Kontrastive Interpunktion im DaZ-Unterricht. Die Kommasetzung bulgarischer DaZ-Lernender


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. BEDEUTUNG DER INTERPUNKTION
2.1 stellenwert der interpunktion im daz-unterricht
2.2 ziele und anforderungen an den daz-unterricht
2.3 Analyse der DaZ-Lehrwerke

3. KONTRASTIVE GEGENUBERSTELLUNG DER DEUTSCHEN UND BULGARISCHEN INTERPUNKTIONSLEHRE
3.1 PUNKT UND AUSLASSUNGSZEICHEN
3.2 DOPPELPUNKT
3.3 DIVIS
3.4 GEDANKENSTRICH
3.5 ANFUHRUNGSZEICHEN
3.6 GEDANKENSTRICH UND ANFUHRUNGSZEICHEN IN DER DIREKTEN REDE
3.7 KOMMA

4. DATENANALYSE
4.1 METHODISCHES
4.2 AUSWERTUNG

5. FAZIT UND AUSBLICK

6. LITERATUR

ANHANG

1. Einleitung

„Komm wir essen Opa! - Satzzeichen konnen Leben retten. Piraten wahlen." Mit diesem Spruch hat 2013 die Piratenpartei fur die Satzzeichen geworben und damit auf ein Thema aufmerksam gemacht, dass besonders in Bezug auf ihren Stellenwert innerhalb der Rechtschreibungi und deren Vermittlung diskutiert wird. Dabei nimmt das Komma eine wesentliche Rolle fur die Sinnentnahme eines Satzes ein:

Voran ging der Burgermeister auf dem Kopfe, den glanzenden Zylinder an den Fiilten, die Lackschuhe in der Hand, den unvermeidlichen Spazierstock hinter dem Ohr, das Kneiferschniirchen in eisernes Schweigen gehiillt (Zollinger 1940, zitiert nach Bredel 2008, 1).

Dieses Zitat veranschaulicht die groBe Bedeutung und auch Wirkung des Kommas. Der Burgermeister geht nicht auf dem Kopf, tragt keinen Zylinder an den FiiBen und hat weder die Schuhe in der Hand noch den Spazierstock hinter dem Ohr. Trotz allem wird der Leser den Satz zuerst anders lesen bzw. verstehen, da er aus grammatikalischer Sicht richtig ist. Der Leser wird aber schnell feststellen konnen, dass eine falsche Kommasetzung die Griinde fur den geanderten Sinn liefern. Das Komma als ein „unverzichtbares Instrument zur syntaktischen Strukturierung komplexer Satze" (Metz 2005, 16) verhindert normalerweise Missverstandnisse - im Gegensatz zum voranstehenden Zitat -, „unterstiitzt die Sinnentnahme und hat somit als Hilfe fur das Leseverstehen auch eine zentrale Erfassungsfunktion" (Metz 2005, 16).

Die wichtige Rolle des Kommas zeigt sich trotz allem nicht immer in der Fahigkeit zur Kommasetzung. Nottbusch & Jonischakt (2011, 175) geben an, dass sich die Interpunktion mit „einen Anteil von 30-50 % Prozent an den Orthographiefehlern deutlich von anderen Problembereichen" abhebt und bezeichnen die Interpunktion im Allgemeinen als den „fehlertrachtigste[n] Bereich der Rechtschreibung (2011, 182). Die Analyse von 300 Schiiler-aufsatzen von Menzel & Sitta (vgl. 1982, 16) hat eine Fehlerqoute von 46 % in Bezug auf die Kommasetzung ergeben. Mit einem durchschnittlichen Fehlerquotient von 48 % ist auch Melenk (vgl. 2001, 173) zu einem ahnlichen Ergebnis gekommen. Eine noch groBere Zahl gibt Bergner (vgl. 1980, 405) mit 56,1 % an. Hinzukommt, dass selbst die Lehrer 10 % der Kommafehler iibersehen (vgl. Menzel/Sitta 1982, 16). Dem steht gegeniiber, dass eine richtige Orthografie einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft einnimmt (vgl. Metz 2005, 16). Zudem vertritt Melenk (2001, 169) die Ansicht, dass die Interpunktion „eine [...] der einfachsten und am besten geregelten Bereiche der deutschen Rechtschreibung" darstellt. Trotz allem stellt die Interpunktion ein groBes Problem dar, was die bereits genannten Studien belegt haben. Lindauer merkt an, dass sowohl eine mangelhafte Vermittlung als auch die Inhalte der Lehr-werke fur dieses Problem verantwortlich sind:

