Herzensbildung. Für eine liebevolle Beziehung zur Erde


Essay, 2018
23 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Erster Teil

2. Die »Leiden unserer Zeit« als Problemstellung

3. Brauchen wir eine Renaissance der Herzensbildung ?

4. Zielsetzungen der Herzensbildung

5. Legitimation und Relevanz der Herzensbildung

6. Das Agrarische Bildungsideal

Zweiter Teil

7. »Not – wendiger« Wechsel von Glaubenssätzen

8. Beschwerdebrief einer Musterschülerin

9. Herzensbildung auf den Punkt gebracht

10. Von der Erkenntnistheorie zur »Guten Tat«

11. Resümee und Ausblick

12. Zusammenfassung

Zu denAutoren

Herzensbildung

für eine liebevolle Beziehung zur Erde

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“… vertraut der kluge Fuchs dem kleinen Prinzen als Geheimnis an, ehe beide wieder getrennte Wege gehen 1a.

Mit dieser mittlerweile aktueller denn je gewordenen Welterkenntnis aus seinem Bestsellerwerk »Der kleine Prinz« (Le petit prince), welches in 180 Sprachen übersetzt und mit über 140 Millionen Exemplaren verkauft wurde, ist dem französischen Dichter und verschollenen Flugzeugpiloten Antoine de Saint - Exupèry (1900 – 1944) die literarische Um-setzung seines moralischen Denkens auf einzigartige und einmalige Weise gelungen. Es handelt sich dabei gewissermaßen um ein modernes Kunstmärchen und wird fast immer als Kritik am Werteverfall der Gesellschaft und Plädoyer für Freundschaft und Menschlichkeit interpretiert. 1b

1. Einleitung

Mit den nachfolgenden Ausführungen wird versucht, in einer Zeit des Erwachens und geistigen Wandels der Bedeutung dieser Thematik nachzuspüren und daraus Konsequenzen für die Bildungsarbeit anzuregen, ohne zu moralisieren, jemanden zu belehren, verletzen oder eine Werthaltung aufzwingen zu wollen. Es handelt sich nicht um neue Erkenntnisse, sondern um jene von Persönlichkeiten, die uns bereits vorausgegangen sind und solchen, die sich heute dazu berufen fühlen, mit ihren Erkenntnissen offene Herzen zu erreichen und ein erweitertes Bewusstsein zu initiieren. Das Anliegen ist ein Samenkorn für eine liebevollere Welt zu streuen und zu hoffen, dass dieses auf fruchtbaren Boden fallen möge. Über alle weltanschaulichen, Partei- und Religionsgrenzen hinweg, möge uns die gemeinsame Sorge um unseren Planeten und eine friedvolle Koexistenz aller, die ihn bewohnen, verbinden. Eine von der Liebe getragene Gesinnung gäbe allen Menschen die Freiheit, ihr zerstörerisches Tun zu beenden.

» Herzensbildung« (Synonyme: Gemütsbildung, Seelische Bildung, Affektive Bildung) unter-scheidet sich von der Verstandes- bzw. kognitiven Bildung insofern, als hierbei der affektive, gefühlsbetonte, also humanspezifisch gemütsbezogene Persönlichkeitsbereich angesprochen wird, der die Entdeckung, Ausprägung sowie Förderung entsprechender Fähigkeiten und Kompetenzen miteinschließt und somit erst die Erlangung eines höheren Bewusstseins zur »Selbstentfaltung « (-verwirklichung) ermöglicht. Herzensbildung beleuchtet und enttabuisiert dadurch den Anfang (Ursprung), das Dasein (Diesseits) sowie das letzte Ziel (Finalität) des ganzen Menschseins. Der Begriff »Geist« unterscheidet sich vom Begriff »Verstand« durch seine metaphysische, nicht mess- und quantitativ erfassbare Präsenz. Er kann mit Begrifflichkeiten wie Spiritualität, göttlicher Ursprung, Energie- und Kraftquelle gleichgesetzt werden.

