Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte im Februar 2006 vor dem Europäischen Parlament (EP), dass die umweltpolitische Dimension der so genannten Lissabon-Strategie zwar nicht völlig zu vernachlässigen sei, die Wirtschaft jedoch zukünftig die besondere Aufmerksamkeit der Kommission benötige. Bedeutet dies, dass die Europäischen Gemeinschaften nun Halt machen mit ihren Anstrengungen im Umwelt- und Verbraucherschutz? Können sie womöglich die Uhr zurückdrehen und die gemeinschaftlichen Regelungen ad acta legen? Wie weit ist die Vergemeinschaftung in diesen Bereichen gekommen und welche Bedeutung haben die Aspekte Umwelt- und Verbraucherschutz zur Zeit im allgemeinen Europarecht? Diese Fragen sollen im folgenden Essay geklärt werden. Nach einem kurzen historischen Abriss werden die aktuellen Rechtsgrundlagen und die wichtigsten Akteure in diesen Politikfeldern vorgestellt. Anhand von drei erheblich differierenden Beispielen wird die Bedeutung dieser Politikbereiche für die EG aufgezeigt. Der Fall aus der Energiepolitik wurde im Kontext der „Berücksichtigung von Sicherheit und Umweltschutz“ betrachtet, da diese in allen drei Gemeinschaftsverträgen oft als Querschnittsmaterie bezeichnet wird. Ferner werden mit der FFH-Richtlinie ein typisches Beispiel aus der Umwelt- und Naturschutzpolitik herangezogen sowie mit der Tabakrichtlinie ein klassisches aus der Gesundheits- und Verbraucherschutzpolitik.
Gliederung
I Einleitung
II Hauptteil
1. Allgemeine Grundlagen
1.1 Historischer Abriss der Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik auf EG-Ebene
1.2 Aktuelle Rechtsgrundlagen der Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik
1.3 Bedeutung der Querschnittsklausel
2. Akteure und Entscheidungsverfahren in der Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik
3. Rechtsetzung
4. Ausgewählte Beispiele
4.1 Der Atomstreit: Gespaltenes Europa
4.1.1 Mit Zwang nach Sellafield?
4.1.2 Neue Richtlinien bloße Papiertiger?
4.1.3 EURATOM mit Zukunft?
4.2 FFH-Richtlinie
4.2.1 Löffelenten oder Arbeitsplätze?
4.3 EG-Tabakrichtlinie
4.3.1 Klagen aus Deutschland und Großbritannien
4.3.2 Tabakwerbeverbot
III Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stellenwert der Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik im Rechtssystem der Europäischen Gemeinschaft. Dabei wird analysiert, wie diese Politikfelder in das europäische Recht integriert wurden, welche Akteure daran beteiligt sind und wie sich die Durchsetzung dieser Schutzaspekte in der Praxis bei Interessenkonflikten mit wirtschaftlichen Zielen gestaltet.
- Historische Entwicklung der Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik auf EG-Ebene
- Rechtliche Grundlagen und das Konzept der Querschnittsklausel
- Rolle von Kommission, Parlament und Rat im Entscheidungsverfahren
- Konfliktpotenzial zwischen Naturschutz und industriellen Wirtschaftsinteressen
- Durchsetzung von Gesundheitsschutzstandards am Beispiel der Tabakrichtlinie
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Mit Zwang nach Sellafield?
Unter anderem Großbritannien verweigert sich diesem Kurs nachhaltig und lässt seit nunmehr über fünf Jahren keine Inspektoren in die beiden Wiederaufarbeitungsanlagen in Sellafield, die nach Meinung der Kommission erhebliche Sicherheitsmängel aufweisen. Über eine Klage beim EuGH möchte sie die Inspektionen erzwingen, da der Verdacht bestehe, dass dort Sicherheitszertifikate systematisch gefälscht worden sind. Ferner habe Großbritannien auch nach mehrfacher Aufforderung keinen ausreichenden Plan für die Behandlung des dort anfallenden radioaktiven Abfalls vorgelegt. Nach dem EURATOM-Vertrag hat Brüssel das Recht und sogar die Pflicht, Inspektionen in zivilen Nuklearanlagen durchzuführen. Diesen Rechtsstandpunkt bestätigte der EuGH 2004 in einem Urteil, in dem er auch die Überprüfung der Strahlensicherheit der EG-Kompetenz zurechnete.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Bedeutung des Umwelt- und Verbraucherschutzes im Europarecht unter Berücksichtigung der Lissabon-Strategie und führt in die gewählten Fallbeispiele ein.
II Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen (historische Entwicklung und Rechtsgrundlagen), die Vorstellung der Akteure sowie eine detaillierte Analyse spezifischer Fallbeispiele aus den Bereichen Energie, Naturschutz und Gesundheit.
III Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik als integraler Bestandteil des europäischen Rechts fest verankert ist, auch wenn ihre praktische Umsetzung bei großen Wirtschaftsinteressen weiterhin auf Widerstände stößt.
Schlüsselwörter
Europäische Gemeinschaft, Umweltpolitik, Verbraucherschutz, Rechtsgrundlagen, EURATOM, FFH-Richtlinie, Tabakrichtlinie, Europäischer Gerichtshof, Querschnittsklausel, Wirtschaftspolitik, Mitentscheidungsverfahren, Naturschutz, Gesundheitsschutz, Nachhaltige Entwicklung, Handelshemmnisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit behandelt die rechtliche Verankerung und die praktische Relevanz der Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik innerhalb des Rechtssystems der Europäischen Gemeinschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Im Fokus stehen die historische Entwicklung, die aktuellen Rechtsgrundlagen (insbesondere der EGV), die Rolle der europäischen Institutionen sowie spezifische Fallstudien zur Atomkraft, zum Naturschutz und zum Gesundheitsschutz.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt nach dem Stellenwert und der tatsächlichen Durchsetzungskraft der Umwelt- und Verbraucherschutzaspekte im allgemeinen Europarecht, besonders angesichts konkurrierender wirtschaftlicher Interessen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung genutzt?
Die Arbeit verwendet eine Kombination aus einer historisch-rechtlichen Aufarbeitung der Vertragslage und der Analyse von aktuellen Praxisbeispielen, um die Effektivität europäischer Richtlinien zu evaluieren.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf dem Hauptteil?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert das Zusammenspiel zwischen den EU-Organen sowie konkrete Rechtskonflikte, wie den Atomstreit um Sellafield, die Anwendung der FFH-Richtlinie und die Durchsetzung der Tabakrichtlinie.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Querschnittsklausel, Mitentscheidungsverfahren, Verursacherprinzip und die Integration des Umweltschutzes in den Binnenmarkt.
Warum ist das Beispiel der Airbus-Werkserweiterung für die Arbeit relevant?
Das Beispiel illustriert den Konflikt zwischen strengen EU-Naturschutzvorgaben (FFH-Richtlinie) und den Interessen der Mitgliedstaaten an wirtschaftlichem Wachstum und Arbeitsplätzen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor hinsichtlich der Zukunft dieser Politikfelder?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik ein fester Bestandteil der EU-Rechtsordnung bleibt und ein "Roll-back" aufgrund der starken institutionellen und rechtlichen Verankerung nicht zu befürchten ist.
- Quote paper
- Tanja Prinz (Author), 2005, Die Bedeutung der Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik im Rechtssystem der EG, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54773