Die Vererbung von Familienunternehmen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sozialisationserfahrungen der Nachfolgegeneration


Bachelorarbeit, 2016

60 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie und Methodik

3. Die Weitergabe des Familienunternehmens „Thyssen" 1871-1926
3.1 Kindheit, Jugend und Erziehung August Thyssens
3.1.1 Familie
3.1.2 Bildung und Ausbildung
3.1.3 Alltagswelt
3.2 Kindheit, Jugend und Erziehung Fritz Thyssens
3.2.1 Familie
3.2.2 Bildung und Ausbildung
3.2.3 Alltagswelt
3.3 Resümee

4. Die Weitergabe des Familienunternehmens „Krupp" 1826-1887
4.1 Kindheit, Jugend und Erziehung Alfred Krupps
4.1.1 Familie
4.1.2 Bildung und Ausbildung
4.1.3 Alltagswelt
4.2 Kindheit, Jugend und Erziehung Friedrich Alfred Krupps
4.2.1 Familie
4.2.2 Bildung und Ausbildung
4.2.3 Alltagswelt
4.3 Resümee

5. Die Weitergabe des Familienunternehmens „Siemens" 1880-1919
5.1 Kindheit, Jugend und Erziehung Wilhelm von Siemens
5.1.1 Familie
5.1.2 Bildung und Ausbildung
5.1.3 Alltagswelt
5.2 Kindheit, Jugend und Erziehung Carl Friedrich von Siemens
5.2.1 Familie
5.2.2 Bildung und Ausbildung
5.2.3 Alltagswelt
5.3 Resümee

6. Vergleich und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Innerhalb der historischen Bildungsforschung hat die Erforschung des Bürgertums seit der Jahrhundertwende „in Deutschland eine Hochkonjunktur erlebt“ (Soénius 2001, S. 11). Vor allem vor dem Hintergrund der deutschen Industrialisierung gewann das Groß-, bzw. Wirtschaftsbürgertum mehr und mehr an Bedeutung und rückte somit in den Fokus der Forschung (vgl. ebd.). Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands zu Beginn der Kaiserzeit baute nicht zuletzt auch auf den Schultern einiger weniger deutscher Familienunternehmen auf, die ab dem 19. Jahrhundert vor allem im Bereich der Montanindustrie gegründet wurden und einen beispiellosen, ökonomischen Aufstieg ver- zeichneten (vgl. Wehler 2008, S. 85 ff.).

Familie, Erziehung und Familienunternehmen stellen somit spätestens seit Beginn der industriellen Revolution in Deutschland eine Kombination dar, die nicht nur durch außerordentliche Produktivität gekennzeichnet war, sondern überdies im Bereich der Unternehmensweitergabe ein gewaltiges Konfliktpotenzial verbarg. Betrachtet man das Bürgertum im Kontext von Familienunternehmen so wird deutlich, dass die bürgerlichen Lebenswege eng mit innerfamiliären Sozialisations- und Erziehungsprozessen verknüpft waren. „Bürgerinnen und Bürger wurden nicht geboren: Lang war der Erziehungsweg ins Bürgerleben“ (Budde 1994, S. 11). Da die Nachfolge in Familienunternehmen zu dieser Zeit aber per Geburtsrecht geregelt war, standen Unternehmen und Erziehung in einem ständigen wechselseitigen Austausch. Somit erhielten auch bürgerliche Erziehungsziele, wie die Vermittlung von bürgerlichen Werten und Normen, wie Fleiß, Sparsamkeit und die Liebe zur Arbeit (vgl. Soénius 2001, S. 67 f.) Eingang in den Prozess der Unternehmensnachfolge. Die Sozialisation der jugendlichen Unternehmenserben stellt damit einen immens wichtigen Faktor innerhalb der Erforschung großbürgerlicher Familienunternehmen dar.

Die vorliegende Arbeit soll die Vererbung von Familienunternehmen im 19. und frühen 20. Jahrhundert im Kontext der Sozialisationserfahrungen der Nachfolgegenerationen thematisieren. Die Familienanalyse findet hierbei auf Grundlage verschiedener Sozialisationskontexte und -instanzen statt und bezieht sich auf drei ausgewählte Unternehmerfamilien dieser Zeit: Die montanindustriell geprägten Unternehmerfamilien „Thyssen“ und „Krupp“ und die der Elektroindustrie zuzuordnenden Familie „Siemens“. Ausschlaggebende Gründe für die Auswahl der drei Familien waren zum einen die hohe Dichte der Quellenlage und zum anderen die außerordentliche Bedeutung der drei Unternehmen für das ökonomische Wachstum Deutschlands während der Industrialisierung. Da man bei der Suche nach typischen großbürgerlichen Unternehmerfamilien im deutschen Kaiserreich, früher oder später stets auf die Familiennamen „Thyssen“, „Krupp“ und „Siemens“ stößt, stellt sich zudem die Frage, ob diese das deutsche Wirtschaftsbürgertum repräsentieren, bzw. in wieweit diese dafür stellvertretend stehen können. Möglicherweise gibt es Teile in unserer Gesellschaft, die eine falsche Vorstellung von „typischen“ Großunternehmern haben. Denn ausgehend davon lassen sich folgende Fragestellungen unter anderem nach Rahn (2013) ableiten (vgl. ebd., S. 140), die gleichzeitig auch den Leitfaden für diese Arbeit bilden sollen:

Wie waren die Nachfolgeregelungen in solchen wirtschaftlich äußerst erfolgreichen Familienunternehmen geregelt? Gab es sozialisatorische Einflüsse auf die Nachfolgeprozesse in den Familien und welche Rolle spielten die Eltern und deren Erziehungsvorstellungen dabei? Wollten die Eltern einen unternehmerischen Industriellen als Erben oder doch einen bürgerlich erzogenen, selbstbewussten Gentleman der die Firma lediglich repräsentierte? In dieser Hinsicht spielten auch die bürgerlichen Werte und Normen der Eltern eine entscheidende Rolle, denn was gaben sie an die nachfolgende Generation weiter? War es der Lebensstil als Großbürger oder doch die Identität als Unternehmer tätig zu sein? An diesem Punkt stellt sich unweigerlich die Frage, ob bei den Kindern überhaupt noch eine unternehmerische Identität vorhanden war, oder ob sie dem Reichtum der Familie verfielen und den Bezug zum Familienunternehmen verloren? Zuletzt soll die Frage, wie sich die Unternehmenserben in der Öffentlichkeit repräsentierten und wie sie sich selber sahen, zum Gegenstand der Untersuchung werden.

Um eine grobe Orientierung zu ermöglichen, wird nachfolgend der gedachte Ablauf der vorliegenden Arbeit thematisiert.

Zunächst wird auf die theoretischen und methodischen Rahmenbedingungen eingegangen, die sich im engeren Sinne mit der historischen Sozialisationsforschung und den dazugehörigen Sozialisationskontexten beschäftigen. Darauf aufbauend folgt der Hauptteil der Arbeit, der die analytische Untersuchung der Unternehmerfamilien „Thyssen“, „Krupp“ und „Siemens“ enthält und gleichzeitig den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet. Dabei werden pro Familie zwei Unternehmensübergaben, bzw. -übernahmen im Kontext der Sozialisationserfahrungen der jeweils folgenden Generation betrachtet und die Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Alltagswelt untersucht. Die Gliede- rung der Familienanalyse erfolgt hierbei kapitelweise und auf die jeweilige Person bezogen und endet pro Familie in einem kurzen zusammenfassenden Resümee. Schlussendlich werden die Ergebnisse der einzelnen Familien miteinander verglichen und unter Berücksichtigung der genannten Fragestellungen in einem abschließenden Fazit zusammengetragen.

2. Theorie und Methodik

Das vorliegende Kapitel soll die theoretischen und methodischen Rahmenbedingungen thematisieren, die gleichzeitig die Grundlage dieser Arbeit bilden. Hierbei soll zunächst auf den theoretischen Ansatz im Kontext der historischen Sozialisationsforschung eingegangen werden, um anschließend die methodische Vorgehensweise zu beleuchten.

Da sich die historische Bildungsforschung im gröberen Sinne mit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft in Bezug auf diverse Einflussräume, wie z.B. Er- ziehungs- und Bildungsprozesse im historischen Kontext beschäftig (vgl. Groppe 2012, S. 180 ff.), stellen auch Sozialisationsprozesse einen nicht zu verachtenden Analyseaspekt dar. So befasst sich die Sozialisationsforschung disziplinübergreifend mit „individuellen Entwicklungsprozessen in wechselseitiger Interdependenz mit sozialen und materiellen Umwelten, die sich durch das Zusammenleben von Menschen konstituieren, reproduzieren und stetig wandeln“ (Hurrelmann, Grundmann & Walper 2008, S. 14). In dieser Arbeit sollen darüber hinaus die Lebensverhältnisse, gesellschaftliche Einflüsse, Bildungswege und die familiäre Erziehung als erweiterte und maßgebende Sozialisationskontexte Eingang in die Familienanalyse finden. Da sich der Untersuchungszeitraum auf das 19., bzw. frühe 20. Jahrhundert beschränkt, ist es zudem von Nöten, gesellschaftliche, politische und ökonomische Besonderheiten dieser Zeit mit zu berücksichtigen. Von der historischen Sozialisationsforschung ausgehend, soll hier also versucht werden, die erziehungswissenschaftlich geprägte Perspektive mit den jeweiligen Familienunternehmen als Untersuchungsgegenstand zu vereinen.

Da sich die Analyse der drei Unternehmerfamilien zum Großteil mit den verschiedenen Sozialisationskontexten, bzw. -instanzen der jugendlichen Nachfolgegeneration beschäftigt, soll zunächst der Sozialisationsbegriff als Fundament und Ausgangspunkt der Untersuchung betrachtet werden. Während Dehnavi (2013) Sozialisation als „Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und der gleichzeitigen Integration des Einzelnen in eine Gemeinschaft“ (ebd., S. 69) beschreibt, definieren Hurrelmann et al. (2008) Sozialisation als einen Prozess, „durch den in wechselseitiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen auf persönlicher ebenso wie auf kollektiver Ebene entstehen.“ (Hurrelmann et al. 2008, S. 25). Da das Augenmerk dieser Arbeit jedoch nicht nur auf der Sozialisation, die durchaus als „Interaktionsprozess“ zwischen Subjekt und Gesellschaft verstanden werden kann liegt (vgl. Dehnavi 2013, S. 70), sondern im Besonderen die Einflussinstanzen, die innerhalb der Sozialisation Auswirkungen auf die Unternehmensübergabe, bzw. -übernahme hatten, thematisiert werden sollen, werden im nächsten Schritt die verschiedenen Sozialisationskontexte im Fokus der Betrachtung liegen.