Die korrekte Kommasetzung zwischen (Teil-)Satzen gilt als notorisches Problem im Rechtschreibeunterricht. Dabei ist die Kommatierung im Deutschen weder unsystematisch geregelt noch sind die Kommaregeln sonderlich kompliziert. Das Problem liegt als kaum in der Sache selbst, sondern eher in der schulischen Vermittlung bzw. der Darstellung der Kommaregeln in Lehrwerken zu suchen (Lindauer 2011,601).

Vor dem Hintergrund, dass bereits deutsche Muttersprachler ein groBes Defizit in Hinblick auf die Kommasetzung vorweisen, muss man sich auch die Frage stellen, wie dann erst Lerner damit umgehen, deren Muttersprache2 nicht das Deutsche ist und welche Einflusse bereits vorhandene Strategien aus der Erstsprache auf die Kommasetzung im Deutschen nehmen. Zu diesem Zweck wird die Kommasetzung bulgarischer Muttersprachlerinnen, die Deutsch als Zweitsprache3 lernen, untersucht. Daher gilt es im Rahmen dieser Arbeit den Schwerpunkt auf die Kommasetzung und den DaZ-Unterricht zu legen und anhand einer Analyse von Kommafehlern in exemplarischen Texten von drei fortgeschrittenen DaZ-Lernern mit der Muttersprache Bulgarisch zu klaren, wie es sich mit den Kommasetzungsfehlern bei DaZ-Lernern verhalt. Daher soil im nachstehenden Kapitel zuerst ein grober Uberblick iiber den Stellenwert der Interpunktion im Allgemeinen und im DaZ-Unterricht geschaffen werden. In diesem Zusammenhang gilt es auch herauszustellen, welche Anforderungen an DaZ-Lerner gestellt werden und welche Rolle die Kommasetzung in DaZ-Lehrwerken einnimmt. Bei der Analyse sollen sowohl inter- als auch intralinguale Ursachen im Vordergrund stehen. Daher ist eine Einfuhrung in die bulgarische Sprache und eine kontrastive Gegeniiberstellung des deutschen und bulgarischen Interpunktionssytems notwendig. In der abschlieBenden Aus-wertung werden die gewonnenen Ergebnisse dargestellt, zusammengefasst und in bereits vorhandene Untersuchungen eingeordnet. Zudem wird ein abschlieBendes Fazit formuliert.

2. Bedeutung der Interpunktion

Folgt man Bredel (vgl. 201 la, 9), dann gehoren zum Inventar des Interpunktionssy stems zwolf Zeichen: Punkt, Semikolon, Komma, Doppelpunkt, Divis, Gedankenstrich, Auslassungs-punkte, Apostroph, Fragezeichen, Ausrufezeichen, Klammer und Anfuhrungszeichen.

Weiterhin nimmt Bredel (vgl. 2011a, 49/66) auch eine funktionale Unterscheidung vor und ordnet Punkt, Semikolon, Komma und Doppelpunkt den syntaktischen Interpunktionszeichen zu, wahrend Fragezeichen, Ausrufezeichen, Klammern und Ausrufezeichen als kommunikative Zeichen einzuordnen sind. Dabei verweisen die syntaktischen Interpunktionszeichen auf besondere Strukturen bei der Verkettung von Satzen (vgl. Bredel 201 la, 66), wohingegen sich die kommunikativen Interpunktionszeichen auf besondere Kommunikationsverhaltnisse beziehen und dem Leser oder auch Schreiber „vom Default abweichende Rollen" (Bredel 201 la, 49) zuweisen.

