Kulturtransfer am Beispiel von Yi Munyols Roman "Saram-ui adul" ("Der Menschensohn"). Ein multilingualer Übersetzungsvergleich


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2019
22 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Roman 사람의 아들

3. Die Ahasver-Legende

4. Referenzen an die Bibel

5. Paraphrase und Korrektur

6. Anmerkungsapparat

7. Resümee

Quellen

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internetquellen für die Bibelzitate in allen untersuchten Sprachen.

Abstract in English.

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit dem Roman 사람의 아들 (Saram-ǔi adǔl) des 1948 geborenen südkoreanischen Schriftstellers Yi Munyǒl (이문열, 李文烈) im Verhältnis zu seiner französischen, italienischen, englischen und deutschen Übersetzung.1 Bei der Übersetzung eines literarischen Werks aus dem Koreanischen in eine westliche Sprache wird man als Übersetzer automatisch mit dem Problem des Kulturtransfers2 bzw. der Kulturübersetzung konfrontiert. Durch einen multilingualen Vergleich der koreanischen Originalversion von 사람의 아들 mit den genannten vier Versionen in einer europäischen Sprache lassen sich zu diesem Problem eine Reihe interessanter Aspekte aufzeigen. Als multilingualer Übersetzungsvergleich sei im Sinne von Wandruszka der Vergleich eines Ausgangstextes und seiner Übersetzungen in mehreren verschiedenen natürlichen Sprachen verstanden.

Von dem schon 1979 erstmals erschienenen Roman 사람의 아들, dessen nach dem Willen des Autors heute einzig gültige Endfassung aus dem Jahre 2004 stammt, existieren außer den genannten Übersetzungen auch eine japanische, chinesische, polnische und russische Übersetzung.3 Von den vier hier analysierten Übertragungen ist die französische die älteste; sie erschien bereits 1995 unter dem Titel Le fils de l’homme und wurde von dem sehr produktiven Übersetzerpaar Patrick Maurus und Ch’oe Yun (최윤) angefertigt. 2005 wurde die italienische Version unter dem Titel Il figlio del uomo veröffentlicht, übersetzt von Andrea de Benedittis. 2015 kam die mit Son of Man betitelte englische Version heraus, übertragen von Brother Anthony. Die deutsche, vom Verfasser dieses Aufsatzes angefertigte Fassung erschien 2017 unter dem Titel Der Menschensohn. Während die Autoren der französischen und englischen Übersetzung sich lediglich in eingeschränktem Umfang in ihren jeweiligen Vorworten zum Prozess des Übersetzens äußerten und von de Benedittis keinerlei Reflektierendes hierzu in einem Vorwort existiert, hat der Autor dieser Untersuchung naturgemäß den besten Einblick in die Motive und Entscheidungsfindungen bei der Entstehung der deutschen Übersetzung.

2. Der Roman사람의 아들

Bei dem Roman 사람의 아들 handelt es sich um einen Klassiker und eins der bekanntesten und meistgelesenen Werke der koreanischen Gegenwartsliteratur. Er besteht eigentlich aus zwei Romanen, die auf zwei verschiedenen Zeit- und Raumebenen angesiedelt und miteinander raffiniert verflochten sind. Die eine Ebene ist die Gegenwart, genauer gesagt: die 1970er Jahre in Südkorea, die andere ist die Zeit vor 2000 Jahren in der den Autoren der Bibel bekannten Welt zwischen Ägypten und Rom im Süd- und Nordwesten und Indien im Osten.

Der Roman der Gegenwartsebene ist eine Art theologischer Krimi: Ein Kommissar aus der im Südosten Koreas gelegenen Stadt Daegu versucht, den Mord an einem Theologiestudenten aufzuklären. Der andere, zu der Zeit und in der Welt von Jesus angesiedelte Roman, ist der Inhalt eines Manuskripts, das der Kommissar bei dem toten Studenten findet und das dieser selbst verfasst hat. Eine klassische Romanstruktur also, mit zahlreichen Vorgängern in der Weltliteratur wie etwa Boccaccios Il Decamerone oder E.T.A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr.

