Das Ende der Illusion. Eine Rekonstruktion des Gerechtigkeitsbegriffs in Karl Marx' Kapitalismuskritik


Bachelorarbeit, 2019

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 | Einleitung

2 | Gerechtigkeit
2.1 | Der Rawlssche Ansatz
2.2 | Eine Arbeitsdefinition von Gerechtigkeit

3 | Gesellschaftstheoretische Grundzüge
3.1 | Anthropologische Grundannahmen
3.2 | Merkmale des kapitalistischen Gesellschaftssystems

4 | Rekonstruktion des Gerechtigkeitsbegriffs
4.1 | Juristisch-funktionale Konzeption
4.1.1 | Gerechtigkeit als Ideologie
4.1.2 | Das gerechte Lohnarbeitsverhältnis
4.2 | Umfassende Konzeption
4.2.1 | Die maskierte Freiheit
4.2.2 | Der entfremdete Mensch
4.2.3 | Das Ende der Illusion
4.3 | Die Überwindung der Gerechtigkeit

5 | Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Der Umstand, dass Karl Marx nie explizit seine Vorstellung einer gerechten Gesellschaft darlegte, hinterlässt auf den ersten Blick eine normative Lücke in seiner Theorie. Denn wie lässt sich seine umfangreiche und detaillierte Analyse des kapitalistischen Systems nachvollziehen, wenn ihr keine Konzeption von politischer Gerechtigkeit zugrunde liegt?

Diese Arbeit rekonstruiert anhand dreier Elemente der Marxschen Kapitalismuskritik Prämissen, die belegen, dass Marx sehr wohl eine Konzeption von Gerechtigkeit besaß. Untersucht werden die Ausbeutungskritik, die Entfremdungsdiagnose und der Vorwurf, die kapitalistische Produktionsweise erzeuge eine gesamtgesellschaftliche Illusion, welche die tatsächlichen Machtverhältnisse verschleiert. Dabei stellt sich heraus, dass Marx die Arbeit in den Mittelpunkt menschlicher Gesellschaften stellte; freie und sinnstiftende Arbeit empfand er als Grundbedingung für ein sich selbstverwirklichendes Leben. Diesem Umstand müsse die Ökonomie einer Gesellschaft gerecht werden. So versuchte Marx zu zeigen, dass Gerechtigkeit in kapitalistischen Produktionsverhältnissen nicht realisierbar ist, was Debatten um Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit obsolet mache. Vielmehr überwindet eine gerechte Gesellschaft die Frage nach Gerechtigkeit, da ihre Struktur jedem Menschen die Chance ermöglicht, ein Leben nach seinen individuellen Bedürfnissen zu führen.

1 | Einleitung

Die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls gilt als wirkmächtigstes Werk der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. In vertragstheoretischer Tradition stehend, versuchte Rawls mit dem Konzept der Gerechtigkeit als Fairness einen neuen Ansatz des egalitären Liberalismus zu entwerfen. Dafür formulierte er Grundprinzipien, nach denen sich eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft bestimmen ließe. Seit ihrem Erscheinen im Jahr 1971 hat die Theorie der Gerechtigkeit das Monopol im modernen Gerechtigkeitsdiskurs inne und ist der Referenzpunkt für neue Forschungsansätze.

Eine weniger prominente Rolle in der zeitgenössischen Debatte zur Gerechtigkeit spielt die Philosophie Karl Marx'. Dies mag zunächst plausibel erscheinen, schließlich war Marx kein klassischer Gerechtigkeitstheoretiker. Er hat nie ein systematisches Konzept zu Gerechtigkeit verfasst, Fragen nach gerechter Verteilung stets zurückgewiesen und den Begriff nur selten verwendet. Einige Autoren argumentieren daher dafür, dass Marx in seiner Analyse des kapitalistischen Gesellschaftssystems eine rein juristisch-funktionale Gerechtigkeitskonzeption nutzte. Demnach verstand er Gerechtigkeit lediglich als die ideologische Norm einer Gesellschaft, die dazu dient, ihr immanente Vorgänge als „gerecht“ oder „ungerecht“ zu bezeichnen. Die normative Frage nach den spezifischen Werten einer gerechten Grundstruktur habe er sich in seiner Agenda, die Triebkräfte und Mechanismen des Kapitalismus zu entschlüsseln, nicht gestellt.

