Staatliche Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe
Institut für Philosophie und Ästhetik
Seminar: Sphärologie II Theorie der Technik
Wintersemester 2007/2008
Descartes Albtraum
Thomas Metzinger und das
Verschwinden des Subjekts
Adam Rafinski
Kunstwissenschaft und Medientheorie (HF) Medienkunst (NF)
5. Fachsemester
2
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
03
B. Historische Grundlagen
06
I.
Begriffsklärung "Bewusstsein"
06
II.
Der Cartesianismus und die Folgen
08
C. Gegenwärtige Entwicklungen
12
I.
Bewusstsein und Sprache
14
II.
Die Naturalisierung des Bewusstseins
15
III.
Der Diskurs um Qualia
17
IV.
Das transparente Selbstmodell
19
D. Schlussbemerkung
22
E. Literaturangaben
24
3
A. Einleitung
"Der Mensch wird, bildlich gesprochen, zwischen sich und der Natur ein
ganzes System von Gliedern errichten müssen, die als Verstärker der
Vernunft fungierend, zunehmend machtvoller werden. Auf diesem Wege
der Verstärkung nicht der Kraft, sondern des Denkens wird schließlich die
Beherrschung der dem menschlichen Gehirn direkt nicht zugänglichen
Eigenschaften der materiellen Welt möglich."
1
Nichts ist uns vertrauter und fremder zugleich als unser eigenes Bewusstsein. Als
Ursprungsfaszination des menschlichen Denkens stellt es die Vorraussetzung für
jede Art von Reflexion. Im Grunde ist Bewusstsein unser Leben. Wenn man den
Verlauf seines Lebens betrachtet, dann sind sämtliche Dinge, die es zwischen
Anfang und Ende ausfüllen, durch die Form des Bewusstseins bedingt. Es ist das
unhintergehbare Hintergrundrausch unserer Existenz.
Doch trotz dieser unmittelbar gegebenen Nähe bleibt immer eine Lücke für das
Unbehagen: Ein wesentliches Charakteristikum des Bewusstseins ist, dass es uns
den Dingen gegenüberstellt, ganz gleich, auf welchem Objekt unsere
Aufmerksamkeit ruht; die intro- und extrovertrierte Entfremdung bleibt somit immer
eine uns begleitende Möglichkeit. Ein beständiger Mechanismus der Setzung von
Dualitäten wird durch das Denken über alle Realität gelegt und bringt ihren Träger,
das Bewusstsein dazu, sich für sich selbst zu interessieren. Es ist die Qualität und
Herausforderung seiner Selbstähnlichkeit, seine ,,fraktale" Natur, die es so unendlich
faszinierend machen. Seit über 2000 Jahren ist es das maßgebende Thema in den
westlichen Geisteswissenschaften, seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts
leisten Naturwissenschaften einen rasant wachsenden Erkenntnisgewinn in dieser
Aporie der Philosophie.
"Das Problem des Bewußtseins bildet heute - vielleicht zusammen mit der
Frage nach der Entstehung unseres Universums - die äußerste Grenze
des menschlichen Strebens nach Erkenntnis. Es erscheint deshalb vielen
als das letzte große Rätsel überhaupt und als die größte theoretische
Herausforderung der Gegenwart. Zumindest kann man sagen, daß eine
1
Stanislaw Lem: Summa technologiae, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1981, S. 68
4
Lösung dieses Rätsels durch die empirische Forschung einer
wissenschaftlichen Revolution erster Ordnung gleichkäme."
2
Der Begriff des Bewusstseins ist seinem Ursprung nach ein philosophischer Begriff.
In den Neuro- und Kognitionswissenschaften, aber auch im allgemeinen
Öffentlichkeitsbewusstsein, gibt es seit einigen Jahren ein steigendes Interesse an
einer seriösen Theorie des Bewusstsein, welche von der philosophischen Seite die
kulturellen und ethischen Gesichtspunkte dieser neuen empirischen Entwicklungen
mitberücksichtigt. Das zeigt sich unter anderen daran, dass eine Reihe prominenter
Hirnforscher längst selbst damit begonnen haben, populäre Bücher philosophischen
Inhalts zu veröffentlichen.
3
In den letzten zwei Jahrzehnten ist das Thema des Bewusstseins zur "heimlichen
Forschungsfront"
4
in einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen
avanciert. Deren interdisziplinäre Vernetzung untereinander begründet den oben
zitierten, euphorischen Ton. Während die europäische Philosophie weitgehend
skeptisch dieser Entwicklung gegenübersteht, gibt es im angelsächsischen
Sprachraum eine aus der sprachanalytischen Schule heraus entstandene
Naturalisierungstendenz innerhalb der Philosophie, die als Philosophy of Mind
5
bekannt geworden ist und mittlerweile über ein differenziertes Netzwerk an
Forschungszweigen verfügt. Es sieht so aus, als ob wir zur Zeit auf eine ontologische
Revolution zusteuern: die naturwissenschaftliche Entschlüsselung des menschlichen
Bewusstseins und aller damit verbundenen zentralen Fragen, wie etwa die
Entstehung von Subjektivität, führt in Kombination mit einer allgemeinen Theorie des
Bewusstseins, welche die angelsächsische Philosophy of Mind zu leisten wünscht,
zu
einer
ontologischen
Destabilisierung
des
Seelenbegriffs
und
erkenntnistheoretischen Überwindung des Cartesianischen Dualismus. Exemplarisch
kann man dies besonders gut an der Position von Thomas Metzinger ausmachen.
2
Thomas Metzinger: "Einleitung: Das Problem des Bewußtseins", in: Thomas Metzinger (Hrsg.):
Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn; München; Wien; Zürich :
Schöningh, 1995, S. 15
3
Die bekanntesten Beispiele im deutschen Sprachraum sind hierfür Wolf Singer und Gerhard Roth.
4
Vgl. ebd.: S. 16
5
Auf Deutsch wird diese Strömung als Philosophie des Geistes bezeichnet, wobei die Übersetzung
von "Mind" zu "Geist" irreführend ist. Denkt man an die Phänomenologie des Geistes von Hegel, in
der ebenfalls Philosophie des Geistes betrieben wurde, so zeigt sich doch ein anderer Begriff von
Geist in der gegenwärtigen Diskussion. Die Philosophy of Mind beschäftigt sich einem
postphänomenologischen Verständnis des Leib-Seele-Problems. "Mind" meint den Fluss des
sinnlichen Bewusstseins und seiner inherenten, subjektiven Perspektive, während der Geist in der
klassischen Philosophie ein zwischen Subjekte und Objekt oszillierendes Wissen bezeichnet. Ähnliche
Missverständnis finden sich ebenfalls bei der Übersetzung des Englischen "Self" in "Selbst", wobei mit
"Selbst" im Deutschen Idealismus nicht immer das Selbstbewusstsein gemeint war.
5
Obwohl Deutschland philosophiegeschichtlich das Land aller bedeutenden Theorien
der Subjektreflexion ist, stellt er die einzige herausragende Position innerhalb dieser
analytischen Strömung momentan dar. Wir finden heute im Land des deutschen
Idealismus eine Bewusstseinstheorie vor, welche die Tradition und der Einsichten
von Fichte, Schelling und Hegel in die Selbstbezüglichkeit des Bewusstseinsbegriff
unter Vorzeichen des harten Materialismus unserer Zeit fruchtbar macht. Mit dem
2003 bei der MIT Press erschienen Werk "Being No One" hat Thomas Metzinger ein
unter naturalistischen Bedingungen entstandenes Staatment für den Tod des
Subjekts abgegeben, dass nicht nur den Zeitgeist kommentiert, sondern vielleicht
auch die große epistemische Herausforderung unserer Tage sprachlich auf den
Punkt bringt: die Einsicht in die Künstlichkeit unserer eigenen Subjektivität und damit
die erkenntnistheoretische Überwindung der subjektiven Überhöhung in der
Vorstellung einer Seele.
