Stille Post?!... SMS in unserer
Kommunikationsgesellschaft!
Belegarbeit von Holm Hänsel, Mai 2004
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Stille Post?! in unser SMS-Gesellschaft
,,Piep piep piep piep" ist der einzige auditive Hin-
weis, daß sie existiert, die SMS. Wie aus heiteren Him-
mel fällt sie auf uns ein und verschweigt ihre mächti-
ge Wirkung in der interpersonellen Verständigung. Sie
hat seit ihrer Einführung vor rund 12 Jahren gezeigt,
daß sie das Potential für gesellschaftliche Verände-
rungen hat. Es grenzt an ein Wunder, daß die Medi-
enwissenschaft ihr bisher kaum Beachtung schenkte.
Nur Mobilfunkanbieter und technische Forschungsla-
bors zeigten sich an ihr interessiert, diese Dokumente
sind jedoch bis heute schwer zugänglich. Das Grosz
der hier verwendeten Quellen ist demzufolge aus dem
Internet entnommen, da sich, in einem solch tempo-
rären Medium neue Strömungen schnell verbreiten.
Auch die Verwandtschaft mit der Email oder dem In-
ternet-Chat gab wahrscheinlich den Ausschlag, daß
neue Erkenntnisse vorrangig im Netz zu finden sind. In
der Sparte Email und Chat wurde schon viel geforscht.
Interessant ist auch der Verlauf, in welchem Maße die
SMS die mobile Kommunikation beeinflußte, da sie
eigentlich einen Übergang von der akustischen Kom-
munikation unter Anwendung internettypischer Mittel
zum mobilen Instant-Messaging
1
darstellt. Gemeint ist
das Mobil-Design über die Jahre hinweg. Noch hat sich
nicht entschieden in welche Richtungen sich die mo-
bile Telefone bewegen, dennoch sind gravierende Ver-
änderungen in den letzten 5 Jahre zu verzeichnen. Sie
lassen erahnen, was die Zukunft des Mobilmessaging
bringen könnte. Momentan stehen Klapptelefone hoch
im Kurs und markieren den Miniaturiersierungstrend
der Branche.
In dieser Arbeit werden die Entstehung und die Eigen-
schaften, insbesondere des rudimentären Textinter-
faces der SMS beleuchtet. Denn sie sind ein wichtiger
Ausgangspunkt, warum so und nicht anders bestimm-
te Folgeerscheinungen zutage traten. Hierbei wird die
SMS in der Jugendkultur betrachtet, mit ihrer Nutzung
einer eigens entwickelten SMS-Sprache. Noch befin-
det sich die SMS-Kultur in einem Entwicklungsstadi-
um, der darin besteht, daß ihr voller Einfluß auf die
Gesellschaft nur partiell offenbar wird. Im Teil ,,SMS-
Wilderei" wird unter anderem das Liebesleben mit
den Aspekten der SMS zusammengebracht und deren
Auswirkungen angeführt. Zuletzt noch ein kurzer Aus-
blick auf die Veränderung unserer Kommunikation auf
Sprech- und Schreibgewohnheiten, wobei die Mobi-
lität unserer Zeit mit dem Existentialismus von Sartre
eine Überschneidung aufzeigt.
Einstieg SMS Short Message Service
Uns Mobiltelefonierern nicht unbekannt, ist die faszi-
1991 erste Einfüh-
rung des D-Netzes in
Deutschland. Wegen des
geringen Netzausbaus
sind es halbe Basisstati-
onen. In der Gestaltung
sind sie sehr auf ratio-
nale Aspekte ausgerich-
tet, fgl. groß, schwarz &
schwer.
Das Design veränderte
sich schnell zu kompak-
teren Geräten, als die
Netzdichte im digitalen
D-Netz stieg.
Design Horizont
Siemens Mobiltelefon
1991
4
Motorolas ,,Knochen"
gab es auch für das
GSM-Netz. Er ist der
eigentliche Urtypus des
Handys und war schon
1983 ein Erfolg. Gestal-
tet wurde es von Rudy
Krolopp, der auch den
Klappmechanismus ent-
wickelte. Motorola hatte
dadurch die kleinsten
Handys und das schon
um 1994!
nierende Option, kleine Textnachrichten in der Länge
von 160 Zeichen mit begrenztem Zeichensatz unter-
einander zu versenden. Die Kodierung mit nur 7-Bit ist
von der Bandbreite des Servicefunkkanals
2
abhängig
und legt deshalb dessen Zeichenumfang fest. Die Aus-
weitung des Standards auf 8 Bit für Binärdaten in
Form von kleinen Logos, Bildern oder Klingel-
tönen ist ebenfalls vorhanden. Leider verkürzt
sich dadurch die Nachrichtenlänge auf 140
Zeichen. Nach Einführung des SMS-Services,
erweiterten die Handyhersteller ihre Telefone
um die Fähigkeit, gleich mehrere SMS als ,,Super-
nachricht" zusammenhängend zu versenden. Ein
Beispiel wäre das NOKIA 3110.
Lange Zeit war die SMS darauf begrenzt, Mitteilungen
nur unter Mobiltelefonen auszutauschen. Inzwischen
läßt sich der Dienst auch bei Festnetztelefonen mit
Display anwenden. Der Versand einer SMS erfolgt nie
direkt an den Adressaten. Ein SMS-Center kümmert
sich ähnlich einem Email-Verteiler im Netz, darum, daß
die Botschaft auch ankommt. Sobald sich das Empfän-
gerhandy in das Netz eingebucht hat, wird ihm die im
Center zwischengespeicherte Information zugesandt.
Ferner geht die SMS-Kommunikation ohne große Ver-
zögerung von statten. Der Vorteil des SMS-Verteilers
ist, rund um den Globus Kurznachrichten senden zu
können und damit auch in fremden Netzen SMS zuzu-
stellen.
Zu Beginn des SMS-Versandes war die Eingabe der
Buchstaben nur über die zeitraubende und umständ-
liche Selektion auf den Nummerntasten möglich. Da-
bei wurde jede der Zahlentasten mit 3-4 Buchstaben
in alphabetischer Reihenfolge belegt. Erst waren es
nur die Großbuchstaben, später folgte die Erweite-
rung auf Kleinbuchstaben und Sondersymbole. Die
Zeichenvielfalt und Belegung der Tasten ist immer
an den Hersteller des Telefons gebunden. Eine sehr
große Erleichterung brachte die Verwendung des
T9-Standards (text on nine keys), der Firma Te-
gic. Diese wörterbuchbasierte Eingabetechnolo-
gie, kann ohne Selektion der einzelnen Buchstaben,
durch einfaches Drücken der jeweiligen Buchstaben-
taste, die passenden Wörter während jeder Eingabe
selbst suchen. Die T9-Ergebnisse sind jedoch teilweise
korrekturbedürftig, da mehrere Resultate vorkommen
können. In der alten Eingabefolge ohne T9 wurden die
Tasten oft mehrmals gedrückt, um den gewünschten
Buchstaben zu erhalten. Für die Zeichenfolge ,,Hallo"
(5 Zeichen) sieht es auf meinem NOKIA wie folgt aus:
4 4 2 5 5 5 - Pause - 5 5 5 6 6 6 (12 Tastendrücke). Die
kurze Pause ist für das automatische Weiterrücken des
Cursors von Bedeutung, wenn der folgende Buchstabe
auch auf der gleichen Taste liegt. Mit Hilfe der Einga-
be-Erkennungssoftware kann ,,Hallo" mit allein fünf
Tastenanschlägen und ohne Pausen erzeugt werden:
4 2 5 5 6. Man führt jeden Buchstaben mit jeweils nur
einem Anschlag aus, was die Schreibgeschwindigkeit
International 3300
Motorola Designer
Rudy Krolopp
1992
5
enorm erhöht. Bei mehrfach möglichen Wörtern wird
das gewünschte Wort mit der [*]-Taste (bei NOKIA)
ausgewählt. Zum Beispiel kann an Stelle des Wortes
,,Hand" sowohl ,,Hanf" als auch ,,Game" stehen, da alle
Wortbuchstaben die gemeinsamen Tasten 4 2 6 3 bele-
gen. SONY hatte zeitlang hierfür eine relativ intelligen-
te Lösung für die Wortkorrektur parat. Denn mit dem
patentierten Jog-Dial-Rädchen (z.B. beim SONY J70)
werden alle möglichen Lösungen angezeigt und ausge-
wählt. Man kann erstaunlich schnell durch Menü- oder
Wortauswahl springen.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Texterkennung T9
schon, da bereits während des Schreibens permanent
Wortlösungen angeboten werden, die den Schreiber
verwirren können. Die Akzeptanz ist auch deswegen
eher gering. In einer Studie von Nicola Döring
3
ge-
brauchten lediglich 30 Prozent der Befragten
T9.
