Legitimität der Gewalt in "Die Verlobung in St. Domingo" von Heinrich von Kleist


Hausarbeit, 2016

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Novelle im historischen Kontext

3. Formen und Funktionen von Gewalt aus Sicht um

4. Analyse von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Auf den Markt geht Marianne [...] Und da plötzlich reicht es ihr: Frauen, packt die Pflastersteine, macht den fetten Ärschen Beine, haut sie und gebt kein Pardon! - Und so wurde auf der Stelle die brisante Mademoiselle zum Symbol der Revolution“.

So besingen die „Schmetterlinge“ in ihrer „Proletenpassion“1 den Wandel der armen, ruhigen Marianne zum Symbol der Französischen Revolution. Damit entwickelt sie eine ähnliche Reaktion auf strukturelle Gewalt, wie die Farbigen in Kleists Novelle „Die Ver­lobung in St. Domingo“. Hier wie dort hat die Gewalt strukturelle Auslöser. Doch auch wenn diese bekannt und nachvollziehbar sind, stellt sich die Frage nach ihrer Legitimität. Unter dem Aspekt der Theorie des Postkolonialismus bezieht sich die vorliegende Arbeit auf die Analyse von schwarzer und weißer Gewalt und deren gesellschaftliche Grund­voraussetzungen. Zu Beginn wird die Handlung der Novelle in ihren historischen Kontext eingeordnet und das Thema der Gewalt anhand von zeitgenössischen Diskursen um 1800 erörtert.

Legitimität ist definiert als „die Rechtmäßigkeit eines Staates und seines Herrschaftssys­tems durch Grundsätze und Wertvorstellungen, im Unterschied zur formalen Gesetzmä­ßigkeit (Legalität)“2. Doch es gibt ein grundlegendes Problem bezüglich der Legitimität: Wer hat überhaupt das Recht, eine Handlung als legitim oder illegitim zu deklarieren? Auf welche Grundsätze und Wertvorstellungen stützt man sich? Wie steht es um die Legitimität in Zeiten der Revolution, wenn sich Wertvorstellungen wandeln? Meist sind es die Sieger, die im Nachhinein darüber befinden und Handlungen moralisch und juris­tisch bewerten. Dabei ist Legalität nicht per se gleichbedeutend mit Legitimität, und ihre Bewertung immer von der Sicht des Betrachters abhängig.

In der Novelle lassen sich verschiedene Formen der Legitimation von Gewalt identifizie­ren, die vom Erzähler nebeneinander gestellt werden. Die vorliegende Arbeit versucht eine Klärung dieser verschiedenen Betrachtungsweisen. Außerdem versucht sie vom postkolonialen Standpunkt aus den pädagogischen Impetus des Erzählers zu erarbeiten.

2. Die Novelle im historischen Kontext

Die 1811 veröffentlichte Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“, wird zeitlich eindeutig auf die Zeitspanne zwischen „1803“3 und „1807“ (DV 42) situiert. Damit überschneidet sie sich mit den realhistorischen Kämpfen auf Haiti, der damaligen französischen Kolonie St. Domingo, von 1790 bis zur Erklärung der Unabhängigkeit unter Dessalines im Jahr 1804. Deren Auslöser waren die Aufstände der >affranchis<4, die sich ab 1790 auf die Leitparolen Liberté, Egalité und Fraternité der Französischen Revolution beriefen und ihre Bürgerrechte einklagten. Als die weiße Kolonialversammlung von St. Domingo „das von der Pariser Revolutionsregierung im Mai 1791 erlassene Dekret über die Gleichbe­rechtigung der freien Farbigen“5 nicht anerkannte, das die freien Farbigen zu Gleichbe­rechtigten machte, verbündeten sich die >affranchis< mit den Sklaven. Dies führte zu den in der Novelle erwähnten Aufständen. Als das Dekret im Oktober desselben Jahres von Frankreich wieder zurückgezogen und die Entscheidung über die Gleichberechtigung auf die weiße Kolonialregierung übertragen wurde, verstärkten sich die Aufstände.

