Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung Seite 3
1. Das Inzesttabu als kulturbildendes Element Seite 3
1.1 Psychoanalyse: Ödipus und
das Tabu des Totemismus Seite 3
1.2 Lévy-Strauss: Zwischen Natur und Kultur Seite 5
2. Zum Roman Der Zementgarten von Ian McEwan Seite 6
2.1 Plot Seite 6
2.2 Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen
innerhalb der Familienkonstellation Seite 7
3. Die ödipalen Konstellationen Seite 8
3.1 Der Kampf zwischen Vater und Sohn Seite 8
3.2 Die Schwestermutter Seite 10
4. Die Regression nach dem Tod der Eltern Seite 11
4.1 Der Zusammenbruch der alten Strukturen Seite 12
4.1.1 Das Bruderschwesterbaby Seite 13
4.2 Der paradiesische Sündenfall Seite 14
4.2.1 Die matriarchalische Traumzeit Seite 15
5. Zusammenfassung Seite 15
Literaturverzeichnis Seite 17
2
0. Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des Seminars Kriminelle Paare der Weltliteratur entstanden und beschäftigt sich explizit mit dem Werk Der Zementgarten von Ian McEwan. In diesem 1978 veröffentlichten Roman wird mit zur Hilfenahme des Inzestmotivs eine Gegenwartskritik gesellschaftlicher Verhältnisse übermittelt.
Dieses Motiv wird in der Dichtung häufig dafür benutzt „eine künstlerische Gestaltung des Möglichen jenseits der bestehenden Normen“ zu inszenieren, da gerade seine Ambivalenz von Verbot und Begehren das Interesse seiner Beschäftigung begründet. 1 Durch Missachtung des Inzesttabus ist in der Literatur die Möglichkeit gegeben, eine Diskussion über die Gesetzlichkeit zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie Staat, Familie und Kultur zu führen.
Trotz oder gerade wegen der stattfindenden Auflösungserscheinung tradierter Familienkonstellationen (Mutter, Vater, Kind) als kontinuierliche Lebensgemeinschaft, wird die Thematik des Inzests in der Gegenwartsliteratur weiterhin bearbeitet. Anhand dieses Sujets kann so beispielsweise das Innenleben von Familie und Gesellschaft seziert werden. Neben zahlreichen literarischen Schriften haben auch zwei große Metatheorien die Thematik ins Zentrum ihrer Abhandlung über gesellschaftsbildende Bedingungen gerückt. Diese beiden, von Freud und Lévy-Strauss stammenden, theoretischen Positionen finden im Roman zwar nicht ihre eindeutige Verarbeitung, doch lässt sich eine gewisse Intertextualität nicht leugnen. Daher werden sie auch als Einstieg in die Inzestthematik des Werkes verwendet. Anschließend folgt eine kurze Darstellung der Handlung sowie der patriarchalischen Familienkonstellation, da die Fluchtbewegung der Protagonisten aus den gesellschaftlichen Bedingungen nur über die Einbeziehung dieses auf sie bedrückend und beängstigend wirkende Familienverhältnis nachzuvollziehen ist. Der weitere Verlauf widmet sich der Schwerpunktsetzung der Arbeit: der Auseinandersetzung mit dem Inzestmotiv. Abschließend werden meine Beobachtungen noch einmal zusammenfassend dargestellt.
1. Der Inzesttabu als kulturbildendes Element 1.1 Psychoanalyse: Ödipus und das Tabu des Totemismus
Als einer der ersten Wissenschaften stellt die freudsche Psychoanalyse den Inzest an den Anfang der Menschheitsentwicklung. In seiner 1913 erschienenen kulturphilosophischen Abhandlung Totem und Tabu versucht Freud „die verdrängte und vergessene Geschichte des
1 Vielhauer, Inge: Bruder und Schwester. Untersuchungen und Betrachtungen zu einem Urmotiv zwischenmenschlicher Beziehung. Bonn 1979, S. 156.
3
Subjekts zu rekonstruieren und zugleich eine Aussage über den Eintritt des Subjekts in die Ordnung von Lust und Begehren“ zu treffen. 2 Zur Veranschaulichung konstruiert er hierfür einen Mythos über den Konflikt zwischen rivalisierenden Söhnen und ihrem Vater. Er beschreibt den menschlichen Urzustand der Urhorde, in der die Familie in einem promiskuitiven Verband zusammenlebt und angeführt wird von einem tyrannischen Vater, der das alleinige Anspruchsrecht auf die weiblichen Familienmitglieder besitzt. Die Söhne verbünden sich in ihrer Unzufriedenheit, töten und verspeisen anschließend den Vater. Dem Vatermord folgt statt Anarchie, aus Notwendigkeit und ihrem Schuldbewusstsein geboren die Kultur des Totemismus. Das totemistische Gesetz verbietet eine sexuelle Verbindung zwischen Familienmitgliedern und kann als erste menschliche Religion gewertet werden, aufgrund derer eine gegenseitige Ausrottung durch Machtkämpfe verhindert wird. „Mit der Stiftung der Exogamie akzeptieren die Brüder [zudem] nachträglich das Verbot des toten Vaters.“ 3
Das Tabu des Totemismus ist nicht das natürliche Ergebnis von Einsicht, sondern sekundär zur psychischen Verarbeitung des Vatermordes entstanden. Freud, der die Ansicht vertrat, „daß ein natürlicher Instinkt [im Menschen] zum Inzest treibt“ 4 , findet somit eine kulturelle Begründung für die gesellschaftliche und sittliche Ordnung. Denn durch Sublimierung der Triebe wird die Entstehung einer Kultur erst ermöglicht. Ebenso stellt sich Freud mit Totem und Tabu der Aufgabe die verbindende Leerstelle zwischen den individuellen Ödipuskomplex und der Entstehung der menschlichen Kultur zu besetzen, denn für ihn hat sich „das totemistische System […] aus den Bedingungen des Ödipus-Komplexes ergeben“. 5 Die Tötung initiiert somit nicht nur den Beginn des Inzesttabus, sondern verbindet sich gleichzeitig mit dem Ödipuskomplex, da das Begehren des Sohnes nach den weiblichen Familienmitgliedern trotz oder gerade durch das Tabu des Totemismus weiterhin existiert. Überdies führt der in der Urszene beschriebene erste Vatermord zur Individuation des Sohnes. In der Entwicklung der menschlichen Seele löst sich das Kind in der ödipalen Phase allmählich von der Mutter und bildet seine eigene Identität aus. 6 Eine Störung dieses Prozesses der Subjektwerdung vom Menschen führt zum Ödipuskomplex. Auf eine präzise Darstellung des Komplexes muss an dieser Stelle aus Platzmangel jedoch verzichtet werden.
