Die Regelschule am Ende

Warum Umdenken angesichts sogenannter "Verhaltensstörungen" und "Leistungsverweigerung" not tut


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Abriss reformpädagogischer Ansätze
2.1 Jean-Jacques Rousseau
2.2 Johann Heinrich Pestalozzi
2.3 Ellen Key
2.4 Maria Montessori

3. Warum wir heute Reformpädagogik brauchen
3.1 Das Bildungs- und Schulsystem am Ende!?
3.2 Sogenannte „verhaltensauffällige Kinder"

4. Leistungsfähigkeit und Grenzen der neuen Pädagogik

5. Vertreter neuer pädagogischer Ansätze
5.1 Hartmut von Hentig
5.2 Henning Köhler
5.3 OlivierKeller

6. Möglichkeiten und Konsequenzen für die Umweltbildung

7. Fazit

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Eigenständigkeitserklärung

„Kann man denn öffentlich oder privat oder sonst etwas gut regeln, wenn man es nicht besonnen und gerecht tut?"

Sokrates[1]

„Kann man überhaupt etwas über die Ausübung einer Kunst lernen, außer indem man sie selbst ausübt?"

Erich Fromm[2]

1. Einleitung

Die Resultate der jetzigen Schule, worin bestehen sie? Abgenützte Hirnkraft, schwache Nerven, gehemmte Originalität, erschlaffte Initiative, abgestumpfte Pflicht für die umgebende Wirklichkeit, erstickte Idealität unter dem fieberhaften Eifer, es zu ei­nem Posten zu bringen [...]"[3]. Die „jetzige Schule", von der hier die Rede ist, liegt über 100 Jahre zurück und doch scheint die Beobachtung auch das Regelschulsystem des 21. Jahrhunderts treffend zu beschreiben hinsichtlich seines Erfolges. ,,[...] Für die meisten ist das Resultat [...], dass sie nicht einmal mit wirklichem Nutzen eine Zeitung lesen können [...]"[4], so die ernüchternde Feststellung der schwedischen Pädagogin Ellen Key in ihrem Buch „Das Jahrhundert des Kindes" weiter.

Es ist die alte Frage, die neu gestellt werden muss: Was soll Schule leisten? Neu gestellt werden muss sie, weil wir es heute mit einer Vielzahl von Problematiken zu tun haben, die in dieser Form neu sind: kindliche Verhaltensstörungen, bzw. -auffälligkeiten, soge­nannte Leistungsverweigerung und zunehmende Jugendkriminalität. Berge von Erzie­hungsratgebern erscheinen jährlich neu auf dem Büchermarkt und der steigende Absatz zeigt die hilflose Situation, in der sich Erziehende zu befinden scheinen. In dieser „all­gegenwärtigen Expertokratie"[5] ist die Rede von kindlichen „Tyrannen", die nicht sein müssten[6], von deliquenten Jugendlichen mit Migrationshintergrund[7], von „schwierigen Kinden", die es nicht gebe[8], von einer „gestörten Gesellschaft"[9] und dem schwierigen Verhältnis „zwischen Super-Mamas und Erziehungsnotsstand"[10].

Es wird zu fragen sein, inwieweit die Schule - hier ist damit die staatliche Regelschule gemeint - möglicherweise selbst verantwortlich ist für sich angeblich häufende Auffäl­ligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Und inwiefern sind die in den Schulen auftre­tenden Probleme symptomatisch für eine Gesellschaft, die nicht im Gleichgewicht ist? Was soll Schule leisten - was kann sie leisten? Ist die herrschende Vorstellung von Schule vielleicht eine, die an den Bedürfnissen von Heranwachsenden vorbeisieht? Kommt es auch heute noch zu „Seelenmorden in den Schulen"[11], wie es im letzten Jahr hundert Ellen Key diagnostizierte?

Das Hentig'sche Programm, die Schule neu zu denken, soll insofern Anwendung finden, als dass nach Lösungsansätzen gesucht werden soll mithilfe historischer und neuer re­formpädagogischer Ansätze - in Deutschland und darüber hinaus.