Obwohl dieser historische Hintergrund in Kleists Novelle nicht ausgeführt wird, wird durch die historische Nähe und die Binnengeschichte von Marianes Hinrichtung durch das „furchtbare Revolutionstribunal“ (DV 19) in Frankreich ein historischer Bezug zur Französischen Revolution (1789-1799) hergestellt. Insgesamt bleibt der historische Be­zug zu Frankreich in der Novelle aber eher vage. Das Jahr 1807 hingegen steht weder in einem speziellen Zusammenhang mit den Aufständen in Haiti, noch mit der Französi­schen Revolution. Jedoch lässt sich eine Verbindung zu Kleists Heimat Preußen ziehen. Denn 1807 ist das Jahr „des Friedens von Tilsit, in dem [nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt] die Herrschaft Napoleons über Preußen festgeschrieben“6 wurde. Dieser Bezug zu Preußen bleibt jedoch im Hintergrund und wird in der vorliegenden Arbeit nicht weiter bearbeitet werden.

Bei genauerem Aufgliedern der Ereignisse fällt auf, dass die Novelle zwar vor dem Hin­tergrund der geschichtlichen Ereignisse situiert ist, jedoch auf drei Ebenen „historisch unpräzise“ mit diesen arbeitet7: Auf der Ebene der erzählten Ereignisse werden vom Erzähler Ereignisse, wie Dessalines Vormarsch auf Port au Prince (DV 4) oder die Hilfe der Engländer bei der Flucht der Franzosen nach Europa (DV 42) geschildert, die so nie stattfanden. Außerdem werden auf der Ebene der historischen Bezüglichkeiten reale historische Ereignisse unterschlagen, wie beispielweise die vielfältig wechselnden Alli­anzen, die die Sklaven und >affranchis< mit Engländern, Franzosen und Spaniern zwi­schen 1790 und 1803 eingingen. Ebenso Napoleons Versuch von 1801 bis 1803, die Sklaverei auf der Insel mit Hilfe von General Leclerc wieder einzuführen8. Übrig bleibt der binäre Konflikt zwischen Schwarz und Weiß. Auf der Ebene der politischen Herlei­tungen scheint sich der Erzähler durch Kritik an den „unbesonnenen Schritte[n] des Na- tional-Konvents“ (DV 3) politisch zu positionieren. Doch durch seine vage Ausdrucks­weise bleibt offen, welche Entscheidung der französischen Revolutionsregierung er für das Ausbrechen der Aufstände verantwortlich macht: Die grundsätzliche Gleichstellung der freien Farbigen als Franzosen, bzw. die „Abschaffung der Sklaverei durch den Nati- onal-Konvent 1794“9 ? Oder die sich widersprechende Kolonialpolitik, die das Dekret zur Gleichstellung der >affranchis< innerhalb eines Jahres erließ, revidierte und dann erneut in Kraft setzte?

Jedoch finden sich solche „fehlenden Binnendifferenzierungen [bezüglich Gleichstel­lungsforderung, Sklavenaufstand und späterem Unabhängigkeitskampf] auch bei Zschokke und Zimmermann“10. Dadurch werden auch hier die Kämpfe vereinfachend auf einen Krieg der Rassen reduziert. Und auch bei Louis Dubroca und Marcus Rainsford werden die Kämpfe als „ ein Krieg der sich stets in gleicher Weise äußernden, gegen die Weißen gerichteten Gewalttätigkeit der Schwarzen“11 dargestellt. Daher kann diese bi­näre Darstellung der Ereignisse innerhalb der Novelle als Kampf zwischen Schwarz und Weiß als dem Zeitgeist entsprechend gewertet werden12. Ebenso erlaubt ist die Interpre­tation, dass die historische Rahmenhandlung aus dramaturgischen Gründen simplifiziert dargestellt worden ist.

