Geschichte des Türkisch-Lernens in Deutschland in der Zeit von 1900 bis 1918


Bachelorarbeit, 2013

45 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung und Quellenlage

2 Historischer Hintergrund, Vorgeschichte und die Deutsch-Osmanischen Beziehungen

3 Gründe für dasTürkisch-Lernen
3.1 Militär
3.2 Wirtschaft
3.3 Kooperationen, Kultur- und Vereinspolitik
3.4 Bildung und Wissenschaft

4 Methoden des Türkisch-Lernens und Auswahl an Werken
4.1 Zielsetzung
4.1.1 Wissenschaftliche Werke
4.1.2 „Politisch-militärisch-wirtschaftliche" Werke
4.1.3 Allgemeine Werke
4.2 Aufbau und Herangehensweise

5 Probleme und Auswirkungen

6 Fazit

7 Literatur:

1 Einleitung und Quellenlage

Diese B.A.-Arbeit soll darstellen, dass bereits zu Zeiten des deutschen Kaiserreiches, insbesondere im Zeitraum von 1900 bis 1918, Interesse am Türkisch-Lernen im Deutschen Reich bestand und es verschiedene Gründe und Motivationen für deut­sche Bürger gab, die türkische Sprache zu lernen. Die historischen Hintergründe, die Entwicklungen und Gründe für das Türkisch-Lernen und die zu der Zeit zum Sprach­erwerb üblichen Methoden und Werke, aber auch die auftretenden Probleme auf­zuzeigen, soll Inhalt der vorliegenden Arbeit sein.

Ein Überblick über die deutsch-osmanischen Beziehungen und Hintergründe und die historischen Entwicklungen zu Zeiten des späten Kaiserreichs wird im zweiten Kapi­tel gegeben. Diese historischen Grundlagen werden im dritten Kapitel weiter the­matisiert, indem vor diesem Hintergrund die verschiedenen Zielsetzungen für das Türkisch-Lernen beleuchtet werden.

Im vierten Kapitel sollen die Methoden des Türkisch-Lernens aufgezeigt werden. Insbesondere soll hier ein Überblick über verschiedene zeitgenössische Lehr-, Grammatik-, Lese- sowie Wörterbücher sowie die darin enthaltenen Methoden und Inhalte gegeben werden. Außerdem sollen auch die Intentionen ihrer Verfasser be­trachtet werden.

Da im deutsch-türkischen Verhältnis immer wieder Probleme bestanden, die auch aus ungenügendem Sprach- und Kulturverständnis herrührten, sollen diese Proble­me und Auswirkungen im fünften Kapitel genauer untersucht werden.

An grundlegender Literatur für das Thema ist als Hauptwerk Germano-Turcica, hrsg. von Klaus Kreiser (Kreiser 1987a) (insbesondere der darin von ihm verfasste Artikel (Kreiser 1987b) und Zum Kennenlernen des Waffenbruders (Kloosterhuis 1987) zu nennen, daneben sind im Hinblick auf die historischen und sprachlichen Hinter­gründe die Bücher Die Türkei und Europa (Kramer/Reinkowski 2008), Das Osmani­sche Reich (Matuz 2012), Vor dem Kriegsausbruch (Schulte 1980), Kurze Einführung in das Studium der türkischen Sprachen (Hazai 1978), der Aufsatz Deutschlands Abenteuer im Orient (Fuhrmann 2012) sowie einige zeitgenössische Schriften z.B. von Ernst Jäckh relevant. Auch Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches (Palmer 1992) findet (trotz einiger Mängel)1 wegen seiner gesamtgeschichtlichen Perspektive Verwendung.

Spezifische Sekundärliteratur zum Türkisch-Lernen im Zeitraum von 1900-1918 exis­tiert wenig: dieses Thema wird nur in Passagen umfassenderer Werke behandelt.

