Reanimation und invasive Prozeduren in Anwesenheit von Angehörigen


Akademische Arbeit, 2016

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ziel und Fragestellung der Studie

2. Design

3. Literatur und Theoriebezug

4. Methoden der Datenerhebung und Auswertung

5. Ethische Aspekte

6. Ergebnisse und Diskussion

7. Einschränkungen und Fazit

8. Literatur

1. Ziel und Fragestellung der Studie

Ziel der Studie:

In der internationalen Literatur wird die Anwesenheit von Angehörigen bei der Reanimation oder invasiven Prozeduren mehrheitlich befürwortet. Professionelle Personen im Gesundheitswesen sind eher dagegen. Wie Angehörige im deutschsprachigen Raum diese Situation erleben ist nicht bekannt. Das Ziel ist es, die Erfahrungen der Angehörigen in Schweizer Spitälern zu beschreiben und zu verstehen.

Fragestellung/Forschungsfrage:

Welche Erfahrungen beschreiben Angehörige, die während CPR (Cardio -Pulmonaler Reanimation) oder IP (invasiver Prozeduren) in lebensbedrohlichen Situationen im Spital an der Seite ihres Familienmitglieds anwesend waren oder in einem Nebenraum warteten?

Verdeutlichung von Relevanz der Fragestellung in Bezug auf das Ziel der Studie mit Begründung:

Die Forschungsfrage erhebt das Erleben der Angehörigen in einer für sie und ihren Nächsten schwierigen Lebenssituation. Nur durch die Erfahrung der Angehörigen in einer schwierigen Situation können verbesserte Handlungsmaßnahmen zu deren Begleitung erkannt, eingeführt und in einem weiteren Schritt umgesetzt werden. Die Forschungsfrage leistet im deutschsprachigen Raum Pionierarbeit, ohne die ein Begleitungsmanagement für Angehörige bei Reanimation und invasiven Prozeduren nur bedingt möglich wäre. Aus den Forschungsergebnissen lässt sich der Bedarf an Begleitungsmanagement ableiten. Die Fragestellung kann somit als sehr relevant für das Ziel der Studie eingestuft werden.

2. Design:

Welches Forschungsdesign wurde gewählt um die Fragestellung zu beantworten?

Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, um dem Erleben von Angehörigen eine Stimme zu verleihen. Die Methode der interpretierenden Phänomenologie nach Benner (1994), entwickelt von Heidegger (1993) wurde zur Erhebung und Auswertung der Daten angewandt.

Warum wurde dieses Design gewählt/ Begründung?

Heidegger (1993) beschreibt, dass Menschen situiert sind, d. h. dass sie weder vorbestimmt, noch völlig unabhängig handeln. Er meint damit, dass Menschen biographisch, familiär und kulturell geprägt sind, sowie der Situation entsprechend handeln.

Kann mit diesem Design die Fragestellung beantwortet werden/ Eignung?

Die Methode der interpretierenden Phänomenologie ist geeignet, um gelebte Erfahrungen von Menschen aufzuzeigen, wie z.B. das Erleben von Angehörigen, deren Familienmitglied sich in einer lebensbedrohlichen Situation befindet.

3. Literatur und Theoriebezug

Werden empirische und theoretische Erkenntnisse dargestellt (national, international, Umfang, Aktualität)?

Aus internationaler Literatur ist erkennbar, dass Angehörige vor 30 Jahren bei Reanimationsmaßnahmen ihres Nächsten nicht anwesend sein durften. Erstmals wurde 1987 veröffentlicht, dass Angehörige die Anwesenheit bei Reanimationsmaßnahmen (AACPR) positiv erleben können (Doyle, Post, Burney, Maino, Keefe et. Rhee 1987; Hanson et. Strawser 1992). Einige Fachgesellschaften unter anderem die American Heart Association gaben 2000 bekannt, dass AACPR unterstützt werden soll (American Heart Association 2000).

-Internationale Daten (AACRP bei Angehörigen)

Von 150 befragten Angehörigen wünschten sich 72 % bei der Reanimation anwesend zu sein.

Als Vorteile gaben sie an: Sie konnten miterleben, dass alles was möglich war getan wurde und sie konnten den Trauerprozess besser bearbeiten, wenn ihr Angehöriger verstarb (Ong, Chung et. Mei 2007). Die meisten Angehörigen würden dies wieder tun (Duran, Oman, Abel, Koziel et. Szymanski 2007; Hung et. Pang 2010). Wenn Angehörige nicht anwesend waren, wollten sie Informationen über den Zustand ihres Nächsten (Wagner 2004).

Als mögliche Nachteile wurden genannt: Die Befürchtung Reanimationsbedingungen zu stören, eine Last zu sein und Pflegekräfte in Stress zu versetzen (Hung et. Pang 2010).

