Der Mensch auf der Suche nach den Geistern seiner Vorfahren - oder: Evolutionsbiologische Aspekte des Religiösen


Referat (Ausarbeitung), 2003

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Begriffsklärungen
1.1) Soziobiologie
1.2) Evolution

2.) Henning Stieve – Biologische Wurzeln religiösen Verhaltens
2.1) Gründe für Religion als Selektionsvorteil
2.2) Das Gehirn als Kausalitäts-Such-Gerät
2.3) Vorstufen religiösen Verhaltens im Tierreich
2.4) Religiöses Verhalten – angeboren oder erlernt?
2.5) Religion und ihre Folgen – braucht der Mensch Religion?

3.) Edward Wilson – von Empiristen und Transzendentalisten
3.1) Genese der Moral und der Ethik
3.2) Genese der Religion
3.3) Transzendentalismus vs. Empirismus

4.) Fazit

1.) Begriffsklärungen

1.1) Soziobiologie

Der erste Terminus, der im Rahmen des Themas der vorliegenden Arbeit geklärt werden sollte, ist Soziobiologie. Soziobiologie untersucht im Gegensatz zur klassischen Disziplin (der Biologie oder Evolutionsbiologie) nicht die biologische Evolution von Tieren und Menschen, sondern nimmt die Evolution sozialer Verhaltensweisen in den Blick. Soziobiologie versucht zunächst, den Nutzen von sozialem Verhalten zu ergründen. Der Fokus richtet sich dann auch auf altruistisches Verhalten, sowohl im Tierreich als auch beim Menschen. Ziel ist es, den Selektionsvorteil von sozialem Verhalten ausfindig zu machen, falls es einen solchen gibt. Der Grund für diesen Ansatzpunkt liegt in der Darwinistischen Evolutionstheorie, nach der sich soziales Verhalten in der Evolution nicht hätte durchsetzen können.

Als Begründer der Soziobiologie wird William D. Hamilton gesehen, der 1964 erstmals den Term Soziobiologie prägte. Bekannt wurde der soziobiologische Ansatz aber erst 1976 durch einen Aufsatz von Richard Dawkins.

1.2) Evolution

Die biologische Erforschung der Evolution ist stark geprägt durch die Theorie von Charles Darwin, dessen Kernaussage zusammengefasst in etwa folgendes besagt: In der Natur kann „Neues“ nur durch Mutationen oder Neukombinationen von Erbgut (bspw. bei einer Befruchtung) entstehen.

Wichtig ist jedoch nicht die Entstehung des „Neuen“, sondern ob sich das neue Merkmal bzw. die neue Eigenschaft durchsetzt. Den Vorgang des Durchsetzens bezeichnet man in der Biologie als Selektion. Das heißt, nur die Merkmale setzen sich durch, die dem Merkmalsträger Vorteile bringen, ihm also das Überleben leichter machen. Die Individuen, die die neueren, besseren Merkmale tragen, setzen sich durch, die anderen werden verdrängt und sterben aus oder werden zahlenmäßig extrem dezimiert. Diesen Prozess bezeichnet man als den Mutations-Selektions-Mechanismus.

Nach Henning Stieve (vgl. Stieve, 2000) gibt es zwei Arten von Evolution: die biologische und die kulturelle Evolution. Die biologische Evolution funktioniert rein nach dem Mutations-Selektions-Mechanismus, während die kulturelle Evolution komplexere Phänomene und Prozesse beinhaltet. Kulturelle Evolution meint die Überlieferung von nicht genetisch festgehaltenen Informationen (Wissen) und Verhaltens-Gewohnheiten über Generationen hinweg. Hierbei gibt es drei Stadien der kulturellen Evolution: die Zeit der Nomaden und der Jäger und Sammler, die Zeit der Sesshaftigkeit und die Zeit der industriellen Revolution. Kulturelle Evolution ist demnach im Wesentlichen die Weiterentwicklung von Werkzeugen und deren Gebrauch

2.) Biologische Wurzeln religiösen Verhaltens

Thema des Referats und dieser Ausarbeitung ist nicht nur soziales Verhalten, sondern speziell religiöses Verhalten, sowohl im Tierreich als auch beim Menschen. Hierzu muss eine Vorbemerkung gemacht werden: Die Naturwissenschaften können keine Aussage darüber machen, ob es einen Gott gibt, oder nicht, sie können nur erforschen, woher Religion kommt und ob bzw. warum sie einen Selektionsvorteil darstellte. Diese Arbeit befasst sich also in keiner Weise mit der Frage nach der Existenz eines wie auch immer gearteten Gottes, sondern nur mit der Herkunft, der Genese, religiösen Verhaltens aus der Sicht der Evolutionsbiologie und der Soziobiologie.