Für das Thema werden natürlich diverse zeitgenössische türkische Lehr-, Lese-, Wörter-, und Konversationsbücher herangezogen. Zu den hier benutzten zählen (in alphabetischer Reihenfolge der Verfasser) die Werke von Carl Brockeimann (Bro- ckelmann 1916), Fawzija Abd-al-Rasid Ibrahim (Fawzija Abd-al-Rasid Ibrahim 1918), Habib Edib (Habib Edib 1916), Hakki Tefvîk [Hakki TefvÎk 21917], Henry Jehlitschka (Jehlitschka 1895), Mehmet Ali (Mehmet Ali 1917), Julius Németh (Németh 1916, 1917a, b, c), cÖmer Fä'ik (cÖmer Fä'ik 1898), Wilhelm Padel (padel 1917), Tawfiq Ahsan (Tawfîq Ahsan 1911), Gottfried Weil (Weil, G. 1917), Wilhelm Weil (Weil, W. 1916), sowie Johannes Weniger und S. Tertsakian (Weniger/Tertsakian 1916).

Weitere im Rahmen dieser Arbeit benutzte Bücher dienten insbesondere dem Ein­lesen in die Thematik und sind in der Bibliographie aufgeführt, auch wenn sie weder zitiert noch Inhalte aus ihnen entnommen wurden.

Einige aus dem Osmanischen/Arabischen/Ungarischen etc. transkribierte Namen und Titel sind in der Bibliographie in [...] doppelt angegeben, z. B. wenn sich diese in der Literatur und in ihren Werken selbst unterscheiden. So z.B. „Hakki Tefvîk" in der Form, wie er bei Klaus Kreiser geschrieben wird, im Gegensatz zu „Hacki Tewfik Ga- landzizade", wie er als Verfasser in seinem Türkisch-Deutschen Wörterbuch ge­schrieben wird. Bei türkischen Begriffen wurde versucht, die türkische statt der ein­gedeutschten Schreibweise zu benutzen „Pa§a", statt „Pascha"; in Zitaten wurde natürlich die Schreibweise übernommen.

Zum Begriff des „Türkischen" in dieser Arbeit: Das Türkische ist eine Turksprache und gehört darin zum (west-)oghusischen Zweig. Das "Osmanische" (das Osma­nisch-Türkische) war durchweg starken arabischen und persischen Einflüssen un­terworfen. Das heutige Türkei-Türkische ist erst im Zuge der Türkischen Sprachre­form entstanden,2. Da die Übergänge aber fließend und für die Thematik nachrangig sind, werden diese Unterschiede in dieser Arbeit nicht berücksichtigt und durchweg vom Türkischen gesprochen, auch wenn das Osmanisch-Türkische gemeint ist.

2 Historischer Hintergrund, Vorgeschichte und die Deutsch-Osmanischen Be­ziehungen

„Das Interesse an der türkischen Sprache und ihr Studium blicken auf Jahrhunderte zurück. Die immer enger werdenden Beziehungen zwischen den Staaten Europas und dem Osmanischen Reich, das als Großmacht jahrhundertelang ein wesentlicher Kraftfaktor war, machten es notwendig, die Eigenschaften, Kultur und Sitten der Gründer dieses Staates [...] kennenzulernen."3 Die deutsch-türkischen Beziehungen reichen bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurück und besonders in der Zeit zwi­schen 1890 und 1914 wurde dieses Verhältnis von der europäischen Mächtekons­tellation beeinflusst.4 „The most notable trend in Turkey's foreign relations prior to 1908 was the shift of diplomatic reliance from Britain to Germany in an effort to protect its territorial integrity [,..]".5 Seit dem 18. Jahrhundert, insbesondere aber am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand das Osmanische Reich nach andauerndem Machtverlust unter dem Einfluss europäischer Großmächte, insbesondere Großbritanniens, Frankreichs und Russlands, ohne selbst kolonialisiert worden zu sein. Für diesen Einfluss ohne direkten Kolonialismus hat sich zuletzt der Begriff „Semi-Kolonialismus" verbreitet.6