Die Philosophie als ,,Liebe zur Weisheit" und ,,Königin der Wissenschaften" war von
Anfang an die Wissenschaft des Bewusstseins gewesen. Das klassische Ideal der
Selbsterkenntnis und der Pflege der Seele
6
ist auch in ihrer neuen naturalistischen
Ausprägung eine ihrer wesentlichen Aufgaben. Dennoch berührt dieses Thema jeden
von uns und nicht nur die Philosophie oder Einzelwissenschaften. Es gibt keinen
Begriff der uns näher steht als der des Bewusstseins; er ist jeden Menschen
semantisch unmittelbar gegeben und bildet damit die absolute Aporie des
Begriffsverständnisses überhaupt.
"Es ist ja wirklich so, daß das Wissen über Wein die Art verändert, wie es
ist, Wein zu trinken."
7
Die vorliegende Arbeit nimmt die gegenwärtige Diskussion zwischen
Naturwissenschaft und Philosophie des Geistes zum Anlass, um die darin geleistete
gegenwärtige Ausprägung des Bewusstseinsbegriffs am Fallbeispiel von Thomas
Metzinger hinsichtlich seiner Behandlung der ontologischen Berechtigung von
Subjektivität zu beleuchten. Zunächst wird hierfür ein historischer Abriss des
Begriffsverständnisses, vom cartesianischen Paradigma ausgehend, bis hin zur
gegenwärtigen Naturalisierungsbestrebung, wiedergegeben. Danach wird das Qualia
6
Vgl.: M. Tullius Cicero: Tusculanae disputationes, zweites Buch 10-13; http://www.thorwalds-
internetseiten.de/weltbtuscdisp.htm
7
Ned Block (im Interview): "Ich versuche, den Funktionalismus zu widerlegen.", in: Susan Blackmore
(Hrsg.): "Gespräche über Bewusstsein, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 2007, S. 43
6
Problem skizziert und schließlich Metzingers Lösungsversuch durch das Konzept des
Selbstmodells untersucht.
B. Historische Grundlagen
"Verstehen
erfordert
Bewusstheit;
Bewusstheit
gehört
zum
Verstehen."
8
In der philosophischen Tradition ist Bewusstsein (consientia) häufig als eine meta-
stufige Form von Wissen aufgefasst worden. Bewusstsein war in diesem Sinne eine
spezifische Form inneren Wissens, die mentale Prozesse begleiten konnte und sie
dadurch in Gegenstände einer höherstufigen epistemischen Beziehung umwandelte.
9
Jeder Mensch, der ein mentales Innenleben hat, meint auch heute noch darüber
nicht-triviale, empirisch begründete, informative Aussagen aufstellen zu können. Erst
die Einsicht in die Unhintergehbarkeit der eigenen Subjektivität schafft die Grundlage
zur Erforschung des Bewusstsein. Diese meditative Zentrierung leitete und
reflektierte den wissenschaftlichen Anspruch in der Anwendung seines
Wirklichkeitsbezugs und beginnt nun auch in den naturwissenschaftlichen
Einzeldisziplinen Einzug zu halten.
10
I. Begriffsklärung "Bewusstsein"
Was bedeutet der Begriff "Bewusstsein" eigentlich? Das erste Problem, dass sich
uns bei dieser Frage stellt, ist, dass der Begriff als solcher ursprünglich nicht zum
Bestand der Alltagssprache gehörte. Zudem hat sein Vorkommen im gehobenen
Wortschatz keine ausdrückliche Einführung oder Erklärung erhalten.
11
"Conscientia", "Bewusstsein" ist ein philosophisches Kunstwort der Neuzeit. Dies
hängt damit zusammen, dass das Selbstverständnis und Selbstverhältnis in der
8
Roger Penrose (im Interview): "Es ist nichts da, bis man sich fragt, was da ist", in: Susan Blackmore
(Hrsg.): Gespräche über Bewusstsein, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 2007, S. 248
9
Vgl.: Thomas Metzinger: "Einleitung. 6. Bewußtsein, Metarepräsentation und höherstufige
Zustände", in: Thomas Metzinger (Hrsg.): Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie,
Paderborn; München; Wien; Zürich : Schöningh, 1995, S. 393
10
Vgl.: Max Velmans (im Interview): "Das Universum hat unterschiedliche Ansichten seiner selbst
durch Sie und mich", in: Susan Blackmore (Hrsg.): Gespräche über Bewusstsein, Frankfurt a.M. :
Suhrkamp, 2007, S. 340
11
Vgl.: Hubert Schleicher: "Über die Bedeutung von »Bewußtsein«", in: Sybille Krämer (Hrsg.):
Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 54
7
Antike und im Mittelalter die Bewusstseinszuschreibungen noch nicht kannte.
12
Es ist
aufs engste mit dem deutschen Sprachraum verknüpft ist. Nachdem Descartes den
modernen Bewusstseinsbegriff konstruiert hatte und damit die neuzeitliche Form des
klassischen Leib-Seele-Problems formulierte
13
, wurde dieser im Jahre 1719 durch
Christian Wolff
14
in den deutschen Sprachraum eingeführt. Über den deutschen
Idealismus und die Phänomenologie bis hinein in die Existentialphilosophie hat der
Begriff "Bewusstsein" eine erhebliche semantische Differenzierung durchlaufen.
Bewusstsein stand im deutschsprachigen Raum schon immer im Mittelpunkt des
philosophischen Denkens.
Das lateinische Wort für Bewusstsein, conscientia, leitet sich aus zwei Wörtern ab:
aus dem lateinischen Verb scire mit der Bedeutung "wissen" und aus der lateinischen
Präposition cum mit der Bedeutung "mit". Etymologisch gesehen, bedeutet
Bewusstsein also "mitwissen".
15
Das lateinische conscientia, nach dem das Wort
Bewusstsein gebildet worden ist, bedeutet zweierlei: einmal Apperzeption von
Dingen der äußeren Wahrnehmung, zum anderen Gewissen als Wissen von inneren
Dingen. Die gängigsten Ableitungen dieses "mitwissen" sind: das Wissen von, um
etwas, dass auch ein gemeinsames oder gegenseitiges Wissen sein kann; die
Beziehung des Ich auf etwas Inneres oder Äußeres, was die Selbsterkenntnis und
Erkennung anderer beinhaltet; die volle Herrschaft über die Sinne; die Fähigkeit, sich
der wahrnehmbaren Inhalte des menschlichen Denkens, seinen Emotionen und
Willen, bewusst zu sein; die Gesamtheit der Eindrücke, Gedanken, Anschauungen
und Gefühle, die das bewusste Sein des Menschen ausmachen; die volle
Bewusstseinsklarheit als regulierende Bedingung eines normativ anerkannten,
wachen Lebens und die damit einhergehende Selbstkontrollfähigkeit.
Da es für "Bewusstsein" in vielen Sprachen jedoch kein Äquivalent gibt, kann es
auch kein einheitliches Phänomen bezeichnen. Seine ideengeschichtliche Stärke
liegt somit in seiner Vieldeutigkeit und der oben angedeuteten semantischen
Selbstdifferenzierung. Ohne das entsprechende Kontextwissen kann man nicht
12
Vgl.: Sybille Krämer: "Einleitung", in: Sybille Krämer (Hrsg.): Bewußtsein. Philosophische Beiträge,
Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1996, S. 14
13
Vgl.: Thomas Metzinger: "Einleitung. 1. Begriffliche Grundlagen", in: Thomas Metzinger (Hrsg.):
Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn; München; Wien; Zürich :
Schöningh, 1995, S. 57
14
Vgl. Christian von Wolff: "Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen
Dingen überhaupt", Hildesheim; Zürich : Olms, 1983, Kapitel 3, § 194
15
Vgl.: Amit Goswami: Das bewusste Universum. Wie Bewusstsein die materielle Welt erschafft,
Freiburg : Verlag Alf Lüchow, 1995, S. 139
8
verstehen, was ein jeweiliger Autor mit diesem Begriff meint.
