Armin Linkes "Phenotypes – Limited Forms". Transformative Erscheinungsformen eines fotografischen Archivs


Hausarbeit, 2016
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Armin Linke: Phenotypes – Limited Forms
Der performative Raum
Die mehrdimensionale Zeit
Phenotype - Limited Forms im Vergleich zu Heman Chongs God Bless Diana
Titelauswahl: Phenotypes – Limited Forms

III. Der Archivbegriff
Vom Verwaltungsarchiv zum Digitalen Netzwerk
Die Forderung nach einem neuen Ordnungsprinzip des Archivarischen

IV. Aby Warburg und sein Mnemosyne Atlas von 1924 bis

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die vorliegende Ausarbeitung beschäftigt sich mit dem Künstler Armin Linke und seiner Ausstellung Phenotypes – Limited Forms, welche verschiedene Erscheinungsformen des Archivwesens in einem Raum vereint. Linke stellt sein persönliches, fotografisches Online-Archiv zur Verfügung und ernennt den Museumsbesucher zum temporären Kurator. In dem Text „Archivmanifestationen performativer Räume“ aus der Zeitschrift „Atelier der Erinnerung. Aspekte des Archivarischen als Ausgangspunkt künstlerischer Fotografie“ stellt er sein Projekt vor, welches zunächst als Book on Demand- Projekt 2003 in Venedig und zwischen 2008 und 2010 in Sao Paulo auf der 28. Biennale, in Siegen und in Admont zu sehen war.1

Als Fotograf und Filmemacher interessiert sich Linke für den abwechslungsreichen Umgang mit Fotoarchiven und ihren Erscheinungsformen sowie für Bildbearbeitungstechnologien. Seine Archive haben neben dem menschlichen Treiben die natürlichen und künstlichen Landschaften zum Thema. Sein Streben Realität und Fiktion zu vereinen und dessen Grenzen aufzuheben, spiegelt sich in seinen Projekten wider.2

Ich möchte in dem ersten Kapitel Linkes Projekt vorstellen und anschließend unter den Aspekten von Raum und Zeit betrachten sowie die Perspektive des französischen Philosophen Michel Serres zum Thema Zeit hinzuziehen. Hierzu wird ein kurzer Exkurs zum Künstler Heman Chong unternommen, dessen Ausstellung God Bless Diana, dem von Linke sehr ähnlich ist. Danach folgt eine geschichtliche Zusammenfassung zur Entwicklung des Archivwesens, welche in der Digitalisierung der Daten enden wird. Anschließend ziehe ich die Vorgehensweise des Kunst- und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg heran, um ein Bindeglied zwischen den beiden Erscheinungsformen von Linkes Archiv zu benennen.

Die gesamte Ausarbeitung soll in eine Interpretation von Linkes Projekt münden, welche dem Leser einen differenzierten Blick auf die Ausstellung ermöglichen soll.

II. Armin Linke: Phenotypes – Limited Forms

In seinem Projekt Phenotypes – Limited Forms verlagert er sein eigenes Online-Fotoarchiv mittels Touch-Display in einen Museumsraum und überträgt die kuratorischen Aufgaben auf den Museumsbesucher, indem dieser seine eigene Sammlung anhand selbst gewählter Kriterien zusammenstellen, betiteln und als Buch ausdrucken kann. Die auserlesenen Titel werden anschließend an eine Ausstellungswand projiziert. Linke stellt auf diese Weise der Öffentlichkeit sein Online-Archiv zur Verfügung und lässt damit eine Überführung seines Archivs in individuelle Sammlungen zu, die als physisch fassbare Objekte ihren Weg nach Hause zum Museumsbesucher finden können. Gleichzeitig sind die erstellten Bücher wieder online auf arminlinke.com verfügbar. Das gesamte Projekt wurde aus der Zusammenarbeit von Peter Weibel, Wilfred Kühn und Peter Hanappe geboren. Es erschuf somit einen interdisziplinären Kontext, bestehend aus der kuratorischen Praxis sowie der Kunst- und Medientechnologie, welcher die Lesbarkeit des Archivs durch die Displayinstallationen und das Ausstellungsdesign räumlich erfahrbar macht.3

Der performative Raum

Der Ausstellungsraum ist weiß und hell gestaltet worden. Innen begegnet der Besucher einer Aufstellungswand, die in ihrem Aussehen einer Postkartenwand in einem Museum gleicht. An dieser Wand stehen beispielhaft Linkes Fotografien als physische, materielle Objekte bereit. Gleichzeitig kann auf das Online-Archiv mittels eines Displays zugegriffen werden. In der Mitte des Raumes sieht der Besucher lange Tische mit jeweils einem Kopierer und einem Drucker darauf.

