der Neorealismus bezeichnet den Prozess der Wiederherstellung des Status-Quo (Machtgleichgewicht) als „balancing“. Das „balancing“ entsteht aus der Wirkung der anherrschenden anarchischen Struktur und wird zur abhängigen Variablen (Schörnig 2010: 75). Mearsheimer und andere offensive Neorealisten vertreten sogar die Meinung, dass die Staaten nicht nach dem Status-Quo streben, sondern nach Hegemonie – Machtmaximierung und alleinige Dominierung des internationalen Systems (Mearsheimer 2014a: 40-42). Mearsheimer sieht außerdem den Besitz von Nuklearwaffen als ein Faktor für die Besonnenheit der Staaten an, da diese eine abschreckende Wirkung besitzen (Mearsheimer 2014a: 129).

3 Empirische Anwendung der Neorealismus-Theorie auf die Annexion der Krim

In den nun folgenden Abschnitten werde ich die Theorie des Neorealismus auf die Annexion der Krim durch Russland anwenden und einzelne Inhalte der Theorie reflektierend auf die Ereignisse anwenden und bedeutende Aspekte wie Akteure, Struktur und Annahmen der Theorie auf den Fall spezifizieren.

3.1 Annexion der Krim durch Russland – Verlauf

Im Folgenden werde ich eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse rund um die Annexion der Krim geben. Vorausgegangen ist die Ablehnung des damaligen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch betreffend des EU-Ukraine-Assoziierungsabkommen, welches zu mehr Zusammenarbeit mit der EU führen sollte. Anschließend kam es im November 2013 zu ersten Demonstrationen auf dem Majdan-Platz in Kiew. Die Demonstrationen hielten an, sie wurden zunehmend gewalttätiger. Im Februar eskalierte die Gewalt, Janukowitsch floh nach Russland, danach folgte die Amtsenthebung durch das ukrainische Parlament. Am 22. Februar 2014 begann die russische Annektierung der Krim (Gloger 2017: 321), ein Referendum mit dem Thema „Wiedervereinigung der Krim mit Russland“ folgte am 16. März, welches mit mehr als 95% Ja-Stimmen beendet wurde (Tagesspiegel 2013: 1). Zwei Tage später erklärt Wladimir Putin die Aufnahme der Krim in die Russische Föderation (Gloger 2017: 321). Im Folgenden werde ich die Frage empirisch beantworten, wie die Theorie des Neorealismus die Annexion der Krim beurteilt und erklärt.

3.2 Die zentralen Akteure

Der Neorealismus ist eine rein außenpolitische Theorie. Er behandelt keine innerpolitischen Faktoren, sondern betrachtet die Staaten und Staats-Blöcke als Ganzes. Die zentralen Akteure der Krim-Krise sind Russland, Ukraine sowie die NATO (Mearsheimer 2014b: 77).

3.3 Westpolitisches Voranschreiten und Russlands Gegenmaßnahmen

Der Neorealismus verlangt die Weltstruktur Anarchie. Hiermit ist kein Chaos, Gesetzlosigkeit und Gewaltherrschaft gemeint, sondern der Zustand, dass Staaten keine übergeordnete Weltordnung besitzen, sondern für sich selbst zuständig sind. Dieser Zustand ist laut des Neorealismus vorherrschend, so auch in der Krim-Krise. Betrachtet man nun die Annexion der Krim durch Russland mithilfe der anarchischen Struktur, sieht man ein völlig rationales Handeln Russlands. Russland versucht, die NATO aufzuhalten. Sie sehen in dem EU-Assoziierungsabkommen einen Versuch, die Macht der NATO zu vergrößern sowie territorial durch die geopolitische Lage der Ukraine an Russlands Grenzen Druck auszuüben. Mearsheimer nennt dieses Phänomen „NATO-enlargement, EU expansion“ (Mearsheimer 2014b: 79-80).