16
Zugang zum
Bewusstsein zu besitzen bedeutet wach und offen zu sein, nach innen und nach
außen zugleich. Diese inhaltliche Besonderheit lässt das "Bewusstsein" auf einer
Stufe mit andern semantisch selbstzentrierenden Wörtern wie "Leben", "Intelligenz",
"Verstehen" oder auch "Liebe" erscheinen.
II. Der Cartesianismus und die Folgen
Der Cartesianismus bezeichnet die Lehre von René Descartes. Durch die Entfaltung
seiner Erkenntnistheorie, welche Denken, Wahrnehmung und Bewusstsein in sich
vereinte, hat das Bewusstsein erst seinen intellektuellen Charakter bekommen. Der
Cartesianismus wurde zum maßgeblichen Mitbegründer der Bewusstseinseinstellung
der naturwissenschaftlichen Moderne.
17
Seit Descartes erfolgte die Bestimmung des
Bewusstseins von einer reflexiven Struktur her. Es beinhaltete nicht nur direkt die
Wahrnehmung, sondern das Wissen von dieser Wahrnehmung, das in der Einheit
eines Selbstbewusstseins verbunden gedacht wurde. Das Bewusstsein wurde auf
diese Weise erst als die Seinsweise des Ichs bestimmt, das von nun an
erkenntnistheoretisch die Wirklichkeit konstituiert.
Das berühmte cogito Argument von Descartes entstand in der Mitte des siebzehnten
Jahrhunderts aus seinen Meditationen und dem damit verbunden Bedürfnis, eine
ontologische Fixierung des Subjekts außerhalb der eigenen körperlichen Existenz zu
reklamieren.
18
Es ist die historische Setzung eines zentrifugalen, metaphysischen
Fixpunktes in jedem nach Wahrheit strebenden menschlichen Subjekt. Das cogito
ergo sum
(ich denke, also bin ich) leitet sich bei Descartes aus der ontologischen
Unfehlbarkeit der subjektiven Impulsgebung heraus: Selbst wenn das Subjekt an
seiner Existenz begründet zweifelt, beweist doch die Fähigkeit des Zweifelns selbst
die ontologische Faktizität seines Ich. Nichts kann zweifeln, ohne zu existieren:
Dubito ergo sum.
19
Allein dadurch, dass Descartes seinem Selbst Eigenschaften
16
Nicht nur der Kontext ließ die semantische Tiefe des Bewusstseinsbegriffs kreisen. Am Beispiel von
Georg Wilhelm Friedrich Hegel lässt sich zum Beispiel sehr gut ableiten, dass in der Tiefe des Begriffs
eine ständige Neujustierung des eigenen semantischen Gehalts impliziert ist. Das Bewusstsein wurde
in der ästhetischen Textur der Texte Hegels zum autonomen Bewusstsein seiner Selbst. Hierin ist die
ästhetische Sprengkraft Hegels begründet.
17
Vgl.: Konrad Cramer: "Das cartesianische Paradigma und seine Folgelasten", in: Sybille Krämer
(Hrsg.): Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 120
18
Vgl.: ebd.: S. 111
19
Vgl.: ebd.: S. 113
9
zuwies, die durch mentale Prädikate angegeben werden, vergewissert er sich auf
unbezweifelbare Weise seiner Existenz. Nachdem Descartes diese ontologische
Fixierung des Subjekts geleistet hat, analysiert er diese weiter und bestimmt es als
ein denkendes, urteilendes Ich: als res cogitans. Das zum Bewusstsein gebrachte
urteilende Denken wird sich seiner Existenz auf unbezweifelbare Weise gewiss und
damit zum cogito ergo sum. Descartes geht jedoch noch einen Schritt weiter. Er
versucht unter Beweis zu stellen, dass sein ganzes Wesen in nichts anderem besteht
als darin, ein denkendes Wesen zu sein, aus welchem die deskriptive Bestimmung,
ein materieller Körper zu sein, ausgeschlossen werden muss.
20
"In der gesamten Wissenschaftsgeschichte ist es immer wieder
vorgekommen, daß Begriffe, von denen man ausgegangen war, auch
wenn sie sehr intuitiv waren, eine Spaltung erfuhren."
21
Es ist der alte Traum von der unsterblichen Seele, der Descartes zur Spaltung seines
sum brachte und damit eine erkenntnistheoretische Grundlage definierte, mit der wir
bis heute zu kämpfen haben: Der ontologische Dualismus zwischen "Seele" und
"Körper" oder in seiner spekulativen Ausdifferenzierung zwischen "Subjekt" und
"Objekt", so wie wir ihn heute begreifen, sucht nach der Entität, dass Bewusstsein
nicht ohne Materie, Materie aber wohl ohne Bewusstsein existieren kann. Der von
Descartes definierte Cartesianische Dualismus trennt jedoch scharf zwischen der res
extensa, als dem Bereich der Natur, der naturwissenschaftlich erforscht werden
kann, und der res cogitans, dem denkenden Selbstbewusstsein, das einer
naturwissenschaftlichen Erforschung noch nicht bedurfte. Das menschliche
Selbstbewusstsein ist, der cartesianischen Lehre nach, menschlicher Erkenntnis in
einer einmaligen und wunderbaren Weise zugänglich: Jeder kann direkt, sicher, klar
und täuschungsfrei die eigenen mentalen Zustände wahrnehmen und deshalb um sie
wissen, wenn er nur die kognitive Aufmerksamkeit methodisch nach "Innen" auf die
eigenen Erlebnisinhalte lenkt.
22
Geist und Gehirn sind sei Descartes als unterschiedliche Substanzen aufgefasst
worden, die durch die Zirbeldrüse im Gehirn miteinander in Wechselwirkung
20
Vgl.: ebd.: S. 114
21
Ned Block (im Interview): "Ich versuche, den Funktionalismus zu widerlegen.", in: Susan Blackmore
(Hrsg.) Gespräche über Bewusstsein, Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2007, S. 41
22
Vgl.: Holm Tetens: "Die Rettung der mentalen Phänomene? Eine kurze Regieanweisung für einen
nicht-reduktiven Materialismus", in: Sybille Krämer (Hrsg.): Bewußtsein. Philosophische Beiträge,
Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1996, S. 155
10
stehen.
23
Ontologische bedeutet dies, dass die Welt aus zwei unabhängig
voneinander existierenden Sorten von Substanzen besteht - aus immateriellen und
materiellen Substanzen, Bewusstsein und Materie, Geist und Gehirn. Von dem
"Substanzdualismus" muss man den "Eigenschaftsdualismus" unterschieden, der
den Dingen sowohl physische als auch geistige Eigenschaften zuschreibt. Der
Eigenschaftsdualismus argumentiert, dass wir nicht aus zwei Substanzen, Geist und
Körper, bestehen, sondern dass wir nur ein Objekt sind, dem körperliche und geistige
Eigenschaften zukommen.
24
Das Kardinalproblem der Metaphysik im Zeichen des cartesianischen Paradigmas ist
die Vereinigung von heterogenen Substanzen, der immateriellen Seele und des
materiellen Körpers. Es sind insbesondere zwei Phänomene unseres bewussten
Lebens in Umgang mit der materiellen Welt, welche dieses Problem markieren,
nämlich unsere Empfindungen und unsere absichtsvoll geleiteten Handlungen.
