Heimatgeschmack. Die Konstruktion von Heimat über gustatorische Reize


Akademische Arbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum Begriff der „Heimat“

3. Effekte gustatorischer Reize

4. Untersuchung zum Zusammenhang von Essen und Heimat
4.1. Essgewohnheit und Erinnerung
4.2. Das Eigene und das Fremde
4.3. Heimweh und Fernweh: die Wirkung des Geschmacks
4.4. Entwurzeltes Essen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie es­sen und trinken müssen.“ (Simmel 1984: 205)

Ernährung ist für uns alle die existenzielle Grundlage des Lebens. Das Spektrum, auf das wir dabei zurückgreifen können, ist groß. Ist Essen also das, was alle Menschen der Welt verbindet oder dient es vielmehr dazu, die eigene Identität in Abgrenzung zu ande-ren zu konstruieren? Nahrungsbedürfnisse gestalten sich weltweit sehr unterschiedlich, sind nicht genetisch bedingt, sondern werden soziokulturell und historisch hervorge-bracht (Althans et al. 2015: 19). Die kulturelle und soziale Dimension wird von ver-schiedenen Instanzen wie Wissenschaft, Erziehung, Politik und Ökonomie sowie von sozialen Milieus beeinflusst. Es sind spezifische Gebote und Verbote, die zu Gewohn-heiten und schließlich zu ganzen Ernährungsmustern werden (ebd.). In diesem Sinne spricht der Soziologe Marcel Mauss von Essen als einem sozialen Totalphänomen:

"In diesen […] "totalen" gesellschaftlichen Phänomenen kommen alle Arten von Institutionen gleichzeitig und mit einem Schlag zum Ausdruck: religiöse, rechtliche und moralische [...]; ökonomische [...]; ganz zu schweigen von den ästhetischen Phänomenen [...]." (Mauss 1968: 17f)

Das Essen tangiert zahlreiche Lebensbereiche und seine Gestaltung ist kulturell über-formt, jedoch auch individuell erlernt und reproduziert (Orlamünder 2008: 15). Neben den Auskünften über gesellschaftliche Strukturen, lassen sich aus der Nahrungsaufnah-me noch viel weitergehende Informationen gewinnen. Die beiden Wahrnehmungssinne Geschmack und Geruch sind unmittelbar an der Nahrungsaufnahme beteiligt, unzählige Reize werden ausgelöst und beeinflussen die Perzeptionen der jeweiligen Person (Alt-hands et al. 2015: 18). Durch den Geschmack einer Speise werden, im Sinn eines sozia-len Totalphänomens, weitreichende Bereiche des menschlichen Lebens angesprochen. In dieser Arbeit möchte ich mich insbesondere mit der Konstruktion von Heimat über gustatorische Reize beschäftigen. Kann der Aussage des österreichischen Filmemachers Peter Kubelka zugestimmt werden, der sagt Speisen sind gekochte Heimat? Wie defi-nieren wir unsere persönliche Heimat und welche Rolle spielt dabei das Essen, das wir zu uns nehmen?

Bevor ich diese Frage anhand der Ergebnisse einer eigenen Untersuchung beantworte, gehe ich ausführlich auf den Begriff Heimat im Allgemeinen ein und erläutere anschlie-ßend, welche Effekte gustatorische Reize auf Menschen haben können. Im abschließen-den Fazit gebe ich einen Überblick über die Ergebnisse und beantworte die eben aufge-worfene Frage.

2. Zum Begriff der „Heimat“

„Home is where your heart is“

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter Heimat ein spezifischer geographischer Ort verstanden. Meist der Ort oder die Region, in der ein Mensch geboren wurde und in der frühe Sozialisationsprozesse stattfanden (Brockhaus-Enzyklopädie 1989: 617–619). In der Literatur ist der Heimatbegriff nicht eindeutig definiert, sondern zeichnet sich viel-mehr durch seinen Facettenreichtum aus. Im Wörterbuch der Soziologie charakterisiert Friedrich Bülow Heimat nicht als einen geographischen Raum als solchen, „sondern […] eine Verbundenheit, die sich auch noch aus der Ferne und in späterer Zeit des Le-bens, meist auf Grund von Jugenderlebnissen, im Gemüt des Menschen fühlbar macht“ (Bastian 1995: 40).

