Eine praxisorientierte Analyse von Übersetzungsstrategien in einer literarischen Übersetzung

Der kanadische Roman "The Rebel Angels" von Robertson Davies in der deutschen Übersetzung von Stefanie Schaffer


Bachelorarbeit, 2014

38 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Theoretischer Hintergrund
1.1. Texttypen- und textsortengerechte Übersetzungsstrategien
1.2. Textsorte Roman und die erweiterte autorengerechte Übersetzungsstrategie
1.3. Verhältnis einer literarischen Übersetzung zum potentiellen Leser

II. Die erweiterte autorengerechte Übersetzungsstrategie in der Praxis
2.1. Textexterne Dimension
2.1.1. Der Autor und die situative Einbettung des Romans
2.1.2. Die Übersetzerin und der Übersetzungsauftrag
2.2. Textinterne Dimension
2.2.1. Translatorische Entscheidungen und Strategien der Übersetzerin
2.2.1.1. Formelemente
2.2.1.2. Semantik und Lexik
2.2.1.3. Syntax und Interpunktion

Schlussbemerkung: Die Funktionalität der erweiterten autorengerechten Übersetzungsstrategie

Liste der verwendeten Beispiele

Literaturverzeichnis

Einführung

In den letzten 20 Jahren ist das Interesse am Thema der Übersetzungsstrategien deutlich gewachsen. Die vorliegende Studie konzentriert sich auf die Untersuchung der translatorischen Strategien und Entscheidungen einer bestimmten Übersetzerin beim Übersetzen des kanadischen Romans The Rebel Angels ins Deutsche. In einem literarischen Text sind die Textelemente (wie z.B. Titel, Überschriften der Kapitel, Textkörper und darin enthaltene Inhalte) nicht streng konventionalisiert – und gerade deshalb ist es interessant herauszufinden, ob Literaturübersetzer bei ihrer Arbeit bestimmten Strategien folgen.

Hierzu beschäftigt sich zunächst das erste Kapitel mit dem theoretischen Hintergrund zum Thema Übersetzungsstrategie und ver­sucht, es in Verbindung zur Textsortentheorie zu setzen. Anschließend liegt der Fokus stärker auf der Textsorte Roman und es wird eine erweiterte autorengerechte Übersetzungsstrategie für literarische Prosatexte vorgeschlagen. Diese Strate­gie umfasst die Berücksichtigung sowohl der textexternen, als auch der textinternen Faktoren und wird als Raster für die Untersuchung des deutschen Zieltextes im zweiten Kapitel verwendet. Da es beim Literaturübersetzen nicht nur auf den Autor sondern auch ausschlaggebend auf den Leser ankommt, wurde ein Teil des ersten Kapitels (1.3.) der Empfängerpragma­tik, bzw. dem Verhältnis der Übersetzung zum potentiellen Leser gewidmet.

Das zweite Kapitel der Studie macht es sich zur Aufgabe, im Anschluss an die ausgearbeitete Theoriegrundlage, die Bei­spielstellen aus dem kanadischen Roman The Rebel Angels zu analysieren und zu beschreiben. Dabei werden die wichtigsten Schritte erläutert, die auch die Übersetzerin bei ihrer Tätigkeit gehen musste. So können ihre transla­torischen Entscheidungen nachvollzogen, beschreiben und kommentiert werden. Zunächst wird die textexterne Dimension beleuchtet, darunter werden die Angaben zum Autor und der situativen Einbettung des Ausgangstextes zusammengestellt (2.1.1.), darauf folgen die Angaben zu der Übersetzerin und die Überlegungen zum Übersetzungsauftrag (2.1.2.). Die weitere textinterne Untersu­chung (2.2.1.) wird stichprobenartig auf folgenden Textebenen durchgeführt: Formebene, lexikalisch-semantische Ebene und Syntax samt Interpunktion. Hierbei wird exemplarisch gezeigt, welche Überlegungen die Übersetzerin anstellen musste, bevor sie sich für ein bestimmtes Verfahren im Rahmen der erweiterten autorengerechten Übersetzungsstrategie entschied.