Im Falle eines fehlenden Wortes können die
vorinstallierten Wörterbücher ständig erwei-
tert werden und damit Wortschatz vergrö-
ßern.
Durch T9 stieg laut Umfragen bei Tegic, die Be-
nutzung der SMS im Laufe der Zeit um 60 Pro-
zent
4
. Auch sollen sich die Eingaben doppelt
so schnell möglich sein, verglichen mit Gerä-
ten normaler Ausführung, was bestimmt nur für geübte
Nutzer zutrifft. Das erste mit T9 ausgelieferte Handy,
war das schicke bunte 3210 von NOKIA um 1998.
Aus dem Alltag sind SMS-Nachrichten eigentlich nicht
mehr wegzudenken. Besonders unter jungen Mobil-
funkbenutzern ist die SMS ein bestimmendes Kommu-
nikationsmittel und Realitätswerkzeug von Peer-Grup-
pen geworden. Das sind in sich geschlossene Cliquen
mit eigenkodiertem Verständigung in ihrem Umfeld,
wie zum Beispiel zu anderen Jugendcliquen.
Einige Mobil-Serviceanbieter, wie z.B. Jamba!, bau-
en ihr Mobilfunkangebot über den Weg der SMS auf.
Durch die Erweiterung der SMS auf eine Bill-Option,
der Premium SMS
5
(P-SMS) wird eine leicht zu mer-
kende Kurznummer an besondere Telefontarifnum-
mern (z.B. 0190 in Deutschland) gesendet. Der
gewünschte Inhalt (außer Logos, Sounds und
Java-Anwendungen wie Spiele) wird dann di-
rekt aufs Handy gesimst. Die Handy-Nummer
ist in dieser SMS dabei, somit erreicht der ge-
wünschte Inhalt auf jeden Fall den richtigen
Absender.
Das Design veränderte
sich anfänglich wenig.
Der Urtypus schien ge-
funden und wur-
de so immer
wieder
vervielfältigt. Ein er-
ster Schritt war die Ver-
billigung der Handys,
wodurch private Käufer-
schichten hinzukamen.
Das hieß auch, daß mehr
Farbe ins Spiel kam.
Bei Ericsson konnte die
original schwarzen Ta-
staturabdeckung erst-
mals entfernt werden.
Ericsson PA388
Ericsson PA388 kostete
1996 1400DM
1996
1994
6
Zur Entwicklung der SMS
6
Den plötzlichen Durchbruch der SMS hätte niemand
in der Mobilbranche für möglich gehalten. 1992 wurde
in England erstmals eine SMS von einem PC an ein
Handy verschickt. Dennoch brauchte es bis zum wirk-
lichen SMS-Start zwei weitere Jahre, da der Service von
den Betreibern bis dahin nicht unterstützt wurde. Erst
mit seiner Einführung um 1994 wurde der Weg dafür
geebnet. Als einziger Anbieter betrieb E-
plus diesen Versand in Deutschland ko-
stenlos.
Anfänglich wußten nur Jugendliche
das komplizierte Tasteninterface hin-
reichend für sich zu nutzen. Die Wer-
bung wechselte schnell von Anzügen
tragenden Geschäftsleuten zu einer schrillen bunt
pinken SMS-Reklame, was nichts anderes bedeutete,
als daß die Jugend das Kommunikationssystem SMS
längst begriffen hatte und zu ihrer größten Benutzer-
gruppe aufgestiegen war.
Die Herausforderung des umständliche Eingeben über
Tasten auf dem Handy steigerte den Ansporn bei den
jungen Leuten und gab ihnen einige Zeit die Sicher-
heit, in ihrem Austausch an Informationen unter sich
zu sein. Den Erwachsenen, Eltern oder Lehrern war die
Erlernbarriere des Eingabesystems noch zu hoch, um
sich für das System SMS zu erwärmen.
Das Interessante dabei ist, daß die Benutzung der SMS
unabhängig von den Mobiltarifen immer zugenommen
hat. Der Preis für die SMS veränderte sich aber nie
merklich. Auch aus dem Grund, da das hohe Aufkom-
men von Botschaften die SMS-Verteiler stark überla-
stete. Eine Verbilligung, die widerrum mehr Anwender
ins Spiel gebracht hätte, hätte zu einem unweigerlichen
Zusammenbruch des Netzes geführt.
Die Eingabe war ja zeitraubend.
Auch die besondere Festlegung,
eine Nachricht auf nur 160 Zei-
chen zu begrenzen, ergab schnell den
Trend, in kurzen Tastenschlägen mög-
lichst viel Sinngehalt unterzubringen.
Eine wahre Sprach-Ökonomie brach los und ließ Bot-
schaften schnell zu einer Kürzelsprache wie: ,,C U L8er"
für ,, see you later" schrumpfen. Es gab den Nutzen
einem das Gefühl, für eine ,,coole" und zeitsparende
Kommunikation einzustehen. Lediglich die schon von
der Email-Sprache und IRC
7
her bekannten ,smiley's
gaben dem abrupten Telegrammstil, eine emotionale-
re Ausdrucksweise. Es war damit einfach, den eigenen
Gemütszustand schnell mitzuteilen, was der Härte der
Akronyme gleichauf ein gutes Gegengewicht bot.
1997 wurde in Deutschland das Prepaid-Handy ein-
Über ungefähr 5 Jahre
hinweg, seit Einführung
des D-Netzes, war die
Handygestaltung sehr
rational und robust. Der
hohe Anschaffungspreis
machte es nur für besser
Verdienende erschwing-
lich und jene hatten einen
geringen individuellen
Anspruch ans Telefon.
Es war ein Werkzeug
und kein Imageprodukt!
In der Mobilfunkin-
dustrie herrschte Pio-
nierstimmung.
Viele
Produzenten probierten
innovative Designs di-
rekt am Markt aus.
Motorola erinnert mit
seinem StarTac an alte
StarTrek-Zeiten.
Die
Größe schrumpfte durch
den Klappmechanismus
Motorola StarTAC
1996
7
geführt, aber erst 1999 erlebte es auf Grund extremer
Preisnachlässe einen Boom, was der SMS einen erneu-
ten Aufschwung gab. Es war aber auch der Beginn des
wildbunten Handydesigns. Die damalige technische Si-
tuation der Anbieter konnte die Nutzung der SMS nicht
mit der vorausbezahlten Gesprächszeit abrechnen.
Deshalb verschwiegen die Mobilfunkbetreiber bewußt
die Benutzung der SMS. Was man nicht beachtete war,
das das Internet eine Achillesferse für solche Informa-
tionen darstellt. Jugendliche teilten sich untereinander
schnell mit, wie man anstelle der teuren Gesprächsmi-
nuten kostenlos über den Äther kommunizierte. Dar-
aufhin versuchten die Mobilfunkfirmen zusammen mit
ihren Plattformanbietern, die von Prepaid-Telefonen
geschickten Nachrichten auszusortieren. Endlich nach
Monaten gelang es ihnen, diese SMS-Nachrichten über
das Guthaben abzurechnen.
Dies teilte man bald darauf mit einer Massen-SMS-
Kampagne den Handy-Benutzern mit. Ab einem be-
stimmten Datum sollten alle SMS' nun zuverlässig
von dem Guthaben abgezogen werden. Selbst E-plus
brach den mobilen Gratis-Kommunikation-Glauben
am 1.11.1996. Mittlerweile hatte sich auch dort die SMS
als zu lukrative Sparte erwiesen.
Wie erwartet brach der SMS-Versand plötzlich bis auf
40 Prozent zusammen. Bizarrerweise dauerte es aber
nicht lange bis sich die Rate wieder auf ihr altes Niveau
erholt hatte und darüber hinaus weiter anstieg. Die-
se ,Schonzeit' hatte die SMS unter den Jugendlichen
zum wichtigsten Kommunikationsmittel etabliert und
sie bei weitem rasanter verbreitet, als es wohl jemals
möglich gewesen wäre. Es vollzog sich ein Wandel in
der Art der Kommunikation. Indem man sich vorher
aufgrund der Eingabeschwierigkeiten eher rationell
unterhielt, gab es nun simple Person-zu-Person-Nach-
richten, in denen man sich verriet, wie man ,sich gera-
de fühlte' oder ,was man gerade machte. Das Loslö-
sen vom formalen, rationalen Umgang mit Nachrichten
zur Ad-hoc-Verständigung war damit vollzogen. Dabei
entstand der kommerzielle SMS-Markt, wenn er auch
noch sehr klein war. Es handelte sich hier überwiegend
um Nachrichtendienste wie Wetterabfrage etc. Dabei
verpaßten bestimmte Dienstleister ihre Angebote wei-
ter zu entwickeln, um spezielle Benutzergruppen für
sich zu gewinnen.