Entwicklungspsychologisch geht man von der Entstehung eines Heimatgefühls bereits in der frühen Kindheit aus. Grund dafür sei die existenzielle Notwendigkeit von Gebor-genheit und Sicherheit, die dazu führt, dass sich Kinder an bestimmte Personen und die von ihnen vermittelte Kultur binden. Dazu gehören auch die ersten sinnlichen Erfahrun-gen in Bezug auf Gerüche, Geschmäcker, Sprachmelodie oder Musik (Mitzscherlich 2011: 1). Zudem kann Heimat aber auch gewählt und aktiv hergestellt werden, was in der heutigen Welt aufgrund eines permanenten beruflichen oder auch privaten Mobili-tätsanspruches zunehmend an Bedeutung gewinnt. Grundlegend dafür ist immer auch die Erfahrung von Differenz und - gegenläufig dazu - ein mit Heimat verbundenes Zu-gehörigkeits- und Geborgenheitsgefühl (ebd.: 3). Heimat als Gefühl wird konstruiert im Gegensatz zu den ‚Anderen‘. Das bedeutet, Heimat und Fremde bedingen sich gegen-seitig und sind nicht getrennt voneinander zu betrachten. Das Konstrukt Heimat entsteht also besonders, wenn man sich davon entfernt und stellt somit einen Erinnerungsort dar (Vojvoda-Bongartz 2012: 234). In einer Studie beschreiben Teilnehmer*innen Heimat als Gerüche von auftauender Erde oder frisch gebohrtem Boden, den Anblick eines Ge-bäudes oder Melodien und Stimmen (Bastian 1995: 23). Es sind Erinnerungen, ausge-löst durch Gerüche, Geräusche, Bilder oder Gefühle wie Sehnsucht. Elementar sind ge-meinschaftsstiftende Elemente, die das Gefühl von Geborgenheit, aber auch Verstehen und Verstanden werden vermitteln (Vojvoda-Bongartz 2012: 237). Heimat als soziale Konstruktion wirkt in ihrer individuellen wie auch kollektiven Aus-prägung identitätsbildend und kann mit Vojvoda-Bongartz als „Identitätsgehäuse“ be-zeichnet werden (ebd.: 234). Auch für Identität, die von Foucault als ein Prozess sozia-ler und diskursiver Praktiken begriffen wird, spielen sowohl die Teilhabe an „bestimm-2 ten gruppenspezifischen Charakterzügen“ (Erikson 1997: 124) als auch Eigen- und Fremdzuschreibungen (Nikolic 2015: 52) eine bedeutende Rolle. Phillip Thomas be-schreibt diesen Vorgang in Bezug auf Migration und somit auch im Kontext von Hei-matserfahrung (ausgelöst durch die Fremde):

„Migration zwingt zur Reflexion über Identität – denn in der Fremde zu sein, bzw. dort der oder die Fremde zu sein, das zerstört jene Fraglosigkeit und Selbst-verständlichkeit, welche normalerweise die Identität ausmacht oder, so ließe sich auch sagen, welche die Frage nach der Identität gerade verdeckt.“ (Thomas 2015:1)

Im Identitätsbildungsprozess sind Körperlichkeit und ihre sinnlichen Erfahrungen nicht wegzudenken. In diesem Sinne kann besonders die Nahrungsaufnahme als ein Identi-tätsmarker verstanden werden, insofern nämlich nicht nur Speisen aufgenommen, son-dern mit Bedeutung aufgeladene Speisen zu sich genommen werden (Nikolic 2015: 57). Verdeutlicht wird dieser Aspekt in Bezug auf Migration durch Lebensmittelgeschäfte, die Produkte aus fernen Ländern anbieten und Migrant*innen so ermöglichen, eine Be-ziehung zu ihrer Heimat zu bewahren, indem gewohnte Konsummuster beibehalten werden können (Williams-Forson 2014: 69f). Heimat wird als ein Ort betrachtet, zu dem sich Menschen zugehörig fühlen, durch den sie sich identifizieren und der ihnen gewissermaßen Schutz bietet (Greverus 1979: 50). Der Begriff ist nicht zwingend gleichzusetzen mit Geburtsort oder Herkunftsland, sondern beruht auf der individuellen Definition dessen, was jemand für sich als Heimat festlegt. Meist ist dieses Heimatbild stark positiv besetzt und wird umso idealisierter dargestellt, je größer die zeitliche oder räumliche Distanz ist. So bezeichnet Williams-Forson Heimat im Zusammenhang mit Essen als „Narrativ der Nostalgie“ (Williams-Forson 2014: 79). Auf diesen Zusammen-hang soll im folgenden Abschnitt eingegangen werden.