Zum Schluss werden die Erkenntnisse über die Beispiele noch einmal im Hinblick auf die erweiterte autorengerechte Übersetzungsstrategie zusammengefasst und somit ihre Funktionalität überprüft und bestätigt. Denn ein literarisches Werk gilt erst dann als adäquat und geglückt übersetzt, wenn es „den [vergleichbaren] Grad an ästhetischer Wirkung besitzt wie der Originaltext und den individuellen Stil des Autors identifizierbar macht“ (Reiß 1993: 131).

I. Theoretischer Hintergrund

1.1. Texttypen- und textsortengerechte Übersetzungsstrategien

Laut den allerersten Übersetzungsstrategien waren nur zwei Optionen vorgesehen: (1) Einbürgerung oder (2) Verfremdung. Diese „beiden grundlegenden Möglichkeiten hat bereits Schleiermacher folgendermaßen formuliert“ (Jürchott 1998: 43):

„Entweder der Übersetzer[1] lässt den Schriftsteller möglichst in Ruhe und bewegt den Leser ihm entgegen (2), oder er lässt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen (1)“ (Schleier­macher 1838: 218).

Tatsächlich war im 15. bis hin zum 18. Jahrhundert die einbürgernde bzw. die zieltextorientierte Übersetzungsstrategie beson­ders verbreitet. In Bezug darauf kann man Martin Luther erwähnen, der diese Übersetzungsstrategie forderte und seine Übersetzungen der Bibel „eindeutschte“ (vgl. Stolze 2002: 154). Auch im französischen und englischen Kultur­kreis

„sollten die Übersetzungen keineswegs den nationalen Stil und die Gattungsformen verletzen, was dazu führte, dass sie oft nicht mehr viel mit dem Ausgangstext zu tun hatten. Damals herrschte das einbür­gernde Übersetzen als kulturelle Norm vor“ (Stolze 2002: 155).

Außerdem sprach man zu der Zeit noch nicht von textsortengerechten Übersetzungsstrategien, sondern viel mehr von Übersetzungen, die einer Kultur gerecht werden sollten. So entstanden meist sehr freie Übersetzun­gen, wobei oft

„übergreifende sprachliche Merkmale wie Textgliederungsformen, Textsorten, Gattungen, Stilmittel, etwa metri­sche Formen in den Übersetzungen zielorientiert abgewandelt wurden. Man versuchte, jede Fremd­heit bis hin zur Vertrautheit zu mildern, weil man glaubte, bestimmte Textpassagen dem Leser nicht zumuten zu können, da sie anrüchig oder stilwidrig waren“ (Stolze 2002: 155).

Die Strategie lautete also „anpassen, was sich anpassen lässt, weglassen, was sich nicht anpassen lässt, und den Rest verschönern“ (Albrecht 1998, zit. nach Stolze 2002: 155), bis sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine neue Tendenz formte:

„Die Wende in der Übersetzungseinstellung kam in der Zeit der Romantik in Deutschland zu Beginn des 19. Jahr­hunderts. In der Romantik beurteilte man Kulturen zunehmend nicht mehr nach einem scheinbar absoluten, jedoch durch Verabsolutierung der eigenen Wertvorstellungen und des selbstbewussten Ge­schmacks gewonne­nen Maßstab. […] In dieser Zeit begann man im sog. ‚verfremdenden Übersetzen’ eine Möglichkeit zu sehen, dem Leser über die Sprachbarriere hinwegzuhelfen, ohne ihm dabei gleichzei­tig das ‚Befremden’ zu ersparen, das jede Begegnung mit einer andersartigen Kultur auszulösen pflegt. […] Von dann an galt die wörtlich genaue, verfremdende Übersetzung als Richtschnur, weil nur so der ‚Geist der Ursprache’ durchscheinen könne“ (Stolze 2002: 157-158).

Tatsächlich ist heutzutage zu beobachten, dass Texte viel weniger eingedeutscht werden als vor 100 Jahren, sie werden aber auch nicht vollständig verfremdet und die damals als konträr gesehene Übersetzungsstrategien, die es laut Schleiermacher „so streng als möglich“ zu trennen galt (Schleiermacher 1838: 218), werden heute vermischt eingesetzt und nicht mehr als Fehlleistung, sondern als notwendiger Kompromiss wahrgenom­men.