2 Hof, Dagmar von: Familiengeheimnisse. Inzest in Literatur und Film der Gegenwart. Köln u. a. 2003, S. 63.
3 Grabbe, Katharina: Geschwisterliebe. Verbotenes Begehren in literarischen Texten der Gegenwart. Bielefeld
2005, S. 29.
4 Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Frankfurt a. M. 1991, S. 177.
5 Ebd. S.186.
6 Freud bezieht sich in seiner Forschung allein auf den Mann.
4
1.2 Lévy-Strauss: Zwischen Natur und Kultur
Levy-Strauss versucht in seiner ethnologischen Studie Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949) die Frage nach dem Ende der Natur und dem damit verbundenen Beginn der Kultur des Menschen zu beantworten. Dabei entdeckt er die universale Struktur des Inzesttabu, weist deren duale Attribute zweier einander ausschließende Ordnungen (Natur und Kultur) nach, die eine der Grundstrukturen der menschlichen Existenz bilden. „Das Inzestverbot hat weder einen rein kulturellen noch einen rein natürlichen Ursprung; es ist auch keine bunte Mischung von Elementen, die teils der Natur, teils der Kultur entlehnt sind. Es ist der grundlegende Schritt, dank dem, durch den und vor allem in dem sich der Übergang von der Natur zur Kultur vollzieht. In gewissem Sinn gehört das Inzestverbot der Natur an, denn es ist eine allgemeine Voraussetzung der Kultur; daher dürfen wir uns nicht wundern, daß es einen formalen Charakter, die Universalität, von der Natur bezieht. Doch in einem anderen Sinn ist es bereits Kultur, da Phänomene, die nicht in erster Linie von ihr abhängen, einwirkt und ihnen seine Regel aufzwingt.“ 7
Das Inzesttabu vereinnahmt somit eine Schwellenposition und stellt eine der wenigen universalen Regeln dar. 8 Der Übergang des Menschen von der Naturordnung in die menschliche Kultur kann sich hier nur über die Einhaltung des Verbots verwirklichen. Dafür muss er jedoch eine soziale Situation eingehen, in der er zum Austausch der Frauen gezwungen wird.
Das Inzesttabu und das damit einhergehende System des zirkulären Tausches, in dem die Frauen wie Zeichen und Werte zwischen den Familien kursieren, werden das Mittel, das der Kommunikation ähnlich wie Sprache dient. Das Verbot ist somit kein natürlicher (erbbiologischer) Instinkt, sondern durch die sozialen Vorteile der Exogamie, ein kulturelles Bedürfnis. Die Missachtung des Tabus würde die menschliche Ordnung in den Naturzustand (Chaos) zurückfallen lassen. „Der Inzestwunsch weist [somit] auf die Liebe als ungebändigte Naturkraft hin, die sich gegen die soziale Ordnung stellt.“ 9 Er ist Ausdruck der Sehnsucht nach einer Existenz ohne Verbote und Trennung von weiblichen Familienangehörigen. Denn eine Fremdverbindung ist hier ausgeschlossen und das Liebste darf behalten werden. Weiterhin ist Lévy-Strauss der Ansicht im Inzest den „Wunsch nach Chaos und Aufhebung jeglicher Ordnung überhaupt“ erkennen zu können, der von Zeit zu Zeit vom Menschen Besitz ergreift. 10 „Diese Sehnsucht nach uneingeschränkter Selbstverfügung und Sprengung
7 Lévy-Strauss, Claude: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Frankfurt a. M. 1993, S. 73.
8 Vgl. ebd. S. 52f.
9 Schoene, Anja Elisabeth: „Ach, wäre fern, was ich liebe!“. Studien zur Inzestthematik in der Literatur der Jahrhundertwende (von Ibsen bis Musil). Würzburg 1997, S. 21.
10 Vielhauer, 1979, S.155.
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Anika Resing, 2006, Das Inzestmotiv als Gesellschaftskritik in 'Der Zementgarten' von Ian McEwan, Munich, GRIN Publishing GmbH
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