Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2018
16 Seiten

Leseprobe

Wilhelm Metz (Freiburg i.Br.)

Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft[1]

Kann trotz der Vielzahl kultureller und religiöser Traditionen, tief gehender Differenzen in Werte-Überzeugungen und Lebensformen, die es in der aktuellen Weltgesellschaft gibt, dennoch ein für Alle >Verbindliches< ausformuliert werden? Zur Vorbereitung dieser Frage, die sich auf einem durchaus verminten Gelände bewegt, seien einige Begriffe geklärt, zuerst derjenige der „Weltgesellschaft“.

Diesen Begriff möchte ich im Sinn von Niklas Luhmann verwenden, der unter Gesellschaft einen Kommunikationszusammenhang versteht. Soweit sich die Kommunikationen unter Menschen erstrecken, haben wir es mit Gesellschaft zu tun, die als das umfassende Sozialsystem alle Kommunikationen der jetzt Lebenden in sich schließt[2]. Im Blick auf die Moderne kann von einer Weltgesellschaft gesprochen werden, weil die Kommunikationen nicht an Staats- oder sonstigen Grenzen halt machen. Wissenschaftliche Forschungsergebnisse, z.B. im Bereich von Physik, Medizin oder Archäologie, werden weltweit kommuniziert, Fotographien, die von Raumstationen im Weltraum produziert werden, werden allgemein, z.B. im Internet, zugänglich gemacht, erfolgreiche Filme werden in der ganzen Welt beachtet und angeschaut, über Sportereignisse oder die Kurzbotschaften des amerikanischen Präsidenten wird weltweit berichtet. Privatpersonen reisen in alle Ecken der Welt und knüpfen Kontakte, die dank moderner Kommunikationsmedien über größte Entfernungen gepflegt werden können. In Anbetracht dieser sich vielfach abzeichnenden Weltgesellschaft, die sich am deutlichsten durch das Internet abbildet, ist auf eine Janusköpfigkeit hinzuweisen. Die Moderne nämlich scheint einerseits gekennzeichnet zu sein durch Buntheit und Pluralität (Stichwort „Multi-Kulti“), andererseits aber eine noch nie da gewesene Vereinheitlichung der ganzen Menschheit zu vollziehen, und dies in den verschiedensten Lebensbereichen[3]. In Brasilien können dieselben Modetrends angeschaut werden wie in Russland, in Südafrika wird dieselbe Musik gehört wie in Deutschland, Börsenschwankungen infolge kurzzeitiger US-Sanktionen stürzten vor kurzem Argentinien, die Türkei und Indien gleichzeitig in die Krise. Handys werden auf dem gesamten Globus als Kommunikationsmedien und Informationsfenster benutzt. Ist die Moderne wirklich, im Bild gesprochen, nur die Buntheit der vielen verschiedenen Farben oder weist sie, ganz im Gegenteil, die Tendenz zu einer einzigen Gesamtfarbe auf? Vielleicht ist aber auch beides gleichzeitig der Fall. Frei nach Luhmann könnte man hervorheben, dass die Weltgesellschaft zwar verschiedene Religionen, aber nur ein einziges Wirtschaftssystem verträgt[4].

Mit dem angesprochenen Zwielicht der Moderne – Freilassung zu noch nie dagewesener Vielheit tradierter und auch selbst gewählter Lebensformen, bei gleichzeitiger subtiler Uniformierung, Codierung und auch Überwachung des >gläsernen Menschen<, welche letztere Michel Foucault das Panoptikum, den alles sehenden Blick, zum Sinnbild der modernen Gesellschaft erklären ließ[5] –, dieser Janusköpfigkeit geht die tiefer gehende Frage weiter nach, ob die Menschen der gegenwärtigen Weltgesellschaft in ihren moralischen und existentiellen Überzeugungen tatsächlich immer weiter auseinanderdriften, oder ob sich, im Gegenteil, ein Zusammenrücken in diesem Bereich ereignet. Diese Frage soll zuerst in einer beschreibenden Beobachter-Perspektive angegangen werden. Sodann soll zu der explizit philosophischen Frage übergegangen werden, ob ein normatives Urteil gefällt, ob ein für alle Menschen Verbindliches herausgestellt und bestimmt werden kann und soll.

