Gliederung
1. Carl Rogers - eine kurze Biographie 3
2. Kurzer Abriss der klientenzentrierten Persönlichkeitstheorie 3
2.1 Die Selbstverwirklichung 3
2.2 Das Selbst 4
3. Der Klient 4
4. Der Therapieprozess 5
5. Der Therapeut 6
5.1 Echtheit und Kongruenz 6
5.2 Emotionale Zuwendung und bedingungsfreies Akzeptieren 7
5.3 Empathie 8
6. Ein Plädoyer für eine humanistische Psychologie 10
7. Literaturverzeichnis 13
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1. Carl Rogers - eine kurze Biographie
Welche Rolle darf der Therapeut in einer Theorie einnehmen, in der der Klient im Mittelpunkt steht? Carl Rogers, der Begründer der klientenzentrierten Persönlichkeitstherapie, versuchte diese Frage zu beantworten. Er wurde am
08. Januar 1902 in Oak Park, Illinois als Sohn eines Farmers geboren. Er begann zuerst ein Studium der Agrarwissenschaften, später der Theologie. Auch dieses Studium brach er frühzeitig ab und widmete sich der Erziehungsberatung und der klinischen Psychologie. Seinen Abschluss erreichte er 1931 nach seinem Studium am Teachers College der Columbia Universität. Hier lernte er das Spannungsfeld zwischen Subjektivität und klinischer Objektivität kennen. Mit anderen Mitarbeitern gründete er 1968 das humanistische „Center for Studies of the Person“ mit dem Ziel, Kranke als Menschen und nicht nur als Objekte zu behandeln . Und das mit Erfolg, auch in Fachkreisen: Rogers wurde Präsident der American Psychological Association und bekam mehrere Auszeichnungen. Carl Rogers starb 1987, seine Theorie ist heute allgemein anerkannt und lebt in vielen Projekten und Verbänden weiter. (Pervin, 1993, S.193f.).
2. Kurzer Abriss der klientenzentrierten Persönlichkeitstheorie
2.1 Die Selbstverwirklichung
„Der Organismus hat eine grundlegende Tendenz, den Erfahrungen machenden Organismus zu aktualisieren, zu erhalten und zu erhöhen.“ (Rogers, 1959 aus: Pervin, 1993, S.204). Die Selbstverwirklichung, oder auch
Aktualisierungstendenz (Pfeiffer, 1977, S.1019) genannt, ist bei Rogers der Initiator allen Verhaltens, im Gegensatz zu Persönlichkeitsmodellen, bei denen der Mensch nur auf Umwelteinflüsse reagiert. Andere sogenannte Triebe wie Hunger oder Sexualitätstrieb besitzen keine Autonomie, sie sind nur Manifestationen der Aktualisierungstendenz. Selbstverwirklichung nach Rogers bedeutet „...eine Tendenz, seine Anlagen zu entwickeln, im Sinne einer Differenzierung von Organen und Funktionen, einer Expansion (Wachstum, Vermehrung, Steigerung der Effizienz), aber auch eine Tendenz zu gestalthafter Integration und Eigengesetzlichkeit (Autonomie)“ (Pfeiffer, 1977, S.1019).
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2.2 Das Selbst
Grundlage für Rogers Theorie ist die phänomenologische Position, d.h. jedes Individuum hat eine einzigartige Wahrnehmung seiner Umwelt. Die Summe aller Wahrnehmungen wird Wahrnehmungsfeld (Pervin, 1993, S.196) oder „phänomenales Feld“ (Pfeiffer, 1977, S.1019) genannt. Ein Teil des phänomenalen Feldes wird als sein eigenes Sein oder Funktionieren bewusst (Pfeiffer, 1977, S.1021). Aus dieser bewussten Wahrnehmung ergibt sich das Selbst. Es stellt ein organisiertes und beständiges Muster von Wahrnehmungen dar(Pervin, 1993, S.198).
Dem Selbst gegenübergestellt existiert das Ideal-Selbst, das Selbst-Konzept, das ein Individuum gern von sich hätte (Pervin, 1993, S.198). Der Organismus strebt nach einer Kongruenz, d.h. einer Übereinstimmung von seinen Wahrnehmungen vom Selbst und seinen Erfahrungen, er sucht eine Abwesenheit von Konflikten, eine Konsistenz zwischen den
Selbstwahrnehmungen (Pervin, 1993, S.206). „Die vom Organismus angenommenen Verhaltensweisen sind meistens die, die mit dem Konzept vom Selbst übereinstimmen“(Rogers, 1951, aus: Pervin, 1993, S. 207).
