„[...] Die Resultate der jetzigen Schule, worin bestehen sie? Abgenützte Hirnkraft, schwache Nerven, gehemmte Originalität, erschlaffte Initiative, abgestumpfte Pflicht für die umgebende Wirklichkeit, erstickte Idealität unter dem fieberhaften Eifer, es zu einem Posten zu bringen [...]“1. Die „jetzige Schule“, von der hier die Rede ist, liegt über 100 Jahre zurück und doch scheint die Beobachtung auch das Regelschulsystem des 21. Jahrhunderts treffend zu beschreiben hinsichtlich seines Erfolges. „[...] Für die meisten ist das Resultat […], dass sie nicht einmal mit wirklichem Nutzen eine Zeitung lesen können [...]“2, so die ernüchternde Feststellung der schwedischen Pädagogin Ellen Key in ihrem Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ weiter.
Es ist die alte Frage, die neu gestellt werden muss: Was soll Schule leisten? Neu gestellt werden muss sie, weil wir es heute mit einer Vielzahl von Problematiken zu tun haben, die in dieser Form neu sind: kindliche Verhaltensstörungen, bzw. -auffälligkeiten, sogenannte Leistungsverweigerung und zunehmende Jugendkriminalität. Berge von Erziehungsratgebern erscheinen jährlich neu auf dem Büchermarkt und der steigende Absatz zeigt die hilflose Situation, in der sich Erziehende zu befinden scheinen. In dieser „allgegenwärtigen Expertokratie“3 ist die Rede von kindlichen „Tyrannen“, die nicht sein müssten4, von deliquenten Jugendlichen mit Migrationshintergrund5, von „schwierigen Kinden“, die es nicht gebe6, von einer „gestörten Gesellschaft“7 und dem schwierigen Verhältnis „zwischen Super-Mamas und Erziehungsnotsstand“8.
Es wird zu fragen sein, inwieweit die Schule – hier ist damit die staatliche Regelschule gemeint – möglicherweise selbst verantwortlich ist für sich angeblich häufende Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Und inwiefern sind die in den Schulen auftretenden Probleme symptomatisch für eine Gesellschaft, die nicht im Gleichgewicht ist?
Was soll Schule leisten – was kann sie leisten? Ist die herrschende Vorstellung von Schule vielleicht eine, die an den Bedürfnissen von Heranwachsenden vorbeisieht?
Kommt es auch heute noch zu „Seelenmorden in den Schulen“9, wie es im letzten Jahrhundert Ellen Key diagnostizierte?
Das Hentig'sche Programm, die Schule neu zu denken, soll insofern Anwendung finden, als dass nach Lösungsansätzen gesucht werden soll mithilfe historischer und neuer reformpädagogischer Ansätze – in Deutschland und darüber hinaus.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtlicher Abriss reformpädagogischer Ansätze
2.1 Jean-Jacques Rousseau
2.2 Johann Heinrich Pestalozzi
2.3 Ellen Key
2.4 Maria Montessori
3. Warum wir heute Reformpädagogik brauchen
3.1 Das Bildungs- und Schulsystem am Ende!?
3.2 Sogenannte „verhaltensauffällige Kinder“
4. Leistungsfähigkeit und Grenzen der neuen Pädagogik
5. Vertreter neuer pädagogischer Ansätze
5.1 Hartmut von Hentig
5.2 Henning Köhler
5.3 Olivier Keller
6. Möglichkeiten und Konsequenzen für die Umweltbildung
7. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch das aktuelle staatliche Regelschulsystem und hinterfragt dessen Eignung angesichts zunehmender Diagnosen von „Verhaltensauffälligkeiten“ und „Leistungsverweigerung“. Ziel ist es, aufzuzeigen, dass ein grundlegendes Umdenken weg von einer ökonomisierten Schule hin zu einer stärker am Kinde orientierten Pädagogik notwendig ist, wobei reformpädagogische Ansätze und neue Bildungsmodelle als Orientierung dienen.
- Kritische Analyse des heutigen Bildungs- und Schulsystems
- Historische Perspektive durch bedeutende Vertreter der Reformpädagogik
- Hinterfragung der Pathologisierung kindlichen Verhaltens
- Diskussion über Sinnhaftigkeit von Lernen und schulischer Erziehung
- Umweltbildung als ganzheitlicher pädagogischer Ansatz
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Bildungs- und Schulsystem am Ende!?