25
Die
Empfindungen zeichnen die kausalen Beziehungen zwischen Vorgängen der
materiellen Welt und Vorkommnissen im Mentalen. Die Handlung, durch die
Notwendigkeit der ihr vorangehenden mentalen Aktivität, hingegen gehört nicht der
materiellen, sondern der mentalen Substanz an. Während für die Empfindung etwas
Materielles Ursache von etwas Mentalem ist, wird in der Handlung etwas Mentales
Ursache
von
etwas
Materiellem.
Das
Problem
besteht
in
dem
Interaktionszusammenhang zwischen der res extensa und der res cogitans.
26
Da nun
aber nach Descartes Argument für den Dualismus die res extensa und die res
cogitans keine sachliche Bestimmung im Sinne einer gemeinsamen Verbindung
zukommt, bleibt unklar, wie genau etwas in der Welt der res extensa Ursache für
etwas in der Welt der res cogitans sein kann und umgekehrt. Mit Spinoza
gesprochen können wir also feststellen, dass der Dualismus, wenn er seinen
Prinzipien treu bleibt, gar nicht anders kann als eine kausale Interaktion zwischen
dem Mentalen und dem Materiellen nicht zuzulassen.
27
Damit hat der Cartesianische
Dualismus das Bewusstsein gespalten und den unmittelbaren Zugang zur Welt
23
Zur Illustration siehe die Abbildung auf dem Titelblatt: René Descartes Illustration des Dualismus.
Reize werden von den Sinnesorganen weitergeleitet, erreichen die Epiphyse im Gehirn und wirken
dort auf den immateriellen Geist ein.
24
Eine bedeutende zeitgenössische Ausprägung des Eigenschaftsdualismus wird weiter unten im
Punkt "Der Diskurs um Qualia" weiter erläutert.
25
Vgl.: Konrad Cramer "Das cartesianische Paradigma und seine Folgelasten", in: Sybille Krämer:
Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 120
26
Vgl.: ebd.: S. 121
27
Vgl.: ebd.: S. 122
11
verschlossen. Es bedürfte wieder einer Vereinheitlichung des Bewusstseinsbegriffs
um diese zu überwinden.
"Die Einheit des Bewußtseins, so wie sie mit Evidenz aus dem, was wir
innerlich wahrnehmen, zu erkennen ist, besteht darin, daß alle
psychischen Phänomene, welche sich gleichzeitig in uns finden, mögen
sie noch so verschieden sein, wie Sehen und Hören, Vorstellen, Urteilen
und Schließen, Lieben und Hassen, Begehren und Fliehen usf., wenn sie
nur als zusammenbestehend innerlich wahrgenommen werden, sämtlich
zu einer einheitlichen Realität gehören, daß sie als Teilphänomene ein
psychisches Phänomen ausmachen, wovon die Bestandteile nicht
verschiedene Dinge oder Teile verschiedener Dinge sind, sondern zu
einer realen Einheit gehören."
28
Bei Descartes wird die Wiedervereinigung des Bewusstseins synthetisch geleistet
durch die Cartesianische Introspektion
29
, also jener Grundüberzeugung der
Unfehlbarkeit und Unkorrigierbarkeit des introspektiven Wissens um die eigenen
Bewusstseinsinhalte. In der westlichen Tradition gehen wir bei der Frage, ob so
etwas wie ein "Ich" introspektiv überhaupt erfassbar sei, ins 18. Jahrhundert, das
Jahrhundert der Aufklärung, zurück zu David Hume. Schon Hume war sich als
englischer Empirist absolut in klaren, dass Erfahrungen immer nur hintereinander
auftreten können, aber nie wegen einander; Kausalität lässt sich nicht beobachten.
30
Auch wenn man kausale Beziehungen logisch nicht aus dem Dualismus ableiten
kann, müssen sie dennoch notwendigerweise vorhanden sein, da sie vom
Denkenden Subjekt konstruiert werden.
"So unvollkommen auch jene Seinsweise sein mag, durch die ein Ding im
Verstand mittels der Vorstellung auf objektive Weise ist, so ist sie doch
sicherlich nicht völlig nichts und kann daher auch nicht aus nichts
hervorgehen."
31
Die meisten berühmten Theoretiker, die sich mit dem Bewusstsein befasst haben,
teilten die Annahme, dass der sinnvolle Gebrauch von Bewusstsein nur darin
begründen ist, dass es einen Gegenstand gebe, auf den dieser Begriff sich beziehen
28
Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Hamburg : Meiner, 1973, S. 232
29
Vgl.: Holm Tetens: "Die Rettung der mentalen Phänomene? Eine kurze Regieanweisung für einen
nicht-reduktiven Materialismus", in: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt
a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 156
30
Vgl.: Elmar Holenstein: "Die kausale Rolle von Bewußtsein und Vernunft", in: Sybille Krämer (Hrsg.):
Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 194
31
René Descartes: Meditationen über die Erste Philosophie, Stuttgart : Reclam, 2005, S. 113
12
kann. Unter den cartesianischen Bedingungen ist diese allerdings in der Tat nicht der
Fall: Als referentieller Terminus ist das einheitliche Bewusstsein eine notwendige
Fiktion.
32
Letztlich war es dann schließlich Immanuel Kant, die historische Leitperson der
Zusammenführung von Empirismus
33
und Rationalismus
34
, der explizit zwischen
Begriffen, die für die Erkenntnis konstitutiv sind, und Begriffen, die als regulative
Ideen wirksam werden, unterschieden hat.
35
Das dialektische Spiel, welches aus der
Spaltung des Bewusstseins im cartesianischen Dualismus, zwischen Subjekt und
Objekt, Seele und Körper, Ich und Welt, hervorging, erfuhr mit der Notwendigkeit der
regulativen Idee seine finale ideengeschichtliche Berechtigung. Seit Kant ist es ein
unhintergehbares Faktum, dass das Denken im Bewusstsein selbst der Realität ihre
eigene logische Form aufdrückt. Die Selbstgewissheit des cogito Arguments von
Descartes wurde bei Kant zur Transzendentalen Identität weitergedacht
36
: Der
beständige Fluss des Bewusstseins verbürgte sich für sämtliche Sinnes- und
Seinsinhalte. Die Apperzeption, eine immerwährende Synthese der Perzeptionen
selbst, führt von nun an zur notwendigen Konstitution des Ich.
Es ist die Geburt der
Subjektivität aus dem Geiste der Synthesis, welche auch heute noch dem
Bewusstseinsbegriff zugrunde liegt und dessen Unmittelbarkeit für jeden von uns
bestimmt.
C. Gegenwärtige Entwicklungen
"Unglücklicherweise ist unsere Geschichte geprägt von Descartes der den
Anschein erweckt hat, die Grundlage aller Erkenntnis sei die Gewissheit
über den Charakter unserer eigenen Bewusstseinzustände. Wir wissen
aber aus zahlreichen Experimenten, daß man Menschen auf viele
verschiedene Weisen täuschen kann und daß sie sich hinsichtlich der Art
ihrer Bewusstseinszustände einfach irren können."
37
32
Vgl.: Sybille Krämer: "»Bewußtsein« als theoretische Fiktion und als Prinzip des Personverstehens",
in: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 45
33
Der Empirismus hat sich der Aufzählung und Beschreibung von faktischen Dinge im klassisch
ontologischen Sinne verschrieb.
34
Der Rationalismus ist ein spätplatonisches Denken, dass von der Verinnerlichung von Ideen
ausging.
35
Vgl.: ebd.: S. 45
36
Vgl.: Immanuel Kant "Kritik der reinen Vernunft. Bd. 1", Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 2000; S. 173 ff
37
John Searle (im Interview): "Ich verstehe nicht ein Wort Chinesisch", in: Susan Blackmore (Hrsg.):
Gespräche über Bewusstsein, Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2007, S. 284
13
Mit dem Eintritt der empirischen Naturwissenschaft in die alte Domäne der
Philosophie ging ein materialistischer Erkenntnisgewinn einher, welcher einerseits
der europäischen, anti-naturalistisch eingestellten Philosophie nicht geheuer war und
andererseits auf der amerikanischen Seite hingegen eine naturalistische Bestrebung
hervorrief. Dies lässt sich unter anderem daran erkennen, dass die Begriffe des
"Bewusstseins" und "Selbstbewusstseins" - wie oben beschreiben "die" kategorialen
Grundlegungen der Subjektivität - in der philosophischen Debatte der letzten
Jahrzehnte zu einem nahezu randständigen Phänomen wurden.