In den letzten Jahren ist das Interesse zur Erarbeitung differenzierter Übersetzungsstrategien wesentlich gewach­sen, vor allem aus dem Bedürfnis heraus, den kommunikativen und den rhetorischen Wert des Zieltextes zu beschreiben und den Übersetzern einen Orientierungsrahmen bei ihren Übersetzungsentscheidungen zu geben. So spricht man in der modernen Translationswissenschaft immer mehr von Übersetzungsmethoden (Reiß), -didaktik (Wilss, Prunç), -methodik (Kadric, Kaindl, Kaiser-Cooke), -modellen (Nord) und -strategien (Hönig, Kuß­maul, Beylard-Ozeroff, Kucharska). In der vorliegenden Studie wird vornehmlich der Begriff Übersetzungsstrategie im Sinne von bewusstes Handeln des Übersetzers und sein Verfolgen eines bestimmten translatorischen Ziels, zum Errei­chen dessen er sich den zugänglichen Übersetzungsverfahren bedient benutzt (vgl. Sulikowski 2007). Hierbei wird der Begriff Übersetzungsstrategie als überge­ordnet zum Begriff Übersetzungsentscheidung verwendet und verstanden als jeder einzelne Lösungsvorschlag für ein Übersetzungsproblem (was bei Prunç in Verbindung zu „Verfahren“ bzw. „Prozedur“ steht, vgl. Prunç 2003 und Sulikowski 2007).

Da es sich im Rahmen dieser Studie um eine bestimmte Textsorte handelt (literarischer Text, Roman), soll hier auf das nachhaltige Reiß’sche übersetzungsrelevante Texttypenmodell hingewiesen werden. Reiß (vgl. Reiß 1971/1983/1993) war eine der ersten deutschen Wissenschaftlerinnen, die den Vorschlag machte, „Texttypen und Translationsregeln miteinander in Beziehung zu setzen“ (Prunç 2003: 93) ­– ein Vorschlag, der sich als be­sonders ergiebig für die Entwicklung der deutschen Translationstheorie und für die Ausarbeitung der textsortengerechten Überset­zungsstrategien erwiesen hat. Reiß behauptete vor allem, dass das Lösen von Über­setzungsproblemen ohne Bezugnahme auf den Texttyp wenig produktiv sei (Reiß 1993: 5) und schlug anhand der Synthese zweier Perspektiven – der sprachwissenschaftlichen und der kommunikationstheoretischen (ausge­hend von Karl Bühlers Organonmodell) – eine übersetzungsrelevante Texttypologie vor (Reiß 1993: 17-24). So ergaben sich drei Textsorten[2], wobei jedem einzelnen eine Übersetzungsstrategie (bei Reiß „Übersetzungsme­thode“) zugewiesen wird, die durch eine „Primärfunktion“ des Textes bestimmt wird. Eine tabellarische Übersicht des Reiß’schen Modells sieht wie folgt aus:

Tabelle 1: Texttypologie nach Reiß (überarbeitet nach Reiß 1993: 20 und Prunç 2003: 96)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[3]

Hierbei tritt die Funktion von Texten als das wesentliche Kriterium für trans­lato­rische Entscheidungen auf. Die Feststellung der dominanten Textfunktion (informativ, expressiv, operativ) liefert eine erste Richtlinie dafür, welche Textelemente für die Zieltextproduktion wichtig sind (vgl. Kadric et al. 2010: 112). Im zweiten Schritt kann jedem dieser Texttypen eine Übersetzungsstrategie und eine optimale Invarianz zuge­ordnet werden (vgl. Prunç 2003: 94). Als „oberstes Gebot für die Übersetzung“ sah Reiß „die Erhal­tung der kommunikativen Funktion“, was so viel heißt wie, es „müssen jene Elemente obligatorisch vermittelt werden, die zur Erhaltung der kommunikativen [Primär-] Funktion […] unerlässlich sind. Welche Elemente davon betroffen sind, hängt in erster Linie vom Text­typ ab“ (Reiß 1993: 20).