„Die Großmächte intervenierten bei allen Friedensverträgen, die in der Region ver­handelt wurden, zwangen der Hohen Pforte eine Handelspolitik der offenen Tür auf, forderten weitreichende Befreiung von der osmanischen Jurisdiktion und Besteue­rung, etablierten die Administration de la Dette Publique Ottomane, durch die os­manische Staatseinnahmen unmittelbar umgeleitet und ausländischen Gläubigern zugewiesen wurden, und ließen ihre Kanonenboote unaufhörlich in osmanischen Gewässern kreuzen, um die örtliche Bevölkerung in ihre Schranken zu weisen."7 In dieser Situation versuchte schließlich auch das Deutsche Reich, Vorteile aus einer engeren Bindung an das Osmanische Reich zu ziehen und den Einfluss der anderen Großmächte zurückzudrängen.8

Malte Fuhrmann fasst die Ziele der Politik des Deutschen Reiches wie folgt zusam­men: „Deutschland wetteiferte, um seinen Handel zu steigern, versuchte, seinen Teil an den Investitionen im Osmanischen Reich zu sichern, strebte danach, der lo­kalen Bevölkerung durch repräsentative Botschaftsgebäude, Kirchen, Denkmäler, Schulen und Veranstaltungen zu imponieren und entsandte Kanonenboote, wenn es Europäer in Gefahr wähnte."7 8 9

Insbesondere durch die deutsche Politik und den persönlichen Wunsch Kaiser Wil­helms II. kam es zu einer Annäherung an das Osmanische Reich. Insgesamt dreimal reiste er während seiner Regentschaft ins Osmanische Reich, zweimal vor Kriegsbe­ginn, 1889 und 1898, und äußerte dabei schon das Ziel, die muslimische Welt gegen England und Frankreich zu mobilisieren und dabei langfristig besonders Großbritan­nien zu schwächen.10 Dieser „schon vor dem Krieg gewälzte Plan, die muslimische Welt zu einem Aufstand gegen die Entente-Mächte zu bewegen und damit dem deutschen Weltmachtstreben aufzuhelfen, erwies sich jedoch als eine - vielleicht auch von der panislamischen Politik Abdülhamids II. geblendete - trügerische Hoff­nung."11 12

Insbesondere die jungtürkische Revolution von 1908 sorgte für eine deutliche An­näherung der beiden Staaten, denn neben der „Beseitigung der sultanlichen Willkür [versuchten] die mehrheitlich prodeutsch orientierten jungtürkischen Machthaber [...] - freilich vergebens - auch das osmanische Wirtschaftsleben aus dem Griff des ausländischen Kapitals zu befreien und die unerträglichen Kapitulationen zu beseiti- Nach dem jungtürkischen Staatsstreich von 1913, zu welchem eine Vielzahl im deut­schen Reich ausgebildeter Militärs beitrugen, kam es zu einer Intensivierung der Beziehungen. Die jungtürkischen Anführer, der Stabsoffizier Enver Bey und der Te­legraphenbeamte Talat Bey, hegten große Sympathien für Deutschland und insbe­sondere das deutsche Militärwesen.13 „Um die Abhängigkeit vom französischen Kapital zu lockern, versuchten die beiden Germanophilen im Triumvirat, Enver und Talat, sich in Berlin Hilfe zu holen [,..]."14 Enver Pa§a hatte im Deutschen Reich seine Erfahrungen sammeln können, als er in den Jahren 1910 bis 1911 als Militärattache an die Berliner Botschaft entsandt war.15

Insbesondere zu Beginn des Ersten Weltkriegs entwickelte sich mit dem Verbünde­ten im Deutschen Reich ein regelrechtes „Türkenfieber", wie es der Orientalist Carl Heinrich Becker bezeichnete.16

Im Deutschen Reich wurde beklagt, dass die deutsche Sprache als Verkehrssprache im Osmanischen Reich um die Jahrhundertwende keine bedeutende Rolle spielte. „Dagegen war die Beherrschung des Französischen als zweite Amtssprache Voraus­setzung für den Eintritt in den Staatsdienst."17 Selbst nach dem maßgeblich von den Deutschen vorangetriebenen und finanzierten Bau der Bagdadbahn änderte sich dies nicht, so dass Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1905 empört feststellte, dass auch beim anatolischen Teil der Bahn das Französische weiterhin die vorherrschende Sprache18 sowie Einstellungsbedingung für die höheren Stellen war, obwohl diese durchaus öfter an Deutsche vergeben wurden.19