38
Dennoch
lassen
sich
innerhalb
der
gegenwärtigen
Philosophie
zwei
Entwicklungsstränge des Bewusstseinsbegriffs deuten, die im Folgenden kurz weiter
erläutern werden: Wenn die introspektionale Ichbezogenheit überhaupt noch einen
sinnvollen Bezugspunkt philosophischen Nachdenkens in der europäischen Tradition
bildet, rückt der Begriff "Intentionalität" an jene Stelle, welche den
Bewusstseinsbegriff ehemals besetzt hielt. Dies hängt wohl damit zusammen, dass
intentionale Zustände besonders gut geeignet sind, um Selbstreferenzialität mit
sprachlichen Strukturen aufzuzeichnen, wenn nicht sogar sprachliche Bedeutungen
zu begründen.
39
Medientheoretisch gesprochen ist diese Ausprägung eine
konsequente Behandlung der Philosophie mit ihren eigenen Medium selbst: die
Sprache wird zum Bewusstsein.
"So wie wir eingesehen haben, daß es Hexen nicht gibt, werden wir
einmal einsehen, daß es das Mentale nicht gibt."
40
Gleichzeitig führte jedoch die Marginalisierung des Bewusstseinsbegriffs auch zu
seiner Naturalisierungsbestrebung innerhalb der Philosophie des Geistes. Der
Ursprung dieser Bewegung lässt sich im angelsächsischen Raum feststellen, wo ein
analytisches Diskursklima schließlich uns zur Kerndebatte über den Stellenwert der
"Qualia", der Neuauflage des Eigenschaftsdualismus, geführt hat. Thomas
Metzingers berühmter Lösungsversuch dieses Problems im transparentem
Selbstmodell bildet schließlich den Abschluss der Untersuchung.
38
Vgl.: Sybille Krämer: "Einleitung", in: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge,
Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 9
39
Vgl.: ebd.: S. 9
40
Konrad Cramer "Das cartesianische Paradigma und seine Folgelasten", in: Sybille Krämer:
Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 126
14
I. Bewusstsein als Sprache
"Die Begriffsanalyse weist nur darauf hin, daß das Wort "Bewußtsein" für
diesen Zweck nicht geeignet ist - es bedeutet nämlich, solange es nicht
neu definiert wird, dasselbe wie "Sprechen"."
41
Alles was kanonisch vom Bewusstsein behauptet wird und damit zur Konstitution
seines Begriffs gehört, gilt auch von der Sprache, denn sie hat für die medial
selbstreflektierte Philosophie dieselben Wesensmerkmale. Dies ist das Ergebnis der
Bedeutungsrekonstruktion vom Begriff des Bewusstseins. Hubert Schleichert zieht
daraus die Konsequenz und stellt eine weitere "Identitätsthese" auf, welche besagt,
dass Bewusstsein und Sprache identisch sind.
42
Damit steht er nicht alleine da. Die
gesamte poststrukturalistische Strömung hat mit ihrem zugrundeliegenden Gestus
der Abschaffung aller Metadiskurse zwar einerseits das Subjekt, den Autor selbst,
aus der Selbstsetzung als Subjekt konsequent verbannt, jedoch andererseits ihm
hierdurch einen erhöhten Freiraum geschaffen. Zwar kann man mit Derrida
gesprochen nicht hinter die zu Grunde liegende Sprache zurückzugehen und nur das
Spiel der Signifikanten weiter betreiben, andererseits jedoch steht sein Name de
facto immer noch über seinen Büchertiteln und er ist somit in unseren Archiven als
Autor zugänglich.
Es bleibt dabei, Begriffe haben keine genuine Bedeutung, wir müssen sie ihnen
geben. Die Identitätsthese von Sprache und Bewusstsein Schleicherts ist somit eine
Aussage über den faktischen Gebrauch, also die tatsächlich etablierte Bedeutung
von "Bewusstsein" innerhalb der Philosophiegeschichte.
43
Der Tod des Subjekts, wie
er von Nietzsche, Heidegger und ihren französischen Nachfolger als einen äußersten
Ausläufer abendländischer "Seinsverdrängung" und als Quellpunkt des "Willens zur
Macht" behandelt wurde, versteht sich somit nur als eine weitere Ausdifferenzierung
der Metaerzählung hinter dem Dualismus. Der Wunsch nach einem materialistischen
Monismus, in dem Subjekt und Objekt zu einem nichtexistenten Zusammenfallen,
findet hierin philosophischgeschichtliche sein Äquivalent im Scheitern der
phänomenologischen Bewegung. Das Bewusste als sprachlich Mittelbares kann in
der ästhetischen Textur der Sprache durchaus überwunden werden, doch bleibt der
Zugang zu ihr nur im philosophischen Kontext gewahrt.
41
Hubert Schleicher: "Über die Bedeutung von »Bewußtsein«", in: Sybille Krämer: Bewußtsein.
Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 64
42
Vgl.: ebd.: S. 57
43
Vgl.: ebd.: S. 58
15
Es bleibt fraglich, ob sich in dieser Ausprägung ein kulturprägendes Evidenzerlebnis
ohne weitere mediale Transkription erschließen lässt. Ich wage das an dieser Stelle
zu bezweifeln und belasse es im Rahmen dieser Arbeit bei diesem knappen Hinweis
auf dieser ontologischen Entwicklung innerhalb der Philosophiegeschichte selbst. Die
naturalistische Ausprägung der Subjektvernichtung scheint durch ihren
interdisziplinären
Ansatz
einen
reichhaltigeren
Nährboden
an
Realitätsüberwindungsmöglichkeiten durch seine Wirklichkeitsnähe anzubieten.
II. Die Naturalisierung des Bewusstseins
"Was geschieht, wenn ein Tier oder ein Mensch stirbt? Irgend etwas
scheint verschwunden zu sein - eine Art Lebensfunke, der den
Unterschied zwischen Leben und Tod ausmacht. Die Philosophen des 19.
Jahrhunderts glaubten wirklich, daß so etwas existiert, und nannten es
"élan vital" oder "Lebenskraft". Als im 20. Jahrhundert die Wissenschaft
damit begann, die Geheimnisse der Funktionsweise und der
Fortpflanzung von Lebewesen zu lüften, würde die Idee dann aufgegeben.
Mittlerweile akzeptieren wir, daß Lebendigsein nicht mehr ist als
komplexe, miteinander vernetzte biologische Funktionen. Wird es dem
Bewusstsein genauso ergehen?"
44
Es ist der Naturalismus, welcher als historische Fortsetzung des englischen
Empirismus, spätestens seit Mitte des letzten Jahrhunderts im Diskurs über das Leib-
Seele-Problem die Zügel fest in den Händen hält. Wir müssen heute im Zeitalter
eines harten Materialismus davon ausgehen, dass wir es auch im Denken mit
physischen Formen zu tun haben, also dass das Denken ein materielles Korrelat hat.
Die Welt besteht heute nicht mehr aus einem autonomen selbstbestehenden Geist
oder einer Lebenskraft, sondern aus Atomen, Neuronen und sogar Quanten. Diese
Entwicklung ist jedoch nicht von selbst gekommen, sondern historisch begründet:
Begonnen hat die Naturalisierung der Realität mit der oben beschriebenen
cartesianischen Zweiteilung dessen, was es auf der Welt gibt: die res extensa und
44
David Chalmers (im Interview): "Ich bin mir bewußt: Er ist nur ein Zombie", in: Susan Blackmore
(Hrsg.): Gespräche über Bewusstsein, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 2007, S. 60/61
16
die res cogitans, die sich für Descartes notwendig aus der ontologischen Fixierung
des Subjekts ergaben.