Beginnen wir in der Beobachter-Perspektive! Neben den o.g. tief reichenden Differenzen, die zwischen den Wert- und Glaubensüberzeugungen von Individuen und vielleicht ganzen Kulturkreisen bestehen, gibt es in unserer Gegenwartsepoche durchaus Adressen für menschheitliche Anliegen und gemeinsame Werturteile; am explizitesten sind hier die Vereinten Nationen, die UNO anzuführen, welche Werte und Ziele ausformulieren, die von der Menschheit und den Staaten dieser Erde beachtet und befördert werden sollen, wie z.B. die Menschenrechte, die Frauen- und Kinderrechte, das Ziel der Inklusion von behinderten Menschen in sämtliche Bereiche der Gesellschaft, oder der Schutz des Klimas, damit das Wunder des Lebens auf dieser Erde und damit die Lebensgrundlage auch des Menschen bewahrt werden. Bei allen Mängeln, die die UNO aufweisen – ihre Beschlüsse können nur in den seltensten Fällen gegen den Willen von Staaten durchgesetzt werden, die fünf Veto-Mächte haben sich von vornherein dem neuen Völkerbund nicht vorbehaltlos unterstellt, die stimmberechtigten Staaten werden nicht selten von korrupten Tyrannen oder populistischen Präsidenten repräsentiert, und viele weitere Mängel mehr –, so ist es doch von unschätzbarem Wert, dass diese menschheitliche Organisation überhaupt existiert. Sie ist nicht für partielle Interessen, sondern für schlechthin übergeordnete Ziele, z.B. die Besiegung des Hungers, der Korruption und des Analphabetismus, besonders aber für die Bewahrung des Weltfriedens gegründet worden. Der schärfste Einwand gegen sie dürfte darauf abheben, dass die in der Charta der Vereinten Nationen verankerten Wertüberzeugungen eine westliche Provenienz besäßen, weshalb sie kein Gegengewicht zur westlichen Dominanz bilden, sondern diese subtil selber darstellen würden.

In der Tat sind die Hauptstationen in der Herausbildung der westlichen Werte, die Anspruch auf Universalität erheben, höchst ambivalent gewesen. Als im Jahre 1787, um daran kurz zu erinnern, in der amerikanischen Verfassung die allgemeinen Menschenrechte festgeschrieben wurden, waren der Handel mit schwarzen Sklaven sowie die Verdrängung der indianischen Ureinwohner aus ihren Stammesgebieten noch im vollen Gang. Die feierliche Deklaration der Menschenrechte in der Französischen Revolution im Jahre 1790 verhinderte nicht, dass sich eben diese Revolution in ein Terrorregime verwandelte, dem u.a. Olympe de Gouges, die 1791 die Erklärung der „Rechte der Frau und der Bürgerin“ verfasst hatte, im Jahre 1793, auch wegen dieser Schrift, enthauptet wurde, ganz zu schweigen von Napoleons Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien, die sein Bündnis mit der Groß-Bourgeoisie befestigen sollte. Obgleich also sowohl in den USA als auch in Frankreich die Erklärung der Menschenrechte große Fragezeichen zurückließ – weil es sich de facto in erster Linie um die Rechte weißer männlicher Europäer handelte[6] –, so haben diese Erklärungen dennoch einen Diskurs inauguriert, aus dem auch die Selbstkritik des sogenannten Westens geschöpft ist. Blumenbergs These, dass sich die Probleme des Fortschritts nur durch weiteren Fortschritt lösen lassen, scheint weiterhin überzeugend, ja geradezu alternativlos zu sein[7].