Durch die Konzentration der Analyse auf die (jugendlichen) Erben der Familienunternehmen treten bei „der Betrachtung des Zusammenhangs von Jugend und Sozialisation [...] zentrale Sozialisationskontexte in den Blick“ (Ecarius, Eulenbach, Fuchs & Walgenbach 2011, S. 69). Wie dem Inhaltsverzeichnis zu entnehmen ist, soll sich der Schwerpunkt dieser Arbeit auf die sozialisatorischen Einflüsse auf die Kindheit und Jugend der jeweiligen Generation, durch Familie, Schule und die Alltagswelt beziehen. Die Familie stellt hierbei nach Ecarius, Fuchs & Wahl (2008) die bedeutsamste „Bezugsgruppe“ für Jugendliche dar, die demnach auch die größte Prägung innerhalb ihrer Persönlichkeitsentwicklung hinterließ (vgl. ebd., S. 104 f.). Ergo spielt in diesem Zusammenhang auch die Erziehung in Hinblick auf die spätere Unternehmensübernahme eine entscheidende Rolle auf den Lebenswegen der Kinder. Die Schule, bzw. der jeweilige Bildungsweg, stellt eine weitere Sozialisationsinstanz dar, die unter Berücksichtigung der genannten Fragestellungen analytisch behandelt werden soll. Hierbei werden nachfolgend jedoch zusätzlich auch die akademische und militärische Ausbildung der Unternehmenserben, die im Spannungsfeld zwischen persönlichem Interesse und innerfamiliärer Pflichterfüllung stattfand, sowie die schlussendliche Einführung in das Familienunternehmen betrachtet. Die Alltagswelt kennzeichnet den letzten Sozialisationskontext der Untersuchung, der sich hier aus verschiedensten Sozialisationsräumen zusammensetzt und die Kindheit und Jugend der Nachfolgegeneration entscheidend mit beeinflusst hat. Darunter fallen zum einen alltägliche Erfahrungen, die im Kontext des Familienunternehmens geschahen, zum anderen Lebens- und Wohnverhältnisse des Großbürgertums im 19. Jahrhundert, sowie familienspezifische, situationsbedingte Erfahrungen, die die Sozialisation der Jugendlichen prägten.

Aufbauend auf die theoretischen Rahmenbedingungen wird nachfolgend das der Arbeit zugrunde liegende, methodische Vorgehen skizziert. Da die unterschiedlichen Sozialisationskontexte und damit auch die Sozialisation der Unternehmenserben, bzw. deren Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung von verschiedenen Ressourcen, gesellschaftlicher, kultureller und politischer Natur abhängig waren, ist es unbedingt von Nöten, die Familienanalyse kontextbezogen vorzunehmen. Ausgehend von der genannten Fragestellung soll also mithilfe der Analyse geklärt werden, aus welchen sozialisatori- schen Gründen die Unternehmensnachfolge in den genannten Unternehmen im historischen Wandel so verlief, wie sie letztendlich stattgefunden hat.

Da diese Arbeit als eine Art Fallstudie angelegt ist, sollen anhand der drei ausgewählten Unternehmerfamilien im 19., bzw. frühen 20. Jahrhundert sozialisationshistorische Fragen diskutiert werden, um die Erkenntnisse mit bestehenden Wissensbeständen abzugleichen, einzelne Forschungspositionen zu untermauern und weiterführende Forschung anzuregen. Die Ergebnisse der Kontextanalyse könnten somit möglicherweise dazu dienen, die Sozialisationserfahrungen der zu untersuchenden Nachfolgegenerationen von der typischen großbürgerlichen Sozialisationspraxis anderer Unternehmerfamilien dieser Zeit abzugrenzen, bzw. die Bedeutung der letztendlich stattgefundenen Sozialisation im Hinblick auf die Unternehmensübernahme aufzuzeigen.

Dazu werden vor dem Hintergrund der Fragestellung insbesondere Biographien ausgewertet, es findet also eine Literatur-, bzw. Sekundäranalyse statt. Basierend auf den vorgestellten theoretischen Rahmenbedingungen und auf Grundlage der gängigen Sozial- und Kulturgeschichte, sollen zudem fachhistorische Texte reinterpretiert und unter Einbezug der Fragestellung ausgewertet werden. Die Ergebnisse der Reanalyse können dabei jedoch keine direkte Aussage über die Verallgemeinerung geben (vgl. Stekl 2000, S. 9 f.), da die Fallstudie aufgrund des Umfangs der Arbeit lediglich auf drei Unternehmerfamilien beschränkt wurde und somit auch die Repräsentativität eingeschränkt ist. Allerdings können die Erkenntnisse dazu dienen einen Überblick über die spezifischen Sozialisationskontexte der jugendlichen Nachfolgegenerationen in den ausgesuchten Unternehmerfamilien im Kontext der Firmenweitergabe zu geben, Besonderheiten oder „Trends“ dieser Zeit festzuhalten und die vermutete Sonderstellung der Familien „Thyssen“, „Krupp“ und „Siemens“ aufzuzeigen.

3. Die Weitergabe des Familienunternehmens „Thyssen“ 1871-1926

Der Familienname Thyssen war im Raum Aachen bereits seit dem 18. Jahrhundert bekannt (vgl. Wegener 1991, S. 13) und erlangte ab diesem Zeitpunkt eine stetig größer werdende Bedeutung für die nahende Industrialisierung und das aufkommende Wirtschaftsbürgertum in Deutschland.

Der als Stammvater geltende Isaak Lambert Thyssen (1685-1773) gehörte in Zeiten der Vorindustrialisierung, wie die meisten Angehörigen der Familie Thyssen dem bürgerlichen Mittelstand in Aachen an (vgl. Wegener 2013, S 11 f.). Sein Urenkel Friedrich Thyssen (1804-1877), der gleichzeitig Vater von August Thyssen (1842-1926) war, gründete im März 1822 zusammen mit dem Industriellen Friedrich Englerth und dem Tuchfabrikanten Jacob Springsfeld mit einem Stammkapital von 12.000 Talern die Draht-Fabrik-Compagnie in Aachen (vgl. Lesczenski 2008, S. 32 f.). Nachdem die Fabrik Ende der 1850er-Jahre aufgrund von anstehenden Modernisierungsprozessen und fehlendem finanziellem Kapital in Schwierigkeiten geriet (vgl. Wessel 2008, S. 44; o.a. Wegener 1991, S. 15 f.), verließ Friedrich Thyssen die Firma und eröffnete zeitgleich ein privates Bankgeschäft in Eschweiler, das später die finanzielle Grundlage für das Thyssen-Imperium bilden sollte.

