2 Buser/Ruedin
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Grundlegendes 3
2.1. Definitionen 3
2.2. Vor- und Nachteile. 4
3. Mediatisierung 5
3.1. Veränderungen. 5
3.2. Glaubwürdigkeit. 6
4. Linguistische Aspekte 6
4.1. Stark geprägte Mündlichkeit. 6
4.2. Huhn vor Ei? 8
4.3. Hierarchie versus Egalität. 9
5. Gender 11
6. Schlußwort. 12
7. Verzeichnisse. 13
7.1. Verwendete Quellen. 13
7.2. Weiterführende Literatur 14
8. Anhang 17
8.1. Beispiel einer Netiquette 17
8 2 Beispiel von Ideogrammen aus vorelektronischer Zeit 18
e-mail - der Zwitter 3
1. Einleitung
Auch wenn der Gebrauch von e-mail stark verbreitet ist, ist oft nicht klar, wodurch sich e-mail von anderen Medien abgrenzt - oder gar abgrenzen läßt. Ist das e-mail der künftige Nachfolger des Briefes oder ein «neues», ergänzendes Medium? Von solchen Fragen ließen wir uns anfänglich ebenso leiten, wie von derjenigen, ob die These stimme, e-mail forciere den Sprachwandel. Dabei zeigte es sich sehr bald: Jedermann meint die Antworten zu kennen, und eine erste Recherche im Internet bracht eine sehr große Anzahl Treffer zur Technik des e-mails. Viele Thesen entpuppten sich als unbelegte Behauptungen.
In dieser Arbeit klammern wir die technischen Aspekte aus. Nach einer Definition des e-mails suchten wir seinen Platz im Prozeß der Mediatisierung, um dann auf linguistische Aspekte zu sprechen zu kommen. In diesem Kapitel kommt ein Großteil der eingangs angetönten Fragen zur Sprache. Dabei haben wir versucht, uns eng an die uns zugängliche Literatur über die aktuelle e-mail-Forschung zu halten, auch wenn die meisten aufregenden Thesen des ‹Mannes von der Straße› damit vor der Türe bleiben mußten. In einem dritten Teil geht es um die soziale Geschlechterrolle (gender) bei der Anwendung von e-mail.
Auffallend ist die große Ähnlichkeit des e-mails mit anderen Medien. Dazu seien zwei Bemerkungen dem Schlußwort vorweggenommen: Primo ist das e-mail ein Medium wie manch' anderes auch. All zu große Luftsprünge dürfen sich da trotz des großen digitalen hype Ende der 1990er-Jahre nicht erwarten lassen. Und secundo werden wir im Laufe der Arbeit nur zwei kleine Merkmale finden, welche nur beim e-mail zu beobachten sind. Sollte die Arbeit gar vielschichtig erscheinen, erinnern wir mit Dürscheid daran, daß sich «keine pauschalen Aussagen» 1 über ‹das› email machen lassen.
2. Grundlegendes
2.1. Definitionen
Die Definition des Begriffs e-mail ist in der Literatur nicht einheitlich, da die Zugänge von verschiedenen Seiten erfolgen. So geht Huber die Definition aus mündlich-anwenderorientierter Sicht an und spricht von einem sprachlichen Mittelding zwischen SMS und chat. 2 Dem steht die brieforientierte 3 Sicht entgegen, wie sie von Dürscheid und anderen vertreten wird. Von der aktuellen e-mail-Forschung ausgehend, welche vor allem in ihren Anfängen zwischen 1994 und 1998 das e-mail vom Brief abzugrenzen versuchte, 4 aber seit 2002 die Gemeinsamkeiten erkennt
1 Dürscheid, S. 6.
2 Huber, S. 3.
3 Unter Brief wird hier ohne weitere Definition der klassische Brief verstanden, unabhängig davon, ob er in einem Couvert, per Telefax (Fernkopie), elektronisch (als Anhang eines e-mails oder per ftp) oder anderweitig versandt wird.
4 Vergleiche Günther/Wyss [in Hess-Lüttich, u. a.] oder Pansegrau [in Weingarten].
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und hervorhebt, 5 muß die Abgrenzung des e-mails vom Brief als terminologisch nicht korrekt bezeichnet werden, da das e-mail ein Brief ist. 6 Die Abgrenzung wurde nur schon dadurch schwierig, nachdem 1998 e-mail von Runkehl/Schlabonski/Siever als eine «in der Praxis [. . .] auf schnellere Kommunikation reduzierte Briefpost» 7 definiert worden war. Dem folgte die Definition als ‹schriftliches Telefon› 8 im Jahre 2003. Dies bedeutet nach Höflich, daß e-mail je nach dem briefartig oder telefonartig sein kann. An dieser Stelle muß darauf hingewiesen werden, daß das email diese Zwitterstellung bis auf den heutigen Tag innehat, auch wenn es je länger desto mehr Funktionen des Briefes übernimmt. 9
Der Unterschied zum Brief besteht zweifelsfrei darin, daß der gesamte Weg der e-mail- Kommunikationüber ein einziges Medium verläuft, wie Dürscheid bereits 2003 feststellte. 10 Auch fehlt ein materiell übermittelter Zeichenträger. 11 Daraus leiten wir die folgende Definition ab: Ein email ist ein Brief, der am Bildschirm verfaßt, versandt und gelesen wird - und dessen Inhalt im Hauptfeld des e-mails übertragen wird. Somit werden die als Anhänge (attachement) versandten Briefe zwar ausgeschlossen, da sie jedoch den Kriterien des Briefes entsprechen, müssen diese aus dem brieflichen Blickwinkel betrachtet werden, weshalb sie nicht Bestandteil dieser Arbeit sind. 12
2.2. Vor- und Nachteile
Die über 35jährige Geschichte des e-mails 13 ist nicht Bestandteil dieser Abhandlung. Auch technische Aspekte 14 bleiben weitgehend ausgeklammert. Nur kurz sollen die Vor- und Nachteile des e-mails in einem kleinen Exkurs in Erinnerung gerufen werden. Zu den Vorteilen 15 gehören:
• geringer Aufwand
• weltumspannende Überwindung der Orts- und Zeitgebundenheit • Schnelligkeit • günstiger Preis 16
Dem gegenüber stehen eine Reihe von Nachteilen:
• technische Ausrüstung wird benötigt • Zugangsanbieter (provider) wird benötigt • Mißbrauch (Viren, Spam) • Einschränkung: nur virtuelle Beilagen • Informationsflut (newsletter, Spam) • Schwierigkeit, Prioritäten zu setzen
• Tendenz, Verantwortung abzuschieben (weiterleiten = forwarding) • Qualität der Sprache