Einen umfassenden Uberblick iiber die Interpunktion und insbesondere eine klare Regelformulierung existiert trotz einer langjahrigen Geschichte noch nicht sehr lange:

Das Interpunktionssystem des Deutschen ist das Resultat einer ca. 100-jahrigen Geschichte, die sich zwischen etwa 800 und 1800 zugetragen hat. Seitdem ist die Zeichensetzung im Deutschen stabil. Das vielleicht Interessanteste an dieser Entwicklung ist, dass sie sich ohne das Zutun von aulten vollzogen hat, sich das gesamte System aus den Erfordernissen der zunehmend komplexer werdenden Schreib-, mehr noch der Lesepraxis ergeben hat. Die Interpunktionsregeln, wie sie heute z.B. im Duden stehen, sind nachtragliche Rationalisierungen des Resultats dieser historischen Entwicklung (Bredel 201 lb, 129).

Die Historie des Interpunktionssystems verdeutlicht dessen wesentliche Bedeutung. Das Komma spielt dabei eine wichtige Bedeutung. Esslinger (2011, 318) gibt an, dass „die traditionelle Interpunktionsgrammatik fast durchgangig eine Kommadidaktik" ist. Nottbusch & Jonischkait (2011, 175) kritisieren hingegen die Tatsache, dass die „Beschaftigung mit der Interpunktion zumeist auf die Kommasetzung beschrankt ist und dem gesamten Interpunktionssystem des Deutschen nicht differenziert Rechnung getragen wird." Gallmann & Sitta (vgl. 1992, 74) fordern in Hinblick auf die Kommasetzungsfahigkeit eine viel intensivere Beschaftigung mit der Interpunktion. Sie bezeichnen die Interpunktion als eine der weniger wichtig eingeschatzten Bereiche der Orthografie, geben aber auch an, dass er als ein fester Inhalt des Rechtschreibeunterrichts einzuordnen ist.

Aber auch in Hinblick auf die Schwierigkeit der Interpunktionsregeln, speziell der Kommasetzung, gibt es unterschiedliche Meinungen. Wahrend Baudusch (1997, S. 252) die Kommaregeln im Gegensatz zu den anderen Satzzeichen als „vielgestaltig und schwer iiberschaubar" bezeichnet, vertritt hingegen Melenk eine kontrare Auffassung: „Die Kommasetzung ist im Deutschen - wie die Rechtschreibung iiberhaupt - stark normiert; ,richtig' und ,falsch' sind klar unterscheidbar" (Melenk 2001, 169). Auch Primus (2006, 142) vertritt die Ansicht, dass die „zugrunde liegende Regularitat der Kommasetzung so einfach ist", da sie durch nur drei Bedingungen, welche die kommarelevante Position beschreiben, dargestellt werden kann:

Ein Komma zwischen einem einfachen oder komplexen Ausdruck A und einem einfachen oder komplexen Ausdruck B ist regular genau dann, wenn] (a) und (b) oder (a) und (c) gelten:

(a) Es gibt einen Satzknoten, der A und B dominiert.
(b) Zwischen A und B interveniert eine syntaktische oder semantische Satzgrenze.
(c) A und B sind koordiniert, und die Koordination ist nicht durch eine echt koordinierende Konjunktion gekennzeichnet (Primus 1993, 246).

Ebenfalls reduziertMelenk (vgl. 2001, 169) die Kommasetzung auf drei Bereiche, Aufzahlung, Abgrenzung von Satzen, Unterbrechung, und findet es daher umso erstaunlicher, dass diese Regeln so schwer zu beherrschen sind.

2.1 Stellenwert der Interpunktion im DaZ-Unterricht

In Hinblick auf den DaF-Unterricht stufen Gallmann & Sitta (1992, 72) den Stellenwert der Interpunktion als gering und als keinen festen Themenkomplex des Unterrichts ein: „Fragen der deutschen Rechtschreibung halten nicht den ersten Rang in der Problemliste des Fachs Deutsch als Fremdsprache." Auch Foldes (2000, 1) merkt an, dass in Hinblick auf den DaF-Unterricht „von diesem Problemkomplex allenfalls am Rande Notiz" genommen wird. Diese Aussagen treffen ebenso auf den DaZ-Unterricht zu. Eine breitgefacherte Auseinandersetzung hinsichtlich der Kommasetzung liegt im Bereich DaF und noch weniger in Bezug auf den DaZ-Unterricht nicht vor. Hauptsachlich stehen deutsche Muttersprachler im Vordergrund. Diese mangelnde Auseinandersetzung bestatigt auch Stark (vgl. 2019, 13), indem sie die Kommasetzung von nicht muttersprachlichen Schreibenden des Deutschen als „unerforscht" bezeichnet. Diese bescheidene Rolle im DaZ-Unterricht wird auch anhand der Lehrwerke deutlich. Rosier (vgl. 1982, 29) hat bereits 1982 kritisiert, dass Orthografie, speziell die Zeichensetzung, in Lehrwerken vernachlassigt wird und wenn iiberhaupt, dann nur in einem sehr kleinen Rahmen thematisiert wird. Dabei kommt der Orthografie, besonders in unserer normorientierten Gesellschaft, ein groBer Stellenwert zu.

