Biblische Motive in Gottfried von Straßburgs "Tristan"

Ein heilsgeschichtlicher Roman?


Term Paper (Advanced seminar), 2018
17 Pages, Grade: 2,3

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tristan als alttestamentarischer Held
2.1 Typologie als Geschichtsdeutung
2.2 Tristan im Vergleich mit alttestamentarischen Helden
2.2.1 Der Held wird als Kind obdachlos
2.2.2 Der Held am fremden Hof
2.2.3 Der Held als zweiter Mann nach dem Herrscher
2.2.4 Der Held als Außenseiter
2.2.5 Der Held wird verbannt
2.2.6 Die Aussöhnung
2.3 Zwischenfazit

3. Tristan und die Erbsünde
3.1 Die Elternvorgeschichte
3.2 Die Minnetrankszene
3.3 Die Baumgartenszene

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bibel ist nicht nur das meistgelesen Buch der Menschheitsgeschichte, sondern wohl auch – und gerade für Europa – eines der Prägendsten. Sie hat im deutschen Sprachraum auch schon lange bevor Luther mit seiner Bibelübersetzung an die Öffentlichkeit getreten ist, ihren Einfluss hinterlassen. Sie war grundlegend für das Selbstverständnis der Menschen im Mittelalter und hat nicht nur die theologischen Debatten geprägt, sondern vielmehr weite Teile der Gesellschaft, vom alltäglichen Leben der Menschen über die schulische Lehre hin zur Literatur und Dichtung.

Einer dieser Dichter war Gottfried von Straßburg, der wohl einen der bekanntesten Romane der mittelhochdeutschen Literatur verfasst hat: Den Tristan-Roman. Und auch in seinem Tristan Roman lässt sich der prägende Einfluss der Bibel nicht verleugnen. Zahlreiche Anspielungen, Motive und allgemein bekannte biblische Modelle seiner Zeit lassen sich auch ohne große Mühe in seinem Roman identifizieren. So wird zum Beispiel gleich im Prolog die Liebe Tristans und Isoldes als „brôt“1 bezeichnet, was als eine Anspielung auf die heilige Eucharistie angesehen werden kann.

Diese Arbeit soll nun anhand von exemplarisch ausgewählten Stellen und einer überblicksartigen Darstellung die christliche Motivik in Gottfrieds Tristan-Roman entschlüsseln. Hierzu wird in zwei Schritten vorgegangen. Im ersten Schritt wird mithilfe der hermeneutischen Methode der Typologie Tristan mit den beiden alttestamentarischen Helden Joseph aus dem Buch Genesis und David aus dem Buch Samuel verglichen. Hierbei sollen sowohl Unterschiede, als auch Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. In einem zweiten Schritt wird das Sündenfallmotiv genauer betrachtet. An drei ausgewählten Textpassagen wird das Vorhandensein dieses Motivs nachgewiesen und der Umgang mit demselben genauer untersucht. Mit den Ergebnissen dieser beiden Arbeitsschritte soll dann schlussendlich die Frage beantwortet werden, ob und wie Gottfried mit diesen biblischen Modellen umgeht und ob sich daraus eine heilsgeschichtliche Aussage aus dem Tristan-Roman herauslesen lässt.

2. Tristan als alttestamentarischer Held

2.1 Typologie als Geschichtsdeutung

Typologie ist eine hermeneutische Methode, bei der Personen, Ereignisse und Einrichtungen aus dem Alten Testament als Vorabbildungen und Vorausdarstellungen von Personen, Ereignissen und Einrichtungen im Neuen Testament gedeutet werden. So wird beispielsweise Christus als Antitypos des Typos Adam oder Maria als Antitypos des Typos Evas gesehen.2 Es handelt sich hierbei aber nicht nur um eine schlichte Wiederholung im Sinne eines zyklischen Ereignisses, sondern es wird in einer heilsgeschichtlichen Betrachtungsweise als Erfüllung desselbigen angesehen. Diese Verweisungszusammenhänge wurden ziemlich ausgeweitet. Die Menschwerdung Christi gilt als Erfüllung des alten Gesetzes. Somit gibt es eine Zeit vor, eine Zeit mit und eine Zeit nach Christus bis zum jüngsten Gericht.3 Die typologische Deutung betraf nun nicht mehr allein das Verhältnis Christus – Altes Testament, sondern wurde auch auf die Zeit nach Christus, also auf den nicht-biblischen Bereich ausgeweitet. So führen z.B. die 12 Steine auf der ottonischen Reichskrone dazu, dass David und Salomon nun nicht mehr allein auf Christus verweisen, sondern auch auf den Kaiser.4 Durch diese Ausweitung kann man Typologie als eine „übergreifende Denkform“5 verstehen, die typologische Sinnbezüge zwischen Biblischem und Außerbiblischem oder sogar nur zwischen Außerbiblischem herstellt.6