Die Herausforderungen und Schwierigkeiten, vor denen man bei der Übersetzung dieses Romans steht, sind hauptsächlich inhaltlicher, aber kaum formaler Natur. Die antike Romanebene kann als Bildungsroman bezeichnet werden, dessen Blütezeit im Westen vom 18. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhunderts reichte. Der Übersetzer dieses Romans ist daher aufgrund von dessen klassischer Struktur eigentlich nicht mit Herausforderungen struktureller und sprachexperimenteller Art konfrontiert. Was er bei diesem Roman aber genau zu beachten und zu recherchieren hat, sind die zahlreichen direkten und indirekten Referenzen an die Geschichte der europäisch-vorderasiatischen Geschichte, insbesondere der Religionsgeschichte.

Das im Grunde einzige Problem, das mit der Romanstruktur zu tun hat, ergibt sich aus den häufigen Wechseln zwischen den Handlungsebenen Korea in den 1970ern und Jesus-Epoche. Der deutsche Übersetzer versuchte, beide Ebenen stilistisch stärker als in der Originalversion zu unterscheiden, indem er sich bemühte, der Gegenwartsebene den typischen Stil eines Krimis zu verleihen und der antiken Ebene einen archaisierenden Stil. Dieser orientiert sich sowohl am klassischen Bibeldeutsch, das heißt, am Stil eines Luther und anderer vormoderner Bibelübersetzer, und dem Stil anderer religiöser Schriften als auch an religionsbezogenen Werken deutscher Literatur wie Hesses Siddharta oder Thomas Manns Joseph und seine Brüder. Wie der Stil bzw. die Stilunterschiede im Original und den einzelnen Übersetzungen beschaffen sind, verdiente jedoch eine eigenständige Analyse. Der Fokus dieser Untersuchung liegt einzig auf den inhaltlichen Besonderheiten und Abweichungen.

Auch liegt das Augenmerk zur Gänze auf der antiken Handlungsebene. Das Interessante bei der Übersetzung dieser Romanebene ist, dass es sich sozusagen um einen kulturellen Rücktransfer handelt. Denn die Welt der Bibel und des antiken Vorderen Orients allgemein bildet - neben der Kultur der alten Griechen - die kulturelle Grundlage des Abendlandes.

3. Die Ahasver-Legende

Protagonist auf der anitken Romanebene ist ein junger Mann namens Ahasver (아하스 페르츠). Die Figur des Ahasver ist eine der bekanntesten Sagenfiguren der westlichen Welt und hat ihren Ursprung in dem 1602 in Leiden gedruckten deutschsprachigen Volksbuch vom Ewigen Juden, das verschiedene, seit dem 13. Jahrhundert aufgekommene christliche Volkssagen bündelt. 4 Im Englischen kennt man ihn als „Wandering Jew“, im Französischen als „le Juif errant“, im Italienischen als „l’ebreo errante“ und im Koreanischen als „방황하는 유대인“ (was semantisch der englischen Bezeichnung am nächsten kommt). Die Ahasver-Legende wurde im westlichen Kulturraum viele Male literarisch, künstlerisch und propagandistisch thematisiert und verarbeitet.5 Besonders bei den Deutschen verankerte sich die Legende vom Ewigen Juden (vor allem in ihren antisemitischen Ausprägungen) ähnlich tief im Volksbewusstein wie die Faust-Sage. Daher ist es besonders für die deutschsprachigen Leser hochinteressant, wie Yi Munyǒl sie in 사람의 아들 verarbeitet hat.6

In Yi Munyǒls Menschensohn wird nur im 13. Kapitel auf diese Legende angespielt: auf die Legende von einem Mann, der von Jesus zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Jedoch wird im Unterschied zu jener Volkssage und ihren Verarbeitungen Yi Munyǒls Ahasver von Jesus nicht mit der Unsterblichkeit bestraft, sondern es ist Ahasver selbst, der auf Jesu Wiederkehr warten will. Zwar ist auch Yi Munyǒls Ahasver ein rastloser Wanderer, jedoch einer, der von sich aus den Gott seines Volkes verlässt und sich auf die Suche nach einem neuen Gott begibt. Nachzuprüfen ist nun, ob und wie sich Anspielungen auf Figur und Legende jenes Ahasver im Original und den Übersetzungen wiederfinden.