Bei genauerer Betrachtung verwundert dieser Umstand jedoch, da sich in dem Marxschen Œu­v­re Kategorien und Parameter finden lassen, die dabei helfen, einen anderen Zugang zu dem Feld der Gerechtigkeit zu gewinnen. Dabei lautet meine These, dass Marx seiner Kritik des Kapitalismus einen normativen Begriff von Gerechtigkeit zugrunde gelegt haben muss. Belegen doch seine anthropologische Theorie zum Gattungswesen, die Ausbeutungskritik und seine Entfremdungsdiagnose, dass er eine genaue Vorstellung von einem gelungenen, sich selbst verwirklichenden Leben besaß. Ich denke, dass Marx eine gerechte Gesellschaft an der Erfüllung dieses humanistischen Ideals bewertete. Somit nutzte er neben dem engen, funktionalen auch einen umfassenden Gerechtigkeitsbegriff, der die Prämissen für ein gerechtes Gesellschaftssystem impliziert, das frei von den illusorischen Notwendigkeiten kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist.

Daher ist es das Ziel der vorliegenden Arbeit, diese Prämissen durch eine Rekonstruktion der Marxschen Kapitalismuskritik zu explizieren und seine umfassende Konzeption von Gerechtigkeit offenzulegen, aber auch die juristisch-funktionale Lesart in der Marx-Forschung zu präsentieren. Dabei wird sich zeigen, dass Marx Gerechtigkeit unter konträren Grundannahmen und aus einer fundamental anderen Perspektive diskutierte, als es im heutigen Gerechtigkeitsdiskurs üblich ist. Aus diesem Grund werden zu Beginn der Arbeit der derzeitige Status quo und konventionelle Ansatz in der Gerechtigkeitsphilosophie anhand der Rawlsschen Theorie dargelegt. Das Vorgehen ist dabei rein deskriptiv; es ist nicht der Anspruch, Rawls' Theorie zu kritisieren oder Marx' Annahmen zu verteidigen.

Damit soll schlussendlich nicht nur dem geschulten Rawlsianer wertfrei ein alternativer Ansatz präsentiert, sondern auch künftigen Debatten in der Gerechtigkeitsphilosophie ein gebündeltes Werkzeug angeboten werden, um noch präziser mit Marx über Gerechtigkeit sprechen zu können. Auch wenn dies bedeuten könnte, künftig jenseits dieses Begriffs zu denken.

2 | Gerechtigkeit

Um Marx' Konzeption von Gerechtigkeit zu rekonstruieren, muss zunächst das Feld der Gerechtigkeit enger gefasst werden: Gerechtigkeit kann sich zum einen auf die Beantwortung spezifischer Fragen beziehen, zum Beispiel ob eine bestimmte Handlung, ein Gerichtsurteil oder ein Gesetz gerecht seien. Zum anderen steht in der Debatte um politische Gerechtigkeit die Frage nach einem gerechten Gesellschaftssystem im Vordergrund. So versuchten zum Beispiel John Locke, Jean-Jacques Rousseau oder Immanuel Kant staatstheoretische Prinzipien für eine gerechte gesellschaftliche Ordnung zu formulieren.[1] Rawls stellte sich mit der Theorie der Gerechtigkeit in ihre Tradition.

Im Folgenden sollen seine Methodologie und das Konzept der Gerechtigkeit als Fairness knapp skizziert werden, um anschließend einen Arbeitsbegriff von Gerechtigkeit festzuhalten. Dieser ist vonnöten, um Marx' Gedanken zu politischer Gerechtigkeit – in Anlehnung an Rawls – im Bezug auf die Grundstruktur einer Gesellschaft zu diskutieren.

