Seelsorge ist heute in aller Munde. Nichtsdestotrotz handelt es sich dabei um einen der Begriffe, den jeder kennt, den aber niemand wirklich definieren kann. Selbst Theologen tun sich schwer damit, weil es nicht die eine Definition der Seelsorge gibt. Dennoch wird ihr eine entscheidende Rolle im kirchlichen Handeln zugesprochen.
Diese ‚Undefinierbarkeit’ des Begriffs ‚Seelsorge’ ist kein Wunder, denn er hat im Christentum über die Jahrhunderte einen großen Wandel erlebt; der Bedeutungsraum ist immens: vom Kampf gegen die Sünde bis hin zur „Hilfe zur Lebensgewißheit“ oder „Freisetzung“ von Verhalten „zur Lebensbewältigung“. Wie dem auch sei, die Aufgabe dieser Arbeit ist es nicht, den Begriff der Seelsorge zu definieren oder ihn zu sezieren. Vielmehr geht es um den spezifischen Ansatz Joachim Scharfenbergs. Aus diesem heraus ergibt sich dann aber schließlich doch im letzten Teil dieser Arbeit eine Definition des Begriffs Seelsorge.
In einem ersten Schritt wird ein maßvoller Aufriss der historischen Entwicklung vorgenommen. Diesem Abschnitt folgen einige interessante biographische Daten zu Scharfenberg. Der von ihm entwickelte Ansatz wird in drei Teilen dargestellt: In der Frage nach der Sprache und dem Gespräch, der theologischen sowie der poimenischen Grundlage. Es gilt zu beachten, dass ich Scharfenbergs Konzeption/Entwurf nicht ausschließlich in Punkt 4 behandle; vielmehr erfolgen die vorhergehenden Ausführungen durchaus dialektisch, um schon in diesen an passenden Stellen Unterschiede gegenüber geläufiger Seelsorgekonzeptionen zu der Scharfenbergs aufzuweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Seelsorgeverständnis vor Scharfenberg
2.1. Alte Kirche und Mittelalter [51–58]
2.2. Martin Luther und die Schweizer Reformation [58–66]
2.3. Pietismus [66–68]
2.4. Aufklärung [68–70]
2.5. 19. Jahrhundert [71–76]
2.6. 20. Jahrhundert und gegenwärtige Diskussion [81–96]
2.6.1. Kerygmatische Seelsorge – Seelsorge als Verkündigung im Gespräch [82–85]
2.6.2. Seelsorge als Beratung – Seelsorgebewegung [85–91]
2.6.3. Evangelikale Seelsorge – Seelsorge als biblische Therapie [91–95]
3. Person und Wirkungsgeschichte Joachim Scharfenbergs
4. Scharfenbergs Ansatz
4.1. Sprache und Gespräch
4.2. Theologischer Ansatz
4.2.1. Abgrenzung zur kerygmatischen Seelsorge
4.2.2. Wider die Beichte als Seelsorge-Element
4.2.3. Seelsorge als Tat des lebendigen Gottes
4.2.4. Zentrale Rolle der Seelsorge im kirchlichen Handeln
4.3. Poimenischer Ansatz
4.3.1. Der Einfluss Freuds
4.3.2. Gespräch als passendes Medium
4.3.3. Sechs Thesen für eine Seelsorge als Gespräch
4.3.3.1. These 1: Das Gespräch darf nicht autoritär sein [12–43]
4.3.3.2. These 2: Die Gesprächspartner müssen gleichberechtigt sein [44–64]
4.3.3.3. These 3: Keine Vorurteile [65–91]
4.3.3.4. These 4: Keine Beeinflussungen [92–119]
4.3.3.5. These 5: Wahrung des Gesprächsklimas [120–135]
4.3.3.6. These 6: Das Ende im Blick haben [136–146]
4.3.3.7. Zusammenfassung der Thesen
5. Resümee und Bewertung
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Beitrag Joachim Scharfenbergs zum Verständnis der Seelsorge, mit dem primären Ziel, seinen spezifischen Ansatz – der das Gespräch ins Zentrum stellt und die Seelsorge von einer autoritären Verkündigungspraxis abhebt – herauszuarbeiten und zu definieren.
- Historische Entwicklung des Seelsorgeverständnisses von der Alten Kirche bis zur Gegenwart.
- Biographische Einordnung und die Bedeutung psychoanalytischer Einflüsse auf Scharfenbergs Werk.
- Die Thematisierung von Sprache und Gespräch als zentrales Medium der pastoralpsychologischen Arbeit.