5 Zum Beispiel Schmitz [in Ziegler/Dürscheid] oder Elspaß [in Schmitz/Wyss].
6 Dürscheid, S. 3.
7 Zitiert nach Dürscheid, S. 5.
8 Joachim Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 55.
9 Dürscheid, S. 4.
10 Dürscheid, S. 3.
11 Dittmann, S. 1.
12 In Anlehnung nach Dürscheid, S. 4, Fußnote.
13 Zur Geschichte siehe u. a. Runkehl/Schlobinski/Siever.
14 Vergleiche Beutner, Bittner oder Voigt.
15 Vor- und Nachteile nach Knill, S. 3-4.
16 Beim Preis sind regional durchaus markante Unterschiede festzustellen, was vermutlich vor allem auf wirtschaftspolitische Gründe zurückzuführen ist.
e-mail - der Zwitter 5
Diese Vor- und Nachteile lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Einerseits technische, bei welchen oft ein Punkt entweder zum Vor- oder Nachteil gereicht. Als Beispiel muß genügen: Ist die technische Ausrüstung vorhanden, resultiert daraus ein geringer Aufwand. Andererseits gibt es eine Reihe von Nachteilen, welche in erster Linie damit zusammenhängen, wie der Nutzer das Medium nutzt. Sie hängen also nicht vom Medium selbst ab, sondern von den Kompetenzen dessen Nutzers.
3. Mediatisierung
3.1. Veränderungen
Wenn der Mensch Medien verwendet, stehen dahinter immer eine Anzahl von Praktiken. Die Kultur der Vermittlung basiert nach Höflich nicht allein auf der Verwendung eines Mediums, 17 sondern in umfassender kommunikativer medialer Aktivität. 18 Und Bausinger ergänzt: «Wer sich [. . .] sinnvoll mit dem Gebrauch von Medien auseinandersetzt, muß verschiedene Medien ins Auge fassen, er muß rechnen mit dem Medienensemble, mit dem heute jeder umgeht.» 19 Ergo kann von einem Prozeß der Mediatisierung gesprochen werden. Um die räumlichen, zeitlichen und ausdrucktechnischen Begrenzungen der menschlichen Kommunikation 20 stetig zu verringern, wurden im Verlaufe der Zeit immer neue Kommunikationsmedien entwickelt, welche die Anwendungsbereiche der alten Medien zum Teil veränderten, ergänzten oder übernahmen. Dadurch, daß jedoch nicht jedes neue Medium ein altes komplett ersetzt, wird unser gesellschaftliches Leben mehr und mehr von Medien mitbestimmt. 21
Die Telematisierung ist ein spezifischer Teil dieser umfassenden Mediatisierung. 22 Dabei geht es konkret um die Entwicklung der Medien der Fernkommunikation, wozu auch das e-mail gehört. Als ein solches Medium hat es den Prozeß der Mediatisierung und auch die gesellschaftlichen Anwendungen der Medien geprägt. Inwiefern das e-mail Veränderungen an der Sprache und interpersonalen Beziehungen herbeigeführt hat, wird später untersucht. Trotz stetem Wandel und Veränderung bleiben sich aber gewisse Gegebenheiten gleich; so die Reziprozität, das Prinzip der Gegenseitigkeit, die auf die Kommunikation bezogen besagt, daß wer viel schreibt, auch viele Antworten bekommt. 23 Auf der medialen Seite wird die Reziprozität so verstanden, daß eine Kommunikation innerhalb ein und desselben Mediums bleibt. Seit dem Aufkommen der elektronischen Medien hat sich dieses Verhalten jedoch geändert, so wird zum Beispiel ein SMS heute gerne mit einem e-mail beantwortet. 24
17 Hervorhebung durch uns.
18 Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 40.
19 Bausinger, S. 32/33, zitiert nach Höflich/Gebhardt.
20 Schulz, S. 2.
21 Nach Höflich [in Höflich/Gebhardt], S. 41 in Anlehnung an Krotz.
22 Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 41.
23 Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 57; Aussage, welche durch Ergebnisse von Studien belegt ist, auch wenn Briefschreiber manchmal andere Erfahrungen machen; vgl. Mortensen (1972).
24 Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 57; Es gilt auch: Wer viele SMS verschickt, schreibt auch mehr e-mails und eher Briefe.
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3.2. Glaubwürdigkeit
Als Folge der ständigen, dabei aber auch wechselnden Beeinflussung der Medien auf den Gebraucher kann ermittelt werden, inwiefern sich dessen Meinung und Neigung gegenüber einem Medium verändert. Ganz konkret betrachten wir hier, für wie glaubwürdig eine Mitteilung eingeschätzt wird, die mit dem Medium e-mail vermittelt wird. Zum Vergleich werden die Glaubwürdigkeit von Telefon 25 und Brief herangezogen.
insbesondere des Festnetztelefones (1.1%) liegen. Im direkten Vergleich Brief und e-mail wird vor allem das Briefgeheimnis genannt, welches auch bei Jugendlichen «besonders hoch eingeschätzt wird und dem Brief eine Qualität zukommen läßt.» 31 Über diese Qualität verfügt e-mail nicht. Zudem haben die Massen von Spam und Werbemails, die täglich in alle e-mail-Briefkästen geraten, dem e-mail als glaubwürdiges Medium bestimmt auch geschadet.