Der radikale Kritiker der Menschenrechte namens Karl Marx, der in den Forderungen der Französischen Revolution nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ nur die Begleitideologie des kapitalistischen Systems erblickte, da die genannten Postulate dem arbeitenden Menschen eine nur scheinbare Freiheit vorgaukeln würden, die lediglich im politischen Himmel existiere, während auf der ökonomischen Erde, d.h. in der Lebenswirklichkeit des Arbeiters, seine Versklavung und Ausbeutung vonstattengingen[8] –, auch dieser Kritiker, der eine politische Freiheit ohne soziale Befreiung für Illusion und Täuschung hält, muss doch für seine Gesellschaftskritik einen (impliziten) Bewertungsmaßstab mitbringen[9], der ihn voraussetzen lässt, dass der Mensch auf seine soziale, und nicht nur politische Freiheit, eben ein unverbrüchliches Recht habe. M.a.W., die marxistische Kritik an den Menschenrechten kann deren Boden nicht verlassen, weil sie mit keinem alternativen Diskurs zu überzeugen vermag.

Das krisenhafte Szenario, in dem zum ersten Mal die allgemeinen Menschenrechte proklamiert worden sind, stellt demnach keinen prinzipiellen Einwand gegen sie dar. Gerade die westliche Selbstkritik zeigt, dass genau die angefangene Linie weitergezogen und weitergedacht werden kann und muss; auch in der aktuellen Weltgesellschaft konnte kein Alternativ-Diskurs produziert werden, der die Forderung nach Freiheit von den Ketten der Tyrannei sowie nach Gleichheit gegen jeglichen Standes- und Kastendünkel besser und menschheitlicher hätte erheben können.

Einer der größten Einwände gegen die These, dass ein gemeinsam >Verbindliches< und damit auch >Verbindendes< für alle Menschen gedacht und begründet werden kann, stellt der Hinweis auf kulturell-religiöse Traditionen dar, deren Vielheit und Andersartigkeit zu beachten und zu bewahren seien, statt sie einer westlichen Normativität oder gar >Leitkultur< zu unterstellen, was bis zur Annahme eines semantischen Neo-Kolonialismus reichen kann, den es zu vermeiden gälte. Es lohnt sich daher, gerade im Blick auf das Thema „Religion“, noch einmal auf die Situation der gegenwärtigen westlichen Welt zu schauen, die tiefgehend durch Multi-Kulturalismus, durch ein immer stärker werdendes Nebeneinander verschiedener Religionen sowie weitere weltgesellschaftliche Dynamiken charakterisiert ist. Es ist ergiebig, diesbezüglich noch einmal auf die Französische Revolution zurückzublicken, in deren erster Phase der sogenannte >Konvent< einen Beschluss gefasst hat, der in der Weltgeschichte ohne Vergleich ist; er bestand in nichts Geringerem als in der Abschaffung der christlichen Religion, bis hin zu einer neuen Zeitrechnung und einem neuen Wochenkalender. Die Kirche Notre Dame de Paris wurde zum >Tempel der Vernunft<, die katholische Religion durch eine Vernunft-Religion ersetzt, in der das „höchste Wesen“ verehrt und ein Jenseits-Gericht über die Verstorbenen, allein im Blick auf ihre moralisch relevanten Verdienste oder Vergehen, geglaubt und öffentlich bekannt werden sollte. Eine Toten-Gerichts-Vorstellung, die, am Rande sei es bemerkt, dem platonischen Dialog Gorgias viel näher stand als der augustinischen Schrift Vom Gottesstaat; denn der Toten-Richter, den der platonische Sokrates im Beschluss des genannten Dialogs ins Gespräch bringt, sieht den Seelen nicht an, ob sie Griechen oder Barbaren, Männer oder Frauen, Freie oder Sklaven gewesen sind, sondern er sieht an den Seelen nur ein einziges: Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit[10]. Ob an den Leibern dieser Seelen, wie wir weiter ausmalen könnten, religiöse Rituale wie Beschneidung, Taufe oder Reinigungen im Fluss Ganges vollzogen worden sind oder nicht, spielt für das Urteil des platonischen Seelen-Richters keine Rolle. Zu einer solchen „Vernunft“- bzw. rein moralischen Vorstellung des Totengerichts wollten das revolutionäre Frankreich und kurz darauf in philosophischer Form Immanuel Kant wieder hin. Die neue Religion Frankreichs, die die Nationalversammlung als neues Glaubensbekenntnis feierlich proklamierte, wird im Anhalt an das vierte Buch (8. Kapitel) von Rousseaus politischer Hauptschrift Du Contract Social als „Zivilreligion“ bezeichnet[11].

