Der "Bildungsjargon" in Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline"


Hausarbeit, 2018

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Bildungsjargon in ״Kasimir und Karoline“
2.1. Horvaths Definition des Bildungsjargons
2.2. Die vorgefertigten Sprachteile und deren Verwendung

3. Auswirkungen des Bildungsjargons auf die Kommunikation zwischen Kasimir und Karoline
3.1. Bezugsverlust zu den eigenen Gedanken und Gefühlen
3.2. Aneinander vorbeireden
3.3. Die Demaskierung des Bewusstseins

4. Das Scheitern der Beziehung von Kasimir und Karoline als Folge der gestörten Kommunikation

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ödön von Horváth ist ein deutsch-ungari scher Schriftsteller, dessen Werke besonders durch ״den Zitatcharakter der Horväthschen Figurensprache “[1] gekennzeichnet sind. Damit ist der ,Bildungsjargon‘ gemeint, in welchem die handelnden Figuren sprechen.

In seiner Gebrauchsanweisung spricht Horváth davon, dass das Dramatische bei ihm nicht in der Handlung selbst liege, sondern im Dialog[2] und räumt damit der von den Figuren verwen­deten Sprache einen hohen Stellenwert ein. Da die ״ Grundvoraussetzung für den erfolgrei­chen Verlauf zwischenmenschlicher Kommunikation [...] das Vorhandensein eines von den Dialogpartnern hinreichend beherrschten Sprachsystems “[3] sei, ist es für die Deutung des Horväthschen Volksstückes ״Kasimir und Karoline“ von großer Bedeutung, den Sprachge­brauch der handelnden Figuren zu untersuchen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll nachgewiesen werden, dass der ,Bildungsjargon‘, in welchem die Figuren in ״Kasimir und Karoline“ sprechen, der Grund für die gestörte Kommunikation zwischen ihnen ist, da er die Artikulation der eigenen Gedanken und Gefühle der handelnden Personen verhindert, was darin resultiert, dass sie aneinander vorbeireden, anstatt miteinander zu reden.

2. Der ,Bildungsjargon‘ in ״Kasimir und Karoline“

In den nächsten Kapiteln erfolgt eine Erläuterung des ,Bildungsjargons‘ auf Grundlage Hör- váths Definition dessen und es wird erläutert, aus welchen vorgefertigten Sprachteilen der 'Bildungsjargon' zusammensetzt ist und was die Gründe der Figuren in ״Kasimir und Karo­line“ sind, auf diesen zurückzugreifen.

2.1. Horvaths Definition des ,Bildungsjargons‘

Wie schon in der Einleitung erwähnt, ist für die Werke Ödön von Horvaths, wie er wiederholt selbst betont, charakteristisch, dass nicht die äußere Handlung, sondern die Sprache, die ״dra- matischen Effekte “ des Stückes hervorruft[4]. Dies geschieht in seinem Volksstück ״Kasimir und Karoline“ vor allem durch den ,Bildungsjargon‘, welchen Horváth in seiner Gebrauchs­anweisung folgendermaßen erläutert:

״Es hat sich nun durch das Kleinbürgertum eine Zersetzung der eigentlichen Dialekte gebildet, nämlich durch den Bildungsjargon. Um einen heutigen Menschen realistisch schildern zu können, muß ich also den Bil­dungsjargon sprechen lassen. [1] ״

Anhand dieses Zitates lässt sich erkennen, dass Horváth mit dem Terminus ,Bildungsjargon‘ die Sprache der in seinen Stücken handelnden Personen bezeichnet[2].

Grund für die ״Zersetzungder eigentlichen Dialekte “[3] ist hierbei hauptsächlich die Weltwirt­Schaftskrise um 1920, durch welche viele Menschen arbeitslos geworden sind und daher um ihre Existenz bangen müssen. So auch Kasimir, der in dem Volksstück ״gestern abgebaut“[4] wurde, also seinen Job verloren hat. Die Figuren unternehmen nun den Versuch, Hochdeutsch zu sprechen und greifen damit einhergehend auf vorgefertigte Sprachformeln zurück, um den eigenen Status in der Gesellschaft zu verschleiern und einen höheren sozialen Status vorzu­täuschen. Daher wird der ,Bildungsjargon‘ auch als eine ״Kunstsprache“[5] bezeichnet, denn durch ihn kommt eben diese Zersetzung und gleichzeitige Verfälschung[6] der Dialekte zu­Stande.

Doch woraus setzt sich der ,Bildungsjargon‘ eigentlich zusammen und wozu wird er explizit verwendet? Darauf wird im Folgenden unter 2.2 eingegangen.