2.1 | Der Rawlssche Ansatz

Wann ist eine Gesellschaft gerecht? Dieser Frage ging Rawls in der Theorie der Gerechtigkeit nach. Er definierte Gerechtigkeit als die „erste Tugend sozialer Institutionen.“[2] Diese Institutionen nannte Rawls die Grundstruktur einer Gesellschaft. Sie wird durch die Verfassung eines Staates und seine wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bestimmt. Dazu gehören zum Beispiel das Prinzip der Gedanken- und Gewissensfreiheit oder das Recht auf Privateigentum.[3] Diese gesellschaftliche Grundstruktur untersuchte er anhand seines normativ-kritischen Maßstabs von Gerechtigkeit. Mit dem Ziel, einen sozialliberalen Gegenentwurf zu dem von ihm kritisierten Utilitarismus[4] zu schaffen, entwickelte er dafür das Konzept der Gerechtigkeit als Fairness.

Rawls wählte dafür folgenden Ansatz: Mit dem Gedankenexperiment des Urzustands wandte er, in Anlehnung an das vertragstheoretische Konzept des Naturzustands, einen methodologischen Kniff an. Er erschuf die theoretische Situation der Zusammenkunft von freien und vernünftigen Menschen, die sich auf Gerechtigkeitsgrundsätze für die Grundstruktur ihrer Gesellschaft einigen sollen. Da sich die Menschen im Urzustand hinter dem Schleier des Nichtwissens befinden, kennt kein niemand seine[5] künftige Stellung in der Gesellschaft. Somit stellt der Schleier des Nichtwissens sicher, dass sich alle Menschen unter gleichen Voraussetzungen für die Gerechtigkeitsprinzipien entscheiden.

Rawls ging davon aus, dass sich die Menschen auf jene Grundsätze einigen würden, die jedem die Chance zusichern, in einer kapitalistischen Marktwirtschaft einen möglichst hohen Anteil an den zu verteilenden Gütern zu erhalten. Damit garantieren die Gerechtigkeitsgrundsätze, dass erstens jedes Mitglied das gleiche Recht an Grundfreiheiten besitzt, das für alle Mitglieder möglich ist. Zweitens werden die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten so gestaltet, „dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedermann offenstehen.“[6]

Der erste steht dem zweiten Grundsatz vor. Das bedeutet, dass sich Rawls klar zur Idee des klassischen Liberalismus, vor allem in der Tradition Kants[7], bekannte. Die Freiheit des einzelnen war für ihn der entscheidende Begriff in einer gerechten Gesellschaftsstruktur, weshalb er sie vor das Differenzprinzip (a) und das Gebot der fairen Chancengleichheit (b) stellte. Jedoch betonte Rawls mit dem zweiten Gerechtigkeitsgrundsatz auch die faire Verteilung von materiellen Gütern und sozialen Werten. Darunter fallen insbesondere Chancengleichheit, die Möglichkeit auf ein eigenes Einkommen sowie „die sozialen Grundlagen der Selbstachtung.“[8] Das Differenzprinzip stellt sicher, dass eine ungleiche Güterverteilung nur dann möglich ist, wenn sie gleichzeitig jedermann zum Vorteil und damit gerecht ist. Das bedeutet, dass eine potenzielle Ungleichheit stets zugunsten derjenigen gestaltet werden muss, die sich am unteren Ende der Gesellschaft befinden.

Damit belegt Rawls' Ansatz, dass er ein Theoretiker der sozialen Gerechtigkeit war. Er formulierte moralische Normen, von denen er ausging, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger im Konsens auf sie einigen würden. „Fair“ sind diese Prinzipien, weil sie von einem Egalitarismus der Begründung (Schleier des Nichtwissens) und der Verteilung (Differenzprinzip, faire Chancengleichheit) ausgehen. Rawls versuchte damit, qua Geburt geschuldete Nachteile zu eliminieren, die Startchancen eines jeden Menschen gleich zu gestalten und die Tragweite möglicher eigener Fehlentscheidungen gering zu halten.