Im Jahre 2000 setzte die SMS ihr erstaunliches Wachs-
tum fort. Trotzdem versuchten die Mobilfunkbetreiber
alles, um einen neuen Standard zu begründen. Es ver-
lief sehr zäh, obwohl alles in Bewegung gesetzt wurde,
die Aufmerksamkeit der Handybenutzer, auf das mo-
bile Internet namens WAP zu lenken. Diejenigen, die
das Debakel überlebten, erkannten schließlich, daß die
SMS dem GSM
8
-Publikum sehr ans Herz gewachsen
war. Darum versuchten nun, Werbe- und Servicefirmen
den SMS-Weg für ausschließlich kommerzielle Ange-
auf ein Minimum. Das
Design verbindet Uto-
pie und Fortschritt als
die Zukunft der mobilen
Kommunikation. Das
Problem bei sehr kleinen
Geräten ist, daß man die
Antenne weiterhin ex-
tern installieren mußte,
was immer eine Behin-
derung beim Gebrauch
war.
Design hatte nun einen
hohen Stellenwert. Sie-
mens verwendet als ers-
tes 4farbige Displays und
den Schiebemechanis-
mus. Die Farbdisplays,
einst für bessere Menü-
führung
eingeführt,
wurden aber ziemlich
schnell wieder aus dem
Programm genommen.
SL 10 von Siemens
1998
8
bote einzunehmen.
Unter anderem wurde der Handel mit Klingeltöne und
Logos ein großer kommerzieller Erfolg.
1997 startete NOKIA den Smart-Messaging-Service
der neben Text auch Binärdaten unterbringt und außer
den Logos und Bildern auch Klingeltöne überträgt. Der
Vorteil daran ist, daß dieser Service die Eigenschaft
hat, nicht weitergeleitet zu werden. Die Smart-SMS exi-
stieren wie eine Art ,,Geister-SMS" im Gerät und kön-
nen dort ausgeführt werden. Logos von Mobilfunkope-
ratoren werden auf dem gleichen Weg übermittelt. Den
kommerziellen Mobiltelefon-Inhaltsanbietern kam die-
ser Kopierschutz sehr gelegen, für den Fall, daß man
seinen Klingelton oder das Logo (gegen Bezahlung)
per SMS ändern wollte. Die oben genannte P-SMS
baut auch auf diesen Service auf. Da sich aber NOKIA
viel Zeit ließ, diesen Standard offenzulegen, entwik-
kelte die 3PGG
9
einen ebenbürtigen Standard namens
EMS
10
, der erstmals 2001 von ALCATEL, ERICSSON,
MOTOROLA und SIEMENS unterstützt wurde. EMS
beinhaltet im großen und Ganzen die Möglichkeiten
des Smart-Messaging von NOKIA und wurde zudem
noch um viele weitere Gimmicks bereichert. Solche
sind z.B. animierte Bilder in Graustufen oder Farbe.
Auch Klingeltöne konnten schon vordefiniert werden
und ohne gesendet zu werden auf dem Handy spielen.
Eine überaus wichtige Neuerung war die Steuerung der
Handyhardware durch Freischaltung von Funktionen
oder von Formularen für Transaktionen.
2001 wurde alternativ zur EMS der WAP
11
-Push einge-
führt. Sein eigentlicher Vorteil ist, ohne aktive Verbin-
dung mit dem SMS-Center zu funktionieren, das heißt,
es entstehen keine Gebühren durch Verbindungsauf-
bau. Er erscheint als Ticker im Bildschirm und kann
automatisch beim Auswählen vom Handy nachgeladen
werden.
Mit der hohen Geschwindigkeit, in der sich neue Stan-
dards in die Mobilfunkbranche einbrachten, wurde die
eigentlich grenzenlose Kommunikation inkompatibler,
so daß bis heute die normalen SMS als ,,der Standard"
gilt.
Der SMS-Markt wurde inzwischen sehr lukrativ, so daß
die SMS-Anbieter mit den Netzwerkbetreibern um eine
zufriedenstellende Gewinnbeteiligung stritten. Eine Ei-
nigung kam nicht schnell genug zustande, weswegen
die Anbieter neue Systeme, wie das interaktive Sprach-
portal (IVR)
12
, für ihre Telefontransaktionen entwickel-
ten. So wurde der SMS-Umsatz an den Netzwerkbetrei-
bern vorbeigeleitet. Der SMS-Million-Euro-Markt war
damit erschlossen und Zeitungen und Magazine waren
voll mit Anzeigen für Logo- und Kingelton-Downloads.
Mittlerweile werden laut einigen Internetberichten ins-
gesamt 60 Prozent des Mobilfunkmarktes anhand von
Grund war ihre schlech-
te Sichtbarkeit bei Son-
nenlicht.
Im Laufe der Zeit senk-
ten sich die Preise in Re-
gionen, wo eine private
Käuferschicht den Zu-
griff auf Handys bekam.
Es hatte zur Folge, daß
der Arbeitstiercharakter
verschwand und eine
,,Freizeitbenutzung"
die Monotonie des De-
signs durchbrach. Da
der Markt einen lang-
sameren Zyklus hatte,
gab es eine florierende
Zubehörgemeinde von
kommerziellen und pri-
vaten Anbietern, die die
Individualisierung des
Handys vorantrieben.
Es ging meistens um
äußerliche Veränderun-
gen, um z.B. Verwechs-
lungen von Telefonen zu
vermeiden.
Mit der Freizeitnutzung
wurde das Handy zeit-
gleich zum Statussym-
bol erhoben. Dennoch
war nicht jeder bereit,
so ein teures Gerät zu
besitzen, besonders die
9
SMS-Diensten erwirtschaftet und das zu einem nicht
geringen Teil aus dem jüngeren Benutzerpool.
Dessen ungeachtet ist man immer vorsichtig am Auf-
weichen der Limitierung des SMS-Mehrwerthandels ge-
wesen. Man wollte weitere Mehrwertdienste schaffen.
iMode
13
aus Japan ist einer davon und entstand parallel
zum WAP-Internetstandard in Europa. Das ist ein Da-
tendienst, der sich wenig mit dem SMS-Versand be-
faßt. Neben eigenen Seiten kann dieser speziell Inhalte
aus dem Internet konvertieren und darstellen. WAP ist
in dieser Hinsicht eingeschränkter und baut seine ei-
genen Seiten mit der speziellen Programmiersprache
WML auf. Interessant am iMode ist, daß dort die SMS
durch die Email ersetzt wird. Allgemein hat die SMS in
Japan kaum noch eine Existenz. iMode ist durch die
gewaltige Marktdominanz von NTT DoCoMo
14
in Japan
zur bedeutendsten Kommunikationsplattform aufge-
stiegen, die mit eigenen iMode-Seiten 40 Millionen
Benutzer bedient. Seine starke Verbreitung ist auf den
hohen Qualitätsstandard der Inhalte zurückzuführen.
Die aktuelle Stufe der SMS dürfte nun die MMS
15
sein die erstmals 2001 öffentlich gezeigt wurde. Hier
können in einer Nachricht, wie aus dem Internet ge-
wohnt, außer Text auch Grafiken, Sound und Videos
übertragen werden. Letztere erzeugen jedoch zu gro-
ße Datenmengen, die das empfangende Gerät nicht
vollständig speichern kann. Für diesen Fall ist ein
Streaming
16
vorgesehen. Das heißt auch, daß die Nach-
richt nicht mehr auf dem Handy gespeichert wird. Die
Adressierung an den Empfänger kann sowohl über
die Email-Adresse als auch über die Telefonnummer
erfolgen, was dem schon im Internet belastenden
Spaming
17
mit Emails eine Ausbreitung garantiert.
Typische Anwendungen der MMS werden ,,echte"
Emails sein, Picture-Postkarten (z.B. aus dem Urlaub)
und hochwertige Info-Services. Während heute die
Fußball-Ergebnisse einfach als Text kommen, kann
bei einer MMS das Tor des Tages als Video-Clip mit-
geliefert werden. Beim Wetter wäre es eine animier-
te Wetter-Karte und der Cartoon des Tages wäre für
verschiedene Auflösungen abrufbar. Um festzustel-
len was die Fähigkeiten des Zielgerätes sind, wird vor
der Übertragung, eine Abfrage gestartet. Das Ergeb-
nis hat Einfluß darauf, ob dementsprechend interpo-
liert oder reduziert wird. Zudem erhält die Nummer
eine Profil-Visitenkarte beim Operator für die näch-
sten MMS'. Bei einem Wechsel ins Fremdnetz, wird
dieses Profil mit übertragen, damit der Anwender un-
abhängig von Netz und Terminal immer seine bevor-
zugte, personalisierte Umgebung vorfindet, angepaßt
an die Fähigkeiten des gerade benutzten Handys.
