„Sir Wilfried, der Fuchs!“ Eine Figurenanalyse zu Agatha Christies Buch und Film "Zeugin der Anklage"


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zeugin der Anklage - Qualitative Unterschiede in Buch und Film?

2. Figurencharakterisierung nach Pfister
2.a) Analyse Sir Wilfrieds in der Kurzgeschichte
2b.) Analyse Sir Wilfrieds im Film

3. Sir Wilfried als Typus und Figur

Quellenverzeichnis

1. Zeugin der Anklage - Qualitative Unterschiede in Buch und Film?

Die 1924 veröffentlichte Kurzgeschichte Witness for the Prosecution war bis in die 50er Jahre nur eine von vielen Krimimalerzählungen aus der Feder Agatha Christies und ging verglichen mit den Romanen ihres Meisterdetektivs Poirot sowie anderen populären Geschichten unter. Erst 29 Jahre später wurde der Stoff für das Theater adaptiert – mit Erfolg. Hollywood beschloss daran anzuknüpfen und einen mit Tyrone Power, Charles Laughton und Elsa Lanchester prominent besetzten Film zu drehen, der nicht nur durch deren schauspielerische Leistung, sondern besonders durch den legendären Auftritt Marlene Dietrichs zu einem zeitlosen Klassiker erhoben wurde.

Als Vergleichsgegenstand dieser Arbeit werden Film und Buch herangezogen. Ausschlaggebend für eine Auseinandersetzung damit war ein subjektives Gefühl, das bei der Rezeption beider Medien entstand: Der Film ist besser als die Kurzgeschichte. Diese bisher noch unbegründete Empfindung soll, da Handlung sowie Figurenkonzeption und –konstellation weitgehend gleich bleiben, durch die Charakterisierung der Figur Sir Wilfried Robarts zu einer wissenschaftlich belegten These werden. Da dieses Gefühl bei der deutschsprachigen Fassung entstand werden Film und Kurzgeschichte auch nur in dieser Sprachfassung untersucht.

Die Entscheidung, sich auf nur eine Figur zu konzentrieren, musste aufgrund der knapp bemessenen Zeichenanzahl für diese Arbeit gefällt werden. Da Sir Wilfried eine der drei Hauptfiguren ist und er bei der Umwandlung vom Buch zum Film am offensichtlichsten eine charakterliche Erweiterung erfährt, wurde er als Beispiel für die Thesenbelegung gewählt. Mit Hilfe von Manfred Pfisters Modell über die Figurencharakterisierung in seinem Überblickswerk Das Drama wird Sir Wilfried Robarts zunächst auf der Grundlage der Kurzgeschichte und des Hollywoodstreifens separat analysiert und anschließend verglichen.

2. Figurencharakterisierung nach Pfister

Obwohl Pfisters Figurencharakterisierungsmodell bei ihm nur im Drama Anwendung findet, wurde es für die Analyse der Kurzgeschichte und des Filmes als ebenso adäquat befunden, da bei ersterem ein überaus hoher Dialoganteil auszumachen ist und bei letzterem ein Drehbuch die Basis bildet. Die Ähnlichkeit zu einem Theatertext ist daher gegeben. Nichtsdestotrotz sind diverse Angleichungen bei den von Pfister definierten vier Hauptkategorien der Charakterisierung notwendig.

Diese Hauptkategorien richten sich nach den jeweiligen Äußerungen, die entweder von einem Erzähler oder einer Figur stammen und damit direkt oder indirekt eine Figur charakterisieren.[1]

Explizite figurale Charakterisierung liegt in Eigen- und Fremdkommentaren vor, während sich implizite figurale Charakterisierung sowohl außersprachlich durch Physiognomie, Mimik, Gestik, Verhalten und Kostüm, als auch sprachlich durch Stimmqualität und mögliche Dia- oder Soziolekte besteht. Von der auktorialen Charakterisierung wird in der Mehrheit der Theatertexte kein Gebrauch gemacht, da keine Erzählinstanz vorhanden ist. Lediglich durch sprechende Namen ist es möglich Figuren im- und explizit zu charakterisieren sowie durch etwaige prosaische Erzählungen im Nebentext (explizit) und Korrespondenz- und Kontrastbeziehungen mehrerer Figuren (implizit).