45
Bis in die Mitte des 19 Jahrhunderts prägte die Vorstellung einer "élan vital" den
wissenschaftlichen Konsens. Mit der entgültigen Durchsetzung der Darwinschen
Evolutionstheorie in den 30er Jahren des 20 Jahrhunderts wurde die Substanz des
Bewusstseins durch die Deszendenzlehre
46
auch für den Menschen endgültig zur
Materie. Die Säkularisierung hat dann noch ihr Übriges getan, indem sie die
Vorstellung eines absoluten Geistes, der vom Himmel herabfällt und den Menschen
zu etwas Besserem macht als andere Lebensformen oder Maschinen, aus dem
wissenschaftlichen Konsens weitestgehend verbannt. Heute ist es nicht möglich,
ernsthaft gegen diesen Naturalismus zu sein, also gegen die Annahme, dass sich
das Bewusstsein, welches vom Gehirn erzeugt wird, einem evolutionären Zwecke
untersteht und durch eine eigene biologische Genese bestimmt wird. Klassische
Fragen über den Geist werden heute als empirische Fragen über das Bewusstsein
behandelt.
Es ist also nur konsequent, dass Metzinger von einer seriösen Theorie des
Bewusstseins fordert, dass sie die gegenwärtige Kognitionsforschung ernst nehmen
muss und auch in ihren Analysen, wie auch in ihren begrifflichen Termini, absolut
kompatibel sein muss.
47
Mehr noch: Er sieht die Philosophie gerade in der
unbedingten Verpflichtung, als Vermittler zwischen der empirischen Erforschung des
Bewusstseins und den alltagspsychologischen Vorstellungen zu fungieren, wofür
auch sein starkes ethisches Engagement Zeugnis ablegt. Als Konsequenz daraus
muss sich der naturalistische Philosoph über das epistemische Ziel seiner Gedanken
bewusst werden, was durch die Philosophie des Geistes als die Frage nach der
Entstehung von Subjektivität an die empirische Forschung herangetragen wurde.
48
45
Im Übrigen waren für Descartes Tiere Maschinen. Dieser kurze Hinweis soll vielleicht etwas
unterstreichen, was leider im Rahmen dieser Arbeit keinen weiteren Platz finden wird, dennoch aber
einer Erwähnung bedarf: Es gibt eine diskursgeschichtlich signifikante Parallele zwischen der Art und
Weise wie im 19 Jahrhundert darüber gestritten wurde ob Tiere ein Bewusstsein haben und der im 20
Jahrhundert, ob Maschinen je ein Bewusstsein entwickeln können.
46
Die Deszendenzlehre bezeichnet die Lehre von der Abstammung der Lebewesen voneinander.
47
Vgl.: Thomas Metzinger: "Niemand sein. Kann man eine naturalistische Perspektive auf die
Subjektivität des Mentalen einnehmen?", in: Sybille Krämer (Hrsg.): Bewußtsein. Philosophische
Beiträge, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 132
48
Als historische Fußnote ist hier besonders der Vortrag von David Chalmers während der ersten
Tuscon Konferenz 1994 in Arizona zu nennen: Seine Differenzierung zwischen weichen und harten
Problemen bei der Erforschung des Bewusstseins machte ihn damit weltberühmt und löste eine bis
heute hitzig geführte Debatte über die Existenz von Qualia aus. Als weiche Probleme bezeichnet man
seither die Erklärung von Sinnesreizen, z. B. wieso Schmerzen weh tuen, während die harten
Probleme das subjektive Erleben dieser Sinnesreize darstellt.
17
Auch Metzinger begreift als Philosoph seine Aufgabe bei der Konstruktion einer
sprachlichen Grundlage, die auf ontologisch neutraler Basis objektive
Beschreibungen von subjektiven Zuständen liefern kann. Doch bereits beim kleinsten
gemeinsamen Nenner tun sich sprachliche und semantische Abgründe auf, die das
gesamte Diskursklima umrahmen.
III. Der Diskurs um Qualia
"Qualia sind die Lieblingskinder der Bewußtseinsphilosophen."
49
In der gegenwärtigen Philosophie des Geistes beschreibt man mit dem Begriff Qualia
mentale Zustände, die eine subjektive Qualität des Erlebens, wie etwa das
,,Bläueerlebnis", besitzen und damit einen ganz bestimmten phänomenalen Gehalt
aufweisen. Dieses Erleben ist nur dem Bewusstseinsträger gegeben, der dieses
Erlebnis hat und daher sehr schwer sprachlich an jemanden zu kommunizieren, der
diese Erfahrung nicht auch gemacht hat. Es existiert der starke Verdacht, dass
phänomenale Gehalte im Grunde unaussprechlich sind. Dieser Aspekt der
Problematik ist besonders zentral, weil er für viele eine unüberwindliche Grenze für
die analytische Philosophie des Geistes darzustellen scheint.
50
Damit bildet das
Quale
51
die kleinste phänomenale Essenz, sozusagen das qualitative
Quantenpartikel unserer Wahrnehmung, an welcher der ganze subjektive Apparat zu
hängen schein. Es ist Dreh- und Angelpunkt der gesamten gegenwärtigen
Diskussion, denn man geht davon aus, dass wenn Qualia wirklich existieren sollten,
das Verständnis über die Beschaffenheit des Bewusstseins sich nicht aus der
physikalischen und funktionalen Erklärung unserer Wahrnehmungessenzen ableiten
lässt. Es geht um die tiefgreifende Frage, ob man etwas ausgelassen hat, wenn man
die phänomenalen Primitive unseres Erlebens technisch beschreiben kann, oder ob
man damit das Bewusstsein selbst beschrieben hat und damit ist das fundamentale
Problem der epistemischen Asymmetrie auf einen philosophietechnischen Terminus
gebracht. Sollte es sich herausstellen, dass es so etwas wie ein rein subjektive
49
Thomas Metzinger: "Einleitung: Das Problem des Bewußtseins", in: Thomas Metzinger (Hrsg.):
Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn; München; Wien; Zürich :
Schöningh, 1995, S. 43/44
50
Vgl.: Thomas Metzinger: "Einleitung. 5. Qualia", in: Thomas Metzinger: Bewußtsein. Beiträge aus
der Gegenwartsphilosophie, Paderborn; München; Wien; Zürich : Schöningh, 1995, S. 323
51
Quale ist die Singularform von Qulia.
18
Wissen, also phänomenale Information gibt, dann wäre unser materialistisches
Weltbild aus erkenntnistheoretischen Gründen grundlegend falsch.
Das Qualia Problem wurde von Thomas Nagel, Joseph Levine und David Chalmers
ausformuliert. Es ist eine zeitgenössische Form des Eigenschaftsdualismus, welcher
einem Bewusstseinsträger nicht zwei Substanzen, wie etwa beim Substanzdualismus
- also Geist und Körper - zuspricht, sondern vielmehr behauptet, dass es nur ein
Objekt gebe, das jedoch körperliche und geistige Eigenschaften besitzt. Auch Qualia
haben mit ähnlichen Problemen wie der oben beschriebene Substanzdualismus zu
kämpfen; auch sie muss die kausale Wirksamkeit mentaler Zustände, also die
mentale Verursachung, erklären können. Das Paradoxe am Begriff selbst ist, dass
wenn man für die Existenz von Qualia - im Sinne einer Unterscheidung zwischen
Erfahrung und physikalischer Welt - ist, man selbst automatisch zum Befürworter des
Eigenschaftsdualismus wird. Die bekanntesten Befürworter von Qualia sind John
Searle, David Chalmers, Colin McGinn und Joseph Levine. Naturalisten wie
Metzinger argumentieren gegen eine solche Definition von Qualia, auch wenn dieser
nicht radikal für die Abschaffung des Begriffs ist, wie beispielsweise seine
amerikanischen Kollegen Daniel Dennett oder Patricia Churchland.