Sein Sohn August gründete am 1. April 1867 zusammen mit Noel Fossoul zunächst das Puddel- und Bandeisenwalzwerk „Thyssen, Fossoul & Co.“ (vgl. Plumpe & Lesczenski 2009, S. 81). Vier Jahre später, im April 1871, machte sich August Thyssen mit der Gründung der Kommanditgesellschaft „Thyssen und Co.“selbstständig und hob in Mühlheim Styrum „seine erste eigene Firma aus der Taufe“ (Plumpe et al. 2009, S. 81 f.). Sein unternehmerischer Weitblick, seine ausgiebigen Marktbeobachtungen und sein „Gespür für Standortvorteile“ (Plumpe & Lesczenski 2005, S. 217; vgl. auch Hatzfeld 1991, S. 55 f.) machten aus der Firma „Thyssen und Co.“ein führendes Weltunternehmen, welches nicht nur Meilensteine in der deutschen Montanindustrie setzte, sondern auch als treibender Motor für den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands fungierte.

Die nachfolgenden Kapitel thematisieren die Lebenswege von August Thyssen und seinem Sohn Fritz und deren Auswirkungen auf die Weitergabe, bzw. Übernahme des Familienunternehmens. Hierbei sollen unter Berücksichtigung der genannten Fragestellungen, insbesondere die verschiedenen Sozialisationsinstanzen in August und Fritz Thyssens Kindheit und Jugend analytisch behandelt werden.

3.1 Kindheit, Jugend und Erziehung August Thyssens

3.1.1 Familie

August Thyssen wurde am 17. Mai 1842 in Eschweiler als erster Sohn von Friedrich und Katharina Thyssen geboren. Er wächst mit seinen Geschwistern in einer familiären Umgebung auf, die nicht nur den Beginn der Industrialisierung miterlebte, sondern auch den Aufstieg des Bürgertums erfuhr (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 209 f.). Wie die folgenden Kapitel zeigen werden, lernte August Thyssen schon von klein auf, dass unternehmerischer Erfolg und Wohlstand, eng mit Arbeit, Fleiß und Leistung verzahnt ist (vgl. Lesczenski 2008, S. 33 f.).

Die Entwicklung August Thyssens, die sich stark an den Werten und Normen des Bürgertums orientierte, war sicherlich zum großen Teil auch der Erziehung und der Charakteristika seiner Eltern geschuldet, die allgemein „als sparsame, fleißige, bescheidene und fromme Leute geschildert [wurden]“ (Wegener 1991, S. 15.). Die gesamte Lebensführung der Familie Thyssen war auf das Unternehmen ausgerichtet und die Erziehung baute maßgeblich auf den klassischen Werten des Wirtschaftsbürgertums, wie z.B. Fleiß, Ordnung, Sparsamkeit, Pflichttreue und Anspruchslosigkeit auf (vgl. S Soénius 2000, S. 67 ff.). Plumpe et al. (2005) konstatieren darüber hinaus aber auch, dass das Zusammenleben innerhalb der Familie und der Umgang unter den Familienmitgliedern „durch eine harmonische und friedliche Atmosphäre“ (ebd., S. 211) bestimmt war und August Thyssens Kindheit stark prägte. Auch Wegener (1991) beschreibt die „friedliche Familienatmosphäre“ im Hause der Thyssens, die nicht nur in einem lebenslangen Zusammenhalt der Eltern und Kinder mündete, sondern sich auch in gemeinsamen wirtschaftlichen Handlungen der Geschwister „unter der Führung ihres Bruders August“ äußerte (Wegener 1991, S. 24). Ein Grund dafür könnte die gemeinsame Sozialisation sein, da sie „[i]n Bezug auf Sparsamkeit und zurückhaltenden Lebensstil [...] in gleicher Weise durch ihre Jugend geprägt [wurden]“ (Wegener 2013, S. 32).

Neben dem Rückhalt und der Unterstützung, die August Thyssen durch seine Familie, sowohl aus materieller, als auch immaterieller Sichtweise erhielt (vgl. Wegener 2013, S. 28), fand er in seinem Bruder Joseph Thyssen (1844-1915), der ebenfalls die Laufbahn eines Unternehmers eingeschlagen hatte, einen engen Freund und Geschäftspartner, der ihm bis zu seinem Tod vertrauensvoll zur Seite stand (vgl. Lesczenski 2008, S. 45) „Die Brüder August und Joseph Thyssen haben seit Josephs Eintritt in das Unternehmen immer zusammengehalten.“ (Wegener 2004, S. 74).