3 Gründe für das Türkisch-Lernen

Drei Gründe stehen für das Türkisch-Lernen in dieser Zeit im Vordergrund:

- Militärische und wirtschaftliche Interessen: „Die Konjunktur des Türkisch­Lernens wurde von der engen wirtschaftlichen und militärischen Verbindung der Türkei mit den Mittelmächten hervorgerufen.20 " Das grundlegende ge­meinsame Ziel war Bündnispolitik, gegenseitige Freundschaft und Verständ­nis, wie es der damalige osmanische Botschafter Ibrahim Hakky im Jahr 1916 formulierte: „Für die Deutschen ist die Kenntnis der türkischen Sprache und für die Türken die Kenntnis der deutschen Sprache ein wichtiger Faktor, um das zwischen beiden Völkern und Staaten bestehende Band der Freund­schaft und des gegenseitigen Verstehens zu festigen."21
- Daneben haben aber auch kulturpolitische Gründe eine Rolle gespielt, die sich am ehesten an zahlreichen Vereinsgründungen ablesen lassen. Auch im Bereich der Bildung und Wissenschaft gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Gründe Türkisch zu lernen, wie enge Kooperationen auf diesem Gebiet zeigen.

Es „sticht die große Vielfalt der deutschen Aktivitäten in den unterschiedlichsten Bereichen hervor. Sie erstreckten sich von Reformen in der osmanischen Armee über große Eisenbahntätigkeiten bis hin zur Unterstützung der Musikkapelle des Sultans und zur Verwaltung der Sultansschlösser sowie diverser Anstalten. Viele Fachberater, darunter Lehrer, Buchmacher, Ofensetzer, Tischler u.s.w. arbeiteten im Dienste des Osmanischen Reiches."22

In den folgenden Kapiteln sollen nun die einzelnen Gründe für das Türkisch-Lernen näher dargestellt werden.

3.1 Militär

Militärische Gründe können wohl als wesentlich für die enge deutsch-osmanische Kooperation angesehen werden. Dabei bildeten das Deutsche Reich (und auch schon sein Vorläuferstaat Preußen) und das Osmanische Reich „ideale Verbündete", denn die anderen europäischen Großmächte verfolgten Ziele, die das Osmanische Reich schwächen sollten. Sei es wie im Falle Österreich-Ungarns, welches Interesse an einer Expansion auf dem Balkan zeigte, oder wie im Falle des Russischen Reiches, Frankreichs und Großbritanniens, die koloniale Interessen verfolgten, sei es auf rus­sischer und britischer Seite das Interesse an einer Kontrolle der osmanische Meer­engen (also des Zugangs zum Schwarzen Meer). Auch auf französischer und briti­scher Seite bestand ein Interesse an einer Ausweitung ihrer Interessensphären im arabischen Raum und im Gegensatz dazu trat das Deutsche Reich in dieser Bezie­hung neutral auf27 und verfolgte keine eigenen Machtansprüche im Orient bzw. erhob keine Ansprüche auf osmanisches Territorium.23 24

Um die Jahrhundertwende konnten die europäischen Mächte im militärischen (und wirtschaftlichen) Bereich starken Einfluss auf das Osmanische Reich ausüben. Die Briten kümmerten sich um die Ausbildung der osmanischen Flotte, während die Franzosen sich um die Aufstellung der osmanischen Gendarmerie bemühten. Vor diesem Hintergrund dauerte es lange, bis die seit 1882 begonnene deutsche Mili­tärmission an Bedeutung gewann.25 „Wenn auch die Engländer die türkische Flotte kontrollierten, so bildete doch die preußischdeutsche Militärmission [...] den Hebel und das Symbol deutschen wirtschaftlichen wie politisch-militärischen Engagements und Interesses im Osmanischen Reich, so daß auch ein Bündnis mit der Türkei in einem möglichen europäischen Krieg naheliegend erschien."26 In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde das Deutsche Reich daher der bedeutendste Verbün­dete des Osmanischen Reiches, und insbesondere Großbritannien und Russland waren von dem wachsenden deutschen Einfluss auf den Sultan zunehmend beun­ruhigt.27