Für Metzinger existieren Qualia deshalb nicht, weil sie sich auf naturalistische Weise
vollkommen erklären lassen: Nach ihm funktionieren sie immer aufeinander bezogen
innerhalb des segmentierten Datenstroms des Gehirns, wodurch die kausale
Dimension gemeint ist.
52
Das Gehirn funktioniert kausal und erzeugt Kausalität; es
wirkt als kausale Maschine. Jedoch erscheinen Qualia immer wie eingefrorene
Qualitäten, unmittelbar gegeben. Obgleich uns der prozessuale Charakter von Qualia
nicht erscheint, bedeutet das jedoch nach Metzinger nicht, dass dieser ihnen nicht zu
Grunde liegt. Durch die Hirnforschung gibt es eine Möglichkeit der Verifizierung der
abstrakten Eigenschaften von Qualia, die durch den Einblick in die Mikrostrukturen
neuronaler Korrelate uns mehr und mehr zugänglich sind.
53
Obwohl diese im Laufe
unseres Lebens ständig variieren und intersubjektiv ebenfalls sehr schwer empirisch
abzugleichen sind, gibt es doch eine Art strukturelles "Format" von phänomenalen
Erlebnisinhalten. Diese können wir mehr und mehr besser verstehen, beschreiben
52
Vgl.: Thomas Metzinger: "Niemand sein. Kann man eine naturalistische Perspektive auf die
Subjektivität des Mentalen einnehmen?", in: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge,
Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 139/140
53
Vgl.: ebd.: S. 140/141
19
und sogar auslesen - was am rasanten Fortschritt der Kognitionsforschung durchaus
auch heute noch abzulesen ist.
IV. Das transparente Selbstmodell
Der Ort an dem sich Qualia abspielt, ist - mit einer computationalen Metapher
gesprochen - die Betriebsoberfläche
unseres Selbstbewusstseins: das phänomenale
Bewusstsein. Der Begriff des phänomenalen Bewusstseins spiegelt eine neue, durch
reduktionistische und naturwissenschaftliche Überlegungen inspiriertes Verständnis
des Bewusstseins als transzendenten, phänomenalen Erlebnisraum ohne jeden
notwendigen Bezugspunkt wieder. Es wird also in diesem klinisch abgetöteten
Bewusstsein keine Subjekt-Objekt Dualität mehr vorrausgesetzt. Es ist der Raum, in
dem etwas passiert, in dem Innen und Außen aufeinandertreffen, wo bewusstes
Erleben und damit auch der Dualismus entwickelt wird. Es ist der Kontext, in dem
z.B. Seh- oder Schmerzerlebnisse uns gegeben sind, aber auch der Ort, wo wir uns
unserer Gedanken gewahr werden. Dieser ist, wie man am interdisziplinären Diskurs
absehen kann, vor allem durch die Eigenschaften der Transparenz, Perspektivität,
Gegenwärtigkeit ausgezeichnet.
54
Die Transparenz steht für die unendliche Nähe, in
der uns die Dinge erscheinen, während die Perspektivität das Gefühl Zentrum des
Erlebens zu sein bezeichnet, woraus sich die erste Person Perspektive generiert. Die
Gegenwärtigkeit wiederum leistest durch die Synchronisationsleistung des Gehirns
das zeitliche Empfinden. Sie erscheinen uns immer einheitlich, als Ganzes, also
homogen und - da es sich um das Bewusstsein handelt - auch holistisch gegeben.
All diese Eigenschaften des phänomenalen Bewusstseins generieren ein subjektives
Kontinuum, also einen subjektiven Erlebnisraum, der als globale Eigenschaft der
Bewusstheit festgehalten wird.
55
Aufgrund ihres homogenen Gefüges war die
Bewusstheit vor der naturalistischen Wende philosophisch nicht weiter exakt
analysierbar gewesen und erlebt nun ihre reduktionistische Ausdifferenzierung.
Metzinger lenkt jedoch argumentativ immer wieder sein Augenmerk vor allem auf die
Homogenität und den holistischen Charakter des Bewusstseins, also das subjektive
54
Vgl.: Thomas Metzinger: "Einleitung: Das Problem des Bewußtseins", in: Thomas Metzinger (Hrsg.):
"Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie", Paderborn; München; Wien; Zürich :
Schöningh, 1995, S. 21
55
Vgl.: Thomas Metzinger: "Niemand sein. Kann man eine naturalistische Perspektive auf die
Subjektivität des Mentalen einnehmen?", in: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge,
Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 145
20
Gefühl der Einheit des Bewusstseins. Eine universelle Theorie des Bewusstseins
braucht eine unter naturalistischen Gesichtspunkten materialistisch funktionale
Erklärung für diese Einheit des Bewusstseins. Um dies zu leisten, verlagert er den
klassisch philosophischen Bewusstseinsbegriff der "conscientia", dass lat. "mit-
wissen" bedeutet, auf eine höherstufige repräsentationale Ebene, die er mit
Ergebnissen zeitgenössischer Neuroforschung abgleicht. Durch das computationale
Verständnis, das Gehirn als binären Informationsspeicher zu denken, welches durch
neuronale Strukturen parallel Vorgänge abhandelt und mit Metarepräsentationen
arbeitet, ist ganz klar, dass die Realität nicht im Gehirn 1:1 simuliert wird, sondern
dass sie ständig interpretiert wird.
56
Durch diese Setzung wird die reflektierende Stufe der "conscientia" zu ihrem
Gegenstand, dem Gehirn, in ihrem kausales Verhältnis begründet. Für Metzinger
muss das phänomenale Bewusstsein eine global verfügbare subsymbolische Meta-
Repräsentation betreiben, damit wir fundamentale physikalische Probleme, die uns
zwischen netzwerkartig arbeitenden Informationssystemen und deren zeitlicher
Differenzierung begegnen, überwinden können.
57
Mit anderen Worten: Letztlich
fordert die Überwindung der epistemischen Asymmetrie nach Metzinger die Einsicht
in einen grundsätzlichen illusionären Gehalt im phänomenalen Bewusstsein:
Gegenwärtigkeit, Transparenz und Perspektivität werden durch ihren holistischen
Charakter zu reinen, von der Struktur des Gehirns notwendig geleisteten,
Einbildungen oder wie es Daniel Dennett ausdrückt: Es gibt keinen Ort wo alles
Denken im Gehirn zusammenläuft und bewusst wird; es gibt kein kleines Männchen
im Kopf, dass die Welt erfährt; es gibt kein cartesianisches Theater.
58
Wir kommen nun endlich zur Königsfrage der Philosophie des Geistes: der Frage
nach dem Selbstbewusstsein. Das epistemische Ziel auf diese Frage kann, wie wir
heute wissen, nicht einfach nur ein Komplexitätsgrad von computationalen Systemen
sein. Für Metzinger ist es vor allem die phänomenale Qualität der "Meinigkeit", die
dem Bewusstsein die Perspektive eines Selbst eröffnet. Dieser präreflexiven
Selbstvertrautheit wird mittlerweile unter materialistischen Gesichtspunkten keine
Sonderrolle innerhalb des ganzen homogenen Feldes des phänomenalen
56
Nebenbei bemerkt: Es sind nicht sprachliche oder symbolische Formen der Darstellung die unser
Bewusstsein generiert. Durch die naturalistische Brille betrachtet kann somit das reine Denken selbst
nicht sprachlich oder symbolisch kodiert sein.