2.1) Gründe für Religion als Selektionsvorteil

Henning Stieve identifiziert in seinem Text vier Gründe, warum die Bildung von Religionen den Individuen in der Evolution Selektionsvorteile verschafft haben könnte:

Zunächst stärkt eine Religion die Vitalität und Widerstandskraft des religiösen Individuums gegen Belastungen. Außerdem stärkt Religion Gemeinschaftsgefühle und soziales Engagement innerhalb einer Gruppe von Individuen und fördert die Einhaltung von Verhaltensregeln. Religion fördert drittens Abgrenzung und Feindschaft gegenüber anderen Gruppen, dies ermöglicht Manipulation und Unterdrückung von Gruppenmitgliedern und die Stärkung der Machtstrukturen der Gruppe. Als viertes und letztes lenkt Religion vom „Erdendasein“ ab und hebt Blick auf höheres Lebensziel, was den Kampf ums Überleben erleichtert.

2.2) Das Gehirn als Kausalitäts-Suchgerät

Weiterhin geht Stieve der Frage nach, ob sich die Wurzeln der Religion naturwissenschaftlich ergründen lassen, weniger interessant ist für ihn inwieweit sich Methoden und Inhalte von Religionen naturwissenschaftlich erklären lassen.

Hierzu bedient er sich zunächst einer definitorischen Zweiteilung menschlichen Verhaltens in angeborenes und erlerntes Verhalten.

Für das Lernen ist die Funktionsweise des Gehirns extrem wichtig, Stieve formuliert, dass menschliche Gehirne „Kausalitäts-Suchgeräte“ sind, das heißt, sie suchen immer nach den Ursachen für alles, was um sie herum geschieht. Er schreibt: „Unsere zwanghafte Suche nach Ursachen erlaubt uns kein natürliches Verständnis für den Zufall und seine Schönheit. Kompromisslose Kausalitätssuche ist in der Evolution meistens eine gute Erfolgsstrategie, da man bei einem Einzelereignis in der Regel nicht feststellen kann, ob es zufällig ist oder eine direkte Folge einer erkennbaren Ursache. Unser Kausalitätsbedürfnis kann auch durch falsche Erklärungen zufrieden gestellt werden. Wenn wir keine logische Ursache finden, befriedigen wir unsere Suche mit einer Scheinerklärung. […] Ursachensuche ist uns besonders dringlich vor drohenden, unbeherrschbaren Gefahren.“ (Stieve, 2000: 48)

Die „Scheinerklärungen“, von denen er spricht, führen dann beispielsweise zu Aberglauben, aber auch das Beten, Rituale etc. können einen Placebo-Effekt herbeiführen.

In seinem Artikel charakterisiert Stieve weiterhin zwei Arten von beobachtbarem religiösen Verhalten. Es sind dies Kulte und der Aberglaube. Unter Kult versteht Stieve, dass in ihnen „Ikonen“ verehrt werden. Dies können Personen sein, aber auch fassbare Dinge oder sogar nicht fassbare Dinge wie moralische Werte etc. Ein wesentliches Merkmal von Kulten ist, dass sie von mehreren Menschen immer wieder rituell wiederholt werden.

Im Gegensatz dazu steht der Aberglaube vom Standpunkt eines Verhaltensforschers aus auf der gleichen Stufe wie Religion und religiöses Verhalten. Für die Verhaltenforschung ist es gleich, ob man auf Holz klopft oder ein Kreuz schlägt; in der Verhaltensforschung wird beides als eine rituelle Tat zur Abwehrung von Gefahr oder ähnlichem gewertet. Die gewollten oder herbei gewünschten Folgen können nicht als mit der dazu ausgeführten Tat in kausalem Zusammenhang stehend nachgewiesen werden.