Für diese Arbeit ist noch ein weiterer Forschungsaspekt relevant: Alois Wolf arbeitete heraus, dass Gottfried von Straßburg in seinem Werk das typologische Denken aus der christlich-theologischen Literatur entnommen und dann diese typologisch-figuralen Bezüge von ihren christlichen Inhalten gelöst hat. Man kann diese eigenständige Parallelerscheinung als „säkularisierte Typologie“7 bezeichnen.

2.2 Tristan im Vergleich mit alttestamentarischen Helden

Im folgenden Abschnitt soll nun Tristan mit zwei biblischen Helden des Alten Testaments verglichen werden. Zum einen mit Joseph, von dem Evelyn Jacobson die These aufstellt, „that Gottfried´s new scripture has based ist depiction of Tristan on the biblical prototype of the courtier, Jospeh.“8 Zum anderen mit dem berühmten David, da hier die Parallelen zwischen dem Kampf von Tristan gegen Morold und dem Kampf von David gegen Goliath mehr als offensichtlich werden.9

Jacobson leitet aus seinem Vergleich zwischen Tristan und Joseph sechs Elemente ab, die gewissermaßen als Vorlage für den typischen alttestamentarischen Helden gelten können. Diese sechs Elemente des Topos des alttestamentarischen Helden gliedern sich wie folgt:10

1. Der Held wird aufgrund von Eifersucht oder Begeisterung, die ihm aufgrund seiner hervorragenden Fähigkeiten entgegengebracht wird, als Kind obdachlos.
2. Der Held erscheint als Kind an einem heidnischen Hof und wird dort aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten aufgenommen und akzeptiert.
3. Der Held wächst zum Mann heran und erreicht eine Machtposition, die in der Hierarchie direkt nach der des Herrschers kommt.
4. Der Held wird einer Prüfung unterzogen, welche deutlich macht, dass der Held trotz seiner Fähigkeiten und Errungenschaften immer noch ein Außenseiter geblieben ist.
5. Der Held wird vom Hof verbannt.
6. Am Ende wird der Konflikt gelöst.

Außerdem zeichnet sich der alttestamentarische Held durch eine außergewöhnliche Schönheit, außergewöhnliche Fähigkeiten, die Fähigkeit, sich beim Herrscher trotz der Außenseiterrolle einzuschmeicheln, außergewöhnliche politische Fähigkeiten und eine große physische Stärke aus.

Jacobson definiert den Topos hierbei als etwas, was durch bestimmte Elemente, die unabhängig von Epochen und Epochenwandel bestehen, und durch eine grundlegende Bedeutung gekennzeichnet ist.11

Anhand dieses definierten Topos sollen nun die beiden ausgewählten Helden des Alten Testaments – Joseph und David – untersucht und mit Tristan verglichen werden. Hierbei wird stets zuerst Tristan, dann Joseph und dann David betrachtet.

2.2.1 Der Held wird als Kind obdachlos

Tristan wird als Sohn von Riwalin und Banscheflur geboren und ist damit adlig. Doch seine beiden Eltern sterben und er wächst bei Rual und Floarete auf, die sogar seine Geburt noch einmal inszenieren, um seine adlige Herkunft zu verschweigen. Er wächst auf und wird in der Wissenschaft, der Musik, dem Kampf und dem höfischen Benehmen unterrichtet. Auch seine hervorragenden Fähigkeiten werden deutlich:

„Diz tete der lobebaere

sô lobelîchen unde alsô,

daz in den zîten unde dô

in allem dem rîche

nie kint sô tugentlîche

gelebete alse Tristan.“12

Schließlich wird er aufgrund eben dieser besonderen Fähigkeiten von Kaufleuten entführt und letzten Endes auf Cornwall freigelassen.