Video- und Bilddaten, die das Hauptargument für die
MMS. Sie werden nicht als Dateianhang behandelt, son-
dern in der Art eines Diavortrag eingebunden. Jedes Teil-
Tarife zu bezahlen.
Der Ruf nach einem
Handy ohne Tarifbin-
dung wurde immer lau-
ter. 1997 war es soweit.
Der Prepaidgedanke er-
reichte Marktreife.
E-plus ließ bei Eintritt
in den Markt spezielle
Telefone mit einem blau-
grünen Gehäuse ferti-
gen, um für Aufmerk-
samkeit zu werben.
Nokia PT-11 von e-plus
1994
10
bild kann optional einen Text, eine Grafik und einen Sound
enthalten. Je nach Handy kann der Nachrichtentext bis
zu 1.000 Zeichen umfassen. Dies sollte also eine preis-
lich günstigere Alternative für SMS-Dauertexter sein.
Prinzipiell ist MMS unabhängig vom Trägermedium,
sie kann durchaus auch per Bluetooth
18
oder Wireless
LAN
19
transportiert werden.
Nicht auszuschließen ist, daß sich die MMS erst mit
Einführung des neuen Funkstandards UMTS
20
richtig
entfalten wird. Gegenwärtig ist für die Übertragung ei-
ner MMS sehr viel Kapazität notwendig, denn die Sen-
dekapazität von Videodaten ist für das jetzige Funk-
netz zu klein. Große Datenpakete würden lange zum
Übertragen brauchen und die Telefonrechnung deut-
lich erhöhen.
MM war der ursprünglich festgelegte Name für diesen
Nachrichtstandard. Etabliert hat sich als Bezeichnung,
jedoch MMS. Es darf sicher mit Spannung erwartet
werden, wie sich der MMS-Begriff umgangssprach-
lich entwickeln wird. Vielleicht wird in naher Zukunft
,,gmmst" oder ,,geehmst".
Zur Verbreitung des Short-Message-Services
Die SMS ist durch die GSM-Festlegung fast weltweit
anzutreffen, nur sind die Spezifikationen des SMS-
Standards vom jeweiligen Funknetz individuell be-
einflußt. Beispielsweise ist der Versand in den unter-
schiedlichen Funknetzen der USA sehr schwierig, da
die existierenden Netze inkompatibel zueinander sind.
Dort werden Nachrichten unter Umständen versehrt
oder gar nicht empfangen
21
. Durch die Festlegung des
SMS-Standards 1991 in den GSM-Netzen von Europa,
wurde in ein einheitlicher Standard geschaffen, der 160
Zeichen umfaßt und weltweit verstanden wird, auch
bei Transmissionen in Fremdnetze. Berichten zufolge
hat die SMS in Amerika mit dem 11. September 2001
22
einen wahren Aufschwung erlebt. Vielen der Betroffe-
nen half die SMS, ihren Verwandten und Bekannten ein
Lebenszeichen zu senden.
Daß die SMS eine große populäre Verbreitung genießt,
geht mit der Benutzung von Mobiltelefonen einher. In
Deutschland hatte im Jahre 2000 bereits jeder minde-
stens zweite oder 49 Prozent der 12- bis 19-Jährigen
ein Handy, wie eine Untersuchung des Medienpädago-
gischen Forschungsverbundes Südwest ergab. 1999
hatten erst 14 Prozent der Befragten ein Mobiltelefon
besessen. Schon unter den 12- bis 13-Jährigen ist laut
Studie jeder Vierte mit einem Handy ausgestattet, bei
den 18- bis 19-Jährigen sind es bereits 65 Prozent. We-
sentlich höher sind die Zahlen in Japan, wo schon 98
Prozent der Collegestudenten ein Mobiltelefon besit-
zen. Zur Zeit liegt die Handydichte in der deutschen
Interessanterweise wur-
den schon lange vor den
ersten farbigen Handys
(ab 1993) in Schaufens-
tern bunte Dummys
(nichtfunktionierende
Muster) gezeigt. Findi-
ge Benutzer wechselten
ihre Gehäuseschalen mit
denen der Muster oder
ließen sie gar in Air-
brush-Werkstätten ge-
stalten.
induviduelles Airbrush-Covers
11
Bevölkerung
23
bei über 70 Prozent. Immerhin werden
hier monatlich mehr als eine Milliarde SMS verschickt
24
,
jährlich um die 20 Milliarden. In anderen europäischen
Ländern, wie Italien, Frankreich oder England sind es
die Hälfte. Allein in England ist der Gebrauch der SMS
innerhalb weniger Monate von 50 auf 560 Millionen
SMS pro Monat explodiert. Analog dazu kann man
davon ausgehen, daß die Benut-
zung von Nachrichtendiensten wei-
ter steigen wird, die aber von der
Häufigkeit her der interpersonellen
SMS hinterherhinken wird. Vor al-
lem in Schulen wird im Unterricht
viel ,,gesimst". Sich über Lehrer,
Freunde und Schule auszulassen,
bringt Freude in den Schulalltag.
Der Unterrichtsstoff ist nicht mehr
von Interesse. In Österreich werden bisweilen die Mo-
biltelefone für 24 Stunden eingezogen, falls der Schüler
im Unterricht dadurch negativ auffällt. Die Folgen sind
bizarre Verhaltensweisen der Schüler, die alles tun, um
wieder an ihr geliebtes Telefon zu gelangen
25
.
Ein dänischer Pädagoge
26
vertrat die Ansicht, es be-
dürfe zwar nicht eines Grundrechts auf ein Handy für
Jugendliche, wohl aber der Verpflichtung von Eltern ge-
genüber ihren Kindern, diese ab einem gewissen Alter
damit auszustatten. Ohne Handy würden Kinder an
Ansehen bei ihren Mitschülern verlieren, nicht mehr in
die allgemeine Kommunikation involviert sein, ja bis-
weilen gar zu Außenseitern werden: ,,Verantwortungs-
bewußte Eltern sollten eigentlich jedem ihrer Kinder
ab zwölf Jahren ein Mobiltelefon geben, damit es unter
Gleichaltrigen nicht isoliert wird." In Norwegen gibt es
derzeit soziale Untersuchungen, die das das Handy be-
gleitende Mobbing unter Jugendlichen erforschen.
Attraktiv an der SMS ist wohl, daß
sie jederzeit und an jedem Ort zu
senden und empfangen ist und
das sie nicht so aufdringlich wirkt
wie ein Anruf, vielleicht aber auch,
weil man sich so kurz halten muß.
Die Schreibkultur, die mit der des
Internet-Chats verwandt ist, wird
vermutlich durch SMS weiter ver-
stärkt. Es besteht also der Zwang und die Erwartung,
sich kurz auszudrücken, jeden unnötigen Schnörkel
wegzulassen und alles auf das Notwendigste zu ver-
kürzen. Im Grunde greift damit der ,,aufmerksamkeits-
ökonomisch" gesteuerte Trend in den Medien (schnel-
le Schnitte oder kurze Sätze: der Werbespot, die Poin-
te im Witz, das Statement), also die Beschleunigung,
noch stärker als bislang auf die Kommunikation über.
Gefordert wird eine hohe Geistesgegenwart, schnel-
le Reaktion, präziser Ausdruck und sensomotorische
Kompetenz beim eigentlich ziemlich umständlichen
Eintippen. Grammatik und Rechtschreibung werden
1999 fielen die Preise für
Prepaid-Handys drama-
tisch. Hersteller reagier-
ten mit poppig bunten
Gerätedesigns auf die
aufkommende jugendli-
che Käuferschicht.
Die
Prepaidtelefonie
war auch ein Auslöser
der SMS-Vielschreibe-
rei. Dabei galt es, mit
dem kryptischen Num-
merntasteninterface alle
Nachrichten zu schrei-
ben, daß von den Han-
dyproduzenten auf ver-
schiedene Art und Wei-
sen gelöst wurde.
1999
Das Philips savvy war ein wahrer
Hit im Prepaidgeschäft
12
ebenso wie traditionelle Kommunikationsforme(l)n
durch den individuellen Schreibstil als wenig wichtig
erachtet.
Die SMS ist ein gutes Beispiel dafür, wie in unserer Ge-
sellschaft kleine Kommunikationsrevolutionen durch
einfachen Kunden und Durchschnittspersonen losge-
treten werden.