Die koreanische Schreibweise dieser Figur ist eigentümlich. Sie ist - als 아하스 페르츠 - in zwei Wörter getrennt und ergäbe in die lateinische Schrift transkribiert: „Ahas Perz“. Im Vorwort zur deutschen Version heißt es:

Mag dies zwar von einigen koreanischen Interpreten als eine in einem ,subkontextuellen’ Zusammenhang zu deutende bewusste Verfremdung gesehen werden, so sei dennoch den Autoren der französischen Version beigepflichtet: ‚la référence est trop claire pour supporter l’étrangeté‘ - zu eindeutig sind die Referenzen an die legendäre Figur des Ahasver. (Yi 2017, viii)

Die anderen Übersetzer scheinen ähnlicher Meinung gewesen zu sein, da sie alle die in ihren Sprachen übliche Schreibweise wählten, nämlich franzö sisch Ahasv érus, italienisch Assuero, englisch Ahasuerus.

Exemplarisch zwei Stellen, an denen in 사람의 아들 auf jene Legende angespielt wird.

Die erste Stelle im Original (Yi 2004, 294 f.):

그리하여 그 놀라운 사건이 강렬한 조명으로 역사의 표현에 떠올라 있는 동안 아하스 페르츠의 행적은 다시 전3설과 억측에 맡겨져 버렸다. 특히 그와 예수의 마지막 만남은 전설에서조차 이상하게 왜곡되어 무슨 괴담(怪談)처럼 유대인들 사이를 떠돌게 되었다

Deutsche Übersetzung (Yi 2017, 206 f.):

Während diese bedeutsamen Ereignisse im grellen Licht der Zeitläufte überdauerten, dämmert Ahasvers weiterer Werdegang im schwachen Schein der Legenden und Mutmaßungen. Vornehmlich sein allerletztes Aufeinandertreffen mit Jesus verschweigen selbst die Legenden; es lebt einzig in einer Spukgeschichte weiter, die sich die Juden gegenseitig zu erzählen pflegten.

Französische Übersetzung (Yi 1995, 215 f.):

Ainsi, tandis que cet événement extraordinaire se trouvait à la surface de l’histoire dans une forte lumière, la trajectoire d’Ahasv érus retombe dans la légende et les suppositions gratuits. Comme sa dernière rencontre avec Jésus.

Italienische Übersetzung (Yi 2005, 244 f.):

Mentre i successivi, strabilianti avvenimenti vennero immortalati con il luminoso inchiostro della Storia, le tracce di Assuero furono affidate all’ oscurità delle legende e delle congetture - anche il suo ultimo incontro con Gesù.

Englische Übersetzung (Yi 2015, 150 f.):

While those astounding events remain in the bright limelight of history, the course of Ahasuerusensuing life has been consigned to legends and conjecture. Especially, the last encounter between him and Jesus has been strangely distorted even in the legends, giving rise to a kind of ghost story circulating among the Jews.

Es fällt auf, dass sowohl in der französischen als auch in der italienischen Version der abschließende Teilsatz „전설에서조차 이상하게 왜곡되어 무슨 괴담(怪談)처럼 유대인들 사이를 떠돌게 되었다“ nicht übertragen wurde. Die Anspielung auf jene berühmte Volkssage ist dort dadurch nicht nur viel schwächer, sondern es wird dem französischen und italienischen Leser auch der Hinweis verschwiegen, dass jene Sage Ahasver und das Volk, dem er angehört, in einem negativen Licht erscheinen lässt, insbesondere durch die Auslassung des Begriffs 괴담 bzw. „Spukgeschichte“, „ghost story“.

Die zweite Stelle mit einer deutlichen Referenz an die Ahasver-Legende lautet im Original (Yi 2004, 299):

아하스 페르츠는 [...] 자기의 길을 갔다. 길고 오랜, 어쩌면 영원히 될지도 모르는 기다림의 길이었다.

하지만 그 뒤 […] 아하스 페르츠의 행적은 터무니없이 왜곡되었다. 인간의 눈에는 슬프고 외롭게만 보이는 그의 기나긴 기다림의 길은 기독교도들의 악의에 힘입어 처형의 날 아침 예수가 내뱉은 저주 때문으로 해석되었으며 [...] 기약 없는 예수의 재림을 기다리며 끝없이 이 세상을 떠돈다는 것이었다.

Deutsche Übersetzung (Yi 2017, 210):

[…] ging er [Ahasver] seines Wegs. Eines langen Wegs voll des Wartens, eines Wegs, der womöglich ewig währen würde.