2. Geschichtlicher Abriss reformpädagogischer Ansätze

Den Versuch, die etablierte Schule zu verändern und damit sie zu verbessern gibt es nicht erst seit den 68ern des letzten Jahrhunderts. Die Anstalten, in der „jederman ein jegliches" lernen sollte, wie es Comenius im 17. Jahrhundert gefordert hatte, riefen seit jeher auch Kritiker auf den Plan. Wie Benner et al. feststellen, habe aber ,,[...] jede re­formpädagogische Bewegung in den letzten Jahrhunderten zu anderen als den [...] von ihr intendierten Resultaten geführt [...]"[12]. In der gebotenen Kürze kann nur ein grober geschichtlicher Überblick über die wesentlichen Vertreter[13] reformpädagogischer Ansätze gegeben werden.

2.1 Jean-Jacques Rousseau

Wenn man Reformpädagogik versteht als das Bemühen, eine vom Kind ausgehende Er­ziehung zu leisten, so ist es wohl der Franzose Rousseau, der als erster berühmter Ver­treter dieser Idee zu nennen ist. In seinem Erziehungsroman „Emile" wird der fiktive Versuch unternommen, einen Knaben nicht durch direkte äußere Einwirkung, sondern nur durch sanfte Lenkung zu erziehen. Der Erziehende helfe dem Kind seine urwüchsi­gen in soziale Instinkte umzuwandeln unter dem Eindruck der absoluten Freiheit. Die Selbsttätigkeit des Zöglings spielt eine große Rolle hinsichtlich seines Lernerfolges; hier wird Rousseau von der heutigen Lernforschung bestätigt. Allerdings ist die Künst­lichkeit der Lernsituation, in der der Lehrende dem Schüler nur „vorgaukelt", frei ent­scheiden zu dürfen, fragwürdig.

2.2 Johann Heinrich Pestalozzi

Auch der Schweizer Pestalozzi - der als ein Weiterdenker der Rousseau'schen Gedan­ken gesehen werden kann - strebt in seiner Pädagogik an, dem Schüler zu helfen, seine in sich liegenden Fähigkeiten zu entfalten. Ihm ist die pädagogische Vermittlung von Natur und Kultur ein wichtiges Anliegen. An dieser Stelle knüpft die moderne Naturpädagogik bei ihm an. Darüberhinaus lieferte er im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert erste Impulse einer ganzheitlichen Pädagogik, indem er die frühkindliche Förderung in Intellekt, Sitte und praktischen Fähigkeiten gleicher­maßen als Aufgabe der Eltern betrachtete.

2.3 Ellen Key

,,[...] Wie wäre es, wenn man endlich anfinge, [...] einzusehen, dass das größte Geheim­nis der Erziehung gerade darin verborgen liegt - nicht zu erziehen?! [...]"[14], fragt die schwedische Reformpädagogin Key in ihrem bereits erwähnten Hauptwerk „Das Jahr­hundert des Kindes". Sie kann als eine weitere einflussreiche Ideengeberin des 19. und 20. Jahrhunderts gelten und auch sie sei - so Mann in ihrer Dissertation[15] - beeinflusst gewesen von Rousseau. Ihre reformpädagogischen Überlegungen zielen darauf ab, dass Pädagogik die kindlichen Bedürfnisse berücksichtigen müsse - oder wie Rilke es nennt eine Pädagogik „vom Kinde her"[16] sei. Waren im zeitgeschichtlichen Umfeld Erwachse­ne der Bezugspunkt pädagogischer Bemühungen gewesen, so wollte Key mit ihrer Hochachtung der Kindheit ganz bewusst einen Gegenpol setzen und diese Forderung scheint auch heute nichts an Provokationskraft und Aufforderungscharakter eingebüßt zu haben.

2.4 Maria Montessori

Die italienische Reformpädagogin Montessori, die Namensgeberin einer eigenen päda­gogischen Strömung wurde, wirkte ebenfalls im 20. Jahrhundert. In der Montesso- ripädagogik werden die Gedanken der eben genannten Vertreter reformpädagogischer insofern aufgenommen, als dass es auch hier darum geht, vom Kind ausgehend pädagogisch zu arbeiten. Bei Montessori ist es die Beobachtung des Zöglings, die dem Lehrenden dazu verhelfen soll, geeignete Lehrmittel und Wege zu finden. Die sich am Kind orientierdene Pädagogik fasst Montessori unter dem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun!" zusammen. Nach Auskunft des „Montessori Dachverbandes Deutschland e.V." ,,[...] arbeiten über 1.000 Schulen und Kitas nach den Prinzipien der Montessori-Päda- gogik [,..]"[17].