Die Betreiber werden natürlich immer wieder versuchen
ihre Autorität mit neuen Kommunikationsstandards zu
beleben. Dabei könnte die SMS aber zeigen, daß jede
Generation ihr eigenes Kommunikationsmittel sucht
und nicht wahllos zu neuen Medien greift. Das ist ver-
gleichbar mit dem ,iMode' in Japan, der aber nicht frei
ist wie die SMS, sondern dessen Inhalte immer noch
von der Übermacht des japanischen Telefonriesen
NTT kontrolliert werden. Es bleibt ein Katz-und-Maus-
Spiel, daß einerseits ein Kommunikationsmedium für
seine Verbreitung immer nach kostenfreien Freiräumen
sucht, andererseits aber die Infrastruktur so kostenin-
tensiv ist, daß man aus Furcht gleich wieder eine Ge-
winnmaximierung in kürzester Zeit anvisiert. Im Endef-
fekt wird der Nutzer über deren Zukunft entscheiden.
Vielleicht wäre Mikro-Payment
27
die Lösung für die
Entstehung eines langsamen und ausgewogenen tech-
nischen Kommunikationsmittels.
SMS - nur eine Jugendkulturkomponente?
Die SMS ist sehr facettenreich in die Jugendkultur ein-
gedrungen. Insbesondere Bevölkerungsgruppen, die
im Zusammenhang mit geringerer formaler Bildung
von der Online-Kommunikation tendenziell ausge-
schlossen sind (z.B. Haupt- und Berufsschüler) nutzen
verstärkt die Mobil-Kommunikation. Das Handy ist
nicht nur ein portables Telefon, sondern durch seine
verschiedenen Dienste und Applikationsmöglichkeiten
ein persönliches Mehrzweck-Medium, das sich unter-
schiedlichsten Nutzerinteressen anpaßt.
Mit einem vielfältigen Angebot von Jugendtelefonen
war NOKIA Vorreiter. Diese Handys sind explizit mit
Spaßfunktionen und Messagetechnologien ausgestat-
tet, die zu ihren heutigen Beliebtheitsgrad beigetragen
haben
Warum das so ist? Zum einem gibt es die Vorgeschich-
te der Prepaid-Handys, die erstmals für Jugendliche er-
schwinglich waren und auch eine Kostenkontrolle der
Telefonrechnung besser zuließen. Immerhin ist es in
manchen Ländern wesentlich billiger, eine Textnach-
richt zu verfassen als jedesmal anzurufen. Insbeson-
dere Eltern werden sich gefreut haben. Das löste aber
auch den Handyboom aus, der einen mobilen Pionier-
geist entfachte. Ähnlich dem Status eines Autos sind
Mobiltelefone als Katalysatoren einer neuen Freiheit
zu verstehen und geben besonders jüngeren Gruppen
Nokia entwarf eine wah-
re Businessmaschine,
den Communicator, der
sowohl Handy als auch
Mikrocomputer ist. Die
Symbiose von Telefon
und Schreibmaschine
läßt darauf schließen,
daß die Handy-Mobilität
in Zukunft nicht mehr
nur Telefonieren bieten
wird.
Ericsson ging einen
Schritt weiter und inte-
grierte zusätzlich einen
Touchscreen; mit dem
erstmals handschrift-
liche Notizen als SMS
versendet werden konn-
1996
Nokia Communicator 9000
13
das Gefühl, nicht mehr von ihren Eltern belauscht zu
werden. Ich denke, besonders in der pubertären Pha-
se spielt das Handy die Rolle des benötigten Mediums
zum Austauschen eigener Erfahrungen und Gefühle mit
Gleichaltrigen. Die SMS reduziert die Scheu des Ken-
nenlernens anderer Personen weitgehend. Absprachen
werden ohne große Vorrede getroffen und es fällt nicht
schwer, sich einer unbekannten Person zumindest
virtuell zu nähern. Die Angst des Versagens, wie bei
einer vis-à-vis Situation, wird völlig reduziert und die
Kommunikation ungezwungener. Außerdem macht es
Spaß, eine Person anzufunken, die man noch nie vor-
her gesehen hat. Auch im Liebesleben wird das Handy
ein immer einflußreicheres Kommunikationsmittel.
,,Nichts als Stille am anderen Ende der Leitung", so be-
schreiben britische Mädchen ihre Telefonate mit ihren
männlichen Kommunikationspartnern. Diesen nämlich
scheint es schwer zu fallen, sich am Telefon auszudrük-
ken. So verstecken sie sich bevorzugt hinter beinah
monologisch anmutenden Kurznachrichten.
Um alles in 160 Zeichen zu packen, werden alle ausfüh-
renden Formulierungen reduziert auf den prägnanten
Sinninhalt. Folglich werden alle ausführenden Äuße-
rungen beschnitten oder gar weggelassen. Eine soge-
nannte Wort- und Sprachökonomie setzt ein, die die
Syntax einer Sprache stark komprimiert. Bei Vielschrei-
bern ist das zwar ein Mangel, dennoch reicht den mei-
sten Nutzern der Platz, um das Nötigste zu vermitteln.
In einem britischen Untersuchungsbericht
29
von Xer-
ox gaben Jugendliche an, daß es wesentlich schneller
geht, eine Nachricht zu senden, als die Person für ein:
,,where are you?", was letztendlich als ,,w r u?" über den
Äther geht, anzurufen. Werden neben der Kosten als
weitere Grund das zeitungebundene Kommunizieren
genannt, da man hier selbst nachts noch schreiben
kann, ohne den ganzen Haushalt durch Telefonklin-
geln zu wecken. Enge Freunde und Verliebte nannten
das als besonderen Vorzug. Interessanterweise wer-
den SMS nicht nur zum Schmieden von Plänen oder
Verabredungen benutzt. Mit kurzen Updates, was man
gerade tut oder wo man ist, werden Ad-hoc Koordi-
nationen ausgeführt. Normalerweise fragt man nicht
,,willst du mit einen Film ansehen gehen?" sondern
man schreibt, daß man bereits vorm Kino steht oder zu
spät erscheint. Diese Art von ,,Hyperkommunikation"
gibt der SMS den Vorzug, da sie unmittelbar ist und zu
jedem Ort vordringt. Somit bleibt man im ständigen
Kontakt mit allen und gibt dauernde Überprüfungen,
Korrekturen sowie Umstandsänderungen an. Ein re-
gelrechtes ,,Kontaktpolling" mit Freunden ist Realität.
Man befindet sich physisch allein, adressiert aber da-
bei eine ganze Gemeinschaft im gleichen Moment mit
dem jetzigen Tun.
Dabei sind Jugendliche so schnell im Schreiben von
ten. Ein Wunsch nach
völliger Unabhängigkeit
vom Büro wurde wahr.
Der Mensch, als ortsun-
gebundener
Nomade
mit dem Anspruch bes-
ser zu kommunizieren
und freier arbeiten zu
können. Logischerweise
wäre der nächste Schritt
Multimedia. Dazu fehl-
te aber noch eine Infra-
struktur. Immerhin war
im Jahre 1996 das Wort
,,Multimedia" schon in
aller Munde, obwohl da-
von wenig verwirklicht
werden konnte.
Ericsson PA380 ein Vorgänger
des heutigen P800
14
Abkürzungen, daß viele auch auf T9 verzichten, denn
er kann leider nur sehr eingeschränkt mit Akronymen
umgehen. Das Annehmen der Herausforderung, sich
zum Beherrscher über ein schlechtes Textinterface
aufzuschwingen, ist ein wichtiger Bestandteil der ju-
gendlichen SMS-Community! Manche Teenager texten
ihre Nachrichten sogar in der Hosentasche, ohne nur
einmal hinzusehen. Sie verzichten auf Telefongesprä-
che, es sei denn, es ist etwas mit der Familie zu be-
sprechen. Sie wollen schnell und kurz informiert sein
und nicht lange mit Personen sprechen, da sie sogar
der Meinung sind; wenn sie jemanden anrufen, be-
deute das sofort, daß etwas Wichtiges zu bereden sei.
Telefongespräche kosten mehr und man läuft Gefahr,
außerhalb des ,,aktuellen Themas" zu reden.
Junge Menschen pflegen viele Bekanntschaften und
haben nicht selten internationale Freundschaften. Der
Preis der SMS bleibt gleich, egal wo sich der Empfänger
gerade aufhält. Auch falls Familienmitglieder sich im
Ausland befinden, ist es meist die billigste Möglichkeit
sich ,,hallo" zu sagen.