Die vorliegende Publikation ist in zwei Teile gegliedert. – Im theoretischen ersten Teil geht es um die Leiden unserer Zeit als »Problemstellung«, den Bedarf sowie die Zielsetzungen, Legitimation und Relevanz der Herzensbildung im Sinne eines ganzheitlichen Bildungsanspruches. Der praxisorientierte zweite Teil beschäftigt sich mit der Ursachenklärung, der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels, schulpraktischen Umsetzungsmöglichkeiten gewonnener Erkenntnisse und endet mit einer resümierenden Zusammenfassung hinsichtlich ihrer Handhabbarkeit an agrarischen und allen anderen Bildungseinrichtungen.

Erster Teil

2. Die » Leiden unserer Zeit « als Problemstellung

»Der kleine Prinz« beinhaltet die Eckpfeiler für ein glückliches, beseeltes, somit menschen-gerechtes Leben, welches primär von Ehrlichkeit, Phantasie, wahrer Freundschaft sowie Glaube, Vertrauen, Hoffnung und Liebe gekennzeichnet ist. Wir finden diese Essenzialien schon im Humanismus der klassischen Antike, welche in unseren Breiten mittlerweile wieder infolge der materiellen Übersättigung an Bedeutung gewonnen haben und mit den » Selig-preisungen « unseres Kulturkreises völlig übereinstimmen. Nach dem Neuen Testament hat Jesus von Nazareth die Botschaft vom nahen Reich Gottes aufgegriffen und aktualisiert. In seiner aussagekräftigen Feldrede (Lk 6,20-26) und Bergpredigt (Mt 5-7) geht es weder um hohle Phrasen noch fromme Sprüche, sondern um eine geistige » Nahrung für die Seele « in Form von Heilszusagen für die Menschheit, wie etwa den Trost für die Trauernden und den Lohn im Himmel für die Gewaltfreien, Fried-fertigen, Gerechten, Barmherzigen, Reinen im Herzen sowie jene, die um ihres Glaubens willen verfolgt, beschimpft und verleumdet werden (vgl. Mt 5,3-12). Rational wie ökonomisch betrachtet, sind die Seligpreisungen eine konkrete Lebenshilfe und die wirtschaftlichste, ressourcen- sowie energieschonendste und obendrein kostenneutralste » Bedienungs-anleitung « für ein gelingendes Leben. Sie wird uns deshalb weniger gerne » verkauft «, stattdessen lieber tabuisiert, weil sie sich völlig gegensätzlich zum weltlichen Fortschritts- und Maximierungsglauben (» Weltlicher Schein « gem. D. Hawkins) verhält, der uns stets einen Mangel suggeriert, den wir durch Kauf und Konsum kompensieren müssen, wozu uns ein gewinnorientiertes Marketing erfolgreich verführt.

Der österreichische Arzt und Begründer der » Existenzanalyse und Logotherapie « Viktor E. Frankl (1905–1997) bestätigte zu Lebzeiten ebenfalls die Erkenntnis des Quantenphysikers und Nobelpreisträgers Albert Einstein (1879–1955), dass das Problem unserer Zeit nicht in der Atombombe - als »Symptom«, sondern im Herzen des Menschen - als » Ursache « zu finden sei 2a. Einstein vertritt zudem die Auffassung, dass Probleme niemals mit derselben Denkweise gelöst werden können, durch die sie entstanden sind.3 In diesem Sinne führt Frankl, als ehemaliger KZ Häftling, die gegenwärtigen Leiden auf die » provisorische Daseinshaltung « des modernen Menschen und seine damit verbundene Gedankenlosigkeit zurück, welche ihn für konformistische wie totalitäre Strömungen (Links- und Rechtsextremismen) anfällig machen. Sie sind nach Frankl symptomatisch für die » Pathologie des Zeitgeistes « 2b, die mit dem weitgehend unreflektierten Mainstream korrespondiert. Bekanntlich hat sich dieser in der Kriegsgeschichte unserer Welt immer fatal ausgewirkt und zig Millionen Menschen das Leben gekostet.