2.3) Vorstufen religiösen Verhaltens im Tierreich

„Jeder Zoobesuch ist unbewusster Ahnenkult.“

(Fernandel, eigentlich Joseph Désiré Contandin)

Nun untersucht Stieve, ob sich religiöses Verhalten in irgendeiner Form im Tierreich findet und sich somit Ursprünge religiösen Verhaltens finden lassen. Er konstatiert, dass sich im Leben vieler Tierarten moralisches Verhalten wie zum Beispiel die Aufopferung für den Nachwuchs oder die Schonung unterlegener Konkurrenten beobachten lässt. Dieses moralische Verhalten ist sehr wichtig, da Moral und/oder ethisch-sittliche Normen in jeder Religion vorhanden sind. Somit lässt sich eine Spur der Religionsgenese hierauf gründen.

Moralisches Verhalten kann auf Eigenschaften des Gehirns zurückgeführt werden, es wird zwar im Laufe der Sozialisation erlernt, wird aber in schon vorhandene spezielle neuronale Strukturen des Gehirns eingebettet. Moralisches Verhalten ist also im Tierreich verankert, sowohl bei Menschen als auch bei Tieren sind die neuronalen Strukturen, in denen das moralische Verhalten zu finden ist, nachweisbar.

Religiöses Verhalten lässt sich jedoch an weniger Beispielen belegen, Stieve findet derer vier: Als erstes bringt er die Totemisierung gewisser Gegenstände an, die vor allem bei Wölfen, Hunden und Menschenaffen zu finden ist. Hier lassen sich abergläubisches Verhalten und Fetischisierung, beides typisch religiöse Phänomene beobachten.

Als zweites Beispiel findet Stieve den Regentanz von Schimpansenmännchen. Hierin sieht er die Andeutung eines Kultes oder einer kultischen Handlung. Das dritte Beispiel ist die Meidung oder Achtung bestimmter Marken und Orte, dies ist eine dem Aberglauben verwandte Handlung. Das vierte, vor allem bei Elefanten und Menschenaffen zu beobachtende Merkmal, ist die Trauer um Tote.

All diese Verhaltensweisen lassen sich laut Stieve als Vorstufen kultisch-religiösen Verhaltens interpretieren.

Nun stellt sich jedoch die Frage, ob sich solche Verhaltensweisen im Tierreich als Selektionsvorteile erwiesen haben. Hierzu stellt Stieve zunächst einmal fest, dass auch nicht-reale Dinge Evolutionsvorteile verschaffen können. Dies manifestiert sich zum Beispiel darin, dass Tiere sich zwar durch richtige Hypothesen über ihre Umwelt Selektionsvorteile verschaffen können, dass dies aber auch durch selektions-wirksame Fiktionen wie Tabuisierung etc. geschehen kann. Sprich, auch soziale Konventionen, die auf nicht-realem beruhen, können zu Selektionsvorteilen führen.

Daher beschreibt Stieve Religion als ein soziales Werkzeug, das mittelbare Evolutionsvorteile bringen kann, auch wenn beispielsweise Kulte keine direkten Selektionsvorteile schaffen. Die indirekten Selektionsvorteile können jedoch am Beispiel des Kultes so beschrieben werden: Kulte, die Einhaltung von religiösen Riten etc. innerhalb einer Gruppe fördern den Gruppenzusammenhalt, sie festigen die Gemeinschaft und können ein Gesellschaftssystem aufbauen, damit ist sowohl der Gruppe als auch dem Einzelindividuum geholfen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Mensch auf der Suche nach den Geistern seiner Vorfahren - oder: Evolutionsbiologische Aspekte des Religiösen
Hochschule
Universität Erfurt  (Lehrstuhl für Praktische Philosophie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V18884
ISBN (eBook)
9783638231381
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Suche, Geistern, Vorfahren, Evolutionsbiologische, Aspekte, Religiösen
Arbeit zitieren
Julia L. Modenbach (Autor), 2003, Der Mensch auf der Suche nach den Geistern seiner Vorfahren - oder: Evolutionsbiologische Aspekte des Religiösen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18884

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