Diese Arbeit wäre wohl zu beginnen mit einem Satz wie diesem: Kaum ein Schriftsteller ist derart umstritten, wie Rolf Dieter Brinkmann, die Spanne der Kritiken reicht von (...) bis zu (...). Was jedoch wirklich der Fall ist, steht in solchen Zitaten nicht. Daher sei an dieser Stelle gesagt, dass sich das Werk von Rolf Dieter Brinkmann zu großen Teilen jeglicher Interpretation entzieht. Zum einen strebt er eine Literatur an, die durch ihre Form umsetzt, was sie zu zeigen versucht – eine neue, der veränderten Wahrnehmung adäquate Kunst, die sich althergebrachten, im Besonderen reflexiven Rezeptionsmustern widersetzt. Zum anderen hat er sich früh ausdrücklich vom organisierten Literaturbetrieb distanziert, vor allem, weil dieser Anfang der 60er Jahre zwar wie er ein sprachkritisches Programm vertrat, in dessen Ausführung – seiner Meinung nach – dann aber doch wieder in tradierte Formen zurückfiel und somit seiner eigenen Aufgabe nicht gerecht wurde, sich in ihr jedoch gefiel. Eine Opposition zu bisherigen literarischen Positionen wollten sie alle sein, doch Brinkmann bezog selbst zu ihnen noch eine Außenseiterstellung. Im Folgenden soll gezeigt werden, warum und wie RDB, durch innere Zwänge getrieben, der Ausdrucksfähigkeit von Sprache misstrauend, mehr und mehr dazu übergeht, ihre Form zu erweitern – den materiellen Aspekt von Schrift zu betonen, Bilder und Text zu kombinieren um sie schließlich soweit einander anzunähern, dass sie nicht nur nicht mehr zu trennen sind, sondern, dass scheinbar Schrift und Bild ihre Wirkungsweisen vertauschen (oder zumindest die jeweils andere negieren). Schreiben wird zum Selbstzweck, der Inhalt verkümmert, wird magere, geduldete Randerscheinung, die der gesuchten Form notwendiges Spielmaterial liefert, oder wird gar ganz zerhackt um nicht abzulenken. Diese Form des Schreibens wird besonders in den im Titel aufgeführten Bänden deutlich, die erst nach Brinkmanns Tod erscheinen. Dies zu zeigen, wird im kurzen, zweiten Teil versucht werden. Im abschließenden Fazit soll die These gestützt werden, dass diese Vorstellung und Umsetzung von Literatur und Kunst der von Walter Benjamin in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ beschriebenen entauratisierten Kunst nahe kommt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Mann ohne Worte
II. Der Aufbruch ins Ende – Oder das Ende des Aufbruchs (?)
III. Schnitt
Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bild-Text-Beziehungen im Werk von Rolf Dieter Brinkmann, insbesondere in den späten Materialbänden „Schnitte“ und „Rom, Blicke“, und analysiert diese im Kontext der von Walter Benjamin beschriebenen „entauratisierten Kunst“ im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.
- Sprachkritik und der Wunsch nach einer Literatur jenseits tradierter Formen
- Die Rolle der Wahrnehmung und der Einfluss neuer Medien (Photographie, Film)
- Die Selbstreferentialität und autobiographische Geste im Schreiben
- Vergleichende Analyse der Brinkmannschen Poetik mit Walter Benjamins Medientheorie