In seinem sinnorientierten Ansatz geht Frankl vom Leib – Geist – Seele – Kontinuum aus, welches untrennbar miteinander verbunden ist und schon in der frühen Didaktik des Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) als Einheit von Hirn, Herz und Hand beschrieben worden war. Welchen Stellenwert diese Trinität in der ganzheitlichen Bildungsphilosophie einnimmt, zeigt die nach-folgende Darstellung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Trinität und Wechselwirkungen von Geist, Körper und Seele

Die Wechselwirkungen lassen erkennen, welche Folgen die Ausblendung oder Vernachlässigung gemüts- bzw. herzensbildender sowie spiritueller Bildungsstandards und –programme auf die seelische wie körperliche Befindlichkeit nach sich ziehen können. Nicht von ungefähr kommt die Tatsache, dass die Schülerselbstmordrate in den rational dominierten, emotionsgehemmten Wirt-schafts- und Industrienationen (China, Korea, Japan) jährlich ansteigt und die Leiden nähren.

Der regierende König von Bhutan, Jigme Singye Wangchuck, erkannte 1979, dass das Glück seines Volkes sowie die Wirtschaftsentwicklung seines Reiches nicht am Bruttoinlandsprodukt gemessen werden dürfe, sondern sich an der inneren Zufriedenheit, am » Bruttonationalglück « , wie er es nannte, orientieren sollte. Er bekannte sich dazu, dass eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft nur im Zusammenspiel von materiellen, kulturellen und spirituellen Schritten geschehen kann, die einander ergänzen und bestärken. 4

Im Folgenden soll selbstreflexiv der Frage nachgegangen werden, ob ich unterrichte, erziehe, und wirtschafte bzw. überhaupt handle und danach lebe, wie mir vorgegeben wird, vielleicht wider meines besseren Wissens und Gewissens? Glaube ich bereits, es sei okay, das Falsche zu tun?… Oder bleibe ich meinen Überzeugungen und meinem Gewissen letztlich treu, trotz der Widerstände und dem Rechtfertigungsdruck seitens des Dominanzsystems mir gegenüber?

3. Brauchen wir eine Renaissance der Herzensbildung ?

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Foto 1: Herzensbildung zur Bewahrung der Schöpfung

Schon 1995 hat die Poplegende Michael Jackson mit seinem Musikvideo » Earth Song « auf die Problematik unserer weinenden Erde aufmerksam gemacht. Mit seiner ausdruckstarken Musik und den bewegenden Bildern wollte er seine Fans sensibilisieren und zu einer Umkehr bewegen (s. Youtube-Video). MJ … In ihrem Buch » Tiefenökologie – Eine liebevolle Sicht auf die Erde « (2014) bedauert die österreichische Natur- und Agrarforscherin Elisabeth Loibl den Umstand, dass die meisten unserer Ausbildungszentren Leute hervorbringen, die de facto an der Zerstörung des Lebens auf der Erde mitwirken, nachdem nur die wenigsten daran arbeiten, es zu bewahren.

Sie differenziert zwischen Erziehung und Ausbildung, in dem sie festhält, dass ein gewissenloser unmoralischer Wissenschaftler viel mehr Schaden anrichten kann, als ein Ungebildeter, dem durch Erziehung innere Werte vermittelt wurden.6a

Der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Storl meint, dass „… unsere Zivilisation Berge von Wissen ansammelt, aber das tiefere Verständnis dabei verloren geht.“ 5 Loibl vertritt daher den Standpunkt, dass es erforderlich sei, „Menschen zuerst zu erziehen, bevor sie ausgebildet werden. In der Erziehung solle es vorrangig darum gehen, die Persönlichkeit, die Gefühle und die Bedürfnisse der anderen achten zu lernen “ 6a, was in dieser Abhandlung als zentrales Anliegen und Aufgabe der » Herzensbildung « verstanden werden soll.

Unsere Zeit braucht am dringlichsten,

dass wir Menschen in uns hineinlauschen

und dort die Erde weinen hören.

