Das Asperger-Syndrom als tiefgreifende Entwicklungsstörung innerhalb des Autismusspektrums


Hausarbeit, 2016

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung

2. Beschreibung und Beginn der typischen autistischen Störung

3. Das Asperger-Syndrom
3.1 Abgrenzung vom ursprünglichen Autismus
3.2 mögliche Ursachen des Asperger-Syndroms
3.3 sonderpädagogischer Förderbedarf im Hinblick auf Aspekte schulischer Förderung

Literaturverzeichnis:

1. Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung

Autismus beginnt in der Kindheit und besteht meist lebenslang1. Um Autismus verstehen zu können, muss man ihn zunächst historisch betrachten. Bereits erste Fallbeschreibungen aus dem vorherigen Jahrhundert berichten von "geistigen Behinderungen mit zusätzlichen Veränderungen im Entwicklungsprozess". In der Folgezeit stand das Konzept der Psychose und nicht mehr der Entwicklungsaspekt im Vordergrund. Bis dahin existierte kein Nachweis darüber, dass sich Kindheitspsychosen und Psychosen im Erwachsenenalter unterscheiden. Das änderte sich im Jahre 1943 mit Leo Kanner, einem austro-amerikanischen Kinder- und Jugendpsychiater, der die Entwicklungsperspektive erneut in die Diskussion einführt. Der von ihm verwendete Begriff des "infantilen Autismus", der heute auch als Frühkindlicher Autismus oder Kanner-Autismus bekannt ist, löste zur damaligen Zeit in Fachkreisen Verwirrung aus, da er bis dato die Fantasien von Schizophrenen bezeichnete. In den späten 70er und 80er Jahren konnte nachfolgend erstmalig die Diagnose gestellt werden, dass es sich bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus um eine tiefgreifende Entwicklungsstörung handelt. Autistische Störungen werden aufgrund der schweren qualitativen Veränderungen in der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie aufgrund der eingeschränkten Auswahl an ausführbaren Interessen oder Aktivitäten als tiefgreifende Entwicklungsstörung bezeichnet. Laut Kusch und Petermann (2001 und 2014) wird der Begriff "autistische Störung" deshalb gebraucht, da es sich um eine Störung in einem breiten Verhaltensspektrum handelt, die sowohl den betroffenen Kindern wie auch deren Bezugspersonen oder Familien die oben angesprochene soziale Interaktion und Kommunikation erheblich erschwert2. Neben sensorischen, motorischen, emotionalen und sozialen Einschränkungen der Lebenssituation ist der beeinträchtigten Wahrnehmungsverarbeitung einschließlich der Motorik eine zentrale Bedeutung zuzuschreiben. Betroffene haben unter anderem Probleme bei der Übernahme von Handlungsmustern, bei der Durchhaltefähigkeit im Lernprozess sowie Schwierigkeiten beim sach-, sinn- und situationsbezogenen Lernen. Auch die Bereitschaft beziehungsweise die Fähigkeit, ein Gegenüber zu erkennen, das Kommunikationsangebot zu verstehen und sich auf eine Interaktion oder Kommunikation einzulassen, stellt eine erhebliche Beeinträchtigung dar3.

Aufgrund dessen ist es besonders wichtig, für Kinder und Jugendliche mit Autismus individuelle Lern- oder Erziehungsziele zu formulieren. Schulische Fördermöglichkeiten müssen individuell und spezifisch auf den Einzelnen ausgerichtet sein. Es ist wichtig, den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit und Verständnis zu vermitteln, um eventuelle Ängste abbauen und Vertrauen entwickeln zu können. Im Verlauf dieser Hausarbeit und in Bezug auf das Seminar wird auf dieses Thema der schulischen Fördermöglichkeiten noch näher eingegangen.