3. Formen und Funktionen von Gewalt aus Sicht um 1800

Laut Schmidt, Allan und Howe lassen sich die Funktionen der dargestellten Gewalt in Kleists Werken in mindestens drei Varianten untergliedern13: Als Erstes wird die Gewalt als „Produkt verkehrter sozialer Verhältnisse“ definiert, die auf indirekte Weise Sozialkri­tik an struktureller gesellschaftlicher Gewalt übt. Des Weiteren als „psychische Disposi­tion“, die sich oft als „Kehrseite von Liebe und Tugend manifestiert“. Damit werden „op­timistische aufklärerische Annahmen über das Wesen des Menschen [...als gutes] Sub­jekt in Frage“ gestellt. Als letztes bezeichnen sie die Gewalt, die genutzt wird, um „als politisches Mittel [...] einen höheren Zweck“ zu rechtfertigen. Dadurch soll der Leser auf­gefordert werden, Gewalt für „libertäre Zwecke“ zu nutzen.

Diese Varianten können sich in verschiedenen Ausdrucksformen14 von Gewalt äußern. Wie zum Beispiel in der schon genannten psychischen Form, oder auch physisch, poli­tisch, oder sexuell. Ganz allgemein kann Gewalt als physischer oder psychischer Zwang gegenüber Menschen definiert werden und verhindert laut J. Galtung die körperliche und geistige Selbstentfaltung. In den Bereich der physischen Gewalt fallen körperliche Ein­wirkungen auf den Menschen, die roh gegen Sitte und Recht verstoßen. Emotionale Schädigung und Verletzung einer Person wird als psychische Gewalt bezeichnet15. In Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ tritt sie am deutlichsten in Form von familiärem Druck auf, durch das ein Mitglied in ein bestimmtes Handlungsmuster ge­drängt wird. Als politische Gewalt wird das „Durchsetzungsvermögen in Macht- und Herr­schaftsbeziehungen“16 bezeichnet. Diese ist durch die strukturelle Gewalt der Kolonial­mächte und des unschlüssigen französischen Nationalkonvents Auslöser der Aufstände in Kleists Novelle (Vgl. DV 3). Sexuelle Gewalt ist eine Mischform psychischer und phy­sischer Gewalt, die nicht nur zu physischen sondern auch zu emotionalen Schäden füh­ren kann.

Juristisch gesehen galten um 1800 auf St. Domingo oder auch in Frankreich andere Regeln und Gesetze die Gewalt betreffend als heutzutage. Offiziell galt in St. Domingo seit 1685 der “Code Noir - [...] the royal edict that established the basic law of slavery in the French Empire”17. Dieser setzte sowohl Regeln für die christliche Erziehung der Sklaven fest, als auch deren Rechte. So war es den Besitzern beispielsweise untersagt, ihre Sklaven gegen deren Willen zu verheiraten. Doch obwohl der Code Noir eine der wichtigsten Humanisierungsmaßnahmen der Kolonialzeit Haitis darstellt18, beinhaltet er auch klare Regeln zur Bestrafung von Sklaven, die unter die Definition von physischer Gewalt fallen. So wurden sowohl die Todesstrafe, als auch Ohren abschneiden oder „branding“19 je nach Vergehen als adäquate Strafe angesehen. Von Weißen angewen­dete Gewalt hingegen wird als rein reaktiv und instrumentell gesehen, um die Ordnung zu gewährleisten20. Beispielsweise war es durchaus als Abschreckungsmaßnahme und zur Verhinderung von Sklavenrevolten gedacht, dass körperliche Aggression eines Skla­ven gegen seinen Herrn mit dem Tod bestraft wurde21. Dieses Regelwerk, das klare Unterschiede zwischen den Rassen zieht, basiert auf einer hierarchischen Rassenlehre mit den Weißen als „Krone der Schöpfung“ und entspricht damit den zeitgenössischen Diskursen.