2.2 | Eine Arbeitsdefinition von Gerechtigkeit

Rawls übernahm im ersten Gerechtigkeitsgrundsatz der Gerechtigkeit als Fairness den Hauptgedanken des kantianischen Liberalismus, wonach die Freiheit des Einzelnen erst ihre Grenze an der Freiheit des Anderen finden darf.[9] Damit stand der universalistische Gedanke der gleichen Freiheit bei Rawls an erster Stelle. Er ergänzt ihn im zweiten Grundsatz mit dem Prinzip der Solidarität, welches eine gerechte Verteilung aller sozialen und materiellen Güter garantieren sollte. Seinem Versuch, den Grundgedanken der egalitären Freiheit mit einer Theorie der sozialen Gerechtigkeit zu verbinden, liegt das klassische liberale Menschenbild zugrunde. Diesem zufolge sei der Mensch ein alleinstehendes Wesen, das unter der Bedingung einer mäßigen Güterknappheit die für sich bestmögliche Position in der Gesellschaft finden will. Dabei steht es stets im Spannungsfeld zwischen Konkurrenz und Kooperation sowie Fremdbestimmung und Autonomie.

Die Annahmen der Theorie der Gerechtigkeit bestimmen den modernen Diskurs über Gerechtigkeit.[10] Der Großteil zeitgenössischer Ansätze richtet seinen Fokus auf die gerechte Verteilung und setzt den eigenen Thesen eine liberale Grundposition (Freiheit als höchstes Gut), den Rawlsschen Gegenstandsbereich (Grundstruktur der Gesellschaft) und sein Begründungsverfahren (fiktive Übereinkunft aller Mitglieder der Gesellschaft) voraus.[11]

Rawls' Definition von Gerechtigkeit dient deshalb als Arbeitsbegriff für diese Arbeit. Seine liberale Sicht auf die Gesellschaft und das menschliche Wesen hilft dabei, Marx' Zugang zu Gerechtigkeit besser in Relation setzen und damit nachvollziehen zu können.

3 | Gesellschaftstheoretische Grundzüge

Die Theorie der Gerechtigkeit zeigt unter anderem, dass der Konzeption einer gerechten Gesellschaft ein spezifisches Menschenbild zugrunde liegen muss. Daher wird im Folgenden Marx' Auffassung zur Bestimmung des menschlichen Wesens erläutert. Dafür ist vor allem die Auseinandersetzung mit den sogenannten Pariser Manuskripten unerlässlich, da er hier seine anthropologische Denkfigur des Gattungswesens konzipiert und den zentralen Begriff der Arbeit definiert.

Im zweiten Schritt werden die Instrumente der Marxschen Gesellschaftstheorie dargelegt, um seine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft besser nachvollziehen zu können. Dabei werden seine materialistischen Annahmen in Hinblick auf die Grundstruktur der Gesellschaft skizziert (I.), der Historische Materialismus seiner Geschichtstheorie erläutert (II.) sowie die institutionellen Merkmale des kapitalistischen Gesellschaftssystems herausgearbeitet (III.). Eine tiefere Analyse von (III.) ist dann für die Rekonstruktion des Marxschen Gerechtigkeitsbegriffs unabdingbar, während in diesem Kapitel zunächst die grundlegenden Kategorien eingeführt werden.