3. Effekte gustatorischer Reize

Die Nahrungsaufnahme ist eine existenzielle Notwendigkeit für den Menschen. Die Beschäftigung damit - von Einkauf und Planung über die Zubereitung und den tatsäch-lichen Verzehr - nimmt einen bedeutenden Teil unseres Lebens ein. Zudem genießen wir (zumindest in Westeuropa) viel Freiheit in der Wahl unserer Ernährungsweise. Menschen sind Omnivoren1, den strukturellen Verzicht auf bestimmte Lebensmittel oder auch gesellschaftliche Lebensmitteltabus erlegen wir uns selbst auf. Daraus folgt, dass die Speisen, für die wir uns entscheiden, mit Bedeutung aufgeladen sind. Ihr Kon- Allesfresser sum erfüllt also nicht nur den biologischen Zweck der Nährstoffzufuhr (Fischeler 1988: 276).

Bei der Aufnahme von Nahrung werden gustatorische und olfaktorische Reize aktiviert. Diese sind verknüpft mit dem Hypocampus, wo bestimmte Gerüche und auch Ge-schmäcke Erinnerungen aus vergangener Zeit freisetzen können (Pontes 2013: o.S.). Denn sensorische Eindrücke, die während der Nahrungsaufnahme entstehen, werden im Gehirn gespeichert. Althans et al. bezeichnet diesen Prozess als eine „Kartographie von Emotionen und Erinnerungen“ (Althans et al. 2015: 19). Unsere Ernährungsweise ruft spezifische Assoziationen hervor, welche wiederum in der Lage sind unser Essverhalten zu strukturieren (ebd.). In diesem Sinne spricht Wenger von einem Warenkorb, den wir im Lebensverlauf, vor allem aber in der Kindheit, mit Lebensmitteln füllen (Wenger 2014: 22). Im Laufe unseres Lebens erhalten die Gerüche und Geschmäcke eine indivi-duelle emotionale und autobiographische Bedeutung, die zugleich gesellschaftlich, kul-turell, zeitgeschichtlich oder umweltbedingt geprägt ist (Heckel et al. 2012: o.S.). Zeit-geschichtlich lassen sich in Deutschland Erfahrungen einordnen, die mit der Nahrungs-mittelknappheit während und nach dem zweiten Weltkrieg verbunden sind und ältere Generationen oftmals bis heute in ihrem Essverhalten prägen. Umweltbedingte Essge-wohnheiten ergaben sich aus der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986, aus der der Verzicht auf verstrahlte Lebensmittel wie selbst gesammelte Pilze resultierte, welcher von betroffenen Generationen teilweise bis heute beibehalten wird.

Im Gehirn entsteht, zusammengesetzt aus einzelnen Geschmacks- und Geruchsinforma-tionen, ein spezifisches Muster, dessen Verarbeitung in Hirnarealen stattfindet, die an der Entstehung von Emotionen und Erinnerungen beteiligt sind (Schuster 2016: o.S.). So werden Geschmacks- und Geruchsmuster, die in der Kindheit gespeichert wurden, oft mit Geborgenheit und Unbeschwertheit verbunden (Wenger 2014: 22). Die Emotio-nalität, die durch olfaktorische und gustatorische Reize ausgelöst wird, kann anstatt Wohlbehagen, allerdings auch Blockaden auslösen. Dieses Wissen wird unter anderem angewandt, um bei Demenzkranken Erinnerungen zu wecken, die positive Gefühle her-vorrufen. Dies ist möglich, wenn an der „Essbiographie“ der Menschen angeknüpft wird (Wenger 2014: 23). Sie entwickelt sich nicht nur auf Grundlage individueller Präferen-zen, sondern in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext. In allen Gesellschaften beste-hen Lebensmitteltabus, die auf ethische, religiöse, aber auch praktische, durch die Um-welt bedingte oder gesundheitliche Aspekte zurückzuführen sind. Gewohnheiten wer-den erlernt, einverleibt und weitergegeben. Auf dieser kollektiven Ebene wirkt das Es-4 sen besonders identitätsstiftend. Hervorgebracht durch soziokulturelle Bedingungen vereinen spezifische Essgewohnheiten Menschen mit ähnlichen Erfahrungshintergrün-den. Gleichzeitig findet dadurch auch eine kulturelle Differenzierung gegenüber Men-schen statt, die diese nicht teilen (Bourdieu 1982: 104). Gemeinsame Essgewohnheiten schaffen ein Zugehörigkeitsgefühl, kollektive Identität kann offen ausgeübt werden und eine bewusste Abgrenzung gegenüber anderen ist möglich (Fischler 1988: 275). Fisch-ler beschreibt diese kulinarische Identitätsstiftung folgendermaßen:

“To incorporate a food is, in both real and imaginary terms, to incorporate all or some of its properties: we become what we eat. Incorporation is a foundation for identity.“ (Fischler 1988: 278)

Das Sprichwort „Du bist was du isst”, erscheint hinsichtlich einer Identitätsstiftung in Bezug auf Heimat besonders treffend. Susan Matt schreibt dem Geruch und Geschmack von vertrautem Essen sogar eine Heimweh lindernde Kraft zu (Matt 2007: 15). Durch den Geruch und Geschmack von bestimmtem Essen kann eine Brücke in die Vergan-genheit, in die Kindheit, die verlassene Heimat geschlagen werden. Das Essen, wie man es in der Kindheit erlebt hat, von Vater oder Mutter gekocht, kann somit auch Heimat sein (Bauer 2005: 24). Nicht umsonst sind viele Menschen der Ansicht, zu Hause schmecke es ihnen am besten. Die Ethnologin Diana Mata Codesal spricht von „body memories“, welche unbewusst im Körper gespeichert sind und durch das Kochen und Essen vertrauter Speisen aktiviert würden (Mata Codesal 2010: 8). Sie betrachtet die Bedeutung des Essens im Kontext der Migration und schreibt vertrauten Speisen die Fähigkeit zu, die Überwindung eines Gefühls der Unvollkommenheit zu ermöglichen, Trost zu spenden und Wohlbefinden zu vermitteln, insbesondere in Situationen der Dis-kontinuität (ebd.): „Food can be used to fight off the sense of fragmentation and discon­tinuity brought to people’s live by migration” (ebd.). Das Essen aus der Heimat ist mit Bedeutung aufgeladen, die individuell, aber besonders auch in kollektivem Kontext wichtig ist. Durch das Essen typischer oder als traditionell betrachtete Speisen, wird kollektive Identität reproduziert und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Heimat be-tont (Mata Codesal 2010: 9).

Gemeinsam oder allein besitzt also das Kochen und Genießen vertrauter Speisen eine besondere Wirkkraft, indem Erinnerungen und Emotionen geweckt werden, die be-stimmte Assoziationen hervorrufen. Zudem dient die Nahrungsaufnahme in Bezug auf Identitätsbildung der Konstruktion des Eigenen in Abgrenzung zum Fremden.

4. Untersuchung zum Zusammenhang von Essen und Heimat

Kulturanthropologische Untersuchungen, die sich mit sinnlicher Wahrnehmung be-schäftigen tauchten im anglo-amerikanischen Raum erstmals verstärkt in den 60er Jah-ren auf und wurden Ende der 80er als „Anthropology of the Senses“ gefasst (Arantes 2014: 26). In einem der Schlüsselwerke „The taste of Ethnographic Things“ von Paul Stoller kritisiert er das Ausblenden der Sinne in Ethnographien: „For us, dry first prin­ciples are generally more important than mouth-watering aromas“ (Stoller 1989: 7). Geschmack und Geruch seien Elemente, die im ethnographischen Diskurs generell ig-noriert werden (ebd.: 9). Mittlerweile ist die Beteiligung der Sinne an der kulturspezifi-schen Konstruktion der Wirklichkeit in der Ethnologie angekommen. Ihre Bedeutung für das Handeln der Menschen, für die Vermittlung von Werten und Normen in sozialen Gefügen und ihr Einwirken in verschiedene Lebensbereiche sind Konsens und gewin-nen in Arbeiten zunehmend an Bedeutung (Arantes 2014: 28).