Aus der Tabelle kann man bereits drei Übersetzungsstrategien entnehmen – diese sind bei Reiß Substrategien. Sie unterscheidet zwei Typen der Strategien, die jeweils von der Funktion der Übersetzung (im Sinne der Skopostheo­rie, d.h. ziel- und zweckorientiert) abhängig sind: Die intentionsadäquaten und die funktionsadäquaten Übersetzungsstrategien. Beim ersten Typ wird davon ausgegan­gen, dass die Intention und die Funktion des Originals mit denen der Übersetzung übereinstimmen. Darunter fallen nämlich die Substrategien: sachge­rechte, autorengerechte und appellgerechte. Beim zweiten Typ werden die möglichen weiteren bzw. vom Original abweichenden Funktionen der Übersetzung berücksichtigt und anschließend wird eine funktionsadä­quate Handlung vorgeschlagen (vgl. Reiß 1993). Da eine detaillierte Beschreibung und Darstellung dieses Konzepts den Rahmen dieser Studie sprengen würde, werden diese Strate­gien in Form einer tabellarischen Übersicht aufgeführt:

Tabelle 2: Texttypgerechte Übersetzungsstrategien nach Reiß (zusammengefasst nach Reiß 1993: 20-33)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für diese Studie ist vor allem die autorengerechte intentionsadäquate Übersetzungsstrategie von Interesse, da sie auf den zu untersuchenden Text anwendbar ist. Es bietet sich an, diese Strategie zu erweitern versuchen. Auf das Reiß’sche Texttypenmodell und die vorgeschlagenen Übersetzungsstrategien wird bis heute zurückgegriffen, obwohl es „den Entwicklungsstand der Textlinguistik zu Beginn der 70er Jahre spiegelt“ und „man sich in der Zwischenzeit in der Textsortenforschung an anderen Funktionsmodellen orientierte, insbesondere an der Sprechakttypologie von Austin und Searle“ (Prunç 2003: 97). Solche Wissenschaftler wie Hönig und Kußmaul (1991), Newmark (1995), Nord (2003) und Kadric (2010) haben mittlerweile das Reiß’sche Modell überholt, es bleibt allerdings oft unklar, worauf sich die jeweilige Übersetzungsstrategie fokussieren soll. Es scheint, als ob die meisten der Autoren zu dem Ergebnis gekommen sind, dass es einfacher sei, Übersetzungsstrategien für bestimmte Textteile zu erarbeiten und nicht verallgemeinert für einen Texttyp oder eine Textsorte[4].

Prunç betont, dass „die Äquivalenzkriterien durch Texttypologien hierarchisiert und durch eine dynamischere Kon­zeption von Äquivalenz allmählich gelockert wurden“ (Prunç 2003: 102) und fügt hinzu, dass „die praktizierenden ÜbersetzerInnen […], solange sie sich in einem Handlungsrahmen bewegen, der von diesem [präskriptiven und verallgemeinernden Modell] […] vorgesehen wird, [...] daraus den eigenen Entscheidungsrahmen für ein kulturangepasstes [und zeitgemäßes] translatorisches Handeln ableiten können“ (vgl. Prunç 2003: 103).

So schlägt er beispielsweise vor, das Folgende zu beachten: Innerhalb eines Wertesystems nach adäquaten Kriterien zur Hierarchisierung einander widersprechender Äquivalenzforderungen suchen; die Möglichkeit eines Funktionswechsels zwischen dem Ausgangstext und dem Zieltext immer zulassen; die Kulturgebundenheit äquivalenzorientierter Translationsnormen hinterfragen, den Rahmen der eigenen Kultur verlassen und nach anderen Bezugskriterien suchen (vgl. Prunç 2003: 103). Als Übersetzer dürfe man also nicht erwarten, kritisiert auch Nord, dass ein Translationsprozess immer auf simple und klare Schritte reduziert werden kann, nach dem Schema: Ein Text wird analysiert, klassifiziert und einer entsprechenden Übersetzungsmethode oder -strategie zugeordnet und schließlich übersetzt (vgl. Nord 2003: 23). Nord warnt ebenso davor dass Texte immer polyfunktional sind und dass eine eindeutige Typenzuordnung eine Illusion bzw. eine idealisierte wissenschaftliche Abstraktion sei (vgl. Nord 2003: 24). ­Dies gab zwar bereits Reiß auch zu bedenken (Reiß 1993: 19), doch hat sich dieser Gedanke keinen produktiven Ausweg in ihrem Werk gefunden. Nord hingegen plädiert für eine detaillierte Ausgangs- und Zieltextanalyse und erarbeitet konkrete Kriterien dafür. Ihrer Ansicht nach soll es vielmehr darum gehen,