3. Der Klient
Inkongruenz ist definiert als eine Differenz zwischen der aktuellen Erfahrung und der eigenen Selbstwahrnehmung. Es resultieren innere Spannung, Konfusion und letztendlich Angst. Angst vor einer unbewussten Wahrnehmung, die, bewusst wahrgenommen, das Selbst-Konzept ändern würde. Entsprechende Impulse werden von der Bewusstwerdung ausgeschlossen oder nur verzerrt wahrgenommen. „Das hat zur Folge, dass das Verhalten nur zum Teil von der bewussten Selbststruktur her gesteuert wird, zum anderen Teil aber von Bereichen des Organismus, die nicht dem Selbst zugeordnet sind. Es wird dann als ichfremd erfahren...“ (Pfeiffer, 1977, S.1021). Dies kann zu einem hohen Leidensdruck und zu psychoreaktiven Störungen der Persönlichkeit führen (Pervin, 1993, S.207f.; Pfeiffer, 1977, S.1021). Patienten können als Folge an starre psychische Konstrukte gebunden sein, suchen weder Veränderung noch Wachstum, nehmen Gefühle nicht wahr und sind fern von gegenwärtigen Erleben (Stalmann, 1989, S.143ff.).
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4. Der Therapieprozess
Je nach den Problemen des Klienten werden vor allem sechs Aspekte im therapeutischen Prozess verfolgt. Die unterste Stufe ist vor allem gekennzeichnet durch einen Mangel an Gefühlen, rigiden psychischen Strukturen und undifferenzierten Reaktionen. Die oberste Stufe, das eigentliche Ziel der Therapie ist der sich voll entfaltende Mensch, der im Fluss des gegenwärtigen Erlebens steht und frei von Widersprüchen bzw. Abwehrreaktionen ist. Dieses Leitbild ist kein statistisch fixiertes Ziel der Therapie, nach Rogers soll sich der Mensch nach seinen eigenen Vorstellungen entwickeln, nicht nach den Wünschen des Therapeuten (Pfeiffer, 1977, S.1030). Die einzelnen Aspekte des Prozesses, auf die kontinuierlich im Verlauf der Therapie geachtet wird, sind im folgenden( aus: Pfeiffer, 1977, S. 1029):
1. Beziehung zu Gefühlen: Der Klient nimmt seine Gefühle nicht wahr bzw. erkennt sie nicht als seine eigenen an. Ziel ist die Bewusstwerdung und die Beschreibung von Emotionen.
2. Das Erleben (experiencing): Der Patient ist von seinem Erleben weit entfernt und kann eigentlich nur der Vergangenheit bewusst werden; eigentlich sollte er dem Erleben der Gegenwart gewahr werden.
3. Strukturierung des Erlebnisfeldes: Im sicheren Raum der Therapie kann er die starren Strukturen seines Erlebnisfeldes, die für ihn Objektivität bedeuten, in Frage stellen und somit Stück für Stück abbauen, bis er schließlich mit neuen Erfahrungen ohne vorgegebene Konstrukte umgehen kann.
4. Mitteilungen über das Selbst: Auf niederer Stufe des Therapieprozesses scheut sich der Patient, über sein Selbst zu sprechen. Später erforscht er es, und lernt es als Objekt kennen, während am Ende der Therapie das Selbst den statische Charakter verliert und mit dem Erleben wandlungsfähig wird.
5. Beziehung zu Problemen: Der Klient nimmt seine Probleme nicht wahr oder rechnet sie nicht zu seinem Erlebnisfeld. Im Lauf der Therapie lernt er, seine Probleme bewusst wahrzunehmen, Verantwortung zu tragen und sich schließlich konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen.
6. Beziehung zu Personen: Inkongruente Menschen können nur schwer persönliche Beziehungen aufbauen und flüchten sich dabei oft in Rollen.
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Lernziel ist bei diesem Aspekt das Ausbilden emotionaler Bindungen und seine eigene Persönlichkeit offen zu zeigen.
5. Der Therapeut
Um wieder ein wirklichkeitsgerechtes Erleben zu gewährleisten, muss die Inkongruenz zwischen Erleben und Selbstkonzept abgebaut werden. Der Therapeut muss einige Grundeinstellungen mitbringen, um dem Klienten effektiv zu einer Besserung im Sinne einer Kongruenz zu verhelfen. Es handelt sich dabei nicht um starre Vorschriften, sondern um Fähigkeiten und Einstellungen, die der Therapeut anwenden soll, um den therapeutischen Prozess in Gang zu setzen (Pfeiffer, 1977, S.1028f.).