In der Folgezeit indes […] wurde die Geschichte vom Lebensweg des Ahasver auf immer lächerlichere Weise verzerrt. Seine vom endlosen Warten auf Jesu Wiederkehr geprägte, sich dem menschlichen Auge traurig und einsam darbietende Wanderschaft wurde mit christlicher Böswilligkeit als Folge eines Fluches interpretiert, den Jesus auf dem Weg zu seiner Hinrichtung ausgesprochen habe. […] Dazu verdammt soll er sein, bis in alle Ewigkeit der unbestimmten Wiederkunft Jesu zu harren, indem er endlos durch die Länder der Welt irrt.

Französische Übersetzung (Yi 1995, 218):

Ahasvérus reprit son chemin […]. C’était un chemin d’attente, long, qui pouvait conduire vers l’éternité.

Par la suite, […] la trajectoire d’Ahasvérus fut exagérément déformée. Ce long chemin d’attente qui paraissait triste et solitaire aux yeux humains fut interprété comme le résultat d’une malédiction de Jésus. […] attendant le second avènement de Jésus, il erre sans fin dans le monde.

Italienische Übersetzung (Yi 2005, 248 f.):

[…] Assuero […] riprese il cammino: il lungo cammino - forse infinito - in attesa del suo ritorno. In seguito, [… ] la vita die Assuero sarebbe stata riscritta in modo arbitrario. Il suo lungo cammino costellato di tristezza e di solitudine sarebbe stato fraudolentemente interpretato dai cristiani come la conseguenza della maledizione scagliata da Gesù nel giorno della sua condanna. Ecco perché si continua a parlare di lui come di un umile ciabattino che erra per il mondo [ …] aspettando il ritorno del figlio di Dio.

[...]


1 Angelehnt an einen Vortrag, der am 8. Juni 2018 auf der vom Übersetzungsforschungsinstitut ITRI (통번역연구소) der Hankuk University of Foreign Studies in Seoul ausgerichteten Konferenz „AI 시대의 문학 번역“ (AI s idae- ǔi munhak bǒny ǒ k) unter dem Titel „Kulturtransfer am Beispiel der Übertragung von Yi Munyǒls Roman 사람의 아들 (Saram-ǔi ad ǔ l): ein multilingualer Übersetzungsvergleich“ gehalten wurde.

2 Der Begriff geht zurück auf Michael Espagne und Michael Werner (1988).

Einen Überblick über die verschiedenen Auslegungen und Diskussionen dieses Begriffs bietet Abdel Kader El Gendi (2010), 47 ff.

3 Quelle: Digital Library of Korean Literature, Literature Translation Institute of Korea (한국문학번역원), Seoul, http://library.ltikorea.or.kr/.

4 Mit Ursprung und Geschichte dieser Legende beschäftigten sich zahllose Abhandlungen, in jüngerer Zeit etwa: Baleanu (2011) oder Bodenheimer (2002).

5 Literarische Verarbeitungen dieser Sage sind etwa Le Juif errant (1844-45) von Eugène Sue, Der Marques de Bolivar (1920) von Leo Perutz, Stern der Ungeborenen (1946) von Franz Werfel, Sibyllan (1956) und Ahasverus d ö d (1960) von Pär Lagerkvist, La danse de Gengis Cohn (1967) von Romain Gary, Ahasver (1981) von Stefan Heym oder Histoire du juif errant (1991) von Jean d’Ormesson. Im ostasiatischen Raum widmete sich auch Akutagawa Ryūnosuke ( 芥川 龍之介) in seiner Kurzgeschichte Samayoeru yudayajin (さまよえる 猶太人, 1917, „Der ewige Jude“) der Thematik.

6 Vgl. auch das Vorwort des Übersetzers in Yi 2017, viii-x.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kulturtransfer am Beispiel von Yi Munyols Roman "Saram-ui adul" ("Der Menschensohn"). Ein multilingualer Übersetzungsvergleich
Veranstaltung
Deutsches Institut für Dolmetschen und Übersetzen
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V459915
ISBN (eBook)
9783668883420
ISBN (Buch)
9783668883437
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Aufsatz, den ich als Dozent verfasste und der darum keine Note aufweist.
Schlagworte
Yi Munyol, Menschensohn, Saram-ǔi adǔl, multilingualer Übersetzungsvergleich, Kulturtransfer, Ahasver
Arbeit zitieren
Frieder Stappenbeck (Autor), 2019, Kulturtransfer am Beispiel von Yi Munyols Roman "Saram-ui adul" ("Der Menschensohn"). Ein multilingualer Übersetzungsvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459915

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