3.1 | Anthropologische Grundannahmen

Marx' zeichnete sein Bild vom Wesen des Menschen in der Kategorie des Gattungswesen s. Er verstand den Menschen zunächst als ein Element der Natur. Also einen Organismus, der nicht ohne die Natur existieren kann, eben weil er ein Teil von ihr ist. Marx sah alles, was den Menschen als Lebewesen kennzeichnet, vom Stoffwechsel über die Nahrungsaufnahme hin bis zum geistigen Denken, stets im praktischen Austausch mit der Natur. Daher bezeichnete er die Natur als den eigentlichen Leib des Menschen.[12]

Dieser Umstand unterscheidet den Menschen jedoch noch nicht vom Tier. Es ist die Arbeit, die sein spezifisches Wesen ausmacht. Damit ist allerdings nicht die Lohnarbeit gemeint, sondern das produktive Leben schlechthin - es bildet das Zentrum der Marxschen Theorie. Denn erst in dem Moment der Arbeit, der praktischen Aneignung der Natur[13], verwirklicht sich der Mensch. Hier wird er vom Natur- zum Gattungswesen. Das produktive Leben ist daher das Gattungsleben.[14] So zeichnet es den Menschen nicht allein aus, ein Teil der Natur zu sein: Als wahrhaft menschliches Wesen kann er sich nur in der Praxi s verhalten.[15] Allerdings ist es dafür notwendig, dass er diese Tätigkeit „zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewusstseins“[16] macht. Erst in der zwanglosen, bewussten und freien Aneignung der Natur kann er sich entfalten. In diesem Moment erhebt er sich aus der Tierwelt, da er nicht nur arbeitet, um zu überleben und sich fortzupflanzen, sondern um sein Wesen zu verwirklichen. In diesem Umstand liegt sein spezifischer Gattungscharakter.

Die Arbeit ist damit das konstituierende Moment des Gattungswesens. Im Akt der Bearbeitung der Natur produziert der Mensch die gegenständliche Welt; Marx spricht daher von Arbeit als Vergegenständlichung der Natur.[17] Zwar weist er gleichzeitig darauf hin, dass auch Tiere Dinge herstellen, ihr Handeln aber im genetischen Code festgelegt sei und damit keine freie Entscheidung fernab des unmittelbaren physischen Bedürfnisses ist. Der Mensch hingegen produziert bewusst und aus eigenem Antrieb, sodass er seinen Produkten frei gegenüberstehen kann.

Ausgehend von diesem handlungstheoretischen Ansatz verortete Marx im produzierten Gegenstand das Verhältnis des Menschen zu sich und seinen Mitmenschen. Das bedeutet, dass das Produkt das reflexive Moment des Menschen zu sich selbst und zur Gemeinschaft darstellt; nur in dieser Konstellation kann das Wesen der Gattung Mensch gedacht werden. Daraus folgt erstens, dass die intakte Beziehung der Menschen zueinander und zu ihren produzierten Gegenständen entscheidend für die gelungene Verwirklichung ihres Wesens ist. Sie können nur dann die in ihnen angelegten Potenziale entfalten, wenn sie ihrer Arbeit frei und bewusst nachgehen. In dieser Verwirklichung liegt Marx' ethischer Bewertungsmaßstab für ein gelungenes Leben.[18]

Seine anthropologische Theorie impliziert zweitens, dass Marx Menschen stets in Gemeinschaft gedacht hat: Zwar sei es ihnen möglich, ihre Bedürfnisse durch die Domestizierung der Natur zu befriedigen und sich damit als Organismus zu erhalten. Jedoch können sie, seiner Meinung nach, ihr Gattungswesen nur dann verwirklichen, wenn sie gemeinschaftlich produzieren und jeder zwanglos einer Tätigkeit nachgehen kann, die seinem Wesen entspricht.

Diese Annahmen deuten darauf hin, dass Marx unter einem sich selbstverwirklichenden Leben ein glückliches verstand.[19] Demnach zeichnet es den Menschen aus, dass er dann frei, selbstbestimmt und glücklich ist, wenn er die Arbeit nicht als reines Mittel zum Überleben versteht, sondern als praktische Tätigkeit der Selbstverwirklichung. Auch Freiheit ist damit eine Grundbedingung und zugleich eine Konsequenz aus bewusster Arbeit: Der Mensch muss frei von Zwang sein, um einer praktischen Tätigkeit nachgehen zu können, und wird durch das produktive Leben wahrhaft frei und selbstbestimmt.