Pfisters Modell lässt sich ohne weiteres für eine Analyse des Filmes anwenden. Bei der Untersuchung der Kurzgeschichte hingegen ist die Anwesenheit einer vermittelnden Instanz zu vermerken, die sich jedoch verglichen mit dem Dialoganteil quantitativ zurückhält. Ihre Äußerungen werden daher als prosaische Regieanweisung verstanden und in die Kategorie auktorial explizit eingeordnet.

2.a) Analyse Sir Wilfrieds in der Kurzgeschichte

Nach der Analyse der Figur Sir Wilfried Robarts lässt sich eine starke Konzentration auf figurale implizite Charakterisierung feststellen. Die Kurzgeschichte nutzt ebenso die Möglichkeiten zu expliziter figuraler sowie auktorialer Charakterisierung und verzichtet auf implizit auktoriale Beschreibungsformen. Allgemein gesagt bleibt die Figur des Rechtsanwaltes Sir Wilfried Robarts eher oberflächlich. Die folgenden Referenzen zum deutschen Originaltext können mit ihren genauen Seitenangaben der Tabelle 1 im Anhang entnommen werden.

Noch bevor Sir Wilfried überhaupt in Erscheinung tritt erfährt der Leser durch einen expliziten figuralen Fremdkommentar seines Freundes und Partners Mayhew dessen Namen und Beruf. Als Barrister vertritt er Angeklagte und nimmt eine hochrangige Stellung ein, die es ihm ermöglicht auch vor den hohen englischen Gerichtshöfen Menschen zu verteidigen.

Während seines Auftrittes wird er in seiner Eigenschaft als Anwalt explizit auktorial beschrieben: Er kommt gerade von der Arbeit im Temple (einem Gerichtsgebäude), hält seine Perücke in der Hand, seine Robe auf dem Arm und trägt amtliche Kleidungsstücke. Während des Gespräches mit Vole stellt sich heraus, dass er offenen, ehrlichen Menschen zugeneigt ist und dass er raucht. Abgesehen davon wird er von dem Erzähler nicht intensiver charakterisiert.

Aus explizit figuralen Eigenkommentaren lässt sich nur wenig über seine persönlichen Hintergründe entnehmen. Sir Wilfried erwähnt seine Frau, woraus sein Familienstand abgeleitet werden kann und dass er eine Tante hat, die er liebt. Informationen über den Zustand seiner Ehe und eventuelle Kinder werden nicht gegeben. Zweimal schimpft er über die Allgemeinheit der Frauen, bezeichnet sie als undankbare Kreaturen und dass man ihnen nicht trauen könne. Beide Male stehen diese Aussagen in Verbindung mit einer Handlung oder Äußerung Romaines,[2] die Sir Wilfried bloßstellen möchte, wie in einem Gespräch mit Mayhew deutlich wird. Daher lassen sich seine verallgemeinerten Aussagen als wütende Empörung gegenüber Romaine interpretieren ohne dass er chauvinistische Charakterzüge aufweist.

[...]


[1] Pfister, Manfred: S. 250 ff.

[2] Der Name von Leonard Voles Ehefrau in der Kurzgeschichte lautet Romaine, während sie im Film in Christine umbenannt wird.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
„Sir Wilfried, der Fuchs!“ Eine Figurenanalyse zu Agatha Christies Buch und Film "Zeugin der Anklage"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Theaterwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V279898
ISBN (eBook)
9783656736264
ISBN (Buch)
9783656736257
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Agatha Christie, Zeugin der Anklage, Witness for the prosecution, Charles Laughton, Wilfried Robarts, Marlene Dietrich, Theater, Figurencharakterisierung, Figuren
Arbeit zitieren
Dany Handschuh (Autor), 2012, „Sir Wilfried, der Fuchs!“ Eine Figurenanalyse zu Agatha Christies Buch und Film "Zeugin der Anklage", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279898

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