- Analyse der sechs Thesen für eine nicht-autoritäre Seelsorgepraxis.
- Reflexion über die Abgrenzung von säkularen therapeutischen Methoden und die Rolle des Seelsorgers.
Auszug aus dem Buch
4.3.3.1. These 1: Das Gespräch darf nicht autoritär sein [12–43]
Gerade in der neueren Seelsorgeliteratur gibt es nach Scharfenberg sehr viele Fehlformen von Gespräch. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie autoritär sind oder zu einem methodistischen Missbrauch der Sprache verführen. In weiterer Folge liegen klerikale Selbstbehauptungstendenzen nahe. „Mit der Einführung der Sprache als Therapeutikum hat die Tiefenpsychologie – darin hellsichtigen Seelsorgern ähnlich – ein Paradigma für den nichtautoritären zwischenmenschlichen Umgang im Gespräch geschaffen.“ Dadurch kann erreicht werden, dass das Gespräch als Fundstelle ethischer Entscheidungen bezeichnet und ein entscheidender Beitrag zur Einübung der Freiheit geleistet werden kann. Ein autoritärer Gesprächsstil würde die Freiheit behindern, die zu Erreichen gerade das Ziel dieses Ansatzes ist. Dennoch darf das Gespräch nicht seinen ernsthaften und professionellen Charakter verlieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Problematik der Definition von Seelsorge und stellt das Vorhaben dar, Joachim Scharfenbergs spezifischen Ansatz der Seelsorge als Gespräch zu untersuchen.
2. Das Seelsorgeverständnis vor Scharfenberg: Dieses Kapitel bietet einen kursorischen Aufriss der historischen Entwicklung des Seelsorgebegriffs von der Alten Kirche über die Reformation bis hin zu aktuellen Strömungen im 20. Jahrhundert.
3. Person und Wirkungsgeschichte Joachim Scharfenbergs: Der Abschnitt widmet sich den biographischen Hintergründen Scharfenbergs, insbesondere seiner Doppelqualifikation als Theologe und Psychoanalytiker.
4. Scharfenbergs Ansatz: Hier erfolgt die detaillierte Darstellung seines Ansatzes, aufgeteilt in Sprachverständnis, theologische Grundlegung und die sechs Thesen der poimenischen Praxis.
5. Resümee und Bewertung: Das abschließende Resümee reflektiert Scharfenbergs anthropologischen Realismus und stellt die Frage nach der Zukunftsfähigkeit und praktischen Umsetzung seines Ansatzes.
6. Literatur: Das Literaturverzeichnis listet die verwendeten Quellen und Forschungsliteratur zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Seelsorge, Joachim Scharfenberg, Gespräch, Sprache, Psychoanalyse, Pastoralpsychologie, Kerygmatische Seelsorge, Freiheit, Seelsorgebewegung, Nicht-autoritär, Tiefenpsychologie, Lebenshilfe, Beichte, Religion, Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verständnis von Seelsorge bei Joachim Scharfenberg, einem bedeutenden Vertreter der Pastoralpsychologie im 20. Jahrhundert.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Seelsorgegeschichte, der Verbindung von Theologie und Psychoanalyse sowie der Etablierung des Gesprächs als zentralem Medium der Seelsorge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Ansatz Scharfenbergs zu erläutern, der Seelsorge als offenes, nicht-autoritäres Gespräch begreift, das dem Ratsuchenden bei der Einübung in die Freiheit hilft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-systematischen Ansatz sowie eine Analyse der einschlägigen Fachliteratur und Scharfenbergs eigener Werke.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoriegeschichtliche Einordnung, eine biographische Würdigung sowie eine tiefgehende Exegese von Scharfenbergs poimenischem Konzept anhand seiner sechs zentralen Thesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Seelsorge, Gespräch, Sprache, Psychoanalyse, Pastoralpsychologie und der Fokus auf die Freiheit des Menschen.
Wie unterscheidet Scharfenberg Seelsorge von der Beichte?
Scharfenberg kritisiert die Einzelbeichte als veraltete, autoritäre Praxis und fordert stattdessen einen partnerschaftlichen Dialog auf Augenhöhe.
Warum spielt die Psychoanalyse bei Scharfenberg eine so wichtige Rolle?
Er nutzt die Psychoanalyse als kritische Bezugswissenschaft, um Seelsorge aus der Fixierung auf einseitige Verkündigung zu befreien und als beziehungsorientierten Prozess zu gestalten.
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- Mag.rer.soc.oec., MTh Dietmar Böhmer (Author), 2017, Joachim Scharfenbergs Beitrag zum Verständnis der Seelsorge, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455050