5.1 Echtheit und Kongruenz
Die Begegnung von Person zu Person ist ein grundlegender Aspekt der Therapie, um ein Gespräch aufzubauen und um die Reaktionen des Klienten zu beobachten. Doch zusätzlich zu der bloßen Anwesenheit muss der Therapeut ohne Fassade auftreten und sich nicht hinter einer wissenschaftlichen Maske verstecken, er muss Kongruenz zeigen (Stalmann,1989, S.140). Während des therapeutischen Gesprächs soll er sich seines Erlebens und Empfindens bewusst werden und diese Gefühle in die Beziehung zu seinem Klienten einbringen. Falsch wäre es, Urteile oder angebliche Tatsachen in dem Gespräch zu diskutieren. Auch negative Gefühle sollen -soweit angemessen- zur Sprache gebracht werden. Die Äußerung, dass der Therapeut sich z.B. langweilt, ist kein Urteil, dass der Patient ein langweiliger Mensch ist. Werden diese Gefühle besprochen, so verändert sich die Empfindung des Therapeuten, da er sich sicher nicht langweilt, wenn er sein Selbst und seine Kongruenz zeigt und gespannt erwartet, wie der Klient reagieren wird. So wahrt der Therapeut seine Echtheit, zeigt sich mit seinen Stärken und Schwächen und überwindet Barrieren zu seinem Patienten, der seinerseits die Maske(n) leichter abwerfen wird und offen Selbst zu sein(Stalmann,1989, S.141). Die Therapie ist somit ein Gespräch zwischen realen, unvollkommenen Persönlichkeiten; sowohl für Klient als auch für den Therapeuten resultiert ein Lern- und Wachstumsvorgang. Eine Maske, die sich der Arzt gibt, würde nicht nur dem therapeutischen Prozess
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schaden, sondern auch seine eigene persönliche Entwicklung
beeinträchtigen(Pfeiffer, 1977, S.1023).
5.2 Emotionale Zuwendung und bedingungsfreies Akzeptieren
Der therapeutische Prozess wird nicht durch von rationalen Aspekten dominiert, sondern vielmehr durch emotionales Engagement. Echte Zuwendung fördert die Gesprächsbereitschaft des Patienten, ist diese „...frei von Beurteilungen und Bewertungen der Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen des Klienten, verdient sie die Bezeichnung «bedingungsfreies Akzeptieren«“, (Stalmann, 1989, S. 137) auch „unconditional positive regard“(Pfeiffer, 1977, S. 1023) genannt.
Bedingungsfreies Akzeptieren ist die Voraussetzung für die natürliche Entwicklung des Wertesystems von Kindern. Da der Mensch nach „positive regard“ (Pfeiffer, 1977, S. 1021), d.h. nach Liebe und Anerkennung strebt, wird er sein Verhalten auf die Bewertungen anderer abstimmen. Findet eine Person nur dann Akzeptanz, wenn bestimmte Verhaltensweisen unterdrückt werden, oder konzentriert sich die Person stärker auf die Wertungen anderer als auf die eigenen, so werden entsprechende Impulse vom Bewusstsein ausgeschlossen und es resultiert eine Inkongruenz von Erleben und Bewusstsein. Gerade bei einer Therapie soll ja das Gegenteil erzielt werden; Ziel ist es, durch unconditional positive regard das Vertrauen des Patienten zu gewinnen und ihn dazu bewegen, sein Selbst weiter zu erkunden und unrichtige Äußerungen zu verwerfen (Stalmann, 1989, 138; Pfeiffer, 1977, S.1023). Förderlich ist die freie Äußerung aller Gefühle, ob positiv oder negativ, eine „selektive Verstärkung“, eine Fixierung auf bestimmte erwünschte Gefühlen oder Verhaltensweisen soll vermieden werden. Der Therapeut soll den Klienten, ob seine Verhaltensweisen nun unnett, feindselig, unreif oder liebevoll sind, als eigenständige Persönlichkeit akzeptieren und achten, was aber nicht bedeuten soll, dass er alle Anschauungen des Klienten grundsätzlich positiv einschätzt. Er soll aber auf die Fähigkeit des Patienten, sich mit seiner Lebenssituation
auseinanderzusetzen und seine Entwicklungstendenzen wahrzunehmen, vertrauen, auch wenn die Person oft defensiv, verletzlich und zerrissen ist (Pfeiffer, 1977, 1023; Stalmann, 1989, S.138).