Eine Studie fand jedoch heraus, dass von 50 Angehörigen 25 Angehörige an der AACRP teilnahmen und keine negativen Unterschiede zur Kontrollgruppe in punkto Angst, Zufriedenheit und Wohlbefinden aufwiesen (Pasquale, Pasquale, Baga, Eid et. Leske 2010).

-Internationale Zahlen (AACRP bei Pflegenden)

In den USA gewährten ca. 40% der Intensiv- und Notfallpflegenden Angehörigen den Zutritt zu ihren nächsten, aber nur 20% der Ärzte (Howlett, Alexander et. Tsuchiya 2010).

In Kanada gewährten 92 % der Pflegekräfte den Angehörigen Zutritt. Die Pflegekräfte dort hatten Erfahrung damit (Fallis, Mc Clement et. Pereira 2008).

In Deutschland war mehr als die Hälfte der Intensivpflegekräfte dagegen (Köberich, Kaltwasser, Rothaug et. Albarran 2010).

In Belgien waren 2/3 dagegen (Mortelmans, Cas, Van Hellemond et. De Cauwer 2009). Im asiatischen Raum lehnten ca. 80% AACPR ab (Badir et. Sepit 2007; Gunes et. Zaybak 2009; Kianmehr, Mofidi, Rahmani et. Shahin 2010).

Professionelle wünschen sich eine qualifizierte Betreuungsperson, die Angehörige während der Reanimation begleitet und Richtlinien, welche die Begleitung regeln (Howlett et al. 2010).

-Professionelle nannten folgende Gründe für die AACRP: (Madden et. Condon 2007; Miller et. Stiles 2009)

- Emotionale Unterstützung für Angehörige
- Angehörige sehen, dass alles getan wurde, um das Leben des Familienmitglieds zu retten
- Angehörige können Verständnis für die Situation erlangen oder sich voneinander verabschieden
- Für Angehörige besteht die Möglichkeit der Bewältigung des Trauerprozesses

-Argumente der Professionellen gegen die AACRP: (Grice et al. 2003; Walker 2008)

- Angehörige können psychisch traumatisiert werden
- Professionelle erleben eine Störung und Ablenkung bei der Arbeit
- die Angst der Professionellen vor gerichtlichen Klagen

Hinweise auf Erkenntnislücken?

Es gibt im deutschsprachigen Raum bisher keine Studie, welche das Erleben von Angehörigen während einer Reanimation erforscht hat. Internationale Daten sind nicht immer auf den deutschsprachigen Raum übertragbar, weil die Bedürfnisse der Angehörigen stark kulturell geprägt sind.

Bisher gibt es nur Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften und vereinzelte Fachartikel, welche besagen dass die nächsten Angehörigen während der Reanimation entsprechend ihren Bedürfnissen betreut werden sollen (SAMW 2013).

Zu welchem Fazit kommen die Autoren?

Angehörige sind oft nicht in der Lage, sich für eine Anwesenheit einzusetzen. Sie leiden unter Informationsdefiziten und wünschen sich Unterstützung (Blättler, Schläppi, Senn 2014).

Die Autoren ziehen aus ihrer durchgeführten Studie die Konsequenz, dass Angehörigen eine Anwesenheit angeboten werden soll. Außerdem soll es Richtlinien für die Begleitung geben (Blättler, Schläppi, Senn 2014).

4. Methoden der Datenerhebung und Auswertung

Methode/ Erhebungsinstrument, die/das zur Datengewinnung verwendet wurden?

Das Interview begann mit einer offenen Einstiegsfrage. Im themenorientierten Nachfrageteil wurden Aspekte angesprochen, die von den Interviewten nicht aufgegriffen wurden. Dies erfolgte mit einem Interviewleitfaden. Der Inhalt des Leitfadens stützte sich auf die bearbeitete Literatur und die langjährige Erfahrung der Erstautorin in der Notfallpflege (Flick 2011). Bei allen Befragten musste die Frage nach der Informationsvermittlung und Unterstützung gestellt werden. Ergaben sich durch vorläufige Analyse weitere Fragen, wurde der Interviewleitfaden ergänzt. Ein Interview dauerte zwischen 30-80 Minuten und wurde auf Tonband aufgezeichnet und anschließend transkribiert.

Wie erfolgte der Zugang zu den untersuchten Personen?

Der Zugang zum Forschungsfeld und zu den Angehörigen erfolgte mit Flyern. Diese wurden 10 Monate auf 16 Schweizer Notfall- und 14 Intensivstationen ausgelegt, sowie an Familienmitglieder, Verwandte, Bekannte, Kollegen und Mitstudierende verteilt. Außerdem wurden Teilnehmende mit Hilfe durch Internetseiten von Patienten- und Angehörigenvereinigungen sowie Mund- zu- Mund- Propaganda gesucht. Auf eine direkte Rekrutierung in Spitälern wurde verzichtet, um Angehörige nicht zu belasten (Liamputtong 2006).