Linke selbst betont, dass ihn besonders die Schnittstelle zwischen Analogem und dem Digitalen interessiert sowie die Interaktion von Menschen mit der Architektur.4 Der Mensch befindet sich laut Linke nun an dem Ort der Schnittstelle, die das digitale Archiv, also virtuell gespeicherte Erinnerungen von Linke, in analoge Bücher umorganisieren lässt und somit die individuellen Erinnerungen des Museumsbesuchers widerspiegeln. Anschließend werden die Bücher wieder in ihrer digitalisierten Form für die Öffentlichkeit verfügbar gemacht. Der individuelle Prozess der Auswahl und die aktive Auseinandersetzung mit seinem Online-Archiv standen hierbei im Vordergrund der Ausstellung.5

Laut Doreen Mende und ihrem Online-Artikel zur Ausstellung, der 2007 erschienen ist, vollzieht sich neben der bloßen Nachahmung eines virtuellen Vorgangs, gemeint ist hier vermutlich unsere alltäglich Nutzung von Bildmaterial im Internet, auch ein „poetischer Transfer“6. Diesen Transfer beschreibt Mende anhand der Performativität des Raumes, innerhalb dessen der virtuelle Prozess in den physischen Raum projiziert wird. Unterstützend ist hierbei gemäß Mende das Ausstellungsdesign. So wie beim digitalen, raumzeitlosen Cyberspace ist der Raum, unabhängig von seiner Lokalisierung, immer im gleichen Design gehalten. Der performative Raum symbolisiert damit das, was er beinhaltet, nämlich die Transformation des universalen Digitalen ins Physische/Analoge.

Die mehrdimensionale Zeit

Neben dem Aspekt des performativen Raumes können wir verschiedene zeitliche Schichtungen in dem Projekt entschlüsseln. Die Fotografien aus Linkes Archiv sind mit dem vergangenen Zeitpunkt seiner Entstehung verknüpft. Zusätzlich erhalten sie eine gegenwärtige zeitliche Dimension durch ihre Aufnahme in die neue Sammlung des Besuchers. Die Vergangenheit geht dabei nicht verloren und ist in das Bild eingeschlossen. Wie bei einer Postkarte dienen die Bilder als Vermittler von Zeit, welche zwar nicht sinnlich fassbar ist, aber als eine Art Aura das Bild umgibt. Durch das Online-Archiv ist die Verfügbarkeit dabei zeitlos und auch zukünftig noch gegeben.

Dies spiegelt Michel Serres Theorie von Zeit wider, welche besagt, dass Zeit nur in unseren künstlich geschaffenen Zeitmessungen linear verläuft. Timothy Scott Barker erläutert in seinem Buch „Time and the Digital“ Serres Vergleich der Eigenschaften von Zeit mit denen eines Taschentuchs.7 Zwei Ereignisse können einerseits, wie zwei Punkte auf einem zerknüllten Taschentuch sehr nah aneinander liegen. Andererseits können die Punkte bei einem glatt-gestrichenen Taschentuch scheinbar sehr weit voneinander entfernt sein. Die Punkte werden zwar auseinander gezogen oder aneinander gedrückt, doch bleibt etwas Grundlegendes erhalten. Dieses Grundlegende nennt man in der Mathematik die topologischen Eigenschaften eines Objektes. Genauso verhält es sich nach Serres mit der Zeit. Ereignisse finden nicht nacheinander, wie auf einer Linie, die zwei Punkte verbindet, statt. Die natürliche Zeit besteht laut Serres aus Ereignissen, die stetig in Bewegung sind, wie ein Wirbelsturm, eine Akkumulation aus vielen Augenblicken, die einander beeinflussen und verändern.8 Sie sind für uns immer zugänglich, wie bei einer Online-Datenbank. Einzelne Daten und Datenzusammenhänge sind dabei mit vielen zeitlichen Dimensionen verhaftet und enthalten Spuren von ihrer Entstehung, ihrer Weiterverwendung sowie von ihren unzähligen Zugriffen.