Joseph wird von seinem Vater „mehr als alle seine [anderen] Söhne“13 geliebt, aber zuerst einmal nur, weil er ihm spät geboren wurde. Doch er hat einen visionären Traum, der ihn als zukünftigen Herrscher und König ausweist.14 Dies ist ein deutlicher Hinweis auf sein Auserwähltsein. Zudem ist er wie Tristan „schön von Gestalt und Aussehen“15. Im Gegensatz zu Tristan wird er jedoch nicht aufgrund einer Begeisterung für seine Fähigkeiten entführt, sondern aufgrund von Hass und Neid, denn „seine Brüder wurden eifersüchtig auf ihn“16. Joseph wird von seinen Brüdern an midianitische Kaufleute verkauft, die ihn wiederum an den Obersten der Leibwache des ägyptischen Pharaos verkaufen.17 Er verliert also seine Heimat und seine Familie.

David hingegen ist kein Kind, das bevorzugt wird. Im Gegenteil: Er wird zurückgesetzt und benachteiligt, da sein eigener Vater sich schämt, ihn Samuel zu zeigen.18 Dennoch kommt „der Geist des Herrn (…) über David von diesem Tage an.“19 Auch David gehört also zu den Auserwählten. Außerdem ist er ein „Held an Kraft, kriegstüchtig, wortgewandt [und] ein Mann von schöner Gestalt.“20

2.2.2 Der Held am fremden Hof

Tristan demonstriert durch das Entbästen des Hirsches, die Furkie und die Curie in der Jagdepisode sein besonders Geschick. Durch sein Hornspiel verzückt er den ganzen Hof und besonders König Marke.21 Seine besonderen Jagdfähigkeiten ermöglichen ihm einen raschen Zugang zum fremden Hof und er wird „jegermeister“22.

Auch Joseph kann durch seine Fähigkeiten den Pharao beeindrucken, denn „der Herr (…) war mit Josef, sodass ihm alles gelang.“23 Dies führt dazu, dass Joseph fortan der Diener des Pharaos und damit Teil des Hofes wird.

David hingegen kann ähnlich wie Tristan durch musikalische Fähigkeiten in die Gunst des Herrschers gelangen. Da Saul von einem bösen Geist geplagt wird, lässt er nach David schicken, damit dieser mit seinem Harfenspiel den bösen Geist vertreibe, was ihm auch gelingt. Dadurch gewinnt Saul David „sehr lieb“24 und ernennt ihn zu seinem Waffenträger.

2.2.3 Der Held als zweiter Mann nach dem Herrscher

Tristan wird von König Marke als sein Thronfolger auserkoren:

„Und sî´z an dînem heile,

daz dû mich sülest überleben,

sô sî dir allez z´eigene geben.“25

Auch der Pharao erkennt schnell die Vorzüge und herausragenden Fähigkeiten Josephs, ernennt ihn zum Verwalter und überlässt ihm „seinen ganzen Besitz“26

Nachdem David den Goliath besiegt hatte27, „setzte ihn Saul an die Spitze seines Kriegsvolks“28, wo sich David durch zahlreiche gewonnene Schlachten bewährt und seine Beliebtheit am Hofe und im Volke steigert.

2.2.4 Der Held als Außenseiter

Tristan muss mehrere Prüfungen bestehen. Hierbei sind in diesem Zusammenhang vor allem zwei zu nennen. Da wäre zum einen der Kampf Tristans mit Morold. Dieser Kampf weist – wie bereits erwähnt – erstaunliche Parallelen zum Kampf David gegen Goliath auf. Und zum anderen wäre die Intrige der Hofkabalen gegen Tristan, die von „nît“29 getrieben, „swinde reden“30 gegen ihn halten und seinen Tod wollen, zu nennen. Doch in der folgenden Brautfahrt besteht Tristan die Prüfung nicht, da er sich aufgrund des Minnetranks in Isolde verliebt31 und damit seinen Auftraggeber und Herrscher König Marke verrät. Seine Liebe zu Isolde ist auch ein Zeichen, dass er nie ganz am Hofe akzeptiert wird, denn sie müssen ihre Liebe vor der Öffentlichkeit des Hofes verbergen und leben in ständiger Angst.32