Neun Interviews wurden bei den Angehörigen zu Hause geführt. Ein Interview wurde auf Wunsch per Telefon geführt.

-Einschlusskriterien waren:

- Alter über 18 Jahre
- deutsch mündlich und schriftlich beherrschen
- Anwesenheit in Schweizer Spitälern, wenn bei einem Angehörigen eine CPR oder IP durchgeführt werden musste.

IP: Intubationen, arterielle oder venöse Katheter, Thoraxdrainage, Einlage von Urinkathetern

-Ausschlusskriterien waren:

- kognitive Einschränkungen ( z. B. Demenz)
- Erlebnis liegt mehr als 7 Jahre zurück

Mit welchen Verfahren wurden die gewonnenen Daten ausgewertet/ Methodenliteratur?

Die Datenanalyse erfolgte mit vier Strategien, welche parallel verliefen nach der Interpretation nach Benner (1994), eingeführt von Heidegger (1993).

1. Interpretieren eines Falls

Die Erstautorin analysierte und interpretierte das erste Interview vollständig. Anschließend diskutierten Erst- und Letztautorin die Inhalte und Bedeutungen. Sie suchten nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Die Fälle, welche bereits analysiert waren wurden mit den neuen Fällen verglichen und gegenübergestellt. Das Forschungsteam diskutierte die Fälle und suchte einen Konsens. Die Forschenden bewegten sich ständig hin und her zwischen ihrem Vorverständnis und dem Text der interpretiert wurde.

2. Thematische Analyse

Es wurden von der Erstautorin gemeinsame Kategorien in Bezug auf die Forschungsfrage gesucht. Nach 5 Interviews wurden die Hauptthemen gefunden, jedoch ständig weiterentwickelt und differenziert. Es wurden vom Forschungsteam vorgegebene und neue Denkrichtungen diskutiert.

3. Musterbeispiele

Musterbeispiele wurden genutzt um spezielle Aspekte in Situationen zu beleuchten. Auch unter jeweils verschiedenen Umständen wurden diese Musterbeispiele wiedererkannt. Auch wie nahe die Textbeschreibung und die Musterbeispiele zusammenliegen wurde diskutiert.

4. Darstellen der Ergebnisse

Die Datenanalyse begann, sobald der erste Interviewtext transkribiert war und zog sich über die anderen Interviews weiter. Nach 10 Interviews wurde eine überzeigende Beschreibung und Interpretation erreicht. Die beste Interpretation ist die, welche die logischste Erklärung darstellt. Die Erstautorin erfasste ein Manuskript, in welchem die Hauptthemen den Musterbeispielen gegenübergestellt wurden. Die anderen beiden Autoren gaben kritisches Feedback zu dem Manuskript.

Welche Hinweise zu Gütekriterien der verwendeten Methoden gibt es?

Zur Qualitätssicherung wurde der Datensammlungs- und Analyseprozess in sieben Treffen zwischen der Erst-, Zweit- und Drittautorin diskutiert. In sechs weiteren Treffen wurden die Analyseergebnisse und Interpretationen mit fünf weiteren Forschern durchgegangen. Es wurde auf Nachvollziehbarkeit, Verständlichkeit Lücken und blinde Flecken geachtet. Die Erstautorin führte die Interviews. Sie hat langjährige Erfahrung in der Notfallpflege. Sie diskutierte den Konflikt der Themenauswahl, welcher aufgrund ihres Erfahrungshintergrundes auftreten kann mit der Letztautorin.

5. Ethische Aspekte

Welche ethischen Aspekte werden angesprochen?

Die Studienteilnehmer wurden vor dem Interview über die freiwillige Teilnahme, das Ziel der Studie und die vollständige Anonymisierung ihrer Daten aufgeklärt. Sie mussten eine Einverständniserklärung unterschreiben. Die Ethikkommission Basal stimmte der Studie zu.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Reanimation und invasive Prozeduren in Anwesenheit von Angehörigen
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main  (Fachbereich Pflege)
Veranstaltung
Reanimation
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V460002
ISBN (eBook)
9783668915091
ISBN (Buch)
9783668915107
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reanimation, invasive Prozeduren, anwesende oder wartende Angehörige, lebensbedrohlicher Zustand, kardiopulmonal, kardiopulmonale Reanimation, Studie, Forschungsfrage, CPR, IP, Forschungsdesign, Methoden, Datenerhebung, Datenauswertung, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Benjamin Schmidt (Autor), 2016, Reanimation und invasive Prozeduren in Anwesenheit von Angehörigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460002

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