Eine tragende Rolle der deutschen Militärmission spielte dabei Colmar Freiherr von der Goltz [Pa§a], der jeweils von 1883 bis 1895, von 1909 bis 1910 und von 1914 bis 1916 mit verschiedenen Aufträgen im Heer des Osmanischen Reiches agierte. Zu Beginn seines ersten Engagements war er zum Inspekteur der osmanischen Kriegs­schulen ernannt worden und stellte fest: „obwohl hier hochrangige Mitglieder der Militärmission unterrichteten, hatte Deutsch als Wahlpflichtfach aber nur eine be­grenzte Bedeutung."28 Er konnte durchaus Erfolge im militärischen Ausbildungsbe­reich vorweisen, wofür er z.B. über 4000 Seiten militärischer Hand- und Lehrbücher ins Osmanische übersetzte, und genoss im Osmanischen Reich eine hohe Wert­schätzung, wobei er sich aber auch über die Hürden der osmanischen Bürokratie beklagte.29 Er war der „Vorreiter einer neuen Interpretation, die eine tiefere Bedeu­tung der deutschen Aktivitäten im osmanischen Raum und zugleich eine stärkere Identifikation mit der Landbevölkerung erklärte."30

Auch wenn nach der jungtürkischen Machtübernahme die Beziehungen zuerst ge­fährdet schienen, da das Deutsche Reich schließlich das ancien régime unter Sultan Abdülhamid II. unterstützt hatte, kam es (auch nachdem sich ein Mangel an Alterna­tiven bei der Koalitionswahl der Europäischen Großmächte durch die jungtürkische Regierung wegen des Desinteressen der übrigen Großmächte oder durch deren ko­loniale Absichten und Wünsche zur Einflusssteigerung gezeigt hatte) insbesondere nach der zweiten Ernennung Goltz Paças ab 1909 zu einer deutlichen Intensivierung der Beziehungen.31 Dabei war seine Aufgabe die Reorganisation der türkischen Ar­mee, die ihm viel Anerkennung verschaffte, auch wenn er nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im 1. Balkankrieg 1912 stark kritisiert wurde und es in der Folge zu einer vorübergehenden türkischen Abwendung von Deutschland und Ab­lehnung alles Deutschen kam.32

Durch die Militärmission Goltz Paças wurden militärische und wirtschaftliche Ko­operationen verquickt, da Goltz Pa§a durch seine Neuorganisierung der osmani­schen Armee für einen enormen Bedarf (er verdoppelte die Größe der osmanischen Armee) an Waffen und Geschützen sorgte, was der Rüstungsindustrie im Deutschen Reich zugute kam.33

Zunehmend waren auch Offiziere in das jeweils andere Reich geschickt worden. Parallel zur deutschen Militärmission, die einige deutsche Offiziere im Osmanischen Reich vorsah, sollten „neben türkischen Offizieren, die in der deutschen Armee aus­gebildet wurden und mit den gesellschaftlichen und industriellen Leistungen des Deutschen Reiches bekanntgemacht wurden, [...] zunehmend auch Unteroffiziere einbezogen werden."34 Jedoch führte „der intensivierte Austausch türkischer und deutscher Offiziere [...] bis 1912 - und darüber täuschten sich die ausländischen Beobachter und die Türken weit mehr als die deutschen Reform-Offiziere [...] - nicht zu dem gewünschten Ergebnis. [...] Vor allem das Misstrauen des Sultan Abdul Hamids hatte Goltz' Tätigkeit eingeengt und die durchgreifende Umbildung der tür­kischen Zustände nach deutschem Muster behindert."35 Gerade Abdülhamid II. wandte sich gegen Reformen und eine Effizienzsteigerung der osmanischen Armee, insbesondere weil er dort wachsendes Umsturzpotential fürchtete, so dass deut­sche Offiziere in der Reorganisation wenig auszurichten vermochten. Erst nach der Jungtürkischen Revolution kamen auch deutsche Offiziere in direkten Kontakt mit osmanischen Soldaten und Offizieren, wodurch zwar einerseits die Effizienz des Wissenstransfers erhöht wurde, sich andererseits aber auch das direkte Konfliktpo­tential zwischen Deutschen und Osmanen steigerte.36

