Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Heimat: Ideengeschichte und Begriffsdefinitionen 4
2.1 Das Genre Heimatfilm 5
2.2 Heimat in der DDR 7
2.3 Heimat in DDR-Filmen und deren Abgrenzung zum bundesdeutschen Heimatfilm. 8
3. Filmproduktion in der DDR: Von den Anfängen bis 1990 10
3.1 Die Gründung der DEFA nach dem Krieg. 10
3.2 Die Nachkriegsjahre 10
3.3 Zeit der Propaganda und Aufbaufilme 12
3.4 Die 60er Jahre: Auflehnung? 13
3.5 Enthüllung in den 70ern 14
3.6 Die letzten Jahre 15
3.7 Die Filmstadt Babelsberg - Herz der DEFA. 16
4. Die DDR Filmproduktion und die SED - Kulturvorstellungen und
Kulturrestriktionen. 17
5. Schlusswort. 20
6. Literaturverzeichnis 21
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1. Einleitung
Es ist interessant, die Entwicklung und den Untergang eines politischen Systems anhand seiner Filme zu analysieren. Im Falle der DDR ist dies sogar sehr ergiebig. Zwar findet man selten die historische Realität wiedergespiegelt, aber die politischen Vorstellungen davon, wie das Leben sein sollte, auf der Leinwand veranschaulicht. Ebenso kann man die gesellschaftlichen Wandlungen und Probleme nachvollziehen, politische Einflüsse im Vergleich mit der Realität ablesen - dies natürlich lediglich rückblickend und mit einem historischen Verständnis für die geschichtliche Entwicklung des Landes. Im Seminar „Heimatfilm - Opium fürs Volk?“ haben wir das Genre Heimatfilm untersucht: Von seinen Anfängen in den 20er Jahren über die klassische Hochzeit in den 50ern bis hin zur Erweiterung des Genres in den nachfolgenden Jahrzehnten.
In diesem Sinne möchte ich für die Filmproduktionen der DDR eine Arbeitsthese aufstellen, indem ich alle Spielfilme der DEFA, des staatlichen Medienmonopols, als Heimatfilme charakterisiere und sie im erweiterten Sinne dem Genre Heimatfilm zurechne. In der vorliegenden Arbeit möchte ich diese These anhand von Filminhalten und Bedeutungsklärungen des modernen Heimatbegriffs belegen, ebenfalls an dessen geschichtlicher Entwicklung und seinem vollzogenen Wandel.
Um die Arbeits- und Thesengrundlage zu verdeutlichen, sieht diese Arbeit vor, sich dem Thema zuerst durch Begriffsdefinitionen und Begriffsgeschichte anzunähern, es dann klar von der klassischen Vorstellung vom Heimatfilm abzugrenzen, also die Erweiterung des Genrebegriffes darzulegen. Es soll näher auf das Verständnis von Heimat in der DDR eingegangen werden, um zu veranschaulichen, wie die DEFA-Filme in die sozialistische Vorstellung von Heimat passen, was wiederum zum letzten Punkt führen wird, nämlich die enge Verknüpfung von Filmproduktion und DDR-Heimatverständnis mit den politischen Richtungsvorgaben der SED.
Die einschlägige Literatur zu diesem Thema ist vielfältig ausgelegt, aber nur wenige Wissenschaftler haben bislang den Film der DDR als Heimatfilm kategorisiert. Bei Bahlinger und Gersch finden sich aber dennoch nützliche Informationen und Thesen zu diesem Thema. Die verschiedenen Werke über deutsche Filmgeschichte oder speziell über die Geschichte der DEFA ergaben ausführliche inhaltliche Einblicke in die DDR-Filmproduktion und deren Entwicklung, auch wenn gerade dort keine stützenden Argumente für meine Heimatfilm-These zu finden waren.
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2. Heimat: Ideengeschichte und Begriffsdefinitionen
Heimat ist eine Vokabel aus dem deutschen Sprachgebrauch, die sich interessanterweise in keiner anderen Sprache mit einer identischen Bedeutung wiederfinden lässt. Wir Deutschen gebrauchen den Begriff, um einen uns vertrauten Ort oder eine Region zu beschreiben, wo wir uns wohlfühlen, wo wir vielleicht aufgewachsen sind, wo unsere Muttersprache wurzelt oder womit wir Kindheitserfahrungen verbinden. Heimat kann sehr vielschichtig sein und ist ein vieldiskutiertes Thema. Denn, wird eine Definition oder gar eine Eingrenzung des Begriffs verlangt, ist guter Rat teuer: Was genau ist Heimat eigentlich?