2.2. Die vorgefertigten Sprachteile und deren Verwendung

Der ,Bildungsjargon‘ in ״Kasimir und Karoline“ setzt sich aus ״ Vorgeprägtheiten wie Flos- kein und Leerpartikel, aus Phrasen, Zitaten, Sprichwörtern und Klischees zusammen. “[7] Diese Sprachformen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie lediglich Allgemeinheiten wiedergeben und somit nicht situationsspezifisch anwendbar sind. Als Karoline zu Kasimir sagt, dass er ein Pessimist sei (KK: 8), erwidert dieser: ״Das schon. Ein jeder intelligente Mensch ist einPes­simist. “ (KK: 8) Anstatt Karoline also direkt zu antworten oder es lediglich bei der Zustim­mung zu belassen, reagiert er auf ihre Aussage mit einer angeblichen Wahrheit, die eine

Verallgemeinerung darstellt und nichts mit der Kommunikation zwischen Kasimir und Karo­line zu tun hat. Daran lässt sich schon erkennen, dass der ,Bildungsjargon‘ Potenzial hat, zu Kommunikationsproblemen zwischen den Figuren zu führen, was unter 3. genauer analysiert wird. Doch weshalb greifen die Figuren überhaupt auf diese vorgefertigten Sprachteile zu­rück, anstatt frei heraus ihre eigenen Gedanken und Gefühle zu artikulieren?

Wie in Sektion 2.1. erwähnt, ist der Hauptgrund für die Verwendung des ,Bildungsjargons‘, dass die Figuren vorgeben wollen, einer höheren sozialen Schicht anzugehören, um von ihrem eigenen sozialen Status abzulenken. Er ist also eine Expression für die ״soziale Attitüde des Aujwärtsstrebens“[1]. Die Figuren verwenden Sprachformen, die sie irgendwo aufgegriffen ha­ben und deren Bedeutung sie teilweise nicht einmal kennen, um dann durch diese Übernom­menen Phrasen gebildeter zu wirken. Schürzingers Aussage ״die Menschen sind weder gut noch böse “ (KK: 10) kann zwar weder als wahr noch als falsch identifiziert werden, doch es gibt Philosophen, die diese Ansicht vertreten und indem Schürzinger solch ein Zitat wieder­gibt, erweckt er den Anschein, gebildet zu sein und einem höheren sozialen Status anzugehö­ren.

Gleichzeitig wird der ,Bildungsjargon‘ aber auch als eine ״.Ersatzsprache“ verwendet, ״in die die Figuren zurückfallen, wenn sie ihre Probleme nicht mehr artikulieren können “[2]. Weiß man nicht, wie man etwas in Worte fassen soll, kommt es zu einer Sprachnot und die Figur ״ verschanzt sich hinter Redensarten und Sprüchen, um sich auf vermeintlich allgemeingültige Aussagen zu berufen und so aus der Affäre zu ziehen “[3]. Man benutzt also das Sprichwort, um sich der Eigenverantwortung zu entziehen. Karolines Aussage ״ vielleicht sind wir zu schwer füreinander“ (KK: 9) ist ein Beispiel hierfür. Sie zweifelt daran, ob Kasimir und sie über­haupt zusammenpassen und weiß nicht, wie sie es ausdrücken soll, weswegen sie dann auf diese Phrase zurückgreift, um ihre eigentliche Sprachnot zu verschleiern.

Anhand dieses Beispiels lässt sich auch erkennen, dass die ״effektive Sprachlosigkeit durch die scheinbare Sprachtüchtigkeit“ [4] verdeckt werden soll, was kennzeichnend für den ,Bil- dungsjargon‘ ist. Die Sprachtüchtigkeit ist daher nur scheinbar vorhanden, weil die Figur auf vorgefertigte Sprachformeln zurückgreifen muss, um überhaupt etwas zu sagen und somit nicht sprachtüchtig ist, sondern sich ganz im Gegenteil in einer Sprachnot befindet.

Ersichtlich wird dies, als Kasimir auf Karolines Aussage, dass er sich nicht so edel hinstellen solle (KK: 20), antwortet, dass sie sich ruhig ausschleimen solle (KK:20), wodurch deutlich wird, dass Kasimir durch Karolines Vorwurf in eine Sprachnot gerät und nicht weiß, wie er darauf reagieren soll. Anstatt sich Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken, greift er sofort zu einer Phrase des ,Bildungsjargons‘, um seine Sprachnot zu verschleiern.