Eine weitere bedeutende Rolle in der deutsch-osmanischen Militärkooperation stellte die Entsendung einer deutschen Militärmission unter Generalleutnant Liman von Sanders [Pa§a] im Jahr 1913 dar. Diesem wurde das Kommando über das 1. Armeekorps in Istanbul mit weitreichenden Kompetenzen zugeteilt. Durch diese Entsendung wurde die sog. Limanskrise (oder auch Liman-von-Sanders-Krise) ausge­löst, da das Russische Reich einen Machtverlust durch die Möglichkeit einer deutsch-osmanischen Kontrolle der Meerengen und damit des Zugangs zum Schwarzen Meer und den russischen eisfreien Häfen fürchtete. Frankreich hingegen fürchtete sowohl einen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Einflussverlust im syrisch-libanesischen Raum als auch eine Niederlage im Wettlauf mit der deut­schen Rüstungsindustrie um den osmanischen Absatzmarkt. Großbritannien jedoch fürchtete einen Einflussverlust im erst 1881 eroberten Ägypten und eine allgemeine Verletzung seiner Interessenssphäre, insbesondere am unter britischer Kontrolle stehenden Suezkanal. Unter dem Druck der Großmächte lenkten das Osmanische und das Deutsche Reich ein. Das Osmanische Reich orderte erneut Waffen in Frank­reich und ließ die Flotte wiederum mit britischer Hilfe reorganisieren. Das Deutsche Reich verzichtete auf das Kommando über die Meerengen für Liman von Sanders und einen Ausbau der Befestigungen an der bulgarischen Grenze, beförderte ihn aber im Deutschen Reich zum General Das Osmanische Reich machte Sanders Pa§a zum osmanischen Marschall und gleichzeitig zum Generalinspekteur.42 Gleichwohl scheint es im Osmanischen Reich weiterhin Vorbehalte gegen die Deutschen im Allgemeinen und Liman von Sanders im Speziellen gegeben zu haben und es wurden angeblich sogar Mordpläne gegen ihn gehegt.44

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war das Osmanische Reich nicht sofort von einem Kriegseintritt an der Seite des Deutschen Reiches überzeugt. Aber die Interessen der übrigen Großmächte und deren häufig gebrochene Versprechen führten zusammen mit der Weigerung Großbritanniens, zwei für das Osmanische Reich gefertigte Schif­fe auszuliefern, schließlich zu einer Entscheidung für die Mittelmächte.37 38 39 „Zudem mag eine große Zahl von türkischen Offizieren, die eine Ausbildung in Deutschland erhalten hatten, von der militärischen Leistungsfähigkeit des Deutschen Reiches zutiefst überzeugt gewesen sein."40