Die systematische Einteilung der Rassen ist auf zwei verschiedene Ausgangspunkte fo- kussiert22: Den Rassenursprung (polygenetisch vs. monogenetisch) und physiognomi- sche Unterscheidungskriterien. Die Polygenetische Ursprungstheorie, die die Rassen auf verschiedene Ursprungsrassen zurückführt, legt eine Legitimierung der Sklaverei nahe, doch Johann Georg Forster und Georges Louis Leclerc Buffon zeigen, dass auch die monogenetische Theorie sie in der Praxis nicht ausschließt. Buffon besagt beispiels­weise, dass die weiße Rasse sich „nach der geschichtlichen Ausdifferenzierung [...] in vorbildlicher Weise manifestiert“23 habe und dadurch der schwarzen überlegen sei. Grundsätzlich war die Wissenschaft um 1800 bezüglich der Sklaverei in verschiedene Lager gespalten: die Gegner und Befürworter der Sklaverei. Doch auch unter den Befür­wortern gab es verschiedene Argumentationsansätze, anhand derer die Sklaverei ge­rechtfertigt wurde. Unter anderem vertraten Michel René Hilliard und Franz Alexander von Wimpfen eine biopolitische Sicht, und traten für eine Humanisierung24 der Behand- lung der Sklaven ein, da ein zufriedener Sklave bessere Arbeit verrichten würde. Chris­toph Meiners, ein anderer Befürworter der Sklaverei, etablierte zusätzlich einen anthro­pologischen Aspekt: Er unterstellte er den Schwarzen eine natürliche Gewalttätigkeit25, die die Weißen dazu zwinge, die Schwarzen einzuschränken, um die weiße Rasse zu schützen. Jedoch führt diese potentielle Gefahr durch die Schwarzen in der Biopolitik der Rassen um 1800 nicht zur „Vernichtung [der] bedrohliche[n schwarzen] Kräfte“26, da deren Arbeitskraft für die Produktivität der Kolonien zu wichtig war.

Die durch Meiners unterstellte „natürliche Gewalt“ der Schwarzen, die es aus Selbst­schutz einzudämmen galt, wurde von Dubroca und Rainsford zusätzlich dreifach delegi- timiert27: Sie bezeichnen sie erstens als >blind<, das heißt undifferenziert und unkontrol­lierbar, zweitens als >roh< im Sinne von blutdurstig ohne politische Zielsetzung und drit­tens als rein von Affekten gesteuert. Außerdem begründet Dubroca die Delegitimierung durch das Postulat, dass für die Schwarzen das eigene oder fremde Leben nur >tötbares< Leben sei. Diese Verfügungsgewalt, ein Leben jederzeit töten zu können, beruhe auf keiner rechtlichen Basis, sondern sei in der Anthropologie der Schwarzen begründet28. Daraus ergibt sich eine doppelte Legitimierung weißer Gewalt: Sowohl disziplinartech- nisch, um die schwarze Gewalt unter Kontrolle zu halten, als auch biopolitisch, da sie sonst das fruchtbare Land verwüsten und „die eigene wie die weiße Rasse ver­nichte^]“29 würde. In dieser Legitimierung weißer Gewalt liegt sowohl der Herrschafts­anspruch der Weißen, als auch die rigorose Ablehnung der Sklavenbefreiung begründet. Außerdem sahen sowohl Dubroca als auch Rainsford die Schwarzen als unreif für die Freiheit an. Jedoch unterscheiden sie sich in ihren Begründungen: Rainsford argumen­tiert damit, dass die Schwarzen in Freiheit untergehen würden, da sie nicht gewohnt seien, damit umzugehen. Die Sklaverei ist demnach eine biopolitische Maßnahme, um das Leben der Schwarzen zu retten. Dubroca hingegen macht die Natur der Schwarzen für deren Unreife verantwortlich und greift in seiner Argumentation auf die „natürliche Aggressivität“ der Schwarzen zurück. Da diese sich in Freiheit nicht mehr regulieren ließe, ist die Sklaverei bei ihm eine biopolitische Notwendigkeit, um die Weißen vor den Schwarzen zu schützen30.