Studien in Bezug auf die sensorische Wirkung von Essen wurden unter anderem im Bereich Demenz durchgeführt. Auch hinsichtlich Heimat, Heimatgefühl und Heimweh existieren Forschungen im Zusammenhang mit Essen, die in den vorherigen Abschnitt bereits eingegangen sind. Sie beziehen sich bislang meistens auf freiwillige oder un-freiwillige Migrationserfahrungen. Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, in-wiefern Heimat als Identitätsgehäuse während temporärer Aufenthalte in einer anderen Weltregion über Essen erlebt oder konstruiert wird. Im Rahmen einer eigenen kleinen Untersuchung habe ich mit fünf Personen problemzentrierte Interviews geführt. Der eine Teil meiner Interviewpartner*innen absolvierte zu diesem Zeitpunkt ein Auslands-studium in Deutschland. Der andere Teil hat Erfahrungen im Ausland durch einen acht bis zwölf monatigen Aufenthalt auf dem südamerikanischen Kontinent gemacht, lebt jedoch momentan in Deutschland. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ und kann daher nicht zum Erlangen neuer wissenschaftlicher Kenntnisse dienen. Sie ist dazu da, aus der Literatur herausgearbeitete Erkenntnisse anhand von Beispielen zu veranschau-lichen, zu unterstreichen oder weiterzuführen. Die Aussagen basieren auf einzelnen Ge-sprächen, eine weiterreichende Beobachtung des Alltags am Herkunfts- sowie am Auf-enthaltsort und tiefer gehende Gespräche fanden nicht statt. Es handelt sich um spontane Aussagen und nicht um weitgehend reflektierte Beiträge der Personen.

Die von mir zusammengetragenen Ergebnisse, lassen sich in vier Kategorien aufteilen: Essgewohnheiten und damit verknüpfte Erinnerungen, betonte Differenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden, Speisen von Heimweh bis Fernweh sowie entwurzeltes Essen im globalen Zusammenhang.

4.1. Essgewohnheit und Erinnerung

Geschmacks- und Geruchsinformationen können Erinnerungen auslösen. Oft werden diese schon in der Kindheit gespeichert, aber auch später können bestimmte olfaktori-sche und gustatorische Reize mit spezifischen Situationen verbunden werden. Erinne-rungen an gute Gerüche und Geschmäcke kann uns keiner nehmen, wir können sie ver-suchen weiter zu geben, aber die spezifischen damit verbundenen Gefühle sind nur uns selbst zu eigen. Filipp2, mein erster Interviewpartner kommt aus Bayern. Seine Essge-wohnheiten und Lieblingsgerichte verbindet er ganz automatisch mit Heimat. Sie spie-gelt sich sozusagen darin wieder:

„Wenn ich Weißwurst esse, also auch wenn ich das in einem ganz anderen Land esse, dann denk ich dabei immer an den Wochenmarkt bei uns in der Stadt und da-ran wie ich da früher jede Woche mit Oma und Opa hingegangen bin. Die ausge-lassene Stimmung, dass man immer Leute trifft und alle sind gut drauf.“

Aber nicht nur typische Speisen aus spezifischen Regionen können ein solches Heimat-gefühl hervorrufen. Meine Interviewpartnerin Maria verstand den Heimatbegriff weni-ger geographisch, sondern verknüpfte ihn mit Personen aus ihrem familiären Umfeld:

„Dieses Heimatsgefühl oder vielleicht auch einfach so Geborgenheit, das habe ich wenn ich Flugentenbrüstchen esse. Da muss ich immer an meine Uroma denken, da haben wir das immer gegessen. Das ist ein schönes Gefühl.“

Eine weitere Interviewpartnerin verbrachte ein Jahr in Südamerika. Sie erzählt davon, vor dem Weihnachtsabend großes Unbehagen verspürt zu haben. Traditionell verbringe sie ihn mit ihrer Familie, er sei sehr stark emotional aufgeladen. Dieses Fest fernab von ihren Lieben zu verbringen schien ihr unvorstellbar. Sie versuchte deshalb durch die Gestaltung des Abends möglichst viele Erinnerungen an das gewohnte Weihnachtsfest zu Hause hervorzurufen. Ein besonderes Augenmerk lag hierbei auf dem Festmahl:

„Wenn ich an Weihnachten einfach Reis und Bohnen gegessen hätte, wie jeden Tag in Nicaragua, wäre ich wahrscheinlich vor Heimweh gestorben. Ich hab extra alle Zutaten gekauft, um unser typisches Weihnachtsgericht zubereiten zu können. Das war mir echt wichtig, nur so war es möglich, dass bei mir etwas Weihnachts-stimmung eingesetzt hat.“

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Heimatgeschmack. Die Konstruktion von Heimat über gustatorische Reize
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V913386
ISBN (eBook)
9783346209719
ISBN (Buch)
9783346209726
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heimat, heimatgeschmack, konstruktion, reize
Arbeit zitieren
Silvana Vialova (Autor), 2018, Heimatgeschmack. Die Konstruktion von Heimat über gustatorische Reize, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913386

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