Die philosophische Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ von Friedrich Schiller sieht auf der Ebene der Geschichtlichkeit die Notwendigkeit der ästhetischen Rezeption, mit deren Hilfe allein der von Kant so genannte Vernunftstaat verwirklicht werden könne. Zunächst argumentiert Schiller auf der historischen Ebene, um dann auf dem Feld der Abstraktion seine Argumentation für die Bedeutung des ‚Spieltriebs’, der zwischen den beiden Kräften des sinnlichen und des Formtriebes anzusiedeln ist, auszuarbeiten. Es sei nicht möglich, die in zwei Gruppierungen zerfallene Gesellschaft in der Freiheit zu vereinen, wenn die Ästhetik nicht vermittelnd zwischen den beiden Haupttrieben des Menschen auftritt. Die Vertreterschaft der einen der beiden Gruppen, die dem sinnlichen Trieb verfallen sei, indem sie „keinen anderen Maßstab kenne als den des Wertes, sowie die Vertreter der anderen, die, nur Form und nicht Inhalte achtend, gefährdet seien, „alle Realität überhaupt zu vernachlässigen, und einer reizenden Einkleidung Wahrheit und Sittlichkeit aufzuopfern“- sie alle könnten durch die Ästhetik zu einer Ganzheitlichkeit des Menschseins geführt werden, die für Schiller Bedingung für die Wiederherstellung der ‚Totalität der Gattung’ sei.
Auf der Grundlage der historischen Annahmen Schillers wird weiterhin die historische Entwicklung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Spezialisierung in den Blick genommen, da Schillers Aussagen zum ‚verbruchstückhaften’ Menschen nicht nur zutreffend für die Anfänge der Industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts scheinen, sondern auch prophetisch in Hinsicht auf die sich seiner Zeit anschließende Ausformung der kapitalistischen Produktionsweise, in welcher der Mensch sich zunehmend der ‚Entfremdung’ ausgesetzt sieht, wie es in späterer Terminologie heißt.
Es werden weiterhin die heutigen Möglichkeiten der ästhetischen Erziehung in Schillers Sinn behandelt, wenn es sie denn überhaupt geben kann. Es liegt die Vermutung nahe, dass diese Möglichkeiten heute weniger als etwa gegen Ende des 18. Jahrhunderts bestehen, da die Entwicklung des menschlichen Daseins hin zu einer zunehmenden Zersplitterung seines Wesens in sämtlichen Bereichen zu führen scheint.
Zudem wird die Schlüssigkeit der Schiller’schen Abstraktion anhand der Forschungsliteratur überprüft, um dann Aussagen über die Brauchbarkeit der Theorie Schillers für die heutige pädagogische Praxis treffen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Möglichkeiten der ästhetischen Erziehung nach Schiller
2.1 Der Entwurf Schillers
2.2 Eine historisch-gesellschaftliche Bestandaufnahme: Zunahme von Arbeitsteilung und Spezialisierung
2.3 Ästhetische Erziehung zweihundert Jahre nach Schiller
3. Zusammenfassung
4. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Aktualität von Friedrich Schillers Theorie der ästhetischen Erziehung angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung und Spezialisierung. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit Schillers Forderung nach einer Ganzheitlichkeit des Menschseins durch ästhetische Bildung heute noch umsetzbar ist oder ob die fortschreitende Zersplitterung des menschlichen Daseins eine solche Erziehung unmöglich macht.
- Schillers Konzept der ästhetischen Erziehung und das Verhältnis von Sinnlichkeit und Vernunft
- Die historische und ökonomische Entwicklung der Arbeitsteilung und Spezialisierung
- Kritische Analyse der Entfremdung des Menschen in modernen Produktionsverhältnissen
- Die Rolle der Kunst und der kulturellen Bildung im 20. und 21. Jahrhundert
- Die Grenzen schulischer Institutionen bei der Vermittlung ästhetischer Ideale
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Entwurf Schillers
Schiller beruft sich explizit auf Kantische Grundsätze bei der Ausformung seiner Ästhetischen Erziehung. Es geht also zunächst um das ästhetische Urteil, das Kant zwischen dem „Interesse der Neigung beim Angenehmen“ [...] und dem Interesse der praktischen Vernunft an der Verwirklichung des sittlichen Gesetzes als interesselos bestimmt.