Thich Nhat Hauh

Die dringliche Forderung nach einer » Renaissance « der Herzensbildung finden wir schon alleine darin bekräftigt, wenn von den Atommächten jährlich Billionen für die Rüstung und Suche nach einem „Ersatzwohnort für die Erde“ vergeudet werden, während lt. UNICEF - Bericht weltweit alle 5 Sekunden ein Kind an Hunger und den daraus resultierenden Folgen sterben muss. Am 7. Juli 2017 berichtete die Presse, dass britische Forscher herausgefunden hätten, dass der Mars als großer Hoffnungsträger nun doch ausscheidet, die Erdenbewohner (Eliten; Anm. d. Verf.) vor den Folgen einschlagender Meteoriten, nuklearer Katastrophen oder Seuchen als » Ausweichplanet « zu bewahren. 7a

Die deutsche Soziologin Maria Mies bemerkt in ihrer Autobiografie, dass „… trotz oder wegen allen Fortschritts und der Warenfülle in den Supermärkten viele Kinder keine richtige Kindheit kennen, viele Jugendliche keine Zukunftsperspektive, viele Erwachsene nur Stress und Ängste und viele Alte nur Krank-heit und Einsamkeit“, 8 sodass sich die Frage nach den tatsächlichen, globalen Verbesserungen für die gesamte Menschheit durch die Errungenschaften der modernen Technik aufdrängt.

4. Zielsetzungen der Herzensbildung

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Die Zielsetzungen der Herzensbildung lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner herunterbrechen, nämlich:

1) Die Enttabuisierung der Gefühlswelt durch 2) eine Beseelung des Alltages, als ein Zulassen von Mitgefühl, Trauer und (Be-)Rührung, 3) die Entwicklung des Bewusstseins, ein Teil der Schöpfung zu sein, für diese Verantwortung zu übernehmen und 4) dort, wo Mann/Frau hingestellt sind, zur Befriedung und Ernährung (Versorgung) der Welt beizutragen.

Diese Bemühungen korrespondieren unmittelbar mit den drei entwicklungsförderlichen Einstellungen und Haltungen nach Carl Rogers (1902–1987), dem Begründer der » Gesprächspsychotherapie «, welche zur

Minimierung der Leidenszustände führen sowie die Qualität der Beziehungen verbessern, ja sogar heilen können, nämlich:

a) Die Vermittlung emotionaler Wärme, Achtung, Rücksichtnahme und Wertschätzung allen

Lebewesen gegenüber,

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

b) die Aneignung von Einfühlungsvermögen, als ein nicht wertendes Verstehen der/des anderen (Empathie) sowie

c) das Bemühen um seine Echtheit (Authentizität als Übereinstimmung von Denken und Handeln), sodass sich nicht nur zwischenmenschliche, sondern auch intakte Beziehungen zwischen Pflanze, Tier und Mensch gegenseitig gesundheitsförderlich (» saluto-genetisch «) auswirken können. Hierfür müsste als Grundvoraussetzung zunächst der hektische, dem technischen Fortschritt (z.B. »Industrie 4.0«) und der Konzernherrschaft geopferte Lebensstil des » Havings « ( „Geiz ist geil!“) schrittweise in einen naturgemäßen Lebensstil des » Beeings « transformiert werden, den wir aus der Pflanzen- und Tierwelt kennen:

1. Verlangsamung => 2. Vereinfachung =>

3. Erleichterung => 4. Zentrierung aufs Wesentliche

anstatt:

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Fotos 2,3,4: Elementare Naturerfahrungen fördern die Beziehung Mensch – Tier und Pflanze

Beschleunigung => Verkomplizierung => Überlastung und => Trivialisierung oder Tabuisierung des wahren, naturverbundenen, wesentlichen Lebens ( » Beeing « ), nach dem wir uns sehnen.

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Foto 5: Haustiere als Lehrmeister für ein besseres Leben

Durch das Wesen, die Lebensweise und Gewohnheiten unserer Haus- und Nutztiere soll der noch naturverbundene Mensch lernen, dass ebenso er keine Maschine ist, regenerative Ruhepausen benötigt und sein Körper keineswegs auf Dauerbelastung und Stress an- und ausgelegt ist. Somit wäre unserer Auffassung nach höchst legitim, die Frage nach der » Selbstliebe « im allgemeinbildenden Unterricht zu thematisieren, wo beispielsweise individuelle Strategien zum vernünftigen Gebrauch seiner begrenzten Ressourcen entwickelt werden könnten, um seinen » Mikrokosmos « weitgehend stressfrei und gezielt gesund zu erhalten.