August Thyssen wuchs zusammen mit seinen Geschwistern „in einem kleinen Ziegelhaus mit bescheidenem räumlichen Zuschnitt [auf]“, welches sich zudem auf dem Werksgelände der Draht-Fabrik-Compagnie seines Vaters befand (vgl. Lesczenski 2013, S. 56). Da sein Vater Friedrich Thyssen morgens früh der Erste auf der Arbeit war und die Angestellten zur Arbeit rief, ist es nicht verwunderlich, dass August den Lebensalltag und das bürgerliche Selbstverständnis seines Vaters von Kindesbeinen an mitbekam und verinnerlichte (vgl. ebd.). Dass August Thyssen in seiner Kinder- und Jugendzeit bereits als „Fanatiker der Arbeit“ (Wessel 2008, S. 45) galt, ist demnach schon fast eine logische Schlussfolgerung. Auch die Tatsache, dass August Thyssen seine Unternehmerkarriere mit einem Puddel- und Bandeisenwalzwerk begann, war gewiss kein Zufall und zeigt den enormen Einfluss, den das väterliche Unternehmen auf die unternehmerische Entwicklung August Thyssens hatte, da er seit seiner Jugend die Walztechniken in der Drahtfabrik seines Vaters kennengelernt hat (vgl. Lesczenski 2008, S. 48 f.). Betrachtet man den Aspekt der beruflichen Selbstständigkeit, die innerhalb der Erziehung im Hause Thyssen zum bürgerlichen Selbstverständnis gehörte, so war es möglicherweise auch der Vater, der seinen Sohn August „zusätzlich ermunterte, sein berufliches Glück fern der Heimatstadt zu suchen“ (Lesczenski 2008, S. 50).

Durch den beruflichen Werdegang seines Vaters, der mit der Draht-Fabrik-Com- pagnie bereits erste Anknüpfungspunkte mit der Eisen- und Stahlindustrie pflegte, erhielt August Thyssen schon in jungen Jahren Kontakt zu einflussreichen wirtschaftsbürgerlichen Unternehmerfamilien (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 212). Ergo haben das soziale Milieu in dem er sozialisiert wurde in Kombination mit der finanziellen Unterstützung, die er nicht nur für die Fabrik „Thyssen, Fossoul & Co.“, sondern auch für seine Firma „Thyssen & Co.“ von seinem Vater erhielt (vgl. Wegener 1991, S. 26 f.), seine spätere erfolgreiche Unternehmerlaufbahn vielleicht nicht kausal bedingt, aber definitiv begünstigt.

Die Tatsache, dass sich August Thyssen zu Lebzeiten sehr mit seinem Vater verbunden fühlte, räumte er auch in späteren Jahren ein. Allein durch das Vertrauen, dass sein „selbstloser Vater“ von Beginn an in ihn hatte und die finanzielle und familiäre Hilfe die ihm zuteilwurde, ermöglichte ihm den Start in die Selbstständigkeit (vgl. Lesczenski 2013, S. 65; vgl. auch Lesczenski 2008, S. 53 f.). Umso widersprüchlicher zeigen sich später die Ansprüche und Erwartungshaltungen, die er gegenüber seiner eigenen Kinder äußerte, da sie in keiner Weise die Gegebenheiten und die Startvorteile, die er als junger Unternehmer durch seine Eltern und seine Familie erfahren hat, widerspie- geln (dazu mehr in 3.2.1 u. 3.3). Als August Thyssen 1924 zu den erfolgreichen Anfängen seines ersten Unternehmens gefragt wurde, führte dieser zum einen die „familiäre Loyalität“, zum anderen aber auch „seinen eigenen Fleiß [...][und]seinen persönlichen Arbeits- und Leistungswillen“ (Lesczenski 2008, S. 55) an, die ihren Ursprung sicherlich auch in der bürgerlichen Erziehung durch seine Eltern hatten. In diesem Kontext ist aber sicherlich noch festzuhalten, dass August Thyssen nicht der erste (aber der erfolgreichste) Unternehmer seiner Familie war. Neben seinem unternehmerisch tätigen Vater, finden sich auch in der direkten Verwandtschaft einige Personen, wie z.B. seinen Onkel Jakob Thyssen, die sich bereits in das Aachener Wirtschaftsleben integriert hatten (vgl. Wegener 1991, S. 24; vgl. auch Lesczenski 2008, S. 34).

3.1.2 Bildung und Ausbildung

Friedrich und Katharina Thyssen ermöglichten ihren Söhnen, aber in besonderem Maße ihrem Sohn August, eine überdurchschnittlich gute und fachlich qualifizierte Ausbildung (vgl. Wegener 2004, S. 67; vgl. auch Plumpe et al. 2005, S. 213; Wegener 1991, S. 24). Diese Umstände betrachtet Wegener (2013) als maßgeblichen Garant für den unternehmerischen Erfolg der beiden Söhne (vgl. ebd., S. 22 f.), der ohne die elterliche Erziehung und die anschließende Ausbildung möglicherweise bescheidener ausgefallen wäre.

Zunächst besuchte August Thyssen die katholische Rektoratschule in seiner Heimatstadt Eschweiler, um anschließend auf die höhere Bürgerschule in Aachen zu wechseln (vgl. Wegener 1991, S. 24; vgl. auch Wegener 2004, S. 67; Wessel 2004, S. 45). Lescenski (2008) stellt fest, dass August Thyssen bereits auf der Rektoratschule in E- schweiler erste Kenntnisse der französischen Sprache erwarb (vgl. ebd., S. 37). Dies wird ihm den späteren Kontakt zu französischen Geschäftspartnern in der Grenzregion des Ruhrgebietes vereinfacht haben, erklärt aber vielleicht auch seine Vorliebe für die Skulpturen des französischen Bildhauers Auguste Rodin. Nach Plumpe et al. (2009) entwickelte sich die höhere Bürgerschule in Aachen in den 1850er Jahren „zu einer Bildungseinrichtung gerade für den Nachwuchs wirtschaftsbürgerlicher Familien“ (vgl. ebd., S. 81). Schwerpunkte der Bildungseinrichtung lagen hierbei vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern, modernen Fremdsprachen und der Mathematik (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 213), die gleichzeitig auch die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Unternehmensführung in der wachsenden Industrialisierung darstellten.