Weiterhin kann die ״Sprache [...] im Dienst der Prahlerei und Ueberheblichkeit“[1] Stehen. So fragt der Merkle Franz beispielweise Kasimir: ״Parlez-vous française? “ (KK: 15), um mit seinen Französischkenntnissen, die eigentlich nicht vorhanden sind, zu prahlen. Dies erkennt man daran, dass er die Übersetzung nicht einmal weiß und zu Kasimir sagt, dass es ein firan- zösisches Zitat sei, welches sich im Deutschen nicht genauso ausdrücken lasse (KK: 15). Je­doch handelt es sich dabei lediglich um die Frage, ob das Gegenüber Französisch spricht. Gleichzeitig dienen solche fremdsprachigen Zitate der Vortäuschung eines höheren sozialen Status, da mit Fremdsprachenkenntnissen grundsätzlich ein höheres Bildungsniveau assoziiert wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der ,Bildungsjargon‘ in ״Kasimir und Karo­line“ vorrangig zur ״sprachlichenBewältigung“ von ״gewissen Situationen“[2], die durch figu­rale Sprachnot gekennzeichnet sind, sowie zur Vortäuschung eines höheren sozialen Status dient.

3. Auswirkungen des Bildungsjargons auf die Kommunikation zwischen Kasimir und Karo­line

Durch den ,Bildungsjargon‘ verliert das Bewusstsein der Figuren seine Fähigkeit, sich auf verschiedene Realitäten und Situationen einzustellen und setzt stattdessen auf Sprachschablo- nen, welche mit der ״zu artikulierenden Wirklichkeit“ jedoch nicht übereinstimmen[18]. Somit wird die Realität verfälscht[19], was zur Folge hat, dass die Figuren den Bezug zu ihren Gedan­ken und Gefühlen verlieren, was wiederum dazu führt, dass sie aneinander vorbeireden, an­statt angemessen miteinander zu kommunizieren.

[...]


[1] Fritz, Axel: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit. München: List 1973. s. 240-241.

[2] Horváth, Ödön von: Kasimir und Karoline. Volksstück. Stuttgart: Reclam 2009. s. 164.

[3] Bartsch, Kurt: Horváth-Diskussion. Kronberg/Ts.: Scriptor 1976. s. 39.

[4] Ebd. s. 38.

[1] Horváth, Ödön von: Gebrauchsanweisung. In: Ödön von Horváth: Kasimir und Karoline. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1972. s. 163-164.

[2] Vgl. Fritz, Axel: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit. München: List 1973. s. 233.

[3] Horváth, Ödön von: Gebrauchsanweisung. In: Ödön von Horváth: Kasimir und Karoline. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1972. s. 163-164.

[4] Horváth, Ödön von: Kasimir und Karoline. Volksstück. Stuttgart: Reclam 2009. s. 9. Im Folgenden wird dieser Text unter der Sigle KK zitiert.

[5] Schmidjell, Christine: Ödön von Horváth, Geschichten aus dem Wiener Wald. Stuttgart: Reclam 2009. s. 108.

[6] Vgl. Franchi, Riccardo: Der Spiesser und seine Sprache. Eine Untersuchung von Oedoen von Horvaths Werk. Zürich: ADAG 1982. s. 69.

[7] Ebd. s. 70.

[1] Fritz, Axel: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit. München: List 1973. s. 242.

[2] Franchi, Riccardo: Der Spiesser und seine Sprache. Eine Untersuchung von Oedoen von Horvaths Werk. Zü- rieh: ADAG 1982. s. 73.

[3] Bartsch, Kurt: Horváth-Diskussion. Kronberg/Ts.: Scriptor-Verlag 1976. s. 46.

[4] Franchi, Riccardo: Der Spiesser und seine Sprache. Eine Untersuchung von Oedoen von Horvaths Werk. Zü- rieh: ADAG 1982. s. 73.

[1] Franchi, Riccardo: Der Spiesser und seine Sprache. Eine Untersuchung von Oedoen von Horvaths Werk. Zü- rieh: ADAG 1982. 70.

[2] Fritz, Axel: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit. München: List 1973. s. 240.

[3] Vgl. Kurzenberger, Hajo: Horvaths Volksstücke. München: Fink 1974. s. 16.

[4] Vgl. Franchi, Riccardo: Der Spiesser und seine Sprache. Eine Untersuchung von Oedoen von Horvaths Werk. Zürich: ADAG 1982. s. 77.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der "Bildungsjargon" in Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V436866
ISBN (eBook)
9783668778108
ISBN (Buch)
9783668778115
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungsjargon, horváths, volksstück, kasimir, karoline
Arbeit zitieren
Sandra Schäder (Autor), 2018, Der "Bildungsjargon" in Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436866

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