Im Folgenden wird zwischen DaZ und DaF unterschieden, auch wenn sich beide Bereiche stark iiberschneiden. Der Schwerpunkt wird auf DaZ-Lerner gelegt. Dabei soil en insbesondere DaZ-Lerner im Vordergrund stehen, die erst im Erwachsenenalter aufgrund einer spaten Migration die deutsche Sprache erlernt haben. Sowohl in DaZ als auch in DaF stellt das Erlernen der deutschen Sprache das oberste Ziel dar. Dabei nimmt die Vermittlung der deutschen Grammatik eine wichtige Rolle ein, der aber insbesondere im DaZ-Unterricht eine noch groBere Bedeutung zukommt, da die Zweitsprache auch in der alltaglichen Kommunikation sehr wichtig ist:

Allerdings spielt grammatische Richtigkeit im DaZ Unterricht eine sehr viel groBere Rolle als im Fremdsprachenunterricht [...]: Fur einen Bildungserfolg ist das Erreichen eines moglich standardnahen Niveaus vonentscheidenderBedeutung. Insbesondere Fossilierung [...] gilt es friihzeitig zu erkennenund durch gezielten Unterricht zu iiberwinden (Hoffmann et al., 360).

Zu beachten ist auch die Tatsache, dass der Erwerb einer Zweitsprache, kontrar zu einer Fremdsprache, nicht nur gesteuert, sondern auch ungesteuert verlaufen kann. „Insofern dient der Grammatikunterricht im DaZ-Unterricht nicht nur der Vermittlung von grammatischen Formen und Strukturen, sondern - wie im Erstsprachenunterricht - auch deren Bewusst-machung" (Hoffmann et al., 360). Auch Rober (2012, 34) hebt den Stellenwert der Orthografie im DaZ-Unterricht hervor, indem er erlautert, dass eine „Beherrschung standardsprachlicher und grammatisch erwarteter Strukturen des Deutschen unerlasslich" sind, „um die Angebote der hiesigen Gesellschaft optimal nutzen zu konnen" und um „in Situationen Fremden gegeniiber z.B. in Behorden oder vergleichbaren offiziellen, also nicht vertrauten Begegnungen sprachlich adaquat reagieren zu konnen - um sich in ihnen ,behaupten' zu konnen." Insbesondere Fliichtlinge sind haufig mit anspruchsvollen Formularen konfrontiert, fur dessen Verstandnis das Erkennen der Satzstrukruren mit Hilfe der Interpunktion eine wichtige Rolle spielen kann.

Bredel & Primus (2007, 102) bezeichnen die Interpunktionszeichen als „eine Art Werkzeug zum Schreiben und Lesen" und merken an, dass sie insbesondere fur das Lesen eine wesentliche Rolle einnehmen, da sie groBere Struktureinheiten sichtbar machen. Daher reicht ein bloBes Ansehen des Geschriebenen fur einen erfolgreichen Leseprozess nicht aus, um den Sinn des Textes verstehen zu konnen. Anhand der Kommas kann der DaZ-Lerner viel besser die Strukturen des Satzes erkennen und feststellen, wo Teilsatze anfangen und aufhoren oder an welcher Stelle er das Verb setzen muss. Zudem erleichtem Kommas das Lesen und fordern die Lesefliissigkeit sowie das Verstehen von Texten. Dabei kommen auch der Stimme und Satzmelodie eine wichtige Rolle zu. DaZ-Lerner konnen anhand der Satzzeichen lernen, wann sie beim Lesen eine Pause machen oder atmen konnen oder wo ihre Stimme hinmuss. Daher ist ein Phonetiktraining verbunden mit der Interpunktion sinnvoll. Weiterhin kann auch die Lehrkraft an der Interpunktion erkennen bzw. horen, ob der DaZ-Lerner den Inhalt verstanden hat.