4. Linguistische Aspekte
4.1. Stark geprägte Mündlichkeit
Die Schnelligkeit des e-mails wird durch seine stark geprägte Mündlichkeit deutlich herausgehoben. Höflich geht dabei sogar soweit, den deutschen Beredsamkeits-Theoretiker und Philosophen des 18. Jahrhunderts, Christian Fürchtegott Gellert 32 , als «einen Vordenker einer von allen Zwängen entbundenen elektronischen Post» 33 zu sehen, weil dieser den Brief schon immer als ein Redesubstitut, respektive als ein ‹schriftliches Gespräch› gesehen habe und als Vordenker des ‹schreibe so wie du redest› gälte. Vor allem der Gebrauch des e-mails in einer Art und Weise, wie sie weiter oben als ‹schriftliches Telefon› genannt wurde, weist die Typika der mündlichen Kommunikation auf. Dabei nimmt die Mündlichkeit Einfluß auf den Schreibstil, sodaß de facto eine Mischung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit auftritt, 34 wobei die Kommunikate meist dem
25 Das Mobiltelefon wurde separat erhoben und wird hier nicht miteinbezogen.
26 Buser/Ruedin, basierend auf Angaben aus dem Jahre 2001 von Höflich/Gebhardt, S. 45.
27 45.1% glaubwürdig und 51.6% sehr glaubwürdig ergeben 96.7% von mindestens glaubwürdig.
28 53.2% glaubwürdig und 38.6% sehr glaubwürdig ergeben 91.8% von mindestens glaubwürdig.
29 44.1% glaubwürdig und 40.9% sehr glaubwürdig ergeben 85.0% von mindestens glaubwürdig.
30 Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 46.
31 Ebenda.
32 Zu Gellert siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Fürchtegott_Gellert [4. Juli 2006].
33 Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 39.
34 May/Werner, S. 2.
e-mail - der Zwitter 7
Gespräch zuzuordnen sind. 35 Das hängt auch vom geringeren Planungsgrad ab, denn je geringer dieser ist, desto stärker die Abweichung von der Norm von distanzsprachlichen Texten. 36 Am deutlichsten zeigt sich dieser diskursive Charakter beim direkten Quoting, einer Technik, die für herkömmliche Briefe so nicht üblich ist. Dittmann neigt dazu von einem Pseudo-Dialog zu sprechen. 37 Wie Dürscheid 38 ausführt, wird dabei auf eine einführende Bezugnahme verzichtet, sondern die Bezugnahme direkt in den eingerückten erhaltenen Text auf die nächste Zeile geschrieben. Dieses Merkmal spielt sich auf einer äußerst pragmatischen Ebene ab. 39 Die dabei vorkommenden Adjazenzellipsen 40 , typisch für Alltagsgespräche, unterscheidet Klein für die direkte Quote-Technik wie folgt:
•
«Frage-Antwort-Paare
•
Korrekturen
•
Bestätigungen
•
parallele Fortführungen Außer dem genannten direkten Quoting, einem Dialog ex post, 42 zeigt sich die Mündlichkeit dieses schriftlichen Mediums 43 in der Verwendung von Regionalismen (respektive auch von Dialektwörtern oder ganzen Sätzen, die mehr oder weniger dialektaler Syntax folgen) und umgangssprachlichen Ausdrücken. Gerade diese Wortwahl suggeriert eine große Nähe, was zu einer neuen Skalierung der Nähe-Distanz-Spanne führt. 44 Außerdem unterstreicht dies die Schnelligkeit des Mediums. Das bereits erwähnte Quoting kommt auch in abgeschwächter Form (indirekt) vor, wenn der ganze Text zu Beginn oder zum Schluß eingerückt wird. Des weiteren gehört die beim Antworten automatisch ausgefüllte Betreffzeile, die dann mit «Re:» oder «AW:» beginnt ebenfalls in den Bereich der Intertextualität, 45 was ebenfalls die Dialogität und somit die Mündlichkeit hervorhebt. Durch den Wegfall des Verbativen entsteht auf der Beziehungsebene ein Mangel. 46 Dieser Wegfall von sichtbaren Beziehungsaspekten wird versucht mit dem Einsatz von Ideogrammen wie Emotikons, Majuskeln, emulierte Prosodie 47 und aus Buchstaben erzeugten Bildern 48 zu kompensieren. Es handelt sich hier, wie auch bei den verwendeten Formulierungen, um einen sichtlich spielerischen Umgang mit der Sprache.
35 Huber, S. 1.
36 Dittmann, S. 3.
37 Dittmann, S. 6.
38 Dürscheid, S. 10.
39 Dürscheid, S. 13.
40 «Kombinierte Subjekt- und Verbtilgungen [. . .] sind eine Form der Ellipse, die der konzeptionellen Mündlichkeit zuzuordnen ist, und zwar typischerweise als Adjazenzellipse. Sie beruhen in der Regel auf einer impliziten Übernahme der syntaktischen Struktur der initiierenden Äußerungen; Standardbeispiel ist die [. . .] elliptische Antwort auf eine w-Frage: ‹Wie viele Räder hat ein Auto?[ ›] - [‹]Vier.›» [Dittmann, S. 14]. Bei Adjedanzellipsen ist der respondierende Beitrag grammatisch unvollständig; einer sprachlichen Ausprägung nähesprachlicher Syntax. [Dittmann, S. 7].
41 Klein, S. 768.
42 Dittmann, S. 6.
43 Das Folgende dieses Abschnittes, sofern nicht anders referenziert, nach Stichworten von May, S. 5.
44 Dürscheid, S. 12.
45 May/Werner, S. 5.
46 Owens/Neale; in: Höflich/Gebhardt, S. 192; siehe auch Dittmann zur minimal ausgeprägten somatischen Dimension der Kommunikation.
47 Von to emulate = nacheifern. Beispiel: «Es tut mir leid, daß ich mich mit der Antwort sooo verspätet habe.» [nach Dittmann, S. 9].