Begriffsgeschichte: Das Wort Heimat stammt etymologisch betrachtet von der gemeingermanischen Wurzel heima ab und bedeutet so viel wie „Heimat eines Stammes, einer Gemeinde, eines einzelnen“. 1 Im Althochdeutschen ist schon die Bedeutung Besitz oder auch Grundbesitz enthalten, die teilweise bis ins 20. Jahrhundert beibehalten wurde. Ab dem 18. Jahrhundert wurde Heimat als Gegenbegriff zu Fremde gebraucht und erhielt in dieser Zeit auch eine emotionale Aufladung. 2 Der Begriff Heimat wandelte sich von seinem rechtlichen Status zu einem Begriff mit emotionalem Inhalt und wurde sozusagen entmaterialisiert. 3
Heimat bildete seit jeher einen Gegensatz zu Fremde. Im 19. Jahrhundert beinhaltete es vor allem Besitz, Grund und Boden, war also in erster Linie auf die materielle Existenz bezogen. Der Begriff öffnete sich dann für die Komponente des Geburts- und Wohnorts und sollte schlielich einen rechtlichen Charakter bekommen in Form des Heimatrechts. 4 In der Mitte des 19. Jahrhunderts erschloss sich eine weitere Bedeutung des Heimatbegriffs: Aufgrund der beginnenden Industrialisierung und Urbanisierung entwickelte sich eine neue Heimatvorstellung im Bürgertum: Von einem materiellen Begriff zu einem gefühlsgeladenen machte die Bedeutung von Heimat eine Wandlung durch. Die Menschen flüchteten aus der sich wandelnden und nun schnelllebigeren Welt zurück in eine idealisierte und verherrlichte Vergangenheit. Heimat bezog sich nun auch auf eine regionale Prägung, oftmals ländlichen Charakters. Denn die bäuerlich geprägte Lebenswelt wurde nun als „nostalgisches Ideal“ wiederentdeckt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Heimatbegriff
1 Zitiert in: Fiedler (1997), S. 6.
2 Bahlinger (1989), S. 15.
3 Fiedler (1995), S. 6.
4 Bahlinger (1989), S. 15.
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zusehends politisch und damit nationalistisch aufgeladen, es entstand die Gleichung Heimat = Vaterland, die dann durch die Nationalsozialisten vehement missbraucht wurde. 5 Aus diesem Grund ist der Begriff Heimat jahrzehntelang belastet gewesen. Traditionsverlust und Vereinzelung in der Nachkriegszeit wiederbelebten aber trotzdem das Bedürfnis nach Heimat und nach Identifikation durch ein lokales Umfeld.
Aus diesem Bedürfnis ging das Phänomen des Heimatfilms hervor, das sich im Laufe der Jahrzehnte in vielerlei Facetten präsentierte, seine klassische Hochzeit jedoch in den 50er Jahren im bundesdeutschen, sowie im österreichischen Raum hatte.
2.1 Das Genre Heimatfilm
Obwohl wir uns heute mehrheitlich über die vor Kitsch und Schnulz triefenden klassischen Heimatfilme der 50er Jahre amüsieren, erreichen sie nach wie vor enorm hohe Einschaltquoten, wenn sie im Fernsehen ausgestrahlt werden. Woran liegt das? Zuerst einmal muss der primäre Erfolg dieser Filme in der Nachkriegszeit betrachtet werden. Es ist logisch nachvollziehbar, wie im zerstörten Nachkriegsdeutschland das Bedürfnis nach einer heilen und ansehnlichen Welt erwuchs, wie die Menschen sich zurücksehnten in eine politisch unbelastete und malerische Heimat. Da ist er wieder - dieser sagenumwobene Begriff, der sich in keine Fremdsprache übersetzen lässt: Heimat. Bärbel Dalichow beschreibt Heimat als ein Krisenwort, das in Zeiten der Gefahr an Bedeutung gewinnt und dann zum „Motivierungsinstrument“ aufgeblasen wird, für Krieger, Lebenskrisen und als Rechtfertigungsgrund für nationale Gröe und nationales Bewusstsein. Das Phänomen des Heimatfilms betrachtet sie als Teil dieses Wunschbildes, in dem die Realität geleugnet und klassischerweise die Idylle bedroht wird. Eine hierarchische Sozialstruktur regelt nicht nur Gut und Böse, sondern auch oben und unten. Es wird eine Heimat zelebriert, die niemals existierte. 6 Eine idealisierte Vorstellung der einfachen und heilen Welt, die allermeist von Urbanisierung und Modernisierung gestört werden soll.