In der Literatur wird haufig iiber den Zusammenhang zwischen der Kommasetzung und Grammatik diskutiert. Melenk (vgl. 2001, 184) gibt zwar an, dass die wichtigste Grundlage der Kommasetzung die Grammatik ist, kommt aber innerhalb einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Korrelation zwischen Kommasetzung und Grammatik weniger ist, als allgemein an-genommen wird. Das begriindet er mit den Ergebnissen seiner Studie, in der beim Vortest die getesteten Schiiler und Schiilerinnen einer 8. Klasse am schlechtesten abgeschnitten haben, sich beim Endtest durch eine Vertiefung der Regeln zwar verbessert haben, im Behaltenstest wiederum aber keine groBe Verbesserung erkennbar war (vgl. Melenk 2011, 181). Nottbusch & Jonischkait (2011, 181) merken folgendes an: „Explizites Wissen ist weder hinreichend noch notwendig fiir implizite Kommasetzung." In Hinblick auf den DaZ-Unterricht sollte die Grammatik bei der Vermittlung der Interpunktionsregeln immer eine Rolle spielen. DaZ-Lerner wenden haufig Strategien aus der Muttersprache an. Um dieser Fossilierung entgegen zu wirken, sollte die Vermittlung der Interpunktion immer mit Regeln verbunden werden. Dabei ist es wichtig, kontrastiv vorzugehen und die Regeln aus der Muttersprache einzubeziehen und zu vergleichen.

2.2 Ziele und Anforderungen an den DaZ-Unterricht

Obwohl die Bedeutung der Interpunktion im DaZ-Unterricht deutlich aufgezeigt wurde, spielt diese keine Rolle in den DaZ-Lehrwerken. Auch in DaF-Lehrwerken wird die Interpunktion vernachlassigt: „Betrachtet man Lehr- und Lernmateralien aus dem Bereich des Deutschen als Fremdsprache, so kann man feststellen, dass Orthographie allgemein eine sehr geringe und Fragen der Interpunktion so gut wie keine Rolle spielen" (Thurmair, 2019, 9).

Im Gegensatz dazu sind die Anspriiche an die Interpunktionsfahigkeiten innerhalb der Niveaustufen des Gemeinsamen Europaischen Referenzrahmes fiir Sprachen4 deutlich formuliert. So ist im GER (Europarat 2011) verankert, dass „Sprachverwendende" beim Lesen eines Textes „Kenntnisse der Bedeutung geschriebener Formen, insbesondere die der Satzzeichen fiir Satzgliederung und Intonation" beherrschen sollten. Weiterhin heiBt es, dass fur das Erreichen des Bl-Niveaus die Zeichensetzung hinreichend konkret, fur das CI-Niveau konsistent und fur das C2-Niveau „frei von orthographischen Fehlern" sein sollte.

Ebenso werden in der Priifung fiir das „Zertifikat Deutsch" in Anlehnung an den GER Anforderungen an die Interpunktion gestellt. Der Test besteht aus einem schriftlichen Teil (Leseverstehen, Sprachbausteine, Horverstehen, schriftlicher Ausdruck) und einem miindlichen Teil, dessen Inhalte je nach Niveau und durchfiihrendem Institut immer gleichbleiben. Im schriftlichen Teil besteht die Aufgabe zum schriftlichen Ausdruck aus einem Brief, den die Pruflinge verfassen miissen (vgl. Dittrich & Frey 2000, 6). Bei der Bewertung wird nicht nur auf die formale Richtigkeit, sondern explizit auch auf das Komma hingewiesen:

Sie miissen in Ihrem Brief auch unbedingt darauf achten, dass Sie die Satze nicht einfach hintereinander aufschreiben [...]. Es ist sehr wichtig, dass sie Ihre Satze gut miteinander verkniipfen [...]. Achten Sie auch auf Ihre Grammatik und die Rechtschreibung (GroB- und Kleinschreibung, Komma und so weiter) (Dittrich & Frey 2000, 6).