48 Vergleiche mit der Abbildung auf der folgenden Seite. Quelle: ascii.wm.net [4. Juli 2006].
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Dürscheid
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weist zu Recht noch auf den Punkt der
Flüchtigkeit hin. Wie auch bei manchem kurzen Telefonat ist es wichtiger, daß kommuniziert wird, denn wie. Beim e-mail äußert sich dies etwa in unkorrigierten Flüchtigkeitsfehlern, zu rasch abgesandten Mitteilungen, der Verwendung von Abkürzungen, Assimilations-, Reduktionsformen, Satzabbrüchen oder der Kleinschreibung. Gerade letzteres hält sich nach unseren Beobachtungen bei einigen Absendern, zum Teil sogar in der Geschäftswelt, hartnäckig und bar jeder Netiquette 50 , während es auf Seiten der Empfänger meist nur in sehr eingeschränktem und informellem Rahmen
goutiert wird, eine wissenschaftlich nicht fundierte Beobachtung, welche zumindest durch eine nicht repräsentative mündliche Kurzumfrage 51 bei Studenten der HTW Chur klar gestützt wird. Andererseits zeigt Dittmann anhand von empirischen Untersuchungen von Runkehl, daß nur 31% der privaten und 14% der universitären e-mails Rechtschreibefehler aufweisen, wobei 70% tastaturbedingt sind. Überraschend ist vor allem der Vergleich mit gleichwertigen universitären Briefen aus der Schreibmaschinenzeit, bei welchen mit 24% der Fehleranteil signifikant höher war. 52
4.2. Huhn vor Ei?
Damit stellt sich eine weitere Frage: Gibt es einen Einfluß des e-mail-Schreibens auf den herkömmlichen Brief? Oder etwas salopp und plakativ ausgedrückt: Verändert oder zerstört das email die deutsche Sprache? Offensichtlich gibt es auf diese Frage noch keine schlüssige Antwort. Dürscheid 53 hat die ihr zugänglichen Forschungsresultate zusammengetragen und verweist etwa auf Günther/Wyss, welche diese Perspektive nur angedeutet hätten, auf Grzega, dessen Resultate auf Befragungen 54 beruhen, was nicht repräsentativ ist. Nur eine Längsschnittuntersuchung könnte wissenschaftlich Aufschluß geben. In obengenannter Quelle kommt Grzega in einer solchen, die etwa 1998 jedoch nur mit drei Personen durchgeführt worden war, zum Schluß: «I do not see any differences no matter on what level.» 55 Dies überrascht nicht weiter, da bereits weiter oben festgestellt worden war, daß e-mail nur über äußerst wenig auf das Medium bezogene Charakteristika aufweist. Was ist nun aber mit den «Veränderungen im Sprachgebrauch» 56 , welche May und Werner 2002 konstatierten? Höflich verfolgt kurz den Aspekt des Wandels von Vermittlungskulturen und verweist auf den regelungsfreien Zustand bei neu hinzukommenden Medien. 57 Dürscheid verfolgt die Sache weiter und stellt zweifelsfrei fest, daß mit Ausnahme von Ausdrucksmitteln, welche an technische Voraussetzungen geknüpft sind, 58 «es durchaus sein [kann], daß sie, wenn die Kommunikationsbedinnungen es zulassen, wenn die Kommunikationspartner also
49 Dürscheid, S. 6 und 15.
50 Siehe zum Beispiel Knill, S. 5; auch im Anhang 8.1.
51 27. Juni 2006.
52 Runkehl (1998); zitiert in Dittmann, S. 4.
53 Dürscheid, S. 14.
54 Selbsteinschätzung der Befragten.
55 Grzega, S. 15; zitiert in Dürscheid, S. 14.
56 May/Werner, S. 2.
57 Höflich, Joachim R.: Vermittlungskulturen im Wandel: Brief - E-Mail - SMS. In: Höflich/Gebhardt, S. 57.
58 Antwortfunktion (replay) und Quoting.
e-mail - der Zwitter 9
beispielsweise gut miteinander vertraut sind und Thema und Zweck der Mitteilung hiefür geeignet sind.» 59 Außerdem verweist sie auf ihren 2003 an der DGfS-Tagung 60 gehaltenen Vortrag Netzsprache - Mythos und Wirklichkeit, in dem sie gemeinhin als internet- und SMS-spezifisch geltende Ausdrucksmittel 61 als solche ins Reich der Mythen verwies und bereits in älteren Textsorten 62 belegte. Daraus lassen sich zwei Punkte ableiten: primo läßt sich seit der massenhaften Verbreitung des e-mails sehr wohl ein sprachlicher Wandel im schriftlichen Bereich, insbesondere in Briefen und Mitteilungen auf jegwelchem Träger feststellen. Dies zeigt sich jedoch secundo beim nichtregulierten e-mail viel deutlicher als etwa beim Brief, der traditionell stark strukturiert ist und -vor allem in der Geschäftswelt - genauen Regeln folgt. Dittmann verweist sogar explizit auf eine Erhebung Runkehls, welche nach der Analyse von 500 e-mails ergab, daß in solchen aus Geschäften und Kanzleien normativ kein Unterschied zum traditionellen Brief besteht. 63 In Anlehnung an den Zwischentitel könnte man sagen: Von der Existenz des Eis erfuhr man erst, als das Huhn schlüpfte.