Die westdeutsche Heimatfilmproduktion in den 50er und 60er Jahren nimmt fast ein Viertel der gesamten Filmproduktion ein. Hintergrund ist eben dieses Erleben des Heimatverlustes, 1950 teilen 20 % der Bevölkerung dieses Gefühl, 1960 sogar 25 %. Darunter sind vor allem
5 Bahlinger (1989), S. 15.
6 Dalichow, Bärbel, in: Waterkamp (1998), S. 14.
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etwa acht Millionen Vertriebene, aber auch 1,6 Millionen Flüchtlinge, die wegen der Ost-West-Wanderung ihre Heimat zurückgelassen haben. 7
Aber wie entstand daraus ein Filmgenre, das jeglicher Realität sowie jeglichen emanzipatorischen Fortschritten den Rücken kehrt, eine kritische Reflektion völlig ausblendet und uns ein Schwarz-Wei-Muster der Welt präsentiert?
Deutschland war nach dem Krieg zu einer Nation geworden, die durch ihre hochgradig problematische Vergangenheit ein gespaltenes Verhältnis zum Heimatbegriff bekam. Einerseits wünschte man sich in die alte heile Welt zurück, andererseits war es unmöglich, den Begriff Heimat auf einer nüchtern-sachlichen Basis zu debattieren. Die empfindsamen Gemüter waren wegen der jüngsten politischen Katastrophen leicht zu erhitzen, Heimatgefühle auf nationale Grenzen bezogen waren in der unmittelbaren Nachkriegszeit undenkbar. 8 Ersatzweise wurden Heimatgefühle auf bestimmte Regionen oder Landstriche projiziert, aber auch hier fand man natürlich kein historisch und politisch unbelastetes Gebiet vor. 9 Trimborn nennt auch den Verlust der deutschen Ostgebiete als Grund für den Verlust von Heimat, was zu einem emotional besetzten Thema für Jahrzehnte werden sollte. Zudem schenkte die Tagespolitik den Aktivitäten der Vertriebenenverbände regelmäig Aufmerksamkeit, was den Heimatverlust weiterhin im täglichen Diskurs hielt. 10 Das Genre Heimatfilm ist aber trotzdem nicht - wie oft irrtümlicherweise angenommen - erst in den 50er Jahren entstanden: Es hat seine Wurzeln bereits in den Kinofilmen der 20er, 30er und 40er Jahre, blo gab es zuvor niemals solch einen Boom 11 und mit der Einführung des Farb- und Tonfilms natürlich auch die Möglichkeit, besonders kitschige Bilder und Dialoge auf die Leinwand zu bringen. Die Hochzeit des deutschen Heimatfilms ist jedoch ganz klar in den 50er Jahren anzusiedeln. Der Heimatfilm der 50er Jahre hebt sich dadurch von seinen Vorgängern der 30er und 40er ab, dass er durch Nachkriegsbedingungen und -stimmungen beeinflusst wird. Der zurückliegende Krieg wurde von den Deutschen herbeigeführt und verloren, die Folgen des Zusammenbruchs waren immer noch spürbar. Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre ist also ein vollkommen alleinstehendes und neues Phänomen, das nicht vergleichbar ist mit den Filmen der vorhergehenden Jahrzehnte. 12
7 Koebner (2002), S. 250-253.
8 Trimborn (1998), S.11.
9 Ebd., S. 12.
10 Ebd., S. 13.
11 Ebd., S. 21.
12 Ebd., S. 22.
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Arbeit zitieren:
Tabea Rueß, 2007, Heimatfilm in der DDR – eine These , München, GRIN Verlag GmbH
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