Heutzutage wird im autistischen Spektrum nach folgenden drei Störungen differenziert4: Dem Frühkindlichen Autismus, dem Asperger-Syndrom und dem Atypischen Autismus. Der Frühkindliche Autismus zeichnet sich unter anderem aus durch eine schwere Beeinträchtigung der Kommunikation sowie tiefgreifende Kontakt- und Beziehungsstörungen, welche vor allem mit plötzlichen Stimmungsschwankungen und emotionaler Labilität einhergehen. Im Hinblick auf die intellektuelle Begabung sind Betroffene schwach bis normal intelligent. Besonders hervorzuheben sind typische sprachliche Auffälligkeiten. Menschen mit Frühkindlichem Autismus sprechen kaum oder gar nicht, auch der Umgang mit Mimik und Gestik ist stark eingeschränkt. Im Gegensatz dazu sind Menschen mit Asperger-Syndrom intellektuell nicht beeinträchtigt. Anstelle der Sprachschwierigkeiten, die bei Menschen mit Frühkindlichen Autismus vorliegen, treten bei Asperger-Betroffenen Probleme mit der motorischen Koordination auf. Der Atypische Autismus wird sowohl mit Symptomen des Frühkindlichen Autismus, als auch mit denen des Asperger-Syndroms in Verbindung gebracht. Detailliert betrachtet wird in der vorliegenden Hausarbeit das Asperger-Syndrom.

2. Beschreibung und Beginn der typischen autistischen Störung

Grundlegend und charakteristisch für alle Kinder mit einer autistischen Störung - unabhängig von Intelligenz und Alter - ist die soziale Dysfunktion5, welche sich aus drei Störungsaspekten zusammensetzt: Störung der sozialen Interaktion und nonverbalen sozialen Kommunikation, dem mangelnden Verstehen und Äußern von Gefühlen sowie einem veränderten Kontaktverhalten. Eine Störung der Interaktion und Kommunikation zeigt sich vor allem deutlich daran, dass das Kind mehr Interesse an Dingen zeigt, als an Personen.

In einer nonverbalen oder verbalen Kommunikation findet man kaum absichtsvolle, kommunikative Akte, was bedeutet, dass das Kind kaum Gestik oder Sprache verwendet, um auf sich aufmerksam zu machen. Es findet kein wechselnder Blickkontakt zwischen Personen und Gegenständen statt, stattdessen würde ein autistisches Kind die Person an die Hand nehmen und zu dem gewünschten Objekt hinführen. Liegt eine autistische Störung vor, kann ein Kind seine Gefühle nicht differenziert ausdrücken oder äußern. Normale Übergange von Ruhe zu Unruhe sind nicht ersichtlich. Zusätzlich zu diesen Mängeln im Gefühlsausdruck ist es unfähig, Gefühle seiner Mitmenschen zu verstehen und sich in sie einzufühlen. Was das veränderte Kontaktverhalten betrifft, ist auffällig, dass das Kind mit einer autistisch sozialen Dysfunktion ein geringes Anlehnungsbedürfnis zeigt. In seinem Kontaktverhalten unterscheidet es nicht zwischen bekannten und fremden Personen, was sich unter anderem darin äußern kann, dass das Kind anstatt die Hand seiner Mutter die Hand eines Fremden hält. Es wirkt für Außenstehende befremdlich, dass das Kind mehr Ängste zeigt, wenn sich beispielsweise die Anordnung von Dingen in seiner gewohnten Umgebung ändert, als wenn es den Verlust einer bekannten Person verkraften müsste.

Jedoch zeigen sich neben diesen typischen Verhaltensdefiziten auch Kompetenzen, die nicht unausgesprochen bleiben sollten6. Autistisch gestörte Kinder können sehr wohl in der Lage sein, syntaktisch und semantisch korrekte Sätze zu äußern. Dennoch reicht es zur pragmatischen Sprachfähigkeit nicht aus, insbesondere wenn das Gesagte im Zusammenhang mit dem situativen Kontext steht. In Intelligenztests kann eine normale oder annähernd normale Intelligenz festgestellt werden. Im Hinblick auf Objekte sind autistisch gestörte Kinder zwar in der Lage, deren Funktion zu erkennen, jedoch wird beim Spielverhalten deutlich, dass sie nicht die Fähigkeit besitzen, etwas vortäuschen zu können. Zum Beispiel ist das Kind in der Lage, sein Kuscheltier mit einem Löffel zu füttern, jedoch wird es nicht so tun, als ob es das Kuscheltier tatsächlich füttert.