4.3. Hierarchie versus Egalität
Im Aufsatz «Der Mythos vom egalitären Medium: E-Mail und Status» 64 weisen die Verfasser David A. Owens und Margaret A. Neale jedoch auf eine andere Folge der Mündlichkeit, welche durchaus größere Folgen mit sich zieht. Gemäß den Autoren haben Sproull und Kiesler in den Jahren 1986 und 1991 in zwei Studien versucht nachzuweisen, daß [insbesondere im Geschäftsverkehr und geschäftlichen über e-mail geführten Diskussionen] Statusunterschiede wegfallen und soziale Hierarchien nicht zum Tragen kommen, da computervermittelte Kommunikation eine zu geringe Bandbreite aufweise. Die Argumente sind logisch und überzeugten die Fachwelt, nur empirisch ließ sich das Modell nie nachweisen. Einige weiteren Studien zeigen zwar eine gewisse Tendenz in Richtung der Egalisierung von Standesunterschieden, 65 andere hingegen stellen schlicht das Gegenteil fest. 66 Gegen die plausible, aber empirisch nicht untermauerte These Sproull/Kiesler sprechen auch die neuen Standesunterschiede, welche mit dem e-mail geschaffen werden: • In der Signatur 67 gibt es Hinweise auf «statussignalisierende Titel oder Ehrenbezeichnungen». In einer Firma, in welcher die meisten im Großraumbüro arbeiten oder nur über die Zentrale erreichbar sind signalisieren «etwa die Angabe einer Zimmernummer [. . .] oder der eigenen Telefonnummer bereits Status». 68
• Wer benötigt den Einsatz von parasprachlichen Elementen, um sich der Gruppe anzunähern und sich als Statusniedriger besser zu integrieren? 69 Emotikons verdrehen oder verzerren
59 Dürscheid, S. 16.
60 Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft, München, 26. - 28. Februar 2003. Die Vorträge der Tagung sind auch im Netz abrufbar: http://www.ds.unizh.ch/lehrstuhlduerscheid/docs/netzsprache.pdf [6. Juni 2006].
61 Emotikons (smilies), Inflektive, Abkürzungen.
62 Ein Beispiel aus Dittmann im Anhang 8.2.
63 Dittmann, S. 4, sich berufend auf Runkehl u. a. (1998).
64 Übersetzung aus dem Englischen besorgt von Joachim Höflich und gedruckt in Höflich/Gebhardt, SS. 173-197.
65 Hiltz/Turoff (1978), Dubrovsky/Kiesler/Sethana (1986), Kiesler/McGuire (1986), Siegel/Dubrovsky/Kiesler/McGuire (1986), Sproull/Kiesler (1986).
66 Grint (1991), Walther (1992), Herring (1993), Mantovani (1994), Weißband/Schneider/Conolly (1995).
67 Gemeint sind die am Ende des e-mails automatisch, aber mit Absicht des Absenders angefügten wenigen Textzeilen. Manchmal enthalten sie Zitate, Graphiken oder politische Sprüche, primär dienen sie jedoch, um Kontaktinformationen anzufügen.
68 Alle Zitate unter diesem Punkt aus dem zitierten Aufsatz; in: Höflich/Gebhardt, S. 179.
69 Nach Höflich/Gebhardt, S. 180. Unter parasprachliche Elemente fallen hier etwa: Emotikons, Graphiken aus alphanumerischen Zeichen, herzerwärmende oder humorvolle Zitate.
10 Buser/Ruedin
jedoch oft eine Aussage, was dem Empfänger erlaubt, die Nachricht «aktiv und strategisch anzupassen. [So können] Individuen mit niedrigem Status [. . .] problematische Nachrichten auf distanzierte Art und Weise [darstellen]. Die Nachricht wird gewissermaßen entschärft, aber dennoch vermittelt. [. . .] Individuen mit mittlerem Status [können] die Vorteile einer variablen Mehrdeutigkeit des Mediums ausnutzen.» 70
• Aus der mündlichen Kommunikation ist bekannt, daß der Umfang und die Länge der Wortbeiträge eines Teilnehmers auf seinen Status in der Gruppe hinweisen. Beim e-mail werden die Texte über eine Tastatur eingegeben. So ist es wenig verwunderlich, daß hier die Tippfähigkeit entsprechend wirkt. Da im klassischen Bürobetrieb eine hohe Tippfähigkeit nicht zu einem hohen Status führte, verschieben sich hier Partizipationsmuster in Gruppen. 71 • Des weiteren kann vom Zeigen, respektive Unterdrücken von Emotionen auf den Status geschlossen werden. E-mail ist technisch so unmittelbar und effizient, daß Nachrichten in Windeseile versandt (oder fehlversandt) werden, was zu Nachsendungen oder gegebenenfalls zu Nachfragen führt. Dieser Punkt tritt vor allem deshalb auf, weil die sonst wirkenden nonverbalen Korrektive wegfallen. Wenn so Normen gesprengt werden, sei dies ein herausfordernder Spielzug, bei dem die Dominanz- und Integrationszüge die [neue] soziale Ordnung stärken. 72
• Wenn im Gespräch von Angesicht zu Angesicht statushöhere Personen meist mehr sprechen und ihnen auch mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, ist das beim e-mail anders. Da sie auch unter geringerem Druck stehen, nehmen Owens und Neale an, «daß die Länge der Nachricht in einem inversen Verhältnis zum Status steht, wobei Statushöhere kürzere Nachrichten versenden und sich auch weniger unter Zeitdruck setzen lassen.» 73 Statusniedrige senden offensichtlich wenige und kurze Nachrichten. Mehr Nachrichten versendet, wer sozioemotional aufsteigen will. Die beiden Verfasser nehmen an, daß die Länge und das Tempo der Sendungen durch den Faktor bestimmt werden, «sowohl in der Gruppe als auch in der gruppeninternen Hintergrundkommunikation der Gruppenkommunikation nicht gefährlich zu wirken.» 74
Diskussionen über e-mail verbessern den Kommunikationszugang zur Gruppe. Da nicht an formale Regeln gebunden, wie etwa der Geschäftsbrief, verfallen die Teilnehmer einer vermehrten Mündlichkeit, was eingangs dieses Kapitels verdeutlicht worden ist. Diese vermehrte Mündlichkeit führt zu abnehmender sozialen Distanz, was Informalität zur Folge hat. Informalität hingegen führt zu vermehrter Mündlichkeit der Formulierungen. Diese soziolinguistische Spirale legt zwar eine Statusgleichheit nahe, wie es unter anderem Sproull und Kiesler vermutet haben. Wie Owen und Neale jedoch oben klar dargelegt haben, führt dies zu neuen Strategien des Statusmanagements. Es muß aber auch deutlich gesagt werden: Eine Gruppe, welche nicht real von Angesicht zu Angesicht, sondern über e-mail mit Weiterleitungen, Kopien und Blindkopien 75 verhandelt, steht weniger unter indirekter Kontrolle des Vorgesetzten, da diesem der Einsatz verbativer Elemente versagt bleibt, was zu dessen Entmachtung führt. Außerdem können Gruppengrenzen überwunden werden. 76