Nach seiner Schulzeit wechselte August Thyssen im Jahre 1859 auf das erste deutsche Polytechnikum, welches 1825 in Karlsruhe gegründet wurde und später Vorbild für die Technischen Hochschulen werden sollte (vgl. Wegener 2013, S. 22). Während seiner Studienzeit lernte Thyssen unter anderem den späteren Kölner Bankier Louis Hagen kennen, zu dem er auch nach der Jahrhundertwende noch regen Kontakt pflegte (Wegener 2008, S. 67). Die technische Ausbildung, die August Thyssen an der Polytechnischen Schule in Karlsruhe genoss, war zu seiner Zeit die Beste in Deutschland und beinhaltete neben Mathematik und Chemie auch Fächer, wie Metallurgie und Maschinenbau (vgl. Lesczenski 2008,S. 40). In diesem Kontext konstatieren Plumpe et al. (2005), dass die dortige Ausbildung August Thyssens, die „möglicherweise auf Zuraten seines Vaters [erfolgte]“, eine sehr weise Entscheidung war, wo doch Friedrich Thyssen „selbst häufig seine fehlende technische Ausbildung beklagte“ (ebd., S. 213 f.). Im Anschluss an seine Zeit in Karlsruhe folgte ein einjähriges Studium in Antwerpen. An der Handelshochschule „Institut Supérieur du Commerce de l‘État“, dürfte sich August Thyssen einiges an Wissen angeeignet haben, das sich später beim Aufbau seines Unternehmens als nützlich erweisen sollte, zumal sich die Handelsschule in den Folgejahren zu einer Institution mit hervorragendem Ruf etablierte (vgl. Wegener 1991, S. 25; vgl. auch Plumpe et al. 2005, S. 214; Lesczenski 2008, S. 41). Durch seine bereits vorhandenen Fremdsprachenkenntnisse, sollte ihm auch die Unterrichtssprache in Antwerpen nicht schwer gefallen sein, denn Wegener (2004) stellt abschließend fest: „Er sprach forthin fließend Französisch.“ (ebd., S. 67). All diese Erfahrungen, die August Thyssen vor allem in seiner Ausbildungs- und Studienzeit machte, spiegeln den Trend der Zeit wieder und leiteten ihn von Beginn an in Richtung Unternehmertum. Hinzu kam, dass viele Eindrücke die August Thyssen durch die Lerninhalte seiner Studienzeit erfuhr, parallel zu den Werten und Normen verliefen, mit denen er in seinem familiären Umfeld sozialisiert wurde (vgl. Rasch 2003, S. 21 f.) und deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Bestätigung seiner eigenen Leitbilder führte (vgl. Lesczenski 2013, S. 59).

Der Studienzeit in Antwerpen folgte August Thyssens Militärzeit als „EinjährigFreiwilliger“ in Aachen, in der er laut Wegener (2013) die Befehls- und Kommandostruktur des Heeres kennenlernte (vgl., ebd. S. 23). Man könnte diese Zeit zu seiner Ausbildung hinzurechnen, da er möglicherweise Teile der militärischen Befehlshierarchie (Auftragstaktik) adaptierte, um später seine eigene Unternehmensstruktur aufzubauen, die stark auf das selbstständige Arbeiten einzelner Firmenbereiche ausgelegt war (vgl. Wegener 2004, S. 67; vgl. auch Wegener 1991, S. 25 f.). Im Anschluss an seine Zeit beim Militär trat August Thyssen in das Bankhaus seines Vaters ein und konnte dort sein theoretisches Wissen in die Praxis umsetzen (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 214 f.; vgl. auch Lesczenski 2013, S. 61). Die Einblicke, die er dort in den Börsenhandel und in Finanzierungsgeschäfte erhielt, gereichte ihm in seiner späteren Tätigkeit als selbstständiger Unternehmer, beim Umgang mit Banken oder auch Finanzierungsproblemen gewiss zum Vorteil (vgl. Wegener 1991, S. 25; vgl. auch Lesczenski 2008, S. 43).

Letztendlich zeigt die schulische und berufliche Ausbildung August Thyssens, dass den Eltern, vor allem aber dem Vater Friedrich, viel daran gelegen war, ihren Sohn nicht nur mit Bezug zum modernen Wirtschaftsbürgertum zu erziehen, sondern ihm mit der umfassenden Ausbildung und der fortschreitenden Industrialisierung im Rücken, den Weg zum erfolgreichen Unternehmer zu ebnen.