[...]


[1] Dieser Artikel stellt die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags dar, den ich unter demselben Titel am 7. November 2018 in der Politischen Akademie in Tutzing gehalten habe.

[2] Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1998, 2 Bände, siehe vor allem das 1.Kapitel Gesellschaft als soziales System (S. 16f.), darin den Abschnitt Die Weltgesellschaft (S. 145f.).

[3] Auf diese „Janusköpfigkeit“ der Gegenwartskultur weist nachdrücklich Karlheinz Ruhstorfer in der Einleitung zu seinem Buch Konversionen. Eine Archäologie der Bestimmung des Menschen bei Foucault, Nietzsche, Augustinus und Paulus hin (Schöningh-Verlag, Paderborn München Wien Zürich, 2004, S. 20f.).

[4] „Aber tritt an die Stelle des Einen nun einfach das Viele? Löst sich die Einheit der Welt und die Einheit der Gesellschaft unwiderruflich auf in eine Vielheit der Systeme und Diskurse? Sind Relativismus, Historismus, Pluralismus die letzten Antworten, die immer schon gemeint waren, als man noch von Freiheit gesprochen hatte? Und dies gerade in dem historischen Moment, in dem die Einheit der Weltgesellschaft unausweichlich geworden ist – so unausweichlich, daß sie nicht einmal mehr zwei verschiedene Wirtschaftsordnungen, die kapitalistische und die sozialistische verträgt?“ (Niklas Luhmann, Beobachtungen der Moderne, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1992 f., Abschnitt I Das Moderne der modernen Gesellschaft, S. 43).

[5] Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, aus dem Französischen von W. Seitter, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1977 (Titel der Originalausgabe: Surveiller et punir. La naissance de la prison, Gallimard 1975), siehe vor allem das Kapitel Der Panoptismus, S. 251f.

[6] Vgl. die zugespitzte These Derridas „Vormals (das waren Zeiten, die noch nicht allzu weit zurückliegen und die sogar noch andauern) bedeutete >wir Menschen< soviel wie >wir erwachsenen weißen männlichen fleischessenden opferbereiten Europäer<“ (Jacques Derrida, Gesetzeskraft. Der >mystische< Grund der Autorität, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1991, S. 37). Im Original lauten seine Worte so: Il fut d’ailleurs un temps qui n’est ni lointain ni fini où >>nous les hommes “voulait dire“ nous les Européens adultes mâles blanc carnivores et capables de sacrifices<<, Force de Loi – Le >Fondement mystique de l’autorité<, Éditions Galilée, Paris 1994, S. 41.

[7] „Die Probleme, die der Fortschritt aufgeworfen hat und aufwerfen wird, können nur durch weiteren Fortschritt gelöst werden“ (Hans Blumenberg, Schriften zur Technik, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2015, 18. Artikel Dogmatische und rationale Analyse von Motivationen des technischen Fortschritts, S. 258.)

[8] Karl Marx, Zur Judenfrage, in: Die Frühschriften, Kröner-Verlag, Stuttgart 1971, S. 190 f.: „Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine >forces propres< als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht“ (199).

[9] Vgl. zu dieser Thematik das Buch meines Doktoranden Jan Sailer, Das >gute Leben< im Kapitalismus. Aristotelische Gerechtigkeit und der Marxsche Bewertungsmaßstab, Franke Verlag, Tübingen 2014.

[10] Vgl. Platon, Gorgias, 523 a - 526 b.

[11] Jean-Jacques Rousseau, Du Contract Social ou Principes du Droit Politique, Amsterdam 1762.

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Details

Titel
Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Vortrag an der Politischen Akademie in Tutzing
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V452224
ISBN (eBook)
9783668849631
ISBN (Buch)
9783668849648
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik der Gegenwart, Interkulturelle Wertüberzeugungen, Dialog zwischen Tradition und Moderne
Arbeit zitieren
Wilhelm Metz (Autor), 2018, Über das Verbindliche in der Weltgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452224

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