Was gibt aber Anlass dazu, ein Ende der Regelschule zu postulieren? Wo liegen ihre Schwächen und was verhindert, dass Kinder und Jugendliche effektiv lernen? Illich ging den wohl radikalsten Weg, den man in Bezug auf Schulkritik gehen kann: er prangerte die verschulte Gesellschaft an, in der Schule nur von vielen Institutionen sei, die genau das verhindere, was sie vorgebe anzubieten, nämlich Bildung. In seiner Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erstmals erschienenen Analyse „Entschulung der Gesellschaft“ will er die Schule als Bildungseinrichtung abschaffen, weil sie – vor dem Hintergrund einer „[...] total und totalitär gewordenen Pädagogisierung sämtlicher Lebensverhältnisse [...]“ – weder Lernen noch Gerechtigkeit (Stichwort „gleiche Bildungschancen“) fördere. Illich unterstellt der Institution Schule überdies, ein „verborgenes Curriculum“ zu haben: sie sei ein [...] Ritual bei der Einführung des Menschen in eine wachstumsorientierte Verbrauchergesellschaft [...]
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Regelschulsystems ein und stellt die Frage, ob herrschende Vorstellungen von Schule den Bedürfnissen der heranwachsenden Generationen noch gerecht werden.
2. Geschichtlicher Abriss reformpädagogischer Ansätze: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über prägende Vertreter der Reformpädagogik wie Rousseau, Pestalozzi, Key und Montessori und deren Bedeutung für eine kindzentrierte Erziehung.
3. Warum wir heute Reformpädagogik brauchen: Hier wird das aktuelle Regelschulsystem kritisch hinterfragt und die Frage erörtert, warum der Umgang mit sogenannten verhaltensauffälligen Kindern ein Umdenken erforderlich macht.
4. Leistungsfähigkeit und Grenzen der neuen Pädagogik: Dieses Kapitel diskutiert, was ein neuer pädagogischer Ansatz leisten muss, um dem Problem eines krank machenden Schulsystems zu begegnen.
5. Vertreter neuer pädagogischer Ansätze: Es werden zeitgenössische Positionen von Hartmut von Hentig, Henning Köhler und Olivier Keller vorgestellt, die alternative Wege zum staatlichen Schulsystem aufzeigen.
6. Möglichkeiten und Konsequenzen für die Umweltbildung: Der Autor erläutert, wie ein reformpädagogischer Ansatz die Umweltbildung stärken kann, um Kindern sinnhaftes Handeln in einer bedrohten Welt zu ermöglichen.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass sich die Schule zunehmend von der Aufgabe entfernt hat, mündige Bürger zu bilden, und plädiert für eine Abkehr von der bürokratischen Kompetenzorientierung hin zu einer lebendigen Bildungspraxis.
Schlüsselwörter
Reformpädagogik, Regelschule, Verhaltensauffälligkeiten, Schulkritik, Bildungssystem, Kindzentrierung, Umweltbildung, Hartmut von Hentig, Ivan Illich, Entschulung, Leistungsverweigerung, ganzheitliche Pädagogik, Sinnhaftigkeit, Erziehung, Schulversagen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen Analyse des staatlichen Regelschulsystems und der Notwendigkeit einer pädagogischen Neuausrichtung in Anbetracht moderner gesellschaftlicher Herausforderungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Reformpädagogik, die Kritik am ökonomisierten Bildungswesen, der Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und die Bedeutung von ganzheitlichen Bildungsansätzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Schwächen des heutigen Schulsystems aufzuzeigen und zu ergründen, warum ein grundlegendes Umdenken für eine menschlichere Erziehung und Bildung notwendig ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer Literaturanalyse und dem Vergleich historischer sowie zeitgenössischer reformpädagogischer Ansätze basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden geschichtliche Meilensteine der Reformpädagogik, die aktuelle Schulkritik, Porträts moderner Vertreter wie von Hentig oder Köhler sowie die Potenziale der Umweltbildung als alternative Lernform erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Reformpädagogik, Schulkritik, Verhaltensauffälligkeiten, Entschulung und kindzentrierte Bildung charakterisiert.
Warum wird der Begriff „Seelenmord“ im Zusammenhang mit Schule verwendet?
Der Begriff wird genutzt, um die destruktive Wirkung einer Schule zu beschreiben, die Kinder an genormten Standards misst und ihre individuelle Entwicklung sowie natürliche Bedürfnisse vernachlässigt.
Welche Rolle spielt die Umweltbildung in diesem Kontext?
Die Umweltbildung wird als Chance gesehen, Kindern eine sinnhafte Verbindung zur Welt zu ermöglichen und sie aus der Isolation künstlicher Lernumgebungen herauszuführen.
Warum kritisiert die Autorin die „Kompetenzorientierung“ in der Schule?
Die Kritik richtet sich dagegen, dass Bildung zu sehr auf messbare, marktkonforme Leistungen reduziert wird, anstatt die Persönlichkeitsentwicklung und Mündigkeit des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen.
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- Janka Vogel (Author), 2012, Die Regelschule am Ende, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197350