Putin fürchtet deshalb um Machtverlust. Er hält die Annäherung der Ukraine an den Westen für eine Stärkung der NATO an den Grenzen zu Russland. Putin befürchtet die Schaffung eines westlichen Stützpunktes vor seiner „Haustür“ (Mearsheimer 2014b: 79).

Russland unter Putin handelt hier aus neorealistischer Sicht vollkommen rational. Er möchte die Westbindung der Ukraine aufhalten, da er gleichzeitig ein Machtungleichgewicht verhindern will. Durch die Erweiterung der NATO 2009 um die Staaten Albanien sowie Kroatien (Welt.de 2009) sowie die diskutierte Georgien Eingliederung in die NATO 2008 (Spiegel.de 2008) befürchtet Russland eine Vergrößerung der Macht der NATO durch die gezielte Einbindung von Oststaaten. Russland sieht hier ein Ungleichgewicht und dadurch seine Sicherheit gefährdet (Mearsheimer 2017b:79).

Darüber hinaus wurde ein Truppenwachstum Russlands durch die NATO an der Grenze zur Ukraine festgestellt (Handelsblatt 2014:1). Die Truppenaufrüstung der Ukraine ist aus neorealistischer Perspektive ein Merkmal des „balancing“. Balancing kann durch interne sowie externe Faktoren geschaffen werden. Russland versucht ein Machtgleichgewicht durch internes „balancing“ – der Truppenaufrüstungen“ – zu schaffen (Mearsheimer 2014a: 157)

Die Annexion der Krim durch Russland lässt sich aus neorealistischer Sicht außerdem durch den fehlenden Nuklearwaffenbestand der Ukraine aufgrund des Budapester Memorandum (Ron Synovitz 2014) erklären. Durch den Verzicht von Atomwaffen hat die Ukraine keinerlei Abschreckungsmacht und Russland konnte intervenieren ohne Nuklearschläge befürchten zu müssen (vgl. Mearsheimer 2014: 128).

Insgesamt kann man klare übereinstimmende Handlungen Russlands mit der Theorie des Neorealismus erkennen.

4 Fazit

Abschließend ist zu sagen, dass Russlands Handlungen mit der Theorie des Neorealismus sehr gut zu erklären sind. Man erkennt viele parallelen, die mit Waltz und Mearsheimers Theorie übereinstimmen. Sei es nun die fehlende Abschreckung bezüglich Nuklearwaffen seitens der Ukraine, die Aufrüstung der Truppen Russlands an der Krim oder die Furcht vor Machtvergrößerung der NATO. Der Neorealismus, welches eine Theorie ist, die sich rein auf die Sicherheit und das Überleben der Akteure respektive Staaten konzentriert, lässt zwar innenpolitische Faktoren komplett außen vor, kann deshalb aber auch sehr gut auf die Handlungen Russlands angewendet werden. Der Neorealist betrachtet das Handeln Russlands als eine völlig logische, rationale sowie legitime Art, ein Machtungleichgewicht zu verhindern bzw. zu dieses zu verschieben. Insgesamt lässt sich die Krim-Krise mithilfe der Theorie des Neorealismus befriedigend erklären, da die Handlungen Russlands in einem sicherheitspolitischen Kontext einzuordnen sind. Leider verdeutlicht der Fall und die Theorie auch, dass Frieden auf der Welt kaum möglich ist. Der Machtgedanke ist zu stark im Menschen verwurzelt und bestimmt letztendlich auch die Dimensionen der staatlichen Ebene.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Russland und die Krim-Krise aus der Sicht des Neorealismus
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Internationale Politik)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die internationale und europäische Politik
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
8
Katalognummer
V429898
ISBN (eBook)
9783668750845
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krim, Russland, Neorealismus, Politikwissenschaft, Politikwissenschaften, Politik, Annexion, Waltz, Mearsheimer
Arbeit zitieren
Julian Apel (Autor), 2017, Russland und die Krim-Krise aus der Sicht des Neorealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429898

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