70 Owens/Neale; in: Höflich/Gebhardt, S. 182 und S. 183.
71 Owens/Neale; in: Höflich/Gebhardt, S. 180.
72 Owens/Neale; in: Höflich/Gebhardt, S. 192.
73 In: Höflich/Gebhardt, S. 180/181.
74 Ebenda.
75 Weiterleitung = forwarding (fwd:), Kopie = carbon copy (CC:), Blindkopie = blind copy (BCC:).
76 Ganzer Abschnitt nach Owens/Neale; in: Höflich/Gebhardt, SS. 184 und 194.
e-mail - der Zwitter 11
5. Gender
Frauen und Männer haben verschiedene Kommunikationsstile. 77 Während Männer eher direkte Sprachmuster verwenden und es ihnen daher vermehrt um die Übermittlung von Information und die Lösung von Problemen geht, verwenden Frauen eher indirekte Sprachmuster. Sie wollen damit neben dem Informationsaustausch vor allem auch die Beziehung zwischen den Kommunizierenden stärken und zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen. 78 Im Rahmen des HomeNet-Projektes sollte anhand einer umfassenden Studie aus Pittsburgh, Pennsylvanien, 79 geklärt werden, ob dieses Kommunikationsverhalten im Gebrauch von e-mails seine Weiterführung findet. 80 In der genannten Studie wurden über die Jahre 1991 bis 1999 Einzelpersonen wie auch Familien zur ihren e-mail-Gewohnheiten in persönlichen Angelegenheiten befragt und, wenn immer möglich, ein direkter Vergleich von Frau zu Mann gezogen. Dabei wird unter anderem ersichtlich, dass Frauen das Medium e-mail öfters zu privaten Zwecken brauchen als Männer. 81 In der Kommunikation mit anderen Medien ergibt sich überall das gleiche Bild, denn verschiedene Studien haben ergeben, daß Frauen eine stärkere Affinität zur Schriftlichkeit haben als Männer: Sie lesen mehr Bücher, 82 schreiben mehr Briefe, und auch mehr SMS. 83 Aufgrund der erhaltenen Antworten kann präziser gesagt werden, daß sich mehr Frauen als Männer finden, die über das Medium e-mail mit Freunden und Familie kommunizieren, 84 seien dies nähere Bekannte und Verwandte wie Eltern oder Großeltern, oder auch räumlich weiter entfernte Freunde und Verwandte des weiteren familiären Umfeldes. 85 Der bereits erwähnte Beziehungsaspekt, der in der weiblichen Kommunikation besonders wichtig ist, wird hiermit also indirekt bestätigt, als daß Frauen häufiger per e-mail zur Beziehungspflege kommunizieren. 86
Das e-mail wird ebenfalls vermehrt von Frauen als ein nützliches und Spaß bringendes Kommunikationsmedium bewertet. 87 Hierbei ist wichtig zu bemerken, daß die e-mail-Eigenheiten wie die Möglichkeiten des schnellen/umgehenden Antwortens, des Quotings, generell die Annäherung der Schriftlichkeit an die Mündlichkeit - besonders dem expressiven Kommunikationsstil der Frauen entsprechen. 88
Die Studie des HomeNet-Projektes umfasst auch das e-mail-Verhalten von Familienmitgliedern untereinander und gegenüber Bekannten und Verwandten. Hier spielen die geschlechterspezifischen Kommunikationsmerkmale - wie oben beschrieben - zum Teil ebenfalls eine Rolle. Dazu kommt aber auch der Aspekt, daß e-mail generell Kommunikationsverhalten verändern kann und dies auch getan hat. 89 Zuerst kann bei Mann-Frau-Pärchen generell gesagt werden, daß die Frau mehr
77 Weiterführend siehe etwa Deaux/Major, Duck/Wight, Eagle/Steffen oder Spence/Buchner.
78 Lang, S. 2.
79 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich, S. 150; siehe auch Kraut (1998).
80 Für detailiertere Auswertungen siehe auch Kraut.
81 Als Ergänzung in medien- aber vor allem gesellschaftsgeschichtlicher Hinsicht muß hier noch erwähnt werden, daß email zu seiner Anfangszeit beinahe ausschließlich in beruflichen Belangen und somit auch noch vermehrt von Männern gebraucht worden ist. Seit sich e-mail als persönliches Kommunikationsmedium großer Beliebtheit erfreut, haben die Frauen aber aufgeholt (zumindest was die Lektüre in der Freizeit betrifft). Detailliertere Angaben nachzulesen in Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 49.
82 Zumindest was die Lektüre in der Freizeit betrifft. Detailliertere Angaben nachzulesen bei Höflich; in: Höflich/Gebhardt, S. 49.
83 Höflich, in: Höflich/Gebhardt, S. 48.
84 Hinweise dazu geben u. a. Kraut (1998) und das Pew Internet and American Life Project (2000).
85 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 150.
86 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 148; vergleiche auch mit Tannen.
87 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 154.
88 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 148.