„durch eine textinterne und -externe Faktoren berücksichtigende Analyse die Funktion der Übersetzung festzustellen und anhand davon übersetzerisch zu handeln. Es können dabei die bei der Übersetzung ‚zu bewahrenden’ bzw. ‚zu bearbeitenden’ Textelemente isoliert und beschrieben werden“ (Nord 2003: 24).

Daraus lässt sich schließen: Die textsortengerechte Übersetzungsstrategie hilft lediglich dem Übersetzer, eine allgemeine Richtung bei seiner Tätigkeit einzuschlagen und die Makrostruktur des Zieltextes einzu­schätzen, sie kann jedoch keine Hilfe für einzelne translatorischen Entscheidungen auf der Mikrostrukturebene leisten, dafür bedarf es einer zusätzlichen textexternen Analyse (z.B. unter Berück­sichtigung des situativen und sozialen Hintergrunds des Textes, aber auch der Orts- und Zeitpragmatik). Im folgenden Teil der Studie wird näher auf die zu behandelnde Textsorte Roman aus der übersetzungsrelevanten Perspektive eingegangen und ein Bezug auf die geeignete Übersetzungsstrategie und die notwendige Analyse genommen.

1.2. Textsorte Roman und die erweiterte autorengerechte Übersetzungsstrategie

Anhand der in Teil 1.1. aufgeführten Indizien eines expressiven Texttypen wurde deutlich, dass ein literari­scher Text ein anderes translatorisches Vorgehen als beispielsweise ein Gebrauchstext bzw. ein operativer Texttyp voraussetzt, auch wenn ein literarischer Text zum Teil auch informativ (z.B. Darstellung realer und fiktiver Sachverhalte) und apellativ (z.B. Gesellschaftskritik, Anregung zu überdachtem sozialem Handeln, oder aber auch einfach zum Lachen bringen) sein kann. Die dominierende expressive Textfunktion ist dabei entschei­dend und somit stellt eine Zuordnung des Ausgangstextes der Textsorte literarischer Text bzw. Roman für den Übersetzer keine nennenswerte Herausforderung dar. Im Rahmen dieser Studie beschränkt sich die Be­trachtung der translatorischen Strategien und Verfahren auf der schönen Literatur in Prosa.

Wie bereits erwähnt, gibt der Zugang zur Texttypologie dem Übersetzer eine erste Orientierung: sie hilft dem Übersetzer, sich über die jeweilige Textsortenkonventionen und die Gesamteinstellung beim Anfertigen einer literari­schen Übersetzung klar zu werden. Diese Gesamteinstellung ist ein Teil der von Reiß vorgeschlagenen autorengerechten Übersetzungsstrategie (Reiß 1993), wobei sich die Übersetzung an der „Korrespondenz der sprachlich-stilistischen Gestaltungsmittel“ (Kadric et al. 2010: 100) und an der damit erzielten ästhetischen Wirkung orientiert und dadurch den Autor identifizierbar machen sollte. Dieser Gedanke wird von Nord erweitert, indem sie behauptet, dass eine umfangreiche Analyse aller textexternen (situativen, pragmatischen) und textinternen (formalen, inhaltlichen) Dimensionen[5] des Werkes von besonderer Bedeutung sei (Nord 2003: 44-149). Der Übersetzer soll sich sowohl in die Tiefen des situativen Hintergrunds, als auch in die des Aufbaus und des Inhalts des Romans einarbeiten. Eine solche Vorgehensweise wird von einigen Wissenschaftlern durchaus unterstützt, wie z.B. von Keller, wenn er anmerkt, dass „das Übersetzen von Literatur eine künstlerische Tätigkeit auf wissenschaftlicher Basis“ sei (Keller 1997: 7). Auch Kucharska sieht „das Zusammenspiel der literarischen und außerliterarischen“ Gegebenheiten als „ conditio sine qua non der [literarischen] Übersetzung“ (Kucharska 2001: 6), – denn die bei einer gründlichen und bewussten Lektüre „zustande kommende Konkretisierung des Werkes“ wird anschließend von der „fundierten wissenschaftlichen Analyse des literaturgeschichtlichen Kontexts und der stilistischen Direktiven des Werkes begleitet und zum Teil verifiziert“ (ebd.). Daraus ergeben sich z.B. die „Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Stellung des Autors“ in der ZS-Kultur und ZS-Literatur, die Recherche nach der „Vorlage innerhalb des Œuvres des jeweiligen Schriftstellers, sowie die Festlegung der gattungsspezifischen Invarianzen“ (ebd.).