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In dem Klima der Sicherheit und des Vertrauens, das damit aufgebaut wird, können jetzt Gefühle erkundet werden, die vorher unzugänglich waren. Der Klient kann in das Unbekannte und in die Angst, begleitet von seinem Therapeuten, der ihm Sicherheit und Akzeptanz bietet, vordringen, um starre psychische Strukturen, an denen er festhält, in Frage zu stellen und somit sein Erlebnisfeld neu strukturieren (Pfeiffer, 1977, S.1029).
5.3 Empathie
Echtheit und bedingungsfreies Akzeptieren bilden die Grundlage der Therapie, die eigentliche Aufgabe des Therapeuten besteht nun darin, in jedem Augenblick des Gesprächs die Erlebnisse, Gefühle und deren persönliche Bedeutung sensibel und präzise zu erfassen. Er muss das innere Bezugssystem des Patienten kennen, in seiner Welt zuhause sein, als ob es die eigene wäre. Dabei soll die Integrität der eigenen Persönlichkeit unangetastet bleiben, die Identifikation mit seinem Gesprächspartner behält immer die Qualität „als ob“. Sein Verstehen teilt er mit, er verbalisiert seine Gefühle. Doch die ausschließliche Reflexion von Gefühlen ist nicht das Hauptmerkmal der klientenzentrierten Gesprächstherapie (Pfeiffer, 1977, S.1024). „Diese Technik ist keineswegs ein entscheidender Teil der Therapie. In dem Maße freilich, in dem sie einen Kanal bietet, durch den der Therapeut sensible Empathie und bedingungsfreie Achtung mitteilt, mag sie als technische Hilfe zur Erfüllung der zentralen Bedingungen der Therapie dienen“ (Rogers, 1957, aus: Pfeiffer, 1977, S.1024). Abzulehnen ist das Verbalisieren von Gefühlen dann, wenn der Therapeut dabei seine Kongruenz in Frage stellt, z.B. wenn er vorgibt, er würde die Äußerung verstehen, aber in seinem Inneren die Haltung ablehnt und nicht in sein Bewusstsein vordringen lässt. Nur wenn echte Empathie da ist, führt diese Technik zum Erfolg. „...Wenn dieser Art von Antwort eine reale Funktion zukommt, dann ist sie nicht eine Reflexion von Gefühlen, sondern ein ehrlicher, tastender Versuch von Seiten des Therapeuten, voll, sensibel und genau die innere Welt seines Klienten (Sinn, Gedanken, Erleben, Gefühle) zu verstehen. Wenn sie diese Qualität besitzt, dann ist sie erfolgreich und bewegt die therapeutische Interaktion vorwärts“(Rogers, 1957, aus: Pfeiffer, 1977, S.1024). Ziel ist es vielmehr, noch verschwommene, unbewusste Gefühle anzusprechen
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und den Klienten bei der Bewusstwerdung neuer Erlebnisse zu unterstützen. Das Verbalisieren von Gefühlen ist dazu nicht der einzige Weg, das kann sowohl durch nonverbale Reaktionen des Therapeuten passieren als auch durch die Offenbarung seines momentanen Erlebens(Pfeiffer, 1977, S.1024). Ein Beispiel für präzise Empathie soll in dem folgenden Tonbandprotokoll eines Gesprächs zwischen dem Therapeuten (Th.) und der Klientin (K.), einer Frau mittleren Alters, verdeutlicht werden.
„...K.:Ja. Und sehen sie, schon gibt’s wieder Konflikte. Unser ganzes Leben ist derart, dass - ich meine, man schwelgt eben nicht in Selbstmitleid. Aber das ist es nicht - ich meine, ich empfinde, dass es nicht ganz diesen Beigeschmack hat. Vielleicht.
Th.: Sie denken in etwa, dass es eine kulturbedingte Ablehnung des Sich-Bemitleidens gibt. Und dennoch finden Sie, dass das Gefühl, das Sie erleben, auch nicht ganz das ist, was die Kultur ablehnt.