89 Beispiele in diesem Kapitel sowie in Boneva/Kaut/Frohling; in: Höflich/Gebhardt, S. 159.
12 Buser/Ruedin
kommuniziert. Sie ist diejenige, die sich übers Telefon mit anderen Familienmitgliedern unterhält 90 und führt dies auch mit e-mail weiter. Ein Befragter gab an, daß seine Frau über e-mail mit den Verwandten und Bekannten der Beiden spricht, und ihm das, was er wissen sollte, weiterleite. So kommuniziert er eigentlich nicht direkt, sondern indirekt. 91 Auf die Frage, warum sie nicht mit ihren Eltern oder Geschwister per e-mail Kontakt pflegten, gaben alle Frauen an, daß ihre Kommunikationspartner über keinen Internetzugang verfügen. Männer hingegen gaben diese Ant-wort weit weniger häufig an. 92 Grundsätzlich kann vermutet werden, daß Männer ein geringeres Interesse an privater, beziehungsfördernder Kommunikation im Allgemeinen und an der Kommunikation im speziellen haben. Weiter wird in der familieninternen Kommunikation e-mail zwischen Geschwistern häufig als Telefonersatz verwendet. In dieser Konstellation ist e-mail also teilweise ein Ersatzmedium zum Telefon. Wenn jedoch Kinder mit ihren Eltern neu via e-mail kommunizieren, so bedeutet das keinen Ersatz, sondern ein Zusatz zum Telefon. 93 An einem konkreten Beispiel der Studie wird aufgezeigt, dass e-mail Kommunikationsverhalten verändern oder zumindest fördern kann. Eine Frau gab an, mit ihrer Mutter regelmässigen telefonischen Kontakt zu pflegen. Zu Ende des Gesprächs meldete sich gelegentlich noch ihr Vater, jedoch immer sehr knapp. Seit sie jedoch angefangen hat, e-mail als zusätzliches Medium zur Kommunikation mit ihren Eltern zu benützen, hat sich die Kommunikation zwischen ihrem Vater und ihr weiterentwickelt. Der Vater hat vor allem angefangen, per e-mail seine Gedanken und Gefühle mit ihr zu teilen, was am Telefon nie geschehen ist. 94
6. Schlußwort
Die Definition des Begriffs e-mail ist in der Literatur nicht einheitlich, da die Zugänge von verschiedener Seite erfolgen. Der anwenderorientierten Sicht steht die brieforientierte gegenüber. Auch muß die Abgrenzung zum Brief als terminologisch unkorrekt bezeichnet werden. 95 E-mail- spezifischsind die replay-Funktion und das direkte quoting. 96 Der Unterschied zum Brief besteht zweifelsfrei darin, daß der gesamte Weg der e-mail-Kommunikation über ein einziges Medium verläuft. 97 Daraus ergibt sich eine erhöhte Schnelligkeit, was das Medium in die Nähe der Mündlichkeit rückt. Am deutlichsten zeigt sich dieser diskursive Charakter beim direkten Quoting, einer Technik, die für herkömmliche Briefe so nicht üblich ist. 98 Auch wird oft auf die damit verbundene Flüchtigkeit verwiesen, obwohl empirische Erhebungen das Gegenteil, eine signifikante Abnahme von orthographischen Fehlern, festgestellt hatten. 99
90 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 157.
91 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 160.
92 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 158.
93 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 158.
94 Boneva/Kraut/Frohlich; in: Höflich/Gebhardt, S. 159.
• Die Fußnoten im Schlußwort verweisen - mit Ausnahme der letzten - für den hinten beginnenden Leser auf bereits weiter vorne zitierte Quellen.
95 Dürscheid, S. 3.
96 Dürscheid, S. 14.
97 Dürscheid, S. 3.
98 Dürscheid, S. 10.
99 Runkehl (1998); zitiert nach Dittmann, S. 4.
e-mail - der Zwitter 13
Der vom ‹Mann von der Straße› vielbefürchtete Einfluß auf die Sprache scheint bis heute nicht nachweisbar zu sein. Viel mehr muß davon ausgegangen werden, daß e-mail bereits Vorhandenes stärker abbildet, als stark nach Regeln aufgebaute Briefe. Hingegen zeigen sich bei über e-mail geführten Gruppendiskussionen gewisse Verschiebungen in den Standesunterschieden. Der ungleiche Gebrauch des Mediums durch Männer und Frauen bewegt sich im Rahmen der bekannten Differgenzen der geschlechtsspezifischen Kommunikationsstile. 100 Als Ergänzung zum Telefongespräch eingesetzt, zeigt es sich jedoch, daß es nicht nur Ersatzmedium ist, sondern - zumindest unter bestimmten Verwandschaftskonstellationen - Männer dazu führen kann, Gedanken zu schreiben, die sie nie sagen würden. 101
Aus sprachkritischer Perspektive jedenfalls ist mit Wolfgang Raible zu sagen: «Beunruhigung [sei] fehl am Platz.» 102 Wenn in neuen Medien neue Kommunikationsformen auftauchen - oder gehäuft auftreten - führt dies seit alters her zu unbegründeter Angst vor dem Sprachzerfall, wie dies das dieser Arbeit vorangestellte Zitat Trithemius’ aus der Zeit der Einführung des Buchdruckes vor Jahrhunderten deutlich zeigt. 103
7. Verzeichnisse
7.1. Verwendete Quellen
Dittmann, Jürgen: Konzeptionelle Mündlichkeit in E-Mail und SMS. Freiburg im Breisgau: Deutsches Seminar der Universität, o. J.
http://omnibus.uni-freiburg.de/~dittmaju/E-Mail_SMS.pdf [1. Juli 2006]. Dürscheid, Christa: Verändert die E-Mail-Kommunikation das Schreiben? Vorabdruck aus: Runkehl, Jens, Schlobinski, Peter, Siever Torsten: Websprache XT . Sprache und Kommunikation im Internet. Berlin: de Gruyter, 2003. (=Linguistik - Impulse und Tendenzen). Höflich, Joachim/Gebhardt, Julian (Hg.): Vermittlungskulturen im Wandel: Brief - E-Mail - SMS. Frankfurt am Main: Lang, 2002.
Huber, Oliver: Mischformen: Chat & SMS & Email. Unveröffentlichtes Manuskript, o. J. Knill, Marcus: Elektronische Kommunikation und ihre Grenzen. 2005. http://www.rhetorik.ch [6. Juni 2006].