Somit widerspricht diese Sicht der liberalen Idee, wonach das Bedürfnis nach Sicherheit und Freiheit dem Entstehen von Gesellschaften zugrunde liegt.[20] Nach Marx ist nicht der Wunsch nach Eigentumsrechten und staatlicher Ordnung, sondern die gemeinschaftliche Tätigkeit als Bedingung eines gelungenen Lebens der Ursprung menschlicher Gemeinschaften.

3.2 | Merkmale des kapitalistischen Gesellschaftssystems

(I.) Grundstruktur. Marx nahm an, dass die Grundstruktur einer Gesellschaft – er sprach von der „Anatomie“[21] – in ihrer Ökonomie zu finden ist. Diese Annahme (a) bedarf einiger Erläuterungen: Nach Marx gingen die Menschen in ihrer Geschichte von jeher bestimmte Produktionsverhältnisse ein. Das bedeutet, dass sie im Akt der Arbeit zunächst ein metaphysisches Verhältnis zu sich selbst und dem produzierten Gegenstand erzeugen (siehe 3.1), jedoch auch ganz konkrete und materielle Verhältnisse in der gesellschaftlichen Produktion schaffen.[22] Diese Produktionsverhältnisse zeigen sich in der gesellschaftlichen Organisation der Gesamtproduktion, aber vor allem in dem Besitz der Produktionsmittel, wie beispielsweise den Maschinen.[23] Die Ansammlung der Produktionsmittel einer Gesellschaft nannte Marx Produktivkräfte.

Damit lässt sich Annahme (a) konkretisieren: Wenn Marx von der Grundstruktur der Gesellschaft sprach, meinte er die Gesamtheit ihrer Produktionsverhältnisse.[24] Ausgehend von dieser Annahme stellte er die These (b) auf, dass die Struktur der Produktionsverhältnisse die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen bestimmt. Nach Marx sind damit alle vom Menschen gemachten Institutionen, vom Staatswesen über die Verfassung bis zu den gesellschaftspolitischen Organisationen, Ergebnisse der ökonomischen Struktur. Daher bezeichnete er diese als den ideologischen Überbau der realen Basis.[25]

Aus (a) und (b) zog Marx den Schluss, dass alle Formen des menschlichen Bewusstseins, der gesamte geistige und soziale Lebensprozess, die menschlichen Vorstellungen von der und ihre Sicht auf die Welt, Ausdruck der materiellen Produktionsstruktur sind. Deshalb bestimmt „das Sein das Bewusstsein“[26] und nicht umgekehrt. Möchte man dieses Bewusstsein verstehen, muss demnach der empirische Blick auf die Produktionsverhältnisse der Gesellschaft gerichtet sein.

[...]


[1] Vgl. dazu: Ladwig, Bernd: Gerechtigkeitstheorien. Zur Einführung, Hamburg 2011.

[2] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main19 2013, S. 19.

[3] Ebd., S. 23.

[4] Für eine tiefere Auseinandersetzung mit der utilitaristischen Ethik vgl. u.a.: Schroth, Jörg (Hrsg.): Texte zum Utilitarismus, Stuttgart 2016.

[5] Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich hier und im Folgenden das generische Maskulinum.

[6] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 81.

[7] Zur zentralen Bedeutung Kants für den Freiheitsbegriff in der Theorie der Gerechtigkeit als Fairness: vgl. Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 283 ff.

[8] Ebd., S 83. (vgl. zur Selbstachtung als wichtigstes soziales Gut: S. 479-486).

[9] Vgl. Kant, Immanuel: Die Metaphysik der Sitten. Werke in zwölf Bänden (hrsg. v. Wilhelm Weischedel), Frankfurt am Main 1977, S. 336.