3. Warum wir heute Reformpädagogik brauchen

Sie ähneln einer prophetischen Schau - die Analysen eines Ivan Illich oder eines Hart­mut von Hentig in Bezug auf das Wirken und die Wirkungen des Regelschulsystems. Il­lich sagte Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts voraus, man werde ,,[...] Dro­gen verabreichen [wollen, J.V.], um es dem Lehrer zu erleichtern, das Verhalten der Kinder zu beeinflussen [...]"[18]. Heute ist dies Realität: 2010 nahmen weltweit ca. 10 Mio. Kinder Ritalin® ein,[19] wie Hüther et al. angeben[20]. Auch von Hentigs Prognosen scheinen sich auf eindrückliche Weise zu bewahrheiten. Er arbeitete sich bereits Anfang der 90er Jahre an den nach wie vor aktuellen Themen Fernsehen/ Medien, multikulturelle Gesellschaft und Jugendgewalt ab[21].

3.1 Das Bildungs- und Schulsystem am Ende!?

Was gibt aber Anlass dazu, ein Ende der Regelschule zu postulieren? Wo liegen ihre Schwächen und was verhindert, dass Kinder und Jugendliche effektiv lernen?

Illich ging den wohl radikalsten Weg, den man in Bezug auf Schulkritik gehen kann: er prangerte die verschulte Gesellschaft an, in der die Schule nur eine von vielen Institutio­nen sei, die genau das verhindere, was sie vorgebe anzubieten, nämlich Bildung. In sei­ner Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erstmals erschienenen Analyse „Ent­schulung der Gesellschaft" will er die Schule als Bildungseinrichtung abschaffen, weil sie - vor dem Hintergund einer ,,[...] total und totalitär gewordenen Pädagogisierung sämtlicher Lebensverhältnisse [,..]"[22] - weder Lernen noch Gerechtigkeit (Stichwort „gleiche Bildungschancen") fördere[23]. Illich unterstellt der Institution Schule überdies, ein „verborgenes Curriculum" zu haben: sie sei ein ,,[...] Ritual bei der Einführung des Menschen in eine wachstumsorientierte Verbrauchergesellschaft [...]"[24] Die Verschu lung aller Lebensbereiche und die staatliche Monopolisierung und Institutionalisierung von Lehre/ Lernen sind auch für eine Schulkritik im 21. Jahrhundert wertvolle Impulse. In einer auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsnation wie der unseren macht dieser sie am Leben erhaltende ökonomische Ethos auch vor Bildungseinrichtungen nicht Halt.[25] Genau hier taucht aber die Schwierigkeit auf: Menschen und deren Lernvorgänge lassen sich nicht ebenso planen und vermarkten wie dies bei einem neuen Produkt mög­lich ist. Und dennoch wird dieser irrwitzige Versuch unternommen: Bildungsmanage­ment. Als handle es sich um ein neues Lebensmittel, werden Qualitätsstandards festge­legt und Evaluationsstudien zum Erfolg des „Produktes" Bildung erstellt. Es istjedoch - wie auch Illich festhält[26] - ein Irrglaube, dass Lernen geplant und produziert werden könne. Und genau dieser Widersinn zwischen dem technokratischen Machbarkeitsglauben und den einzelnen Bildungskonsumenten, den Schülern, ist es, der sich zulasten letzterer auswirkt. Was Key einen „Seelenmord" nennt, greift von Hentig mit der Formel „Sehschwäche der Schule für den Seelenzustand ihrer Schüler"[27] auf. Wobei es wohl eher eine Gesellschaft und Bildungspolitik ist, die mit ihren durchkonzipierten und qualitätsgeprüften Lern"fabriken"[28] eine Sehschwäche für das Menschliche überhaupt offenbart. Von Hentig setzt mit seiner Maxime „Die Menschen stärken" dazu einen Gegenpol. Vernünftigerweise kommt es für ihn erst danach, „Die Sachen [zu, J.V.] klären"[29].