Die SMS-Kommunikationssprache
Akronyme, Abkürzungen und das Weglassen von Wör-
tern, wie z.B. Anreden, sind wichtige Bestandteile die-
ser Ausdrucksweise. Der eigentliche Grund für die Ver-
wendung dieser Schreibweisen geht auf die anfängliche
erschwerte Texteingabe der SMS zu Beginn zurück.
Das erleichternde T9 war erst gegen 1995 eingeführt
worden. NOKIA war mit seinen 3210 und 7110 einer der
ersten Hersteller, die Worterkennung nutzten.
Akronyme vereinfachen Sätze und sparen Zeichen. Bei-
spiel: ,,mak" für den ganzen Satz ,,Ich muß aufs Klo!".
Sie bestehen jeweils aus den ersten, zweiten bis dritten
Anfangsbuchstaben und werden in Buchstabierweise
bzw. dem Silbenlaut ausgeschrieben. Zum Beispiel,
wenn ,,Komme 20 Minuten später" zu ,,KO20MISPÄ" auf
dem Display mutiert. Es gibt Zeichenfolgen, die aus der
privaten Brief- und Zettel-Kommunikation (z.B. ILD =
Ich liebe dich) oder aus der Geschäftskorrespondenz
(wie: MfG = Mit freundlichen Grüßen) oder aus der
Online-Kommunikation ( FAQ = Frequently asked que-
stions; CU = see you) übernommen wurden. In die-
sen Sammlungen finden sich eine Reihe von genuinen
Akronymen (z.B. DUWIPA = Du wirst Papa), darunter
gleichlautende Buchstabier- und Lautwert-Akronyme
(SMS = Servus mein Schatz; WASA: Warte auf schnelle
Antwort), die der jugendlichen Wortkultur exakt ent-
sprechen und durch regional gefärbte Ausdrücke ver-
stärkt werden.
Verwendete Emoticons (@-->-- = Blume) und Inflektive
(*grmml*) sollen auf vereinfachende Weise die Stim-
mung und den Tonfall eines Gesprächs nachbilden.
Der V100 von Moto-
rola hatte eine jüngere
Zielgruppe im Visier
und wollte deren SMS-
Kult mit einem kleinen
Handy-Schreibcomputer
unterstützen. Die 160
Zeichen konnten kom-
plett auf dem Bildschirm
dargestellt werden. Lei-
der hatte das Gerät trotz
des guten Gedankens
viele Designfehler. Es
war zu groß und mußte
zum Schreiben abge-
setzt werden. Die Tasten
waren zu dicht gelegt.
Telefonieren konnte man
nur mittels des Kopfhö-
rers, dabei mußte auch
das Schreiben unterbro-
chen werden.
2000
Motorola V100
15
Manche Worte werden sogar nur auf den Anfangsbuch-
staben reduziert (i = ich). Beliebt sind auch Wortzu-
sammenziehungen wie ,,funzen" (für ,,funktionieren")
oder ,,wattmeinste" (für ,,Was meinst du?"). Zahlenzei-
chen werden ebenfalls zur Sprachvereinfachung einge-
setzt. Ein Beispiel ist: N8 = night = Nacht.
Akronyme, Inflektive und Emoticons als Kommunika-
tioncodes, werden vorrangig in der privaten Kommu-
nikation oder der Peer-Gruppenkommunikation ver-
wendet. Durch verstärkte Verwendung derartiger SMS-
Kurzformen könnten erfahrene SMS-Nutzer Botschaf-
ten erzeugen, die nur von ihresgleichen verstanden
werden. Diese kollektive Identitätsfunktion von Ver-
ständigungswissen ist abzugrenzen von sprachlichen
Manifestationen anderer Gruppenidentitäten sowie
persönlicher Identitäten in der SMS-Kommunikation.
Die Verwendung solcher Kommunikationscodes kann
dazu verwendet werden, sich selbst in ein Licht moder-
ner, jugendlicher Spontanität zu rücken und sich den
Anschein von Innovativität und ,,coolness" zu geben.
Nicht jeder beherrscht die Sprache der Kommunikati-
onscodes perfekt und so sind Rückfragen unvermeid-
lich. Diese Rückfragen und die folgenden Begriffs- bzw.
Codeerklärungen stellen einen nicht unbedeutenden
Teil des SMS-Verkehr dar. Auf Grund der Mehrdeutig-
keit einiger dieser Codes kommt es oft zu Verwirrun-
gen und Mißverständnissen. So kann die abstrakte Ge-
fühlsäußerung ,,LOL" sowohl für ,,laughing out loud" als
auch für ,,Lots of Love" stehen.
Die Charakteristik der deutschen Sprache erschwert
den Gebrauch von Akronymen und zwingt teilweise
zur Aneignung englischer Lautakronyme. Dazu kommt,
dass die Anglisierung unserer Sprache im allgemeinen
als ,,cool" gilt. Ein schöner Zufall sind Wörter wie ,,N8"
(Nacht). Sie lassen sich durch ähnlichen Lautsinn auch
gut im Deutschen gebrauchen. Auch die Zahl 2, die für
,,zwei" oder ,,uns" steht, wird sinnübertragend verwen-
det. Amüsant ist dabei das kreative Spiel, da erstens
eine Anzahl als Zahl möglich ist, aber noch eine weite-
re Metaebene entsteht, wo die Nummer als Pronomen-
ersatz eintritt.
Jugendmagazine, wie BRAVO oder Girl! halten ihre
Leserschaft, neben ganzseitigen SMS-Angeboten mit
dem regelmäßigen Abdruck der neuesten SMS-Wort-
schöpfungen auf dem Laufenden. Sie sind mit ihren
populärem Einfluß auf die Jugend Förderer der Verbrei-
tung einer regelrechten Jugend-Insider-Sprache. Die
BRAVO gibt mit einem SMS-Voting
30
den Lesern die
Chance, ihre Meinung zu bekannten Personen, Filmse-
rien aber auch Produktmarken zu äußern. Diese Infor-
mationen binden sie in ihre Marktforschung ein, was
sowohl Einfluß auf die Auswahl der Themen als auch
auf Werbeinhalte der kommenden Ausgaben hat.
Nokia griff eine ande-
re Strategie für besse-
res Messaging auf und
formte einen pad-artigen
Handykörper. Trotz des
etwas ungewöhnlichen
Designs war die Eingabe
von Text sehr effizient.
Mit einem Radio und
Musikplayer ausgestattet
gab er dem Benutzer ein
,,Unterwegs"-Gefühl.
Nokia 5510
16
Frank Nuovo hat viele
der markanten Handyde-
signs bei Nokia geschaf-
fen und ist mit Modellen
wie dem legendären 2110
bekannt geworden.
Beispiel eines SMS-Textes in 93 Zeichen.
Nokia Chefdesigner
Frank Nuovo
Nokia 2110 wurde
auch von Fremdfir-
men gefertigt.
17
Durch eine langsame Stabilisierung dieser Sprache er-
scheinen nun nach und nach auch einige Bücher, die
die gängigsten Akronyme, Abkürzungen, Smileys und
Inflektive zum Nachschlagen bereithalten. Um brauch-
bar zu bleiben, müßten diese jedoch ständig aktuali-
siert werden.
Auf der linken Seite ist ein Beispiel aus einen
Lehrbuch für Deutsch vom IZMF
3
zu sehen,
indem Kommunikationsformeln aufgelistet
werden, die für Außenstehende nicht entkodi-
fizierbar wären.
Bei Arbeitsbeziehungen und Arbeitsteams,
im Rahmen der Organisationskommunikation
oder der Öffentlichkeitsarbeit kommen SMS
und auch spezifische Kürzel seltener zum Ein-
satz. Beispiele sind die Pressearbeit per Kurz-
mitteilung oder das Ausweisen von Veranstal-
tungsorten per SMS-Verteiler. Auf der Ebene
der Massenkommunikation, bei der institutio-
nalisierte Kommunikatoren ein verstreutes Publikum
ansprechen, werden Kurzmitteilungen in Form von
SMS-Werbung, SMS-Spielen und SMS-Informations-
diensten (z.B. Fußballergebnisse, Börsenkurse, Tages-
horoskope) eingesetzt.
Das T9 kannte zu Beginn kaum Akronyme, so daß die
Schreiber diese entweder nicht benutzten oder auf die
Eingabe solcher Kurzformen verzichteten. So wurde
ein Bruch in dem Kommunikationsausdruck der SMS
sichtbar. Solche, die weiterhin das zeitraubende Ein-
tippen der Kurzformeln bevorzugen, haben es mit den
neueren Versionen von T9 leichter.