Phenotype - Limited Forms im Vergleich zu Heman Chongs God Bless Diana

Der Künstler Heman Chong beschäftigt sich in seinen künstlerischen Projekten ebenfalls mit der unendlichen Datenflut und den zeitlichen Aggregaten von Archiven. Chong sammelte zum Beispiel zwischen 2000 und 2004 550 Fotografien, die Orte und alltägliche Situationen der ganzen Welt zeigen und druckte sie im Postkartenformat aus. Seine daraus entstandene Installation God Bless Diana ähnelte stark dem Ausstellungsdesign von Armin Linkes Phenotypes – Limited Forms. Nur ist das so entstandene Archiv aus materiellen Karten zusammengesetzt und gegen einen Euro können diese ebenfalls mit nach Hause genommen werden. Die Transformation vom Digitalen zum Analogen und wieder zurück, wie wir sie bei Linke vorfinden, ist hier also nicht vorhanden. Allerdings formen die Karten durch ihre Zusammenfügung zu einem Archiv ein Bild von einer universalen Megastadt, die die verschiedensten Individuen, Objekte und Zeichen miteinander verbindet.9 Die Orte und Situationen sind unabhängig von ihrer Aufnahmezeit abrufbar. Chongs Interesse besteht also vielmehr darin, die gegenwärtige Flut von kommerziellen und privaten Fotografien aufzuzeigen und eine moderne Form der Archivierung als analoges Konzept vorzustellen.

Titelauswahl: Phenotypes – Limited Forms

Beim Lesen des Ausstellungstitels fällt auf, dass Linke einen Begriff aus der Genetik gewählt hat. Der Phänotyp, also das Erscheinungsbild, ist die Menge aller Merkmale eines Organismus. Dieser ist zum einen durch die genetische Information bestimmt, zum anderen wird dieser durch Umweltfaktoren geformt und verändert. Bei einem gleichen Genotyp können sich so unterschiedliche Phänotypen entwickeln, indem die Rahmenbedingungen verschiedenartig ausfallen.

Betrachten wir nun die Gegebenheiten der Ausstellung Linkes, erkennen wir in dem Online-Archiv sozusagen die Erbanlagen, den Genotyp, der einzelnen Fotografien – ihren Ort der Entstehung, die Auswahl des Bildausschnittes sowie die Aufnahmetechnik geben dem Einzelbild ihren Charakter, der durch die anderen Fotografien zu einem Archiv vervollständigt wird. Infolge der individuellen, kuratorischen Auslese, die der Besucher vornimmt, erhält ein Bild seinen Phänotyp, welcher je nach selbst gewählten Kriterien anders ausfallen kann. Der neue Kontext ist folglich der phänotypische Modifikator des Einzelbildes. Doch der ursprüngliche Genotyp des Bildes geht mithilfe der Archivierung nicht verloren und kann immer wieder einen neuen Phänotyp erhalten.

Die jeweiligen Bildauswahlen sind limitiert, da sich zwei Bücher bezüglich ihrer Auswahlkriterien nicht gleichen oder nach denselben Voraussetzungen zusammengefügt worden sind. Die individuelle Erinnerung des Museumsbesuchers, die das selbst gestaltete Buch innehat, fallen überdies immer unterschiedlich aus.

[...]


1 Vgl. Armin Linke (2015): Archivmanifestation performativer Räume. In: Folkwang Universität der Künste (Hg.): Atelier der Erinnerung. Aspekte des Archivarischen als Ausgangspunkt künstlerischer Fotografie. Wüstenrot Stiftung. Essen, S. 93–105.

2 Vgl. Armin Linke (2016): Armin Linke, URL: http://arminlinke.com (05.08.2016).

3 Vgl. Linke (2015), S. 93.

4 Vgl. Ebd., S. 93.

5 Vgl. Doreen Mende (2007): Phenotypes/Limited Forms. 2007/Interaktive Nutzer-Installation. Armin Linke, URL: http://www06.zkm.de/zkmarchive/www02_youser_you/you/index_com_content_article_73_phenotypeslimited-forms_82_de.html (07.08.2016).

6 Mende (2007), (07.08.2016).

7 Vgl. Timothy Scott Barker (2012): Serre’s Time and Digital Presentness. In: Ders.: Time and the Digital. Connecting Technology, Aesthetics, and a Process Philosophy of Time. Dartmouth, New Hampshire, S. 67-72.

8 Vgl. Barker (2012), S. 67.

9 Vgl. Ausst.kat. (2015): When we share more than ever. ZKM, Hamburg, J. 52.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Armin Linkes "Phenotypes – Limited Forms". Transformative Erscheinungsformen eines fotografischen Archivs
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Kunstpädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V512801
ISBN (eBook)
9783346112033
ISBN (Buch)
9783346112040
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armin Linke, Travelling Traces, fotografisches Archiv, Fotografie, Phenotypes, performativer Raum, mehrdimensionale Zeit, Hermann Chong, Digitales Netzwerk, Aby Warburg, Mnemosyne Atlas, God Bless Diana, Limited Forms, Kollektives Gedächtnis, Archivkunde, Erinnerungsräume, Michel Serre, Erinnerungskulturen
Arbeit zitieren
Luisa-Viktoria Schäfer (Autor), 2016, Armin Linkes "Phenotypes – Limited Forms". Transformative Erscheinungsformen eines fotografischen Archivs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512801

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