[...]


[1] Platon(1994): Menon, S. 11.

[2] Fromm (2001): Die Kunst des Liebens. S. 123.

[3] Ellen Key, zit. nach: Schiller (2001): Die kindliche Individualität und ihr Lebensumkreis. In: Von der Würde des Kindes, S. 91f.

[4] Ellen Key, zit.nach:Ebda.,S.92.

[5] Köhler (2007): Schwierige Kinder gibt es nicht, S.87.

[6] Vgl. Winterhoff (2010): Warum unsere Kinder Tyrannen werden.

[7] Vgl. Heisig (2010): Das Ende der Geduld.

[8] Vgl. Köhler (2007): Schwierige Kinder gibt es nicht.

[9] Winterhoff (2010): Warum unsere Kinder Tyrannen werden, S. 191-204.

[10] Ebda., S. 11-20.

[11] Ellen Key, zit. nach: Schiller (2001): Die kindliche Individualität und ihr Lebensumkreis. In: Von der

Würde des Kindes, S.92.

[12] Benner et al. (2000): Die pädagogische Bewegung von der Aufklärung bis zum Neuhumanismus. URL: http://www2.hu-berlin.de/archrefpaed/dokumente/ORl/02%20Vorwort.pdf vom 13.1.12

[13] Im Rahmen dieser Arbeit wird der Einfachheit halber die grammatikalisch männliche Form verwen­det; sie meint Frauen und Männer gleichermaßen.

[14] Key, zit. nach: Mann (2003): Pädagogische, psychologische und kulturanalytische Traditionen und Perspektiven im Werk Ellen Keys, S. 246, URL: ht.tp://edoc.hu-berlin.de/dissertat.ionen/mann-katja- 2003-02-12/PDF/Ma.nn.pdf vom 13.1.12

[15] Ebda.

[16] Ebda., S. 259, URL: http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/mann-katia-2003-02-12/PDF/Mann.pdf vom 13.1.12

[17] http://www.montessori-deutschland.de/einrichtungen.html vom 13.1.12

[18] Illich (2003):Entschulungder Gesellschaft, S. 163.

[19] Methylphenidat-Präparate fallen unter das Betäubungsmittelschutzgesetz; insofern lassen sie sich als „Drogen" bezeichnen.

[20] Hütheretal. (2010): NeuesvomZappelphilipp, S. 13.

[21] Vgl. vonHentig (2003): Die Schule neu denken.

[22] Illich (2003):Entschulungder Gesellschaft, S. 15.

[23] Vgl. Ebda., S. 30.

[24] Ebda., S. 58.

[25] Es wäre an dieser Stelle auch zu sprechen über die Ökonomisierung und Rationalisierung des univer­sitären Lehrens und Lernens (Modularisierung/ Bachelor/ Master); dies muss aber aus Platzgründen im Rahmen dieser Arbeit entfallen.

[26] Vgl. Illich (2003): Entschulung der Gesellschaft, S. 76.

[27] vonHentig (2003): Die Schule neu denken, S. V2.

[28] An dieser Stelle böte sich an, allein anhand von Neologismen wie „Lernfabriken" oder „Lernwerk­statt" aufzuzeigen, wie der Ökonomisierungsprozess besonders auch im Bildungssektor voranschrei­tet.

[29] Vgl. vonHentig (2003): Die Schule neu denken, S. 177.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Regelschule am Ende
Untertitel
Warum Umdenken angesichts sogenannter "Verhaltensstörungen" und "Leistungsverweigerung" not tut
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Fachbereich Erziehungswissenschaft)
Note
1-
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V197350
ISBN (eBook)
9783656235606
ISBN (Buch)
9783656239376
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regelschule, Verhaltensstörung, Leistungsverweigerung, Jean-Jacquex Rosseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Maria Montessori, Ellen Key, Rosseau, Pestalozzi, Montessori, Key, Hartmut von Hentig, Henning Köhler, Olivier Keller, Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Umweltbildung, Naturpädagogik, Michael Winterhoff, Ivan Illich, Gerald Hüther, Verhaltensauffälligkeit, Jean-Jacques Rosseau
Arbeit zitieren
Janka Vogel (Autor:in), 2012, Die Regelschule am Ende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197350

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