5. Legitimation und Relevanz der Herzensbildung

Makrokosmisch wie weltpolitisch kann heute kaum mehr bestritten werden, dass sich die konzerngesteuerte Globalisierung auf das Wohlergehen aller Lebewesen auf unserem Planeten wenig segensreich und heilbringend ausgewirkt hat. Vor allem die sukzessive Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Ausbeutung und Kontaminierung der Erde, des Trinkwassers und der Weltmeere mit Plastik-, toxischem Rest- und Atommüll, Brandrodung sowie die Verpestung der Atemluft mit Chemtrails (» Climate Engineering «) gehen einher mit dem Artensterben und den Leiden vor allem unterprivilegierter Menschen durch Hungersnöte, Landgrapping und Kriege. Verbunden mit den Terror- und Flüchtlingsszenarien nehmen diese weltweit zu. Es mangelt weniger an guten Worten, dafür aber umso mehr an geopolitischen Aktionsplänen und konkreten Taten (z.B. globale Versorgung der Armen mit Lebensmittelüberschüssen des Westens statt 50% Entsorgung derselben, sofortiger Rüstungsstopp und weltweite Beendigung der Waffenproduk-tion und des Waffenhandels) zur Weltbefriedung und Beseitigung der globalen Missstände.

Es gibt keine sinnvolle Rechtfertigung weder dafür, dass sich eine Minderheit am Konsumwahn und an der Armut der Mehrheit bereichert, noch dafür, dass zur gleichen Zeit die geistigen und seelischen Nöte westlicher wie fernöstlicher Konsumgesellschaften drastisch zunehmen. Konsumieren kommt vom lateinischen Wort » consumere « , welches verprassen, vergeuden, vernich-ten, zerstören, umbringen bedeutet, was demnach unsere Beobachtung zu bestätigen vermag, dass sich unsere Konsumgesellschaft als » Vernichtungsgesellschaft « entpuppt, welche das Überleben nachfolgender Generationen – im Sinne von „nach mir die Sintflut“ - offenbar zu wenig bedenkt.

Im dritten Teil seiner Old Surehand Trilogie kritisiert Karl May (1896) das den indigenen Völkern ent-gegengebrachte ausbeuterische, gierige Vorgehen des weißen Mannes: „Zivilisation bedeutet unzweifel-haft immer weitergehende Entwurzelung und Entmündigung des Menschen.“ 9 May sah dahinter die Legiti-mation von Landraub und Unterdrückung von Abermillionen von Menschen, die ihrer Böden und ihrer grundlegenden Rechte beraubt wurden. Auf diese Weise sind lt. Pope (2008) seit dem 16. Jhdt. bis heute von den ursprünglich 48 Millionen Ureinwohnern Nordamerikas 48.000 (!) übrig geblieben. …10

Der amerikanische Historiker Theodore Roszak bringt 1994 diesen leidigen Umstand in seinem Buch » Ökopsychologie « scharfzüngig auf den Punkt: „Eine Kultur, die das Gewebe des Planeten, der sie erhält, so tiefgreifend schädigen kann, und dennoch nicht innehält, um einen anderen Kurs einzuschlagen, ist wahnsinnig, ist von einem zwanghaften Vernichtungswahn befallen, der sich außer auf uns selbst auf das gesamte unschuldige Leben um uns herum erstreckt. Wir haben eine weltweite Monokultur geschaffen und ungemein viel Kreativität darauf verwendet, diesen Wahnsinn zu ratio-nalisieren. In dieser Monokultur überlebt nur das, was sich der urbanen Industriezivilisation anpassen kann.“ 11 Die deutsche Soziologin und Politologin Claudia von Werlhof setzt 1996 noch nach und spricht von einem „bewusst, gewollten, organisierten und globalen Krieg gegen das Leben und dessen Religion“, den sie als grundlegende Methode des patriarchalischen Dominanzsystems bezeichnet, um die Utopie der Zerstörung des irdischen Lebens zu realisieren und unabhängig von den Frauen und der Natur neues Leben zu erschaffen. Werlhof entlarvt damit das gewalttätige Programm einer gewollten Inhalts- - also Seelen- und Geistlosigkeit.12a+b