3.1.3 Alltagswelt

Wie bereits zu Anfang des Kapitels erwähnt, wuchs August Thyssen in bescheidenen Verhältnissen in direkter Nähe zur Arbeitsstätte seines Vaters auf. Betrachtet man die nähere Umgebung in der sich seine Kinder- und Jugendjahre abspielten, so fällt zunächst auf, dass auch seine Heimatstadt Eschweiler nicht von den Veränderungen der Industrialisierung verschont geblieben ist (vgl. Lesczenski 2013, S. 57). Zudem wurde August Thyssen durch die industrielle Welt, die Bedeutung des Materiellen beständig vor Augen geführt. Die „Industrie prägte in den 1840er und 1850er Jahren mehr denn je das Stadtbild“ (ebd.). Neben der Errichtung von riesigen Hüttenwerken, dominierten Produktions- und Lagerhallen, sowie die Schornsteine der Schmelzöfen das damalige Landschaftsbild. 1845 gründete Eberhard Hoesch ein weiteres Puddel- und Walzwerk in E- schweiler, 1851 nahm die Firma „Englerth, Cünzer & Fuhse“ den Betrieb auf, um dem steigenden Bedarf des Eisenbahnbaus gerecht zu werden (vgl. Lesczenski 2008, S. 36 f.). So gesehen hatte August Thyssen kaum eine Chance sich den Auswirkungen der fortschreitenden Industrialisierung zu entziehen. Während er innerhalb der Familie in einem bürgerlichen Milieu sozialisiert wurde (vgl. Lesczenski 2008, S. 44), schaffte die industrielle Umgebung ihr Übriges und prägte die Alltagswelt des jungen August.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der nicht vernachlässigt werden sollte, stellt die Reichsgründung 1870/71 dar. August Thyssen gehörte dem Jahrgang an, der „den Aufstieg der nationalen Bewegung [und] ihre wechselvolle Geschichte“ (Lesczenski 2013, S. 61) mitbekam. Seine Generation war von dem Willen der Väter geprägt, die Herstellung des Deutschen Reiches mitzutragen, indem sie ihrem Vaterland etwas zurückgaben. Da August Thyssens Aufstieg als Unternehmer parallel zu den Anfangsjahren des neuen Reichs verlief, ist es nicht verwunderlich, dass er stark mit Otto von Bismarck sympathisierte und wie viele andere Unternehmer seiner Zeit, die „Neigung [hatte], die eigene Arbeit als Dienst an der nationalen Sache zu verstehen“ (Lesczenski 2008, S. 43 f.). Zudem gesteht August Thyssen zu späterer Zeit ein, dass die damaligen Zeitumstände zum Aufbau seiner Firma nicht besser hätten stehen können, wo doch viele junge Unternehmen vom Wirtschafts-Boom der Gründerzeit profitiert haben (vgl. Lesczenski 2013, S. 66; vgl. auch Wehler 2008, S. 97 f.).

Nachdem sich August Thyssen 1871 mit der Firma „Thyssen & Co.“ In Mühlheim selbstständig gemacht hatte, übernahm er zunächst die Wohn- und Lebensweise, die er von Kind auf zu Hause gelernt hatte (vgl. Wessel 2008, S. 50 f.). Die ersten Jahre wohnte er bescheiden bei dem Landwirt Gustav Becker, in unmittelbarer Nähe zu seiner ersten Firma, zur Untermiete (vgl. Wegener 1991, S. 26). Hier lernte August Thyssen auch seine spätere Ehefrau, die 18 Jahre jüngere Hedwig Pelzer (1854-1940) kennen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihm wohnte und die er 1872 ehelichte (vgl. Wegener 2013, S. 36). Die Heirat fand hierbei eher aus rationalen als emotionalen Gründen statt, was zu dieser Zeit unter Unternehmern aber nicht unüblich war, um den wirtschaftlichen Erfolg und das Fortbestehen des eigenen Unternehmens zu sichern (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 217 f.; vgl. auch Lesczenski 2008, S. 70 f. u. 73 f.). Sein Verständnis von Arbeit, seine bescheidene Lebensführung, sein gesamter Tagesablauf, der ganz der Identität August Thyssens als Unternehmer entsprach (vgl. Wegener 2008, S. 77 f.), sollte sich in den Folgejahren jedoch noch als großes Konfliktpotenzial mit seinen Kindern entpuppen. Erst nach der Eheschließung mit Hedwig ließ sich August Thyssen neben seinem Werkgelände eine repräsentative Villa errichten (vgl. Wegener 2013, S. 37 f.).

3.2 Kindheit, Jugend und Erziehung Fritz Thyssens

3.2.1 Familie

Fritz Thyssen wurde am 09. November 1873 als ältester Sohn von August und Hedwig Thyssen in Mühlheim an der Ruhr geboren. Ähnlich wie sein Vater, wuchs er zusammen mit seinen drei Geschwistern in der Villa „Froschenteich“ in unmittelbarer Nähe zum Werkgelände der „Thyssen und Co.“auf (vgl. Wegener 2008, S. 77; vgl. auch Lesczenski 2013, S. 80 f.). Aber im Gegensatz zu der Kindheit seines Vaters, können die Verhältnisse unter denen Fritz Thyssen aufwuchs, alles andere als „bescheiden“ beschrieben werden; immerhin handelte es sich allein bei dem Elternhaus um eine repräsentative großbürgerliche Stadtvilla (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 218).

Da August Thyssen in einem „harmonischen, liebevollen“ Familienverbund groß wurde, wünschte er sich auch gleiches für seine eigene Familie, musste sich im Alter aber eingestehen, dass er sowohl als Vater, als auch Ehegatte versagt hatte (vgl. Wegener 2013, S. 35). August Thyssens größter Wunsch war es, dass sich seine Nachkommen der „Tradition der Unternehmerfamilie [...] [stellten, um] das familiäre Erbe fortzuführen“ (Plumpe et al. 2009, S. 82). Da er sich komplett mit seiner eigenen Arbeit und seiner Leistung identifizierte (vgl. Lesczenski 2013, S. 74) und seinen Lebensentwurf als „Aufgabe einst von seinem Vater pflichtgetreu angenommen hatte“ (Plumpe et al. 2009, S. 82), waren die Erwartungshaltungen gegenüber seiner Nachkommen entsprechend gewaltig (vgl. ebd.). Laut Wegener (2013) bekam Fritz Thyssen „besonders hart zu spüren, was es hieß, der Sohn eines erfolgreichen Vaters zu sein.“ (ebd., S. 89). Während August Thyssen eine innige Beziehung zu seinem Vater führte (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 219), erfuhr Fritz Thyssen nur wenig Liebe und Zuneigung durch seinen Vater. In diesem Kontext beschreibt Wegener (2008) August Thyssen als einen „kühlen und harten“ Menschen, der derart mit seinem Unternehmen verschmolzen war, dass die persönliche Zuneigung und Zuwendung gegenüber der Ehefrau und den Kindern eindeutig zu kurz kam (vgl. Wegener 2008, S. 77). Dementsprechend war das Verhältnis von August Thyssen zu seinen Kindern „sehr getrübt“ und sollte in den Folgejahren durch Konflikte und Streitereien dominiert werden (vgl. Lesczenski 2013, S. 78 f.; vgl. auch Plumpe et al. 2009, S. 82 f.). Dennoch wird Fritz Thyssens Kindheit und Jugend stark durch die bürgerlichen Werte und Normen geprägt worden sein, für die August Thyssen als Sinnbild stand. Auch der Tagesablauf seines Vaters, der häufig bereits um fünf Uhr in der Früh begann und bis spät abends andauerte (vgl. Wegener 2013, S. 39), verkörperte die Tugenden, Strebsamkeit, Fleiß und den Leistungsgedanken, der ihm so wichtig war (vgl. Lesczenski 2013, S. 74). All diese aufgeführten und noch folgenden Aspekte verdeutlichen aber auch die unterschiedliche Sozialisation, die dem Vater und dem Sohne zuteilwurde.