Lang, Norbert: Kommunikation zwischen Frauen und Männern im Büro. Chur: HTW, 2006. (= Vorlesungsskript Kommunikations- und Medienwissenschaft). May, Konstanze/Werner, Daniela: Elektronische Kommunikation. Chemnitz: Technische Universität, 2003. (=Unterlagen zu Vortrag bei Dr. Stöckl).
100 Lang, S. 2.
101 Boneva/Kraut//Frohlich; in : Höflich/Gebhardt, S. 158.
102 Raible, S. 21; zitiert nach Dittmann.
103 Deutsche Übersetzung [durch Jürgen Dittmann]: «Denn Drucke werden den handgeschriebenen Codices gegenüber niemals als gleichwertig erachtet werden, zumal der Druck häufig die Rechtschreibung und die übrige Buchausstattung vernachlässigt. Auf eine Handschrift wird mehr Fleiß verwandt.» Lateinisches Original auf Seite 3.
14 Buser/Ruedin
Schulz, Winfried: Medialisierung. Eine medientheoretische Rekonstruktion des Begriffs. Erfurt, 2004 (=Entwurfsfassung des Beitrags zur Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft).
http://www.kowi.wiso.uni-erlangen.de/pdf_dateien/DGPuK_Medialisierung_end.pdf [24. Juli 2006].
7.2. Weiterführende Literatur
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Cherubim, Dieter: Schülerbriefchen. In: Baumann, J., Cherubim, D., Rehbock, H. (Hg.): Neben-Kommunikationen. Beobachtungen und Analysen zum nichtoffziellen Schülerverhalten innerhalb und außerhalb des Unterrichts. Braunschweig: Westermann, 1981. Deaux, K., Major, B.: Putting gender into context: An interactive model of gender-related behaviour. In: Psychological Review 94/1987.
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8. Anhang
8.1. Beispiel einer Netiquette 104
• Nehmen Sie sich zum Emailschreiben Zeit. Vor allem sollte keine Email im Ärger verfasst werden. Sorgfältiges Durchlesen lohnt sich.
• Die "Subject:" oder "Betreff:" Zeile muss für sich sprechen. In einer Zeit, in der einzelne Personen hunderte von Emails pro Tag kriegen, hilft ein klarer Titel beim Sortieren. • Humor, Ironie oder Sarkasmus wird als solcher vom Empfänger oft nicht erkannt. Körpersignale wie Schmunzeln oder Augenzwinkern fehlen. Smilies (:-) waren eine Zeitlang Mode, können aber kindisch wirken.
• Email kurz und prägnant halten und gut gliedern. Beim Thema bleiben. • Zeilen, die mehr als 70 Zeichen enthalten sind schwer zu lesen. • GROSS GESCHRIEBENE Passagen sind schwierig zu lesen.
• Auf Orthographie oder Grammatikfehler achten. Kleine Typographiefehler können den Sinn umkehren.
• HTML Formatierungen sind unnötig, machen die Email grösser, werden nicht von allen Mailprogrammen angezeigt und nerven Empfänger die Email als Text archivieren. Ein Eingriff in die Privatsphäre passiert, wenn in HTML eingebaute unsichtbare Bilder Links zu externen Seiten entalten. Dadurch kann Drittpersonen mitgeteilt werden, wann und wo Sie Ihre Email gelesen haben. Viele Direktwerber verwenden solche Tricks. • Möglichst bald antworten. In einer Zeit, wo Dutzende von Emails pro Tag hereinkommen, werden auch wichtige Dinge schnell unter einem Berg von neuen Emails begraben. Schnell antworten heisst aber nicht, überstürzte Emails zu schicken.
• Auch reine Textinhalte können intelligent formatiert werden.
• Binäre Attachements (das sind zum Beispiel Grafik oder Musik Files, Programme) nur wenn absolut nötig versenden und wenn möglich mit separatem Text-Email ankündigen. Da Würmer und Virenprogramme oft durch Email-Attachments verbreitet werden, ist jedes Attachment ein potentielles Risiko für den Empfänger - auch wenn der Absender bekannt ist. (Viren und Würmer wie "Klez" fälschen die Senderadresse.) • Beim Antworten nur wenn nötig die alte Email einfügen und wenn schon, dann am Ende. Rattenschwänze von alten Emails sind ärgerlich. Nicht Wenige sind irritiert, wenn sie die
104 Knill, S. 5.
18 Buser/Ruedin
eigene Email nochmals lesen müssen. Besser: am Anfang kurz zusammenfassen, worauf sich die Email bezieht. Warum nicht zuerst die frühere Email nochmals einfügen? Bei längerem Hin und Her werden die Emails lang und mühsam, die Antwort zu finden. • Carbon copies (cc) nur wenn nötig verwenden. Die Addressaten auf der cc Liste, müssen wissen, warum sie die Email kriegen. Carbon copies können auch verwirren wenn die Empfäger nicht wissen, wer antworten soll. Es kann so passieren, dass niemand antwortet, weil jeder denkt, der andere ist zuständig.
• Auch Blinde Carbon Copies (bcc) haben Tücken. Blinde Carbon Kopien erlauben das Senden von Email an verschiedene Empfänger, ohne jedoch dem Einzelnen mitzuteilen, wer auch auf der Liste ist. Empfänger auf der bcc Liste interpretieren aber die Email aber oft voreilig als ungewollt (die Headers gleichen Spam) und werfen sie ungelesen fort. Besser: jedem Empfänger separat eine Email schicken.
• Nicht auf Spam (Bulk-Email) antworten. Beim Antworten wird signalisiert, dass die Addresse aktiv ist. Ein Feedback hätte nur noch mehr Spam zur Folge.
105 Nach Dittmann, S. 20; Le Petit Robert. Paris: Robert, 1969.
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Etienne Ruedin, Carla Buser, 2006, e-mail – der Zwitter - Vermeintliche und wirkliche Einflüße des e-mails auf den Menschen., München, GRIN Verlag GmbH
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