Kant spricht an der von Bürger zitierten Stelle von ‚drei Arten des Wohlgefallens’, bei denen die Betrachtung sich auf das Angenehme, das Schöne und das Gute richtet. Von diesen komme nur die Schönheit in Frage als Wohlgefallen, welches das Geschmacksurteil bestimmt und dabei ohne alles Interesse ist.
Man kann sagen: daß, unter allen diesen Arten des Wohlgefallens, das des Geschmacks am Schönen einzig und allein ein uninteressiertes und freies Wohlgefallen sei; denn kein Interesse, weder das der Sinne, noch das der Vernunft, zwingt den Beifall ab.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den theoretischen Rahmen um Schillers ästhetische Schriften und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die Relevanz dieser Theorie unter den Bedingungen moderner Arbeitsteilung und Entfremdung zu prüfen.
2. Möglichkeiten der ästhetischen Erziehung nach Schiller: Dieses Hauptkapitel analysiert zunächst Schillers philosophischen Entwurf, betrachtet dann die historische Zunahme der Arbeitsteilung und Spezialisierung und reflektiert abschließend die Bedingungen ästhetischer Erziehung im heutigen pädagogischen Kontext.
3. Zusammenfassung: Das Kapitel evaluiert die Ergebnisse der Untersuchung und kommt zu dem Schluss, dass der erzieherische Anspruch der ästhetischen Theorie in einer von Spezialisierung und Entfremdung geprägten Gesellschaft kaum durch die Schule allein einzulösen ist.
4. Literatur: Dieses Kapitel listet alle in der Arbeit verwendeten Quellen und Forschungsliteratur auf.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Ästhetische Erziehung, Arbeitsteilung, Spezialisierung, Entfremdung, Ganzheitlichkeit, Kulturindustrie, Kunstrezeption, Spieltrieb, Pädagogik, Gesellschaftskritik, Vernunft, Sinnlichkeit, Identität, Totalität der Gattung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit von Friedrich Schillers Theorie der ästhetischen Erziehung auf die heutige, durch Arbeitsteilung und Spezialisierung geprägte Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft Philosophie (Schiller, Kant), Soziologie (Marx, Durkheim, Fromm) und Pädagogik, um die Auswirkungen entfremdeter Arbeit auf die menschliche Ganzheitlichkeit zu analysieren.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine Evaluation der Brauchbarkeit von Schillers Theorie für die heutige pädagogische Praxis angesichts einer zunehmenden gesellschaftlichen Zersplitterung.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Es wird eine literaturgestützte, theoretisch-kritische Analyse durchgeführt, die Schillers Thesen an historischen Entwicklungen und sozialwissenschaftlichen Befunden misst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die philosophische Grundlegung bei Schiller, die soziologische Analyse von Arbeitsteilung und Entfremdung sowie eine kritische Betrachtung der Möglichkeiten ästhetischer Erziehung im modernen Schulsystem.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Begriffe sind Ästhetische Erziehung, Entfremdung, Spezialisierung, Ganzheitlichkeit, Arbeitsteilung und Kulturindustrie.
Warum hält der Autor die Schule für einen schwierigen Ort der ästhetischen Erziehung?
Die Schule ist laut Autor primär ein Ort des Zwanges und der Arbeitsvorbereitung, was im Widerspruch zu Schillers Ideal des „Müßiggangs“ und des „freien Spiels“ steht.
Welche Rolle spielt die „Kulturindustrie“ in der Argumentation?
Die Kritische Theorie (Adorno/Horkheimer) wird genutzt, um aufzuzeigen, dass heutige Freizeitangebote oft dieselben Strukturen wie die entfremdete Arbeitswelt aufweisen und somit die ästhetische Entwicklung eher behindern als fördern.
Welches Fazit zieht der Verfasser zur Umsetzbarkeit?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass ästhetische Erziehung nicht allein eine Aufgabe der Schule sein darf, sondern alle gesellschaftlichen Kräfte einbeziehen muss, um den zersetzenden Einflüssen der Spezialisierung entgegenzuwirken.
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- André Schneider (Autor), 2006, Möglichkeiten der ästhetischen Erziehung nach Schiller, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163988