Es ist deutlich geworden, dass sowohl der GER als auch die Priifung einen Anspruch an die Interpunktion, speziell die Kommasetzung, stellen, der aber durch die Lehrwerke nicht eingelost wird.

2.3 Analyse der DaZ-Lehrwerke

Fiir die Analyse der Lehrwerke habe ich mich fiir zwei gangige Biicherreihen fur den DaZ-Unterricht entschieden, die sich insbesondere an Jugendliche und Erwachsene richten. Die Reihe „Einfach gut! Deutsch fur die Integration" von tele besteht aus sechs Biichern (Al.l bis B2.2) und gibt an, dass sie sich „konsequent am Rahmencurriculum fur Integrationskurse des Bundesamtes fur Migration und Fliichtlinge sowie am Gemeinsamen europaischen Referenzrahmen fur Sprachen" (Angioni & Halbig 2016, 3) orientiert. Ebenso merkt die Reihe „Pluspunkt Deutsch", ebenfalls ein Grundstufenlehrwerk fur Erwachsene ohne Deutschvorkenntnisse, an, dass es sich „eng an den Vorgaben des neuen Rahmencurriculums fur Integrationskurse" orientiert und die „Kannbeschreibungen des Gemeinsamen europaischen Referenzrahmens konsequent" (Kriiger 2009, 3) umsetzt. Dementsprechend miissten alle Lehrwerke auch Ubungen fur die Interpunktion enthalten. Jenny Ungerichts, ehemalige Dozentin am Lehrstuhl DaZ, Geschaftsfuhrerin des „Instituts fur Sprachberatung Deutsch" und Griinderin des Frauensprachkurses in Regensburg, gibt an, dass die Interpunktion in den DaZ-Lehrwerken durchgangig keine Rolle spielt, was in meiner Analyse der Lehrwerke bestatigt wurde. In keinem der Lehrwerke finden sich Ubungen, die sich mit der Interpunktion auseinandersetzen. Trotzdem findet sich insbesondere das Komma in vielen Aufgaben wieder, bleibt aber ohne eine Einfiihrung aufseiten des Lehrwerks. Zudem finden sich sowohl bei „Pluspunkt Deutsch" als auch bei „Einfach gut!" bereits in der niedrigsten Niveaustufe Al.l Texte, die mehrere Kommas enthalten. Gerade fur die Lesekompetenz sind diese Satzzeichen essentiell und benotigen daher eine Erklarung, die aufseiten der Lehrwerke nicht vorhanden ist. Ungericht merkt dazu an, dass entweder davon ausgegangen wird, dass die Lehrkraft die Kommaregeln mitvermittelt oder die Lehrkraft sogar davon ausgeht, dass die Kommasetzung einfach mit der Zeit kommt. Die folgende Ubung verdeutlicht dieses Problem. Im Anhang (Al) finden sich zudem weitere Ubungen, welche dieselbe Problematik beinhalten und alle demselben Schema folgen.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ubungsreihe fur das Niveau Al (Kriiger 2009, S. 21).

[...]


1 Im Folgenden werden die Begriffe „Orthografie" und „Rechtschreibung" als Synonyme verwendet.

2 Im Folgenden werden die Begriffe „Muttersprache" und „Erstsprache" als Synonyme verwendet.

3 Im Folgenden werden die Abkiirzungen „DaZ" (Deutsch als Zweitsprache). „DaF" (Deutsch als Fremdsprache) und „DaM" (Deutsch als Muttersprache) erwendet.

4 Im Folgenden wird die Abkiirzung „GER" verwendet.

5 Gesprach mit Jenny Ungericht am 18.09.2019.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Kontrastive Interpunktion im DaZ-Unterricht. Die Kommasetzung bulgarischer DaZ-Lernender
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V594272
ISBN (eBook)
9783346230164
ISBN (Buch)
9783346230171
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kontrastive, interpunktion, daz-unterricht, kommasetzung, daz-lernender
Arbeit zitieren
Kristin Buser (Autor), 2019, Kontrastive Interpunktion im DaZ-Unterricht. Die Kommasetzung bulgarischer DaZ-Lernender, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594272

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