Was den Beginn der autistischen Störung anbelangt, berichten Eltern autistischer Kinder in den meisten Fällen, dass die Störung vor Ende des dritten Lebensjahres begonnen hat7. Jedoch gestaltet sich eine nachträgliche Festlegung des Erkrankungsalters als sehr schwierig, da weder Eltern noch andere Betreuungspersonen genaue Informationen über die Sprachentwicklung sowie über das Sprach- und Spielverhalten geben können. Da es sich bei der autistischen Störung um eine Störung in einem breiten Verhaltensspektrum handelt, kann von einem typisch autistischen Kind daher keine Rede sein und es ist notwendig, Kriterien zu festzulegen, die als Grundlage für eine Verhaltensbeurteilung dienen. Aus diesem Grund liegt ein Diagnose- und Klassifikationssystem in der nunmehr vierten Fassung vor, welches eine einheitliche Beschreibung und Gruppierung psychischer Störungen anstrebt - das Diagnostische und Statistische Manual der American Psychiatrie Association (DSM-IV). Im DSM-IV ist das Alter bei Störungsbeginn auf die Zeit vor dem 36. Lebensmonat festgelegt und es werden Kriterien definiert, anhand derer die Verhaltensbeurteilung durchzuführen ist (siehe Tabelle 1). Doch eine klare und eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Alter der Kinder bei Störungsbeginn bleibt bis heute aus und ist Gegenstand aktueller Autismusforschung. Es ist nach wie vor unklar, wann die ersten Verhaltenssymptome autistischer Kinder beobachtet werden können.

3. Das Asperger-Syndrom

3.1 Abgrenzung vom ursprünglichen Autismus

1994 veröffentlichte der österreichische Kinderarzt Hans Asperger die Beschreibung einer Gruppe von Kindern, die seiner Meinung nach von einer normalen Persönlichkeitsentwicklung abwichen8. Er fasste eine ausführliche Darstellung dieser vier Jungen mit einer psychischen Eigenart zusammen, die er bis dahin noch nirgends beschrieben fand. Asperger publizierte seine Beobachtungen und bezeichnete den beobachteten Zustand als "autistische Psychopathie" und die vier Jungen damit als "autistische Psychopathen". Das war der Anfang des Asperger-Syndroms. Die äußeren Anzeichen der vier Jungen sprachen eindeutig für Autismus. Charakteristisch hierbei waren die Störungen im Blickkontakt sowie der fehlende Bezug von Gestik und Körperhaltung auf die Situation. Im Gegensatz zum ursprünglichen Autismus verfügten die Jungen aber über eine gut entwickelte sprachliche Kompetenz und führten keine typisch altersgemäße Kommunikation. Asperger beschreibt die Ausdrucksweise als eher erwachsen anstatt, wie erwartet, kindlich. Darüber hinaus hatten zwei der Jungen eine unreife Motorik, was sich in unbeholfenen Bewegungen ausdrückte. Im Hinblick auf den Kontakt zu anderen und die Reaktion auf Mitmenschen stellte Asperger hier eine ausgeprägte Kontaktstörung fest, die sich durch aggressives Verhalten und heftige Affektausbrüche äußerte. Die anderen zwei Jungen hatten weniger Kontaktstörungen mit Anderen, dafür aber weitaus größere Lernschwierigkeiten.