Auch in Deutschland war die Stimmung vor dem Krieg nicht unbedingt pro-türkisch anzusehen, zumindest herrschte keine hohe Wertschätzung des osmanischen Staa­tes. Kaiser Wilhelm II. stand zeitweise mit seiner Freundschaft zum Osmanischen alleine da.41 Er sah auch den dringenden Reformbedarf der türkischen Armee und hatte trotz seiner freundschaftlichen Beziehungen zum Osmanischen Reich kein großes Vertrauen in dessen Zukunft und Leistungsfähigkeit. So äußerte er im Jahr 1914, dass „die Lage der türkischen Armee [...] ,vollkommen trostlos - eigentlich so zu sagen - fast unrettbar und fast hoffnungslos [sei.]."42 Dennoch lag für das Deut­sche Reich ein Bündnis mit dem Osmanischen Reich nahe, denn „das Deutsche Reich sympathisierte mit dem Osmanischen Reich auch schon deshalb unverhohlen, weil es für seine Ostpolitik das Wiedererstarken des Osmanenstaates als eine unab­dingbare Voraussetzung ansah. Gegenüber den Ambitionen der Entente-Mächte im Nahen Osten konnte nur ein starkes, territorial nicht weiter beschnittenes Osmani­sches Reich den deutschen Zugang zu den Rohstoffquellen, vor allem des arabi­schen Raumes, gewährleisten."51 Dabei ging es dem Deutschen Reich insbesondere um Erdöl43 44. Das Osmanische Reich fühlte sich vom Deutschen Reich auf Augenhöhe wahrgenommen und nicht als Ziel der Ausbeutung (trotz der durchaus vorhandenen wirtschaftlichen Interessen des Deutschen Reiches) und so führte letztlich die Über­gabe der beiden Kreuzer Goeben und Breslau (in Yavuz Sultan Selim und Midilli um­benannt) samt Besatzungen zum Bündnis mit dem Deutschen Reich und zum Kriegseintritt an dessen Seite.45

Die Intensivierung der militärischen Kooperation zeigt sich an den Zahlen der deut­schen Offiziere in der osmanischen Armee. Waren vor dem Krieg 70 Offiziere in os­manischen Diensten, stieg diese Zahl bis 1916 auf 200 an und zum Ende des Krieges waren 800 deutsche Offiziere im Osmanischen Reich tätig. Mit der hohen Zahl der z.T. in der türkischen Kultur völlig unbewanderten Offiziere stieg aber auch die Zahl der Missverständnisse und Konflikte.46

Preußen nahm in den militärischen Beziehungen zum Osmanischen Reich eine do­minante Stellung ein, nichtsdestoweniger kam es aber auch in anderen Bundesstaa­ten des Deutschen Reiches zu einer Intensivierung der Kontakte, so z. B. im König­reich Bayern, wo kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs die ersten osmanischen Of­fiziere ausgebildet wurden.47

Wie im vorigen Kapitel bereits angesprochen, hatte sich das Französische seit dem Krimkrieg von 1853 bis 1856 als westliche Hauptsprache im Osmanischen Reich ver­breitet und diente auch als Verkehrssprache zwischen Deutschen und Türken, weil bis dahin nur wenige Deutsche türkisch sprechen konnten.48 Die enge militärische Zusammenarbeit wurde in der Folge ein wichtiger Grund für das Türkisch-Lernen im Deutschen Reich. Dieses betraf aber nicht nur militärische Kader wie Offiziere und Truppen, sondern (später) auch indirekt eingebundene Personen, wie bspw. Kran­kenschwestern.49

In der Folgezeit erschienen für den militärischen Gebrauch zahlreiche Wörterbü­cher, die im Wesentlichen dem Erlernen von militärischen Fachbegriffen dienten, da man gemeinsam in die Schlacht zog und kämpfte.50 51 Die deutschen Offiziere und Soldaten erhielten aber auch während des Krieges Türkisch-Unterricht, u.a. vom später bedeutenden Turkologen Agop [Dilâçar].50 Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg ließ das militärische Interesse, Türkisch zu lernen in Deutschland nach, auch weil die deutschen Offiziere das Osmanische Reich nach dem Vertrag von Sèv­res 1920 verlassen mussten.

Das Bündnis im Ersten Weltkrieg führte aber auch allgemein zu einer weiteren In­tensivierung der Kontakte zwischen den Ländern und im Deutschen Reich schließ­lich auch zu einem starken zivilen Interesse an Sprache und Kultur der Türkei. So rief im Jahr 1915 „der deutsche Publizist Ernst Jäckh die deutsch-türkische Waffenbrü­derschaft' aus und zieht eine Linie deutsch-türkischer Freundschaft von Helgoland über Istanbul bis nach Bagdad."52 53

3.2 Wirtschaft

Das Deutsche Reich wollte zu Beginn des 20. Jahrhunderts „sein ökonomisch­politisches Interesse sichern, um seine weltpolitischen Ziele durchsetzen zu kön­nen." Einen wesentlichen Teil der wirtschaftlichen Beziehungen machte aber auch dabei die militärische Komponente, insbesondere Waffenlieferungen, aus, wie in Kapitel 3.1 bereits gezeigt wurde.64

[...]