Meiner Meinung nach wird sich über kurz oder lang
dieser Kurzformkult verändern, allerdings, wenn
die Zeitersparnis von Belang ist. Durch die Auf-
hebung der Begrenzung auf 160 Zeichen seit
der Einführung der MMS geht die Tendenz be-
reits zu längeren Mitteilungen. Nach Ansicht
der Hersteller wird die Kommunikation über In-
stant Messaging die Zukunft bestimmen. Diese
Zukunft wird aus der Massenverbreitung der
bereits existierenden Handys bestehen, deren
Tastaturen nicht mehr kleine Zahlentasten tra-
gen, sondern im Touchscreen mit Schrifterken-
nung verschwinden. In diese Richtung weist das
Modell SONY-ERICSSON P800 und bald auch
NOKIA 7700.
Durch die handschriftliche Eingabe der Nachrichten
über den Bildschirm wird man sich in die vergange-
nen Zeiten der Briefkorrespondenz versetzt fühlen und
man kann darauf hoffen, vielleicht eines Tages nach
einem piep-piep piep-piep an Stelle eines ,,TUS" ein
,,Mit Ihnen möchte ich tanzen unter Sternen die Nacht" vor-
zufinden.
Übrigens, Sony entwarf
mit seinen Telefonen der
J-Reihe die ersten, die
polyphone Töne spiel-
ten und Geräusche auf-
nahmen. Ein überaus
wichtiges Detail für das
kommende multimedi-
ale Messaging MMS.
Hier brachte Ericsson,
als einer der Pioniere der
Mobilfunkgeschichte,
das erste Farbildschirm-
Handy mit aktiven 256
Farben heraus. Damit
war es möglich, kleine
Fotos darzustellen. Eine
optionale Kamera wurde
angesteckt und konnte
Bilder zu einen anderen
Handy senden.
Sony J70
2000
18
SMS-Wilderei
Es ist schon wahr, die Allerreichbarkeit mit einer SMS
wildert in unserem öffentlichen Leben und kontami-
niert mittlerweile all unsere wichtigen und intimen Be-
reiche. Eine Vielzahl von Diensten, welche mit Liebe
oder Partnerschaft zu tun haben, wird hier nun auf der
Basis der SMS entwickelt.
Die angebliche oder tatsächliche Sprachverarmung ist
jedoch nur ein Aspekt der SMS-Kommunikation. Be-
denklicher sind die Auswirkungen auf das Kontaktver-
halten. Betrachten wir kurz das Tastaturkürzel: LEIA
Liebling, es ist aus. Vier Buchstaben, in wenigen Se-
kunden getippt und gesendet, in Sekundenbruchteilen
gelesen. Vier Buchstaben, die eine vielleicht monate-
lange Beziehung beenden SMS macht's möglich. Ein-
fach so, ohne Streß und anstrengende Aussprachen.
Noch vor ein paar Jahren galt es in solchen Fällen schon
als rücksichtslos und feige, seinen (Ex)partner am Tele-
fon abzufertigen und sich vor einem persönlichen Ge-
spräch zu drücken. Heute hat SMS diese Feigheit ge-
sellschaftsfähig gemacht. Unangenehmen Empfindun-
gen auszuweichen, liegt in der Natur des Menschen.
Besonders Jugendliche neigen dazu, nach bequemen
Auswegen zu suchen, und SMS ist eine sehr indirekte,
ja geradezu anonym wirkende Art der Kommunikati-
on. Die 160 Zeichen auf einem Handy-Display machen
es leicht, sich von seinem Gegenüber zu distanzieren.
Tränen, Wut und Trauer bleiben weit entfernt und man
muß sich nicht mit solchen Gefühlen auseinanderset-
zen. Psychologen beobachten, daß Jugendliche immer
weniger in der Lage sind, negative Emotionen auszu-
halten und angemessen mit ihnen umzugehen. Wozu
auch, wenn man Probleme per Tastendruck erledigen
kann?
Dating wird auch öffentlich ausgetragen, wie man seit
kuzem auf Musiksendern wie VIVA oder MTV sieht. Der
SMS-Chat geht auf Laufbändern über den Bildschirm.
Es werden Flirts, Grüße, Verabredungen, sogar Orakel-
sprüche öffentlich gemacht, was den Sender gut ver-
dienen läßt. Denn jede der eingesendeten Mitteilungen
wird über die Premium-SMS abgerechnet. Solche ,,Lie-
besdienste" zielen besonders auf Jugendliche.
Das Magazin Bravo kuppelt sogar erfolgreich über
SMS
32
. Es werden Hinweise gegeben, welches Verhal-
ten wohl das beste, ist einen anderen Menschen übers
Telefon kennenzulernen. Ein vorgeschalteter Mailer
übernimmt die Arbeit als Kuppler, dem man seine Te-
lefonummer und die des geliebten Menschen anver-
trauen muß. Wenn dann dieser auf Anfrage des Mailers
zurücksimst, gibt es den ersten Kontakt. Es stellt sich
die Frage, ob Jugendliche bereits nur noch mit Hilfe
des Handys miteinander Kontakt aufnehmen. Die SMS,
so unverbindlich wie sie ist, reiht sich leicht zwischen
Anruf und Email und gewährleistet die gleiche zügige
Kommunikation. Der Provider O2 bitet mittlerweile ei-
Das Besondere bei die-
sem Gerät ist die Ein-
führung eines Joysticks
der die Menüführung
wesentlich simpler ge-
staltete.
Große Aufladung der
Mobiltelefone mit Funk-
tionen und Zusatz-
software, wie Email-,
Foto-, Agendaprogram-
men etc., machten eine
schnellere
Auswahl-
schnittstelle nötig. Stan-
dardbildformate
aus
dem Internet konnten
hier erstmals geladen
und angezeigt werden.
Leider ist das Display
Ericsson T68
2001
19
nen Handyfinder
33
an, mit dem man ein Handy über-
all orten kann. Dies ermöglicht z.B. Ehepartnern eine
dedektivartige Aufspürung des anderen, egal wo dieser
sich befindet.
Dieser Service wird auch zum SMS-Gaming genutzt.
Die schwedische Firma Its Alive fand, daß man mit ei-
ner einfachen Idee eine Stadt in den Ausnahmezustand
versetzen kann, und brachte letztes Jahr mit einem
breiten Grinsen ein Spiel für alle Handy-User auf den
Markt. Counter-Strike für SMSler möchte man meinen.
Doch Botfighter ist mehr und verspricht, anders als der
Lovegety
34
, auch außerhalb des Herstellerlan-
des Verbreitung zu finden. Im Internet stellt
man sich einen Kampf-Roboter zusammen
und schlüpft dann in seine Haut. Nach Zu-
fallsprinzip scannt das Handy die Umgebung
nach anderen Mitspielern. Jederzeit könnte
man folgende SMS erhalten: ,,Achtung! Spieler Cyber-
Bot ist 500 Meter nördlich des De Haen Platzes." Also
schnell nach Norden rennen.
Erst wenn der gegnerische Cyber-Bot innerhalb von
500 Metern Reichweite ist, kann man endlich Patro-
nen-SMS losfeuern. Das Duell dauert solange, bis der
Schwächere aufgibt. Der Sieger erhält einen Bonus
und kann seinem Roboter bessere Waffen mit größerer
Reichweite kaufen. Es soll schon vorgekommen sein,
das Auto wild an den Rand der Stadt rasten, um auf
das Ziel die SMS abzuschießen. Vielleicht sollte man
die Verkehrsicherheit in ein solches Spiel integrieren.
Noch kurz eine Geschichte aus China
35
, wo der Film
,,Cell Phone" für Furore sorgte. Ein Fernsehmoderator
mit 4 Handys betrügt seine Ehefrau mit 2 Geliebten,
für die er jeweils ein Handy hat. Das Letzte benutzt
er für den Beruf. Der Film war ein Erfolg, entfessel-
te aber auch eine Lawine von Mißtrauen dem eignen
Partner gegenüber. Das ging soweit, daß eine Frau be-
wußtlos ins Krankenhaus eingeliefert wurde, nachdem
ihr Freund sie bei dem Versuch, eine SMS auf seinem
Handy zu lesen, mit seinem Mobiltelefon schlug.
Nennenswert ist ein Wettbewerb des Uzzi-
Verlages, der jährlich auf die besten SMS-
Gedichte
36
oder Geschichten ausgeschrie-
ben wird. Dies könnte man als Gegenargu-
ment zum ständigen Vorwurf der Sprach-
verarmung durch SMS sehen. Es gilt, eine besonders
sinnreiche 160-Zeichen-Poetik zu den unterschiedlich-
sten Kategorien wie Liebe, Krimi etc. zu tippen. Den
2. Platz mit 84 Zeichen gewann 2002 ein Haiku
37
zum
Thema Lust:
Telefonsex
Nullhundertneunzig
von Null auf Nullachtfünfzehn
in Nullkommanix
noch viel zu klein, um es
wirklich zur Mediastati-
on auszubauen. Es war
nur eine logische Folge,
daß bald Telefone mit
wesentlich größeren und
feinauflösenderen Bild-
schirmen erschienen.