K.: Und dann natürlich sehe ich inzwischen und spüre, dass darüber - dass über dieses - sehen Sie, ich habe es zugedeckt.(Weint.) Ich habe es doch mit so viel Bitterkeit zugedeckt, die ich dann auch zudecken musste. (Weint.) Das ist es, was ich loswerden will! Mir macht es fast nichts mehr aus, wenn es weh tut. Th.: (Leise und mit Zartheit auf ihren Schmerz eingehend) Sie spüren, dass hier auf dem Grund, wie Sie es erleben, dass es ein Gefühl von wirklichen Tränen um sie selbst ist. Aber das können Sie, dürfen Sie nicht zeigen, und darum ist es mit Verbitterung zugedeckt, die Sie auch nicht mögen, die Sie los sein möchten. Sie drücken es beinahe so aus, dass Sie fast lieber den Schmerz in Kauf nehmen möchten als - als die Bitterkeit zu empfinden. (Pause.) Und was sie sehr nachdrücklich sagen, ist wohl: Es tut weh, und ich habe versucht, es zuzudecken. K.: Ich wusste es nicht. Th.: M-hm. Eigentlich wie eine neue Entdeckung.
K.: (Gleichzeitig) Ich wusste es eigentlich nie. Aber es ist - wissen Sie, es ist fast etwas Körperliches. Es ist - gewissermaßen so, als wenn ich in mich hineinschaue auf allerlei - Nervenenden und Stückchen von Dingen, die kleingeschlagen wurden. (Weint.)
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Th.: Als wenn einige der empfindlichsten Teile von Ihnen gerade physisch zerschmettert oder verletzt worden wären.
K.: Ja. Und wissen Sie, ich kriege wirklich das Gefühl: «Oh, du armes Ding!«“ (Stalmann, 1989, S. 136 f.)
Die Frau beschäftigt sich in der fortgeschrittenen Phase ihrer Therapie mit Gefühlen, die sie beunruhigen und die ihr nicht richtig bewusst sind, die sie mit „ich meine“ zu beschreiben versucht. Die erste Bemerkung des Therapeuten ist nicht besonders hervorstechend, während die zweite sowohl rhetorisch als auch verbalisierend echte Empathie zeigt und versucht, die Gefühle der Klientin aufzuzeigen, die ihr selber nicht bewusst waren - nämlich das Selbstmitleid. Mit ihrer letzten Äußerung zeigt sie, dass sie ihr eigenes Gefühl endlich gefunden hat und es widerstandsfrei akzeptiert(Stalmann, 1989, S.137). Auch an diesem Beispiel zeigt sich, dass der Klient nach Rogers Theorie die Freiheit und Fähigkeit zur Selbstexploration hat und somit nicht zum Objekt der Wissenschaft werden muss.
6. Ein Plädoyer für eine humanistische Psychologie
„Doch leider sind auf diesem Sterne eben
Die Mittel kärglich und die Menschen roh, Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“ (Brecht, 1992, S.181)
„Ich habe kein euphorisches Bild von der menschlichen Natur. Ich weiß, dass Individuen aus Abwehr und innerer Angst sich unglaublich grausam, destruktiv, unreif, regressiv, asozial und schädlich verhalten können. Es ist dennoch einer der erfrischendsten und belebendsten Aspekte meiner Erfahrung, mit solchen Individuen zu arbeiten und die starken positiven Richtungsneigungen zu entdecken, die sich auf den tiefsten Ebenen bei ihnen wie bei uns allen finden.“ (Rogers, 1973, aus: Pervin, 1993, S.196)
Die Theorie von Carl Rogers mag in Bezug auf das empirische Erleben, überspitzt dargestellt in diesem kurzen Ausschnitt aus dem ersten Finale der Dreigroschenoper, etwas naiv klingen und bietet viele Angriffspunkte. So gibt es z.B. keinen Beweis dafür, das der Mensch im Grunde „gut“ ist, zusätzlich zu der Frage, was denn eigentlich „gut“ ist, denn die Definition von Normen und Werten ist nicht zu trennen von gesellschaftlichen Verhältnissen. Destruktivität
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und asoziales Verhalten werden auf Inkongruenz zurückgeführt (Pfeiffer, 1977, S.1019) - eine sehr gewagte These, alle „schlechten“ Menschen als psychisch gestört darzustellen, weil damit gesellschaftliche Probleme nur zu schnell als pathologisch hingestellt werden und weiterhin ungelöst bleiben. Die Selbstverwirklichungstendenz als treibende Kraft wird sich bei sozial schlecht gestellten Personen anders ausdrücken als bei reichen Personen, die sich nicht um ihre Grundbedürfnisse sorgen müssen. Maslow, ein anderer humanistischer Psychologe, bewertet die Selbstverwirklichung nicht wie Rogers als Triebkraft, sondern als höchstes Ziel menschlichen Strebens, das nur dann erreicht werden kann, wenn Basisbedürfnisse erfüllt sind. Auch kann das Spannungsfeld, in dem der Therapeut durch seine Anwesenheit und Kongruenz der entscheidende Faktor der Therapie ist, der Mittelpunkt aber der Klient sein soll, dahingehend ausgelegt werden, dass der Therapeut sein eigenes Ich auf den Patienten überträgt und dessen Persönlichkeit sozusagen auslöscht (Pfeiffer, 1977, S.1039).