1 Hess 1994, S. 549-550.

2 vgl. Hazai 1978, S. 9-10.

3 Hazai 1978, S. 9-10.

4 Türk 2012,S. 171.

5 vgl. Criss 2008, S. 549 [„Der bemerkenswerteste Trend in den Außenbeziehungen der Türkei vor 1908 war der Wechsel des politischen Vertrauens von Großbritannien zu Deutschland im Bemühen die territoriale Integrität zu wahren [...]"]

6 vgl. Fuhrmann 2012, S. 12.

7 Fuhrmann 2012, S. 13.

8 vgl.KRElSER1987b,S. 98.

9 Fuhrmann 2012 13-14.

10 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 83.

11 Kramer/Reinkowski 2008, S. 83.

12 Matuz 2012, S. 253.

13 vgl. Matuz 2012, S. 256.

14 Matuz 2012, S. 260.

15 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 85.

16 vgl. Essner/Winkelhane 1988, S. 157-158.

17 Kreiser 1987b, S. 98.

18 vgl. Kreiser 1987b,S.98.

19 vgl. Alkan 2003, 55

20 Kreiser 1987b,S.98.

21 Habib Edib 1916, S. V.

22 Alkan 2003, S. 44.

23 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 81.

24 vgl. Alkan 2003, S. 34.

25 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 85.

26 Schulte 1980, S. 11.

27 vgl. Matuz 2012, S. 251

28 Kreiser 2009, S. 32.

29 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 85.

30 Fuhrmann 2012, S. 22.

31 vgl. Fuhrmann 2006, S. 247.

32 vgl.ScHULTE 1980,S.ll-32.

33 vgl.TÜRK 2012,S. 173.

34 Schulte 1980, S. 22.

35 Schulte 1980, S. 20.

36 vgl. Demm 2009, S. 224-226.

37 vgl. Matuz 2012, S. 260-261.

38 vgl.PALMER1992,S.319.

39 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 85.

40 Kramer/Reinkowski 2008, S. 82.

41 vgl. Palmer 1992, S. 318-319.

42 Kramer/Reinkowski 2008, S. 85.

43 Matuz 2012, S. 256

44 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 86.

45 vgl.PALMER 1992,S. 323.

46 vgl. Kramer/Reinkowski 2008, S. 86.

47 Kreiser 1991, S. 273.

48 vgl. Kreiser 1987b,S.97.

49 z.B. Georg Jacob: Aushilfe-Vokabular für Marine und Krankenschwestern. o.O. 1916, vgl. Dammer 1987, S. 113.

50 vgl. Kreiser 1987b, S. 98.

51 vgl. Kreiser 1987b, S. 97.

52 Kramer/Reinkowski 2008, S. 81.

53 vgl.TÜRK 2012,S. 171.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Geschichte des Türkisch-Lernens in Deutschland in der Zeit von 1900 bis 1918
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Turkologie und Zentralasienkunde)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
45
Katalognummer
V540658
ISBN (eBook)
9783346180407
ISBN (Buch)
9783346180414
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, Osmanisches Reich, Kaiserreich, Sprachwissenschaft, Wörterbücher, Erster Weltkrieg, Weltkrieg, Turkologie, Deutsch-Türkische Beziehungen, Interkulturell, Sprachen lernen, Türkisch, Fremdsprachenkompetenz, Jungtürken, Militär, Kulturwissenschaft, Türken, Osmanen
Arbeit zitieren
Bernhard Weidenbach (Autor), 2013, Geschichte des Türkisch-Lernens in Deutschland in der Zeit von 1900 bis 1918, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540658

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