4. Analyse von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“

Dass in Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ Gewalt herrscht, wird schon im ersten Satz offenkundig, als die Handlung der Novelle in „Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, [...] zu Anfang dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten“ (DV 3) situiert wird. Es wird vom Leser vorausge­setzt („Nun weiß jedermann“ DF 4), dass er über die Umstände der „Negeraufstände“ in St. Domingo um 1800 informiert ist. Diese Aufstände sind in klassischer Weise Ausbrü­che physischer Gewalt und fallen in die erste Kategorie nach Schmidt, Allan und Howe, da sie ein Aufbegehren der schwarzen Bevölkerung gegen die weiße Kolonialmacht dar­stellen. Den gewalttätigen Charakter der weißen Kolonialherrschaft belegt der Erzähler durch Rückblicke zu Congo Hoangos gewaltsamer Verschleppung aus seinem Vater­land (Vgl. DV 3) und zu Babekans Folgeschäden, unter denen sie seit der Auspeitschung in Frankreich leidet (Vgl. DV 13). Durch die spezifischen Raum- und Zeitangaben wird gezeigt, dass die gesamte Novelle in realen Räumen einer homogenen, stabilen und physikalisch möglichen Welt spielt. In Form des späteren Erzählens wird dem Leser ein Geschehen berichtet, das zwischen 1803 und 1807 stattgefunden haben soll. Der Modus der Ereignisse wechselt zwischen narrativ und dramatisch. Denn der nullfokalisierte, extradiegetisch-heterodiegetische Erzähler greift immer wieder kommentierend ein. Dadurch ist die Handlung nicht an den Wahrnehmungshorizont der Figuren gebunden, was eine Distanz zu den Geschehnissen schafft. Die Gespräche hingegen werden je nach Figur in indirekter oder direkter Rede wiedergegeben, was eher dem dramatischen Modus entspricht. So wird Babekan meist direkt zitiert, während für Gustavs und Tonis Gespräche die indirekte Rede gewählt wird.

Die Thematik des Rassenkonflikts wird bereits im ersten Satz der Novelle deutlich, als zusätzlich zur Ort- und Zeitsituierung die historische Hintergrundinformation der Unter­teilung in Weiß und Schwarz gegeben wird. Später werden „die unbesonnenen Schritte des National-Konvents“ (DV 3) als Auslöser der Grausamkeiten und Aufstände genannt. Die willkürlichen konträren Entscheidungen der französischen Revolutionsregierung können aus heutiger Sicht als politische Gewalt gewertet werden, da bei diesen Ent­scheidungen mit den Lebenssituationen und Hoffnungen der Menschen auf St. Domingo „gespielt“ wurde. So wird der Grausamkeit der Schwarzen die Grausamkeit der Weißen gegenübergestellt, wenn auch in deutlich subtilerer Form.

Der allgemeine Rachedurst, der beispielsweise bei Hoango stärker ist als erlebte Wohl- taten durch die Weißen (Vgl. DV 3), entspricht der Zweiteilung schwarzer Gewalt in re­aktive und aktive Gewalt31. Nach Grégoire, einem Gegner der Sklaverei, und auch nach Rainsford tritt die Gewalt der Schwarzen reaktiv als Reaktion auf erlebte Gewalt, also durch „Rache geleitet“ auf. Dem gegenüber steht Meiners und Dubrocas Ansicht, die aktive Gewalt als „natürliche Begierde der Schwarzen“ verstehen, also „[von ...] Rache gesteuert“32. Aber keine der beiden genannten Gewaltmotivationen führt zu einer Legiti­mierung der schwarzen Gewalt durch die Autoren. Selbst Grégoire verurteilt die Auf­stände gegen die Weißen als Anmaßung über Leben und Tod zu entscheiden33.