Diese ursprünglichen Beschreibungen Aspergers entsprechen nicht ganz der heutigen Asperger-Diagnose, jedoch stimmen die Grundzüge seiner Sicht in großem Umfang mit den heutigen Erkenntnissen überein9. Seit 1992 ist das Asperger-Syndrom ein "offiziell anerkannter Diagnosebegriff" und gehört zur Gruppe der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Anlehnend an eine offizielle Definition der WHO lässt sich das Asperger-Syndrom durch drei Störungsaspekte charakterisieren, die vorab grob als Schwierigkeiten in Kontakt, Sprache und Gewohnheiten unterteilt werden können. Zu den Schwierigkeiten im Kontakt zählen die Schwierigkeiten in sozialer Interaktion bezüglich des Blickkontakts, der Mimik und Gestik sowie der Körperhaltung. Unverkennbar ist hierbei auch die mangelnde Fähigkeit, Freundschaften zu entwickeln. Das Verhalten kann nicht der emotionalen, sozialen oder kommunikativen Bedeutung angepasst werden und ist somit meist situationsunangemessen. Zum Schwerpunkt Sprache ist festzustellen, dass die sprachliche Entwicklung dem Alter entspricht und bis zum dritten Jahr normal verläuft. Ab dem vierten Lebensjahr können erste Anzeichen für das Asperger-Syndrom sichtbar werden. Im Erwachsenenalter kann die Sprache durch besonders hoch entwickelte Formulierungsfähigkeit und einen großen Wortschatz gekennzeichnet sein, allerdings erscheint die verbale Kommunikation eher überkorrekt und unspontan. Hinsichtlich des Störungsaspektes der Gewohnheiten fallen ungewöhnlich starke "Spezialinteressen" ins Auge, man kann hier von einer regelrechten Besessenheit sprechen. Das Interesse an einer bestimmten Sache (zum Beispiel das Sammeln von Gegenständen etc.) ist dann für den Betroffenen von so hoher Wichtigkeit, dass andere vielseitige und altersgemäße Interessen verschwinden. Somit kann der Kontakt zu anderen Gleichgesinnten zwar aufgebaut werden, bleibt aber emotional auf die Spezialinteressen begrenzt, wirkt eher zwanghaft und geschieht ohne die Einbindung sozialer Fähigkeiten. Eine wahre Freundschaft wird sich demnach nicht entwickeln. Über die Spezialinteressen hinaus kann das Zwanghafte auch in wiederholten Handlungsmustern des täglichen Lebens liegen, die der Betroffene nur schwer ändern kann, wodurch es schwierig wird, selbstständig den Alltag zu meistern.

[...]


1 für den folgenden Absatz vgl. Kusch, M. und Petermann, F. (2001 und 2014)

2 für den folgenden Absatz vgl. Dieter Schwägerl (2003) ): Autismus macht Schule. Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) zu Erziehung und Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten

3 für den folgenden Absatz vgl. HKM - Hessisches Kultusministerium (Hrsg.) (2007): Einstiegshilfen für den Unterricht mit Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten

4 für den folgenden Absatz vgl. HKM - Hessisches Kultusministerium (Hrsg.) (2007)

5 für den folgenden Absatz vgl. Kusch, M. und Petermann, F. (2001 und 2014)

6 für den folgenden Absatz vgl. Kusch, M. und Petermann, F. (2001 und 2014)

7 für den folgenden Absatz vgl. Kusch, M. und Petermann, F. (2001 und 2014)

8 für den folgenden Absatz vgl. Jørgensen, O. S. (1998)

9 für den folgenden Absatz vgl. Jørgensen, O. S. (1998)

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Asperger-Syndrom als tiefgreifende Entwicklungsstörung innerhalb des Autismusspektrums
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V458193
ISBN (eBook)
9783668899926
ISBN (Buch)
9783668899933
Sprache
Deutsch
Schlagworte
asperger-syndrom, entwicklungsstörung, autismusspektrums
Arbeit zitieren
Sandra Schulz (Autor), 2016, Das Asperger-Syndrom als tiefgreifende Entwicklungsstörung innerhalb des Autismusspektrums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458193

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