57
Vgl.: ebd.: S. 146
58
Daniel Dennett (Hrsg.): "Wir müssen unsere Intuitionen über das Bewußtsein aufgeben", in: Susan
Blackmore (Hrsg.): Gespräche über Bewusstsein, Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 2007, S. 126
21
Bewusstseins zugeschrieben. Für einen Naturalisten wie Metzinger bietet die
subjektive Perspektive kein Evidenzerlebnis mehr an: es gibt nur noch Gehirn aber
keine Seele, erlebtes Bewusstsein aber keine wirkliche ontologische Identität mehr.
"Selbstbewußtsein ist - so könnte die generelle Strategie aussehen - keine
nicht-physikalische Entität, sondern ein repräsentationaler Zustand. Die
Entstehung des phänomenalen Selbst ist das Resultat eines
innerweltlichen Vorgangs mit einer langen biologischen Geschichte:
Nämlich mentaler Selbstmodullierung."
59
Doch wie kommt ein sensitives System zu einem Selbstbewusstsein? Dass es
notwendigerweise ein Selbstmodell braucht um, mit der Realität auf irgendeine
Weise zu interagieren, gerade unter Beachtung von evolutionstechnischen Vorteilen,
leuchtet zwar unter der naturalistischen Bedingung ein, setzt jedoch noch keine
erlebte Subjektivität voraus. Wie schafft also Metzinger den Sprung vom unendlichen
Regress eines sich ewig selbsterhaltenden, selbstmodulierenden semantischen
Zirkelschlusses zu einer subjektiven Erfahrung?
Die naturalistische Grundprämisse hat den Vorteil, dass sie die philosophische
Einsicht in die Bedingung des semantischen Zirkelschlusses, bzw. der tautologischen
Selbstbezüglichkeit mit der faktischen Gegebenheit der Informationsverarbeitung im
Gehirn fruchtbar machen kann: Das phänomenale Bewusstsein muss
notwendigerweise - um nicht in der Informationsflut zu versinken -
Verobjektivierungsarbeit leisten. Bevor sich die Metarepräsentationen und die
Selbstmodulierungen unendlich wiederholen, werden sie von der eigenen Architektur
reflektierender Struktur des Gehirns kontinuierlich, systematisch segmentisiert.
60
So
erzeugt das Gehirn nach Metzinger seine eigene Realität. Dies kann jedoch nur
geschehen, da Gehirne im Modus eines "naiven Realismus" operieren,
61
dass heißt,
dass sie die produzierte Realität einfach als gegeben, faktisch unhintergehbar
annehmen müssen. Sie müssen dies tun, weil wir uns im direkten Kontakt mit dem
Inhalt unserer repräsentationalen Strukturen befinden und uns dadurch selbst eine
eigene Ontologie geben. Das Mittel der Darstellung, kann nicht selbst noch einmal
dargestellt werden. Damit befiehlt die hervorgebrachte Kausalität der eigenen
59
Vgl.: Thomas Metzinger: "Niemand sein. Kann man eine naturalistische Perspektive auf die
Subjektivität des Mentalen einnehmen?", in: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge,
Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996, S. 148
60
Vgl.: ebd.: S. 146
61
Vgl.: ebd.: S. 150
22
physikalischen
und
algorithmischen
Struktur
des
Gehirns
uns
eine
Unhinterfragbarkeit unseres eigenen Erlebens.
Für Metzinger ist der Modus des "naiven Realismus" entscheidend für die Fixierung
des phänomenalen Selbst, denn erst hierdurch wird das Selbstbewusstsein zu einem
fiktives Objekt. Dadurch sind wir nicht mehr als Systeme, die nicht in der Lage sind
ihr eigenes subsymbolisches Selbstmodell als Selbstmodell zu erkennen.
"Das Selbst als ein mit Evidenz erfassbares intentionales Objekt, als
etwas, auf das der Geist sich richten und es meinen kann, gibt es nicht.
Was es gibt, ist ein System und ein Modell des Systems. Dadurch, daß
dieses Systemmodell intern nicht als Modell dargestellt werden kann,
entsteht für das System eine Ich-Illusion: Die erlebnismäßig
unhintergehbare Fiktion eines substantiellen Selbst."
62
Das transparente Selbstmodell ist damit nicht mehr als Ergebnis eines ichfreien
Vorgang, dass aus einer dynamischen Selbstorganisation repräsentationaler
Strukturen im Gehirn entsteht. Das Selbst ist eine Fiktion und hat damit keine
Substanz, nicht einmal als Eigenschaft. Für Metzinger ist Selbstbewusstsein eine
aktive Repräsentation in unserem Nervensystem, die so wahnsinnig schnell emuliert
wird, dass wir nicht die Möglichkeit haben sie selbst als System zu erkennen.
4 Schlussbemerkung
Wie man exemplarisch an Metzingers Argumentationsweise sehen kann, will die
konsequent naturalistische Analyse die ontologische Berechtigung der Subjektivität
vernichten. Das transzendentale Subjekt wird zu einem konstruierten Objekt, das
Selbst eine Konstruktion, und damit für niemanden eine Illusion ist. Diese Erkenntnis
hat jedoch gravierende Auswirkungen: wenn die Seele nicht mehr existiert und im
Zuge der Unterwerfung des Subjekts unter dem computationalen Gehirn die Ich-
Moral leidet, hat dies nicht nur philosophische Konsequenzen, sondern auch
gesellschaftliche. Die philosophischen Konsequenzen wurden bekanntlich mit dem
Tod des Autors im poststrukturalistischen Diskurs eingeläutet, die gesellschaftlichen
werden durch neue Biotechnologien und chemische Drogen, die direkte
62
Thomas Metzinger: "Niemand sein. Kann man eine naturalistische Perspektive auf die Subjektivität
des Mentalen einnehmen?", in: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M.:
Suhrkamp, 1996, S. 150/151
23
Veränderungen auf unsere Bewusstseinszustände mit einer neuen qualitativ
Dimension haben werden gezeichnet.
Es wird immer wieder von Metzinger suggeriert, dass wir es hier mit einer
kopernikanische Wende von neuer ontologischer Qualität zu tun haben, welche die
cartesianische Trennung der Welt in Mentales und Materielles entgültig zu
überwinden wünscht, indem sie über die logisch, analytische vorgezeichnete
Selbstaufladung der zum System erstarten Materie den Begriff des Materialismus
vom Typus "Sinn erzeugt Denken", oder "Wirkung erzeugt Ursache" um den Tod des
Autors, des Subjektes erweitert. Dies hätte dann konsequent zur Folge, dass Sinn
keines Denkens und Wirkung keiner weiteren Ursache mehr bedürfte - was wohl
erkenntnistheoretisch auch die größte Angriffsfläche auf Metzingers Theorie darstellt
und seine philosophische Pointe ästhetisch Reizvoll erscheinen lässt.
Unter homöotechnischen Gesichtspunkten
63
suchen jedoch Naturalisten der
gegenwärtigen
Bewusstseinsphilosophie
tendenziell
wohl
eine
klarere
Vereinheitlichung des Menschen mit seiner Umwelt, indem sie den Menschenbegriff
selbst zum Naturbegriff unterm Vorzeichen der totalen Technisierung degradiert.
Dies ist eine überfällige ontologische Legitimation für das Subjekt, damit es seine
Selbstmanipulation konsequente zu Ende denken kann, bevor diese auch geleistet
wird. Es ist also kein Wunder, dass Metzinger immer wieder auf sein ethisches
Engagement zu sprechen kommt, denn er steht für einen Begriff der Philosophie, der
noch in der endlichen Welt als Ganzes zu wirken wünscht und verwendet die
Kognitionswissenschaft um diesen wieder gesamtgesellschaftlich scharf zu machen.
63
Vgl.: Peter Sloterdijk: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 2001; S.
228
24
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28
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