[10] Honneth, Axel: Gerechtigkeit und kommunikative Freiheit, in: Subjektivität und Anerkennung (hrsg. v. Barbara Merker/Georg Mohr/Michael Quante), Paderborn 2004, S. 213.

[11] Vgl. Forst, Rainer: Gerechtigkeit nach Marx, in: Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, hrsg. v. Rahel Jaeggi/Daniel Lock, Berlin 2013, S. 108.

[12] Vgl. Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, hrsg. v. B. Zehnpfennig, Hamburg 2005, S. 61.

[13] Vgl. Marx, Karl: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW 13, S. 619.

[14] Vgl. Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, hrsg. v. Barbara Zehnpfennig. S. 62.

[15] Vgl. Marx, Karl: Thesen über Feuerbach, in: MEW 3, 1845 (Erstdruck Stuttgart 1888), S. 5.

[16] Ebd.

[17] Vgl. ebd. [Marx' Modell der Vergegenständlichung sowie die Begriff des Gattungswesen und der Arbeit haben einen hohen Bezug zur Hegelschen und Feuerbachschen Philosophie. Eine tiefergehende Darlegung dieser Verknüpfung würde jedoch den Rahmen überschreiten und ist zur Beantwortung der Fragestellung nicht notwendig. Quante geht allerdings in seinem Kommentar ab S. 262 ff. ausführlich darauf ein: vgl. Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Kommentar v. Michael Quante, Frankfurt am Main2 2015].

[18] Vgl. Lohmann, Georg: Von der Entfremdung zur Entwürdigung. Eine kritische Revision der Marxschen Entfremdungskritik, in: Der aufrechte Gang im schiefen Kapitalismus. Modelle kritischen Denkens, hrsg. v. Rüdiger Dannemann/Henry W. Pickford/Hans-Ernst Schiller, Wiesbaden 2018, S. 10.

[19] Zum Bezug des glücklichen Lebens bei Marx und Aristoteles vgl. Lohmann, Georg: Zwei Konzeptionen von Gerechtigkeit in Marx‘ Kapitalismuskritik, in: Ethik und Marx, hrsg. v. Emil Angehrn u. Georg Lohmann, Königstein/Ts. 1986, S. 175-177.

[20] Vgl. Locke, John: Two Treatises of Government, 1690, S. 125, abrufbar unter: <https://www.globalgreyebooks.com/two-treatises-of-government-ebook.html> (zuletzt abgerufen: 20.09.19).

[21] Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW 13, Berlin 1859, S. 8.

[22] Vgl. Engels, Friedrich/Marx, Karl: Die Deutsche Ideologie, in: MEW 3, 1845, S. 25.

[23] Vgl. Rosa, Hartmut/Kottmann, Andrea/Strecker, David: Soziologische Theorien, Konstanz3 2018, S. 36.

[24] Vgl. Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 8.

[25] Vgl. ebd.

[26] Marx, Karl: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW 7, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Das Ende der Illusion. Eine Rekonstruktion des Gerechtigkeitsbegriffs in Karl Marx' Kapitalismuskritik
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
36
Katalognummer
V509569
ISBN (eBook)
9783346072559
ISBN (Buch)
9783346072566
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: In Anlage und Ausführung erfüllt diese Arbeit in ausgezeichneter Weise die Anforderungen einer BA-Arbeit in Philosophie und verdient die Note 1,0. Eine souveräne und überzeugende Auseinandersetzung mit einer Grundfrage der Marx-Interpretation, gestützt auf eine umfassende Kenntnis der Literatur.
Schlagworte
Marx, Politische Philosophie, Gerechtigkeit, Politische Theorie, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Finn Starken (Autor), 2019, Das Ende der Illusion. Eine Rekonstruktion des Gerechtigkeitsbegriffs in Karl Marx' Kapitalismuskritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509569

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