Die Selbstbezogenheit und –überschätzung ( » Selfishness « ), das » Display - Staring «, » Over-sharing « und » Gaming « führt infolge der daraus resultierenden sozialen Unaufmerksamkeit ent-weder zum Übersehen oder zur Unterschätzung seiner eigenen sowie der Bedürfnisse seines Nächsten. Letzteres begünstigt das heute in der modernen Arbeitswelt geforderte » Multi-tasking «, welches sich früher oder später als verschleierte Ausbeutung und Illusion entlarvt, weil unsere Gattung aufgrund ihrer Begrenztheit für eine zeitgleich hochwertige Erfüllung mehrerer Aufgaben eben nicht geschaffen ist. Die Folgen liegen auf der Hand und lassen sich nicht länger schönreden: Stress und » Überlastungssyndrome « (Burnout), Entfremdung vom Nächsten und der Natur, Vereinsamung, Sinnleere, Drogenmissbrauch und jede Menge » Zivilisationskrankheiten «. Die kompensatorische Übersättigung mit materiellen (unbeseelten) Gütern und Vergnügungen aller Art, offenbart uns das kollektive Liebesdefizit. Der Freizeitfaktor » Spaß « verdrängt die realen Erholungswerte wie BeSINNung und Regeneration aus der Kraft der Natur und zwischenmensch-lich bereichernden Beziehungen. In vertraulichen Vieraugengesprächen äußern sich Schulärzte und -ärztinnen gleichermaßen betroffen über den besorgniserregenden Gesundheitszustand ihrer behandelten Kinder, Jugendlichen und Lehrkräfte. So war 2015 » Smombie « das Unwort des Jahres, welches von jungen Leuten als geläufige Persönlichkeitsbeschreibung verwendet wurde. Smombie steht für » Smartphone - Zombie « , der mit einem seelen- und willenlosen Smartphone – Übernutzer (»Junkie«) in Verbindung gebracht wurde. Gegenwärtig wird von » Phono sapiens « gesprochen, einer nebeneinander sitzenden oder stehenden Generation, die nicht mehr spricht – jung, digital und immer online. 7b Diese Begriffsneukreationen könnten ein Indiz dafür sein, dass unser seelenfeindliches und fremdgesteuertes System, welches nach wie vor im öffentlich rechtlichen Schulwesen etabliert ist, immer fragwürdiger wird, womit sich die überwiegende Mehrheit der Pädagoginnen und Pädagogen widerstandslos abgefunden hat. Aufgrund eigener Erfahrungen bringt Elisabeth Loibl die vorherrschende Denkschulung sogar in Verbindung mit » seelischer Folter «, „… weil darin das Fühlen, Empfinden und die Verbindung mit der Natur völlig ausgeschlossen werden“. Darunter leide im Besonderen „unsere Lebendigkeit, die den Schulalltag oftmals erstarren lässt“. 6b Die österreichische Ethnologin und Soziologin Veronika Bennholdt-Thomsen forderte in den 1970er Jahren eine notwendige „ Erotik des Denkens“, 8b von der schon bei Platon (427-347 v. Chr.) und Hegel (1770-1831) zu lesen ist und mit einer an Liebesreizen verbundenen Verlebendigung des Alltags verknüpft wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Herzensbildung. Für eine liebevolle Beziehung zur Erde
Hochschule
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik  (Didaktik, Schulentwicklung und Grüne Pädagogik)
Autoren
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V446535
ISBN (eBook)
9783668848283
ISBN (Buch)
9783668848290
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nachdem die vorliegende Schrift die alternative Antwort auf die Digitalisierungsoffensive ("Industrie & Bildung 4.0") darstellt, dürfte sie in keiner Schulbibliothek - beginnend im Bereich der Elementarbildung bis hinauf in die PädagogInnenbildung an Hochschulen und Universitäten im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus fehlen.
Schlagworte
Herzensbildung, Leiden unserer Zeit, Glaubenssätze, Bildungsideale, Existenzanalyse, Logotherapie, Pathologie des Zeitgeistes, Selbstliebe, Maximierungswahn, Erlebnispädagogik, Handlungspädagogik, Spirituelle Essenz, Erkenntnistheorie, Macht- und Wettbewerbsdenken, Seelenanwalt, Paradigmenwechsel
Arbeit zitieren
Clemens Wagerer (Autor)Gabriela Wetscherek-Seipelt (Autor), 2018, Herzensbildung. Für eine liebevolle Beziehung zur Erde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446535

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