- Die Funktion des Fragments und der Collage als ästhetische Strategien
Auszug aus dem Buch
II. Der Aufbruch ins Ende – Oder das Ende des Aufbruchs (?)
Heiner Müller beschreibt in einem Gespräch die späten Texte von Beckett, die sich durch zerstückelte Syntax, fehlende Worte, verschiedene Sprachen und viel leeren Raum auszeichnen und sich dadurch einer Aufnahme durch Lesen im herkömmlichen Sinne völlig verweigern. Wichtig hierbei ist, daß er sagt: „Dieser Rückzug in die Sprachlosigkeit ist ein Fortschritt, denn Sprache bedeutet heute Informationsflut, das heißt: Zerstörung von Wahrnehmung und Verhinderung von Erfahrung durch Inflation von Information.“
Das drückt aus, daß die Wahrnehmung einer Wirklichkeit durch die Fülle an Informationen, die uns über eben diese Wirklichkeit in Sprachform vorliegen, unmöglich wird, weil sie von der Künstlichkeit der sprachlichen Syntax überlagert wird. Daher ist der so bezeichnete Rückzug in die Sprachlosigkeit für Müller ein Fortschritt, der Weg, der noch begehbar ist, um sich die Sensitivität für eine Wirklichkeit zu bewahren. Samuel Beckett, der sich, obwohl er vor allem durch seine Theaterstücke Weltruhm erlangte, immer vordergründig als Romanautor begriff, schrieb insgesamt nur 6 Romane. Den letzten („Der Namenlose“) schreibt er bereits 1949 – 40 Jahre vor seinem Tod. Auch wenn er mehrere von ihnen später noch einmal zur Hand nimmt um sie selbst in andere Sprachen zu übersetzen, ist für ihn doch klar: „Es gibt keinen Weg weiter. Das allerletzte, was ich geschrieben habe – Texte um Nichts – war der Versuch, aus dieser Situation der Auflösung herauszukommen, aber er ist gescheitert. [...] Der Namenlose hat mich in eine Situation gebracht, aus der ich mich nicht herausziehen kann.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik der Interpretation von Brinkmanns Werk und Darstellung des methodischen Vorgehens anhand des Essays.
I. Mann ohne Worte: Analyse der sprachkritischen Haltung Brinkmanns und seines Versuchs, durch die Einbeziehung visueller Medien eine neue, unmittelbare Form der Wirklichkeitsdarstellung zu finden.
II. Der Aufbruch ins Ende – Oder das Ende des Aufbruchs (?): Erörterung der bewussten Sprachskepsis und der Annäherung der Schrift an das Bild, illustriert am Beispiel von „Rom, Blicke“.
III. Schnitt: Untersuchung der Materialbände als multimediale Collagen, die eine simultane Wahrnehmung provozieren und die traditionelle lineare Lesart aufbrechen.
Literatur: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Rolf Dieter Brinkmann, Walter Benjamin, Sprachkritik, Materialbände, Collage, Bild-Text-Beziehung, entauratisierte Kunst, technische Reproduzierbarkeit, Wahrnehmung, Oberflächenverhaftung, Roman, Medientheorie, Fragmentation, Selbstreferentialität, Postmoderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Bild-Text-Beziehungen bei Rolf Dieter Brinkmann und analysiert, wie er versucht, die Grenzen traditioneller Literatur durch formale Experimente zu überschreiten.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Felder sind Sprachkritik, die Wirkung neuer Medien wie Film und Photographie auf die menschliche Wahrnehmung sowie die ästhetische Gestaltung der späten Materialbände.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Poetik Brinkmanns theoretisch zu verorten und zu zeigen, dass seine Arbeit der von Walter Benjamin beschriebenen „entauratisierten Kunst“ nahekommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Form des Essays, um einer experimentellen Wirklichkeitserfahrung durch eine ebenfalls experimentelle Darstellungsform gerecht zu werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Brinkmanns Abkehr von linearen Erzählformen und seine Hinwendung zu collagierten, fragmentarischen Text-Bild-Strukturen, die eine simultane Wahrnehmung fordern.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sprachkritik, Materialbände, Collage, entauratisierte Kunst und technische Reproduzierbarkeit.
Wie bewertet der Autor den Begriff der „Oberflächenverhaftung“ bei Brinkmann?
Die Oberflächenverhaftung wird als ein bewusstes ästhetisches Mittel verstanden, um der Sprache zu entkommen und das „Dasein“ der Dinge unmittelbar abzubilden, anstatt sie durch rationale Syntax zu interpretieren.
Welche Rolle spielt Walter Benjamins „Kunstwerk-Aufsatz“ für das Fazit?
Benjamin dient als theoretischer Referenzrahmen, um Brinkmanns Kollaborationen und den Verfall der „Aura“ in seinen Werken als zeitgemäße künstlerische Reaktion auf die veränderte Medienrealität zu bestätigen.
- Citar trabajo
- Matthias Zimmermann (Autor), 2001, Die Nachauratische Kunst: die Bild-Text-Beziehungen bei Rolf Dieter Brinkmann, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47793