Mit seiner Beschreibung Congo Hoangos als wütenden „grimmigen Menschen“ (DV 3), der Wohltaten mit Mord vergilt, folgt Kleists Erzähler den Diskursen seiner Zeit und Mei­ners und Dubrocas Anthropologie einer naturgegebenen Gewalttätigkeit der Schwarzen. Auch Congo Hoangos „unmenschliche Rachsucht“ (DV 4) auf Grund derer er Babekan und deren Tochter Toni zu seinen Komplizen im Kampf gegen die Weißen macht, ohne zwischen den Individuen der Weißen zu differenzieren, entspricht dieser Darstellung der Schwarzen mit ihrer >rohen< und >blinden< Gewalt. Jedoch greift Kleists Erzähler auch Rainsfords und Grégoires Begründungen für die Gewalt der Schwarzen als reaktive Ge­walt auf. Denn Hoango tötet seinen Herrn „eingedenk der Tyrannei, die ihn seinem Va­terland entrissen hatte“ (DV 3), Babekan ist aufgrund der Folgeschäden nach der Be­strafung in ihrer Jugend von Hass gegen die Weißen (Vgl. DV 4) erfüllt, und die Auf­stände starten als Reaktion auf die „unbesonnenen Schritte“ des französischen National­Konvents. Damit vermischt der Erzähler, ähnlich wie Meiners und Rainsford, „eine anth­ropologische und eine politische Herleitung der Gewalt“34.

Die historischen, zeitlichen und geschichtlichen Informationen bilden den Hintergrund, vor dem die tatsächliche Geschichte stattfindet: Der Schweizer Offizier Gustav von der Ried sucht Unterschlupf bei der alten Mulattin Babekan und deren Mestizen-Tochter T oni, nicht ahnend, dass beide dazu angehalten sind, alle Weißen bis zu Hoangos Rück­kehr im Haus zu halten, damit dieser sie töten kann. Er ist sich der Gefahr, als Weißer unter Schwarze zu gehen, bewusst, aber durch die Verantwortung, die er für seine Rei­setruppe trägt, und die Notwendigkeit Essen zu beschaffen, ist er gezwungen, das Risiko einzugehen, in die falschen Hände zu geraten (Vgl. DV 8). Durch das Überschreiten der Türschwelle übertritt er sowohl eine topologische Grenze von draußen nach innen, als auch eine topographische (Straße-Haus) und eine semantische: War er davor im Prinzip ein freier Mann, ist er nun faktisch ein Gefangener, ohne dass er sich dessen bewusst

[...]


1 Schmetterlinge. „Marianne“. Proletenpassion I. Die Revolution der Bürger. TIM The International Music Company AG, Hamburg, 2001. CD.

2 Legitimität. In: Meyers Taschenlexikon. Bd. 6: Lav-Neus. Augsburg 1999, S. 1993.

3 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo. In: Ders.: Die Verlobung in St. Domingo, Das Bettel­weib, Der Findling. 3. durchgesehene Aufl. Stuttgart 2002, S. 3-42, hier S. 4. Im Folgenden werden Zitate unter der Verwendung der Sigle „DV“ im Text nachgewiesen.

4 Vgl. Harald Neumeyer: „Neger-Empörung“. Zur Legitimität von Gewalt in Heinrich von Kleists „Die Verlo­bung in St. Domingo“. In: Nicolas Pethes (Hg.): Ausnahmezustand der Literatur. Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist. Göttingen 2011, S. 89-130, hier S. 91f. Unter >affranchis< werden die freigelassenen Sklaven und freien Mulatten zusammengefasst.