[...]


[1] Hier und im ganzen theoretischen Kontext des ersten Kapitels wird die maskuline Form Übersetzer generisch verstanden und umfasst natürlich beide Geschlechter. In Zitaten von anderen Autoren kommt aber auch die vermischte Form ÜbersetzerInnen vor. Das gleiche gilt für weitere maskuline Formen, wie z.B. Leser, oder Empfänger.

[2] Reiß entwickelte noch einen vierten Texttyp (audio-medial), der Indizien und Funktionen der ersten drei Texttypen aufweisen sollte, jedoch mit der Fokussierung auf „das technische Medium der Textverbreitung“ (Reiß 1993: 23) oder als deren multimediale Subsorten. Dieser Texttyp ist für diese Studie irrelevant, da die zu analysierende Übersetzung dem expressiven Texttyp und der literarischen Textsorte (Roman) entspricht, in einer klassischen gedruckten bzw. schriftlichen Form vorliegt und höchstens noch einige Züge von den restlichen zwei Texttypen aufweist (informativ und operativ), so wird hier nur auf die ersten drei Textsorten (informativ, expressiv, operativ) eingegangen.

[3] „Texttypen können noch weiter differenziert werden in verschiedene Textsorten. Diese zeichnen sich durch konventionelle Muster aus, die kulturspezifisch sind und deren Kenntnis entscheidend ist für eine den Erwartungen der ZielrezipientInnen angemessene Gestaltung des Translats“ (Kadric et al. 2010: 112).

[4] Laut Nord (2003) können oft die Grenzen zwischen den Texttypen und Textsorten nur vage gezogen werden. In diesem Teil der Studie geht es darum, eine theoretische Übersicht zu den bisher erforschten Texttypen und -sorten und den entsprechenden Übersetzungsstrategien zu geben, ohne dabei eine Erfolgsformel zusammenzustellen. Auf die relevante Textsorte ‚literarischer Text’ und die übersetzungsrelevanten Strategien wird im folgenden Teil der Studie ausführlicher eingegangen.

[5] Textexterne Faktoren: Senderpragmatik, Intention des Senders, Empfängerpragmatik, Ortspragmatik, Zeitpragmatik; Textinterne Faktoren: Textthematik, Textinhalt, Präsuppositionen, Aufbau und Gliederung des Textes, Lexik, Syntax, Suprasegmentale Merkmale, Wirkung. (Nord 2003: 44-149).

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Eine praxisorientierte Analyse von Übersetzungsstrategien in einer literarischen Übersetzung
Untertitel
Der kanadische Roman "The Rebel Angels" von Robertson Davies in der deutschen Übersetzung von Stefanie Schaffer
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln  (ITMK)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
38
Katalognummer
V280362
ISBN (eBook)
9783656762539
ISBN (Buch)
9783656762546
Dateigröße
833 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Enthält Beispiele auf Englisch.
Schlagworte
literarisches übersetzen, literaturübersetzeen, bachelor, roman, analyse, übersetzung, übersetzungsstrategien, textsorte, autorengerechte übersetzung, robertson davies, stefanie schaffer, übersetzungsmodell, strategie, literaturübersetzen, textanalyse, übersetzungsanalyse
Arbeit zitieren
Sergej Sajzew (Autor), 2014, Eine praxisorientierte Analyse von Übersetzungsstrategien in einer literarischen Übersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280362

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