Zentraler und ausschlaggebender Punkt, sich trotzdem auf Carl Rogers zu beziehen, ist das Bild und die Behandlung des Menschen in seiner Theorie. Der Mensch ist kein triebgesteuerter Organismus, der keinen Sinn in Leben hat außer Bedürfnisbefriedigung. Er ist ein Individuum, das nach Entwicklung und Aktualisierung strebt und noch dazu sich selbst verändern kann. Deswegen darf der Mensch nicht zur Schachfigur der Wissenschaft gemacht werden, er darf nicht zum rechtlosen Objekt werden, auch dann nicht, wenn er schwere psychische Probleme hat und dadurch gegen gesellschaftliche Regeln verstößt. „Die (Patienten, A.d.V.) sind nicht in der Klinik, um repariert zu werden, sondern nur, um von der Straße weg zu sein, wo sie den Erzeugnissen einen schlechten Ruf geben würden. Die Chronischen sind auf Lebenszeit drin, das gibt der Stab zu. Die Chronischen sind aufgeteilt in Geher wie mich, die sich noch aus eigener Kraft bewegen können, solange man sie füttert, und Roller und Vegetierer. Im Grunde sind die Chronischen von uns - oder doch die meisten von uns - nichts anderes als Maschinen mit Fehlern im Innern, die sich nicht reparieren lassen ...[...] Es gibt aber unter uns Chronischen auch solche, an denen der Stab vor Jahren ein paar Fehler machte, solche, die als Akute eingeliefert wurden und erst später zu den Chronischen kamen. Ellis ist ein
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Chronischer, der als Akuter gekommen war und dann übel zugerichtet wurde, als sie ihn in jener dreckigen, hirntötenden Folterkammer, die die schwarzen Jungen «Schockschuppen« nennen, zu sehr strapazierten.“ (Kesey, 1985, S.25). Dieser kurze Ausschnitt ist nicht aus einem Science-Fiction-Buch und der „Stab“ sind keine Generäle, sondern medizinisches Personal. Die ist Teil einer Beschreibung über die Patienten und Behandlungsmethoden einer psychiatrischen Klinik in den USA, wahrscheinlich in den fünziger oder sechziger Jahren, die eigentlich eher zu einem Gefängnis im Mittelalter als zu einer medizinischen Einrichtung passt.
Vor allem Ärzte und Psychotherapeuten, die die Aufgabe haben und sich selbst noch dazu den Ethos geben, Menschen zu helfen, dürfen andere Menschen nicht wie den letzten Dreck behandeln oder gar Elektroschocktherapien verordnen, wie es früher die Regel war. Auch im 21. Jahrhundert finden in der BRD v.a. in Altersheimen, aber auch sicher in anderen medizinischen Einrichtungen Menschenrechtsverletzungen geradezu geschäftsmäßig statt. Das dürfte nicht sein. Die Integrität des Menschen muss geachtet werden, gerade bei Kranken, die ohnehin nur wenig Schönes im Leben haben. Die Würde des Menschen ist unantastbar und soll es auch bleiben.
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Literaturverzeichnis:
Brecht, B.(1992). Die Stücke von Bertolt Brecht in einem Band. Frankfurt am Main,Suhrkamp
Kesey, K. (1985). Einer flog über das Kuckucksnest. Berlin: Volk und Welt Pervin, L. A. (1993). Persönlichkeitstheorien. München: Reinhardt Pfeiffer, W. M. in: Eicke, D. (1977). Die Psychologie des 20. Jahrhunderts Band III Freud und die Folgen(2). Zürich: Kindler Stalmann, F. (1989). Lust an der Erkenntnis: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. München: Piper
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Quote paper:
Michael Spannbauer, 2001, Die Rolle des Therapeuten in der klientenzentrierten Gesprächstherapie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Klientenzentrierte Gespraechspsychotherapie nach Carl Rogers
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