5 Vgl. Ebd., S. 91f.

6 Christine Lubkoll: Soziale Experimente und ästhetische Ordnung. Kleists Literaturkonzept im Spannungs­feld von Klassizismus und Romantik (Die Verlobung in St. Domingo). In: Christine Lubkoll, Günter Oesterle (Hg.): Gewagte Experimente und kühne Konstellationen. Kleist Werk zwischen Klassizismus und Romantik. Würzburg 2001, S. 119-135, hier S. 124.

7 Neumeyer: „Neger-Empörung“, hier S. 93.

8 Vgl. Ebd., S. 92.

9 Ulrich Johannes Beil: Was weiß Literatur? (Post-)Koloniale Diskurse und Kleists Die Verlobung in St. Do­mingo. In: Anne Bohnenkamp, Matias Martinez (Hg.): Geistiger Handelsverkehr. Komparatistische Aspekte der Goethezeit. Göttingen 2008, S. 37-75, hier S. 48.

10 Neumeyer: „Neger-Empörung“, S. 119.

11 Ebd., S. 119.

12 Vgl. Hansjörg Bay: >>Als die Schwarzen die Weißen ermordeten«. Nachbeben einer Erschütterung des deutschen Diskurses in Kleists >Verlobung in St. Domingo<. In: Günter Blamberger (Hg.): Kleist-Jahrbuch 1998, S. 80-108, hier S. 87.

13 Schmidt, Ricarda, Sean Allan, Steven Howe: Einleitung: Kleist und die Frage der Gewalt. In: Ricarda Schmidt, Sean Allan und Steven Howe (Hg.): Heinrich von Kleist. Konstruktive und destruktive Funktionen der Gewalt. Würzburg 2012, S. 9-40, hier S. 12.

14 Vgl. Gewalt. In: Brockhaus Enzyklopädie. Bd. 10: Fries-Glar. Leipzig, Mannheim 2006, S. 676-677, hier S. 676.

15 Vgl. Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe: Psychische Gewalt. https://www.frauen- gegen-gewalt.de/was-ist-psychische-gewalt.html (10.03.2016 19:07).

16 Gewalt. In: Brockhaus Enzyklopädie. Bd. 10: Fries-Glar. Leipzig, Mannheim 2006, S. 676-677, hier S. 676.

17 Malick W. Ghachem: Prosecuting torture: The Strategic Ethics of Slavery in Pre-Revolutionary Saint- Domingue (Haiti). In: Law and History Review 29 (2011) H. 4, S. 985-1029, hier S. 987.

18 Vgl. George Breathett: Catholicism and the Code Noir in Haiti. In: The Journal of Negro History 73 (1988) H.1/4. S. 1-11, hier S. 7.

19 William Renwick Riddell: Le Code Noir. In: The Journal of Negro History 10 (1925) H. 3, S. 321-329, hier S. 324f.

20 Vgl. Neumeyer: „Neger-Empörung“, S. 112.

21 Vgl. Breathett: Catholicism and the Code Noir in Haiti, S. 9.

22 Vgl. Neumeyer: „Neger-Empörung“, S. 97-99.

23 Ebd., S. 98.

24 Vgl. Ebd., S. 102.

25 Vgl. Neumeyer: „Neger-Empörung“, S. 104.

26 Ebd., S. 116.

27 Ebd., S. 111f.

28 Vgl. Ebd., S. 112.

29 Ebd., S. 113.

30 Vgl. Ebd., S. 115f.

31 Neumeyer: „Neger-Empörung“, S. 106-108.

32 Neumeyer: „Neger-Empörung“, S. 107f..

33 Vgl. Ebd., S. 107.

34 Ebd., S. 120.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Legitimität der Gewalt in "Die Verlobung in St. Domingo" von Heinrich von Kleist
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V924176
ISBN (eBook)
9783346261151
ISBN (Buch)
9783346261168
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Verlobung von Santo Domingo, Gewalt
Arbeit zitieren
Elena Denzler (Autor), 2016, Legitimität der Gewalt in "Die Verlobung in St. Domingo" von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924176

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