Auch Josef muss eine Prüfung bestehen. Die Frau des Pharaos fordert ihn mehrmals auf, mit ihr zu schlafen, doch er lehnt ab, da: „Wie soll ich nun ein so schweres Unrecht begehen und mich gegen Gott versündigen?“33 Da sie in aber packt und er dann beim Weglaufen sein Gewand bei ihr verliert, verleumdet sie ihn ebenfalls, dass er mit ihr hätte schlafen wollen und sie sich nur gewehrt habe. Er bleibt trotz des hohen Amts letzten Endes nur ein „hebräischer Sklave“34.

Der Erfolg Davids führt dazu, dass Frauen aus ganz Israel an den Hof kommen und singen: „Saul hat Tausende erschlagen, / David aber Zehntausende.“35 Dies erweckt den Neid in Saul und er versucht ihn umzubringen, was ihm aber nicht gelingt.

Während also die Brautfahrt Tristans Parallelen zu Joseph aufweist, findet sich der Kampf Tristan-Morold bei David wieder. Hierzu später mehr.

[...]


1 Tristan: V. 240.

2 Vgl. Weddige, Hilkert (2006): Einführung in die germanistische Mediävistik. München. S. 81/82.

3 Vgl. Ebd.: S. 83.

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. Ebd.

6 Für letzteres kann die Sinnbeziehung zwischen der Elterngeschichte und der Hauptgeschichte in Gottfried von Straßburgs Tristan herangezogen werden. Vgl. Weddige (2006): S: 83.

7 Wolf, Alois (1974): „diu wâre wirtinne – der wâre Elicôn. Zur Frage des typologischen Denkens in volkssprachlicher Dichtung des Hochmittelalters.“ In: Minis, Cola (Hrsg.): Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik. Band 6. Amsterdam. S. 129.

8 Jacobson, Evelyn M. (1985): „Biblical Typology in Gottfried´s Tristan und Isolde.“ In: Neophilologus 69. S. 569.

9 Vgl. Denomy, Alexander J. (1956): „Tristan and the Morholt. David and Goliath.“ In: Mediaeval Studies 28. S. 226.

10 Vgl. Jacobson (1985): S. 570.

11 Vgl. Ebd. S. 568.

12 Tristan. VV. 2138-2143.

13 Genesis 37.3.

14 Vgl. Genesis 37.7.

15 Genesis 39.6.

16 Genesis 37.11.

17 Vgl. Genesis 37.18-36.

18 Vgl. 1 Samuel 16.11.

19 1 Samuel 16.13.

20 1 Samuel 16.18.

21 Vgl. Tristan: VV. 2759-3203.

22 Tristan: V. 3370.

23 Genesis 39.2.

24 1 Samuel 16.21.

25 Tristan: VV. 5156-5158.

26 Genesis 39.6.

27 Zwischen dem Zweikampf von Tristan und Morold und dem Zweikampf von David und Goliath gibt es zahlreiche offensichtliche Parallelen. Vgl. hierzu überblicksartig Okken, Lambertus (1984): Kommentar zum Tristan-Roman Gottfrieds von Straßburg. 1. Band. Amsterdam. S. 305-306.

28 Samuel 18.5.

29 Tristan: V. 8319.

30 Tristan: V. 8328-8329.

31 Vgl. Tristan: VV. 12026-12028.

32 Vgl. Tristan: VV. 16449-16454.

33 Genesis 39.9.

34 Genesis 39.17.

35 1 Samuel 18.7.

Excerpt out of 17 pages

Details

Title
Biblische Motive in Gottfried von Straßburgs "Tristan"
Subtitle
Ein heilsgeschichtlicher Roman?
College
University of Freiburg
Grade
2,3
Author
Year
2018
Pages
17
Catalog Number
V489209
ISBN (eBook)
9783668976801
Language
German
Tags
biblische, motive, gottfried, straßburgs, tristan, roman
Quote paper
Andreas Schumacher (Author), 2018, Biblische Motive in Gottfried von Straßburgs "Tristan", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489209

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