Ein entscheidender Wendepunkt in der Jugend Fritz Thyssens war nach Wegener (1991) und Lesczenski (2013) die Scheidung der Eheleute August und Hedwig Thyssen im Jahre 1885. Das von August Thyssen erwünschte Familienmodell, welches das Unternehmen als zentralen Dreh- und Angelpunkt vorsah, ließ sich jedoch nicht mit den Erwartungen seiner Ehefrau Hedwig vereinbaren (vgl. Wegener 1991, S. 28 f.; vgl. auch Plumpe et al. 2009, S. 90 f.; Lesczenski 2008, S. 79). Diese hatte sich von der Ehe einen gesellschaftlichen Aufstieg und einen deutlich repräsentativeren Lebensstil erhofft (vgl. Wegener 2013, S. 39; vgl. auch Lesczenski 2013, S. 82 f.), was bei August Thyssen aber auf wenig Verständnis stieß, da er ein ausgiebiges gesellschaftliches Leben als Geld- und Zeitverschwendung ansah (vgl. Plumpe et al. 2009, S. 90; vgl. auch. Wegener 2008, S. 77). Da August Thyssen bereits vor der Scheidung wenig Zeit für die Erziehung seiner Söhne hatte (vgl. Lesczenski 2013, S. 81), stellte er nach 1885 Minna Schömann für die Betreuung seiner Kinder ein (vgl. Wegener 2013, S. 43). Fortan war die innerfamiliäre Atmosphäre von Streitereien mit dem Kindermädchen und der häufigen Abwesenheit des Vaters geprägt, was auch nicht spurlos am Gemüt Fritz Thyssens vorüberging (vgl. Wegener 2008, S. 81; vgl. auch Lesczenski 2013, S. 85). Trotz dieser familiären Dissonanzen gestaltete sich Fritz Thyssens weiterer Lebensweg so, wie es den wirtschaftsbürgerlichen Idealen zu dieser Zeit entsprach (vgl. Soénius 2000, S. 88). Dies änderte aber nichts daran, „dass das Verhältnis zum Vater spannungsreich war, ja in einigen Fällen fast tragische Züge annehmen sollte“ (Wegener 2013, S. 43). Denn obwohl die Ausbildungswege seiner Söhne vorbildlich und vielversprechend verliefen (mehr dazu in 3.2.2), festigte sich mit der Zeit die Meinung August Thyssens, seine Söhne wären ungeeignet, das Familienunternehmen weiterzuführen oder gar zu erhalten (vgl. Wessel 2008, S. 49; vgl. auch Plumpe et al. 2009, S. 82).

3.2.2 Bildung und Ausbildung

Auch Fritz Thyssen und seine Brüder erhielten, nicht zuletzt aufgrund des enormen Kapitals ihres Vaters, eine umfassende und lückenlose Ausbildung. Nachdem Fritz Thyssen zunächst in Mühlheim auf ein Gymnasium ging, „unter der antikatholischen Haltung des Rektors[...Jfaber]zu leiden hatte“(Wegener 2008, S. 89), wechselte er auf das Hohenzollern-Gymnasium in Düsseldorf, wo er auch sein Abitur ablegte (vgl. ebd.). Anschließend folgte ein Praktikum im väterlichen Unternehmen, welches sich jedoch als schwere Zeit herausstellen sollte, da er „die harte und lieblose Art, mit der der Vater und auf dessen Geheiß auch die Angestellten ihn während der Ausbildung behandelten“ (Wegener 2013, S. 54 f.) ertragen musste. Anhand seines anschließenden Studiums könnte man jedoch davon ausgehen, dass er ebenfalls den Weg des Unternehmers gehen und in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte. So studierte Fritz Thyssen Maschinenbau in London am „Imperial College of Science and Technology“, anschließend zwei Semester Chemie in Lüttich, um nach zwei weiteren Semestern Eisenhüttenkunde an der Technischen Universität in Berlin, sein Abschlussexamen abzulegen (vgl. Plumpe et al. 2005, S. 226 f.; vgl. auch Lesczenski 2013, S. 85).

[...]

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Die Vererbung von Familienunternehmen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sozialisationserfahrungen der Nachfolgegeneration
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
60
Katalognummer
V991872
ISBN (eBook)
9783346355720
ISBN (Buch)
9783346355737
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vererbung, familienunternehmen, jahrhundert, sozialisationserfahrungen, nachfolgegeneration
Arbeit zitieren
Dominik Hey (Autor), 2016, Die Vererbung von Familienunternehmen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sozialisationserfahrungen der Nachfolgegeneration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/991872

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