Mit dem Zusammen-
schluß von Sony und
Ericsson zu SonyErics-
son um 2002 bildeten
die beiden eine wahre
Multimediaallianz.
Es entstand eine Sym-
biose aus Handcomputer
und Telefon, der Filme,
Musik, Präsentations-
formate und Schrifter-
kennung beherrscht.
Der P800 läutet die Zukunft
der Goßdisplayhandys ein.
2002
20
Genug gesimst!
Die SMS-Kultur der ,,Mini-Botschaften" ist ein relativ
junges Phänomen. Es bleibt zu hoffen, daß sie sich
nicht in der falschen Richtung verselbständigt denn
wie wird eine SMS den persönlichen Kontakt zu ande-
ren Menschen ersetzen können?
Abgesehen davon ist die Auswirkung der SMS-Kom-
munikation kaum erforscht. Es gibt zwar eine Menge
Analysen zur Verbreitung und technologischer Nut-
zung, aber im Hinblick auf die sozialen Veränderungen
läßt sich bisher wenig sagen. Der Untergang der deut-
schen Sprache durch das Handy, der in den Medien
immer wieder prophezeit wird, scheint oft übertrieben.
Kommunikationscodes werden nur von wenigen, ho-
mogenen Gruppen verwendet und nicht von bis zu 60
Prozent
38
aller Handynutzer, wie teilweise behauptet
wird. Der Trend zum Botschaftenschreiben wird sich
weiter fortsetzen bzw. verstärken. Neue Standards
der SMS werden dazu beitragen, daß die eigentlich
verbale Kommunikation zum zweiten Standbein der
Mobilbranche mutieren wird. Zukünftige Modelle von
,,Kommunikatoren" lassen erahnen, daß wir unser Wis-
sensmanagement und unseren Informationspool mo-
bil herumtragen werden. Es ist anzunehmen, daß sich
die gesellschaftliche Kommunikation aufgrund von im-
mer weniger Zeit noch weiter vom Verbalen weg, hin
zum Textuellen, bzw. Visuellen, bewegt. Durch Gesprä-
che nämlich würde Zeit verschwendet, die wir sonst
für mehrere Nachrichtenwechsel hätten nutzen kön-
nen. Der Mensch lebt schneller, das heißt auch, daß er
schneller kommunizieren muß. Das Mobiltelefon wird
ihm dabei helfen!
Was wird aber dann aus der Sprache? Sie wird nicht
aufhören zu existieren und auch wir, soviel ist klar,
werden nicht zu kleinen stummen Wesen mutieren, die
nur noch wild Eingaben ins Telefon hacken. Nein, un-
sere eigentliche Sprachkompetenz wird sich erst in der
Perfektionierung der Spracherkennung von Geräten
zeigen, die wir geschaffen haben um uns endlich auf
unseren geernteten Früchten auszuruhen. Wir werden
zwar lautlos (hauptsächliche Kommunikationsweise)
aber nicht sprachlos in unsere Zukunft leben und soll-
ten wir uns doch einmal unterhalten wollen, dann die-
nen die implantierten Spracherkennungschips unserer
Gehirne dem besseren Verständnis des Zusammen-
hangs. ,,Haustür-Login lost, Universum gestoppt! mb!"
Eine Ironie der mobilen Begeisterung?
Eines leidet gewiß nicht: die Sozialkompetenz. Denn
das Handy dient manchmal auch einfach nur dazu sich
zu einem gemeinsamen Treffen zu verabreden oder die
Zeit dazwischen mit einem IHDL (ich hab Dich lieb) zu
versüßen. Die Menschen sind ständig in Kontakt und
man könnte gar von einem Übermaß an Kommunika-
Was mit dem Commu-
nicator von Nokia als
ungebundenes Büro be-
gonnen hatte, brachte
der P800 erstmals zum
Höhepunkt. Neben Ar-
beitsaufgaben wie der
Verwaltung,
Planung
und
Nachrichtenver-
sand, der auch ein zen-
traler Teil des Designs
ist, kann nun auch pri-
vate Unterhaltung für
unterwegs geboten wer-
den.
Er ist vollkommen auf
den mobilen Informa-
tionsalltag ausgebaut,
das heißt, wir werden
mehr lesend durch die
Welt schreiten und man
könnte dabei meinen,
daß ein Zuhause nicht
mehr nötig sei. Natürlich
sind wir damit von einer
Infrastruktur
abhän-
gig geworden, die un-
sere Informations bzw.
Nachrichtengesellschaft
stützt. Sie hält unser Le-
ben wie in einer Matrix
fest, deren Erhalt uns
wichtig ist.
21
tion sprechen. Vorstellbar ist auch, daß einige Kom-
munikationsformeln und Regeln von der SMS ins öf-
fentliche Leben drängen. So verwenden schon jetzt
Lifestyle-Magazine den ,,Chique" der SMS-Sprache in
ihren Artikeln.
Nicht zu verachten ist die Magie, die der SMS inne-
wohnt. Die unglaubliche Möglichkeit, auf quasi tele-
pathische Art und Weise seine Gedanken einer weit
entfernten Person zu transferieren, gleicht schon einer
Wunderwaffe. Dieser Weg führt nun aus der Sphäre des
Akustischen in die Welt des telekommunizierenden
Augenmenschen, der mit einem Multimedia-Handy
nicht mehr nur das allumfassende und kontaktfreudi-
ge gesprochene Wort, sondern auch die einzigartige
Technik des Alphabets, d.h. des geschriebenen Wortes
verarbeiten muß, das ihn aus dem Trancezustand der
nachhallenden Wortmagie doch erst befreite. Es er-
zeugt im Kommunizierenden das Gefühl Unmögliches
zu tun und nicht Denkbares zu denken. Wir haben kein
technisches Hilfsmittel mehr. Seine Winzigkeit mit al-
len seinen Raffinessen verbildlicht einen begleitenden
Zauberlehrling, der unsere Freiheit ständig neu vertei-
digt und zu festigen versucht.
Schon mit der existenzphilosophischen Anschauung
von Jean-Paul Sartre lassen sich Parallelen zum ,,Mo-
bilismus" unserer Zeit finden. Der Mensch erzeugt
durch seine Freiheit den eigentlichen Mangel seines
Daseins, das er ständig neu zu entwerfen versucht. Mit
dem Handy ist die Gemeinschaft aufgesplittert wor-
den, denn das Individuum ist nicht mehr allerfaßbar
anhand eines Telefonbuches. Der Drang der völligen
Erreichbarkeit geht mit dem Rückzug aus der öffent-
lichen Gesellschaft der Fremden eine brisante Bezie-
hung ein. Er bedient sich in seiner individuellen Nische
der Telekommunikation und erfindet seine Person an-
hand seines Handys neu. Gegebene Moralvorstellun-
gen erkärt er als nichtig. Er selbst ist für sein Dasein
verantwortlich und beschreitet den Weg einer ,,Ich-AG"
in vollem Maße.
In jedem Fall wird es interessant bleiben, diesen Weg
der mobilen Kommunikation im Wechselspiel zu ver-
folgen.
Holm Hänsel, Mai 2004
Nokia geht sogar den
Schritt weiter und wird
keine Tasten bei ihrem
zukünftigen Nokia 7700
integrieren. Allein ein
Touchscreen bildet das
Interface für die volledi-
ge Kommunikation. Das
Äußere hat nichts mehr
mit einen Telefon ge-
mein und man weiß gar
nicht wie man sich das
Gerät hier ans Ohr hält.
Ist Sprachkommunikati-
on als ein rudimentäres
Überbleibsel zu sehen?
2004
Nokia 7700 bietet erstmals
einen Offline-Modus (kein
Funkkontakt während der Ar-
beit)
22
Fußnoten
1
Möglichkeit, eine Echtzeitunterhaltung mit einer weitentfernten Person zu führen, via Telefon od. Internet.
2
Der Servicefunkkanal steht im ständigen Kontakt mit dem eingeschalteten Handy und diente ursprünglich nur den Betreibern zum
Versenden von netzinternen Informationen.
3
Forschungsbericht TU Illmenau "Kurzm. wird gesendet" 2002, ISSN 0027-514X.
4
http://www.tegic.com/pdfs/salessheets/T9 Adaptive Text Input Sales Sheet 1.pdf 5.5.2004
5
Thema Bezahl-SMS unter
http://www.dafu.de/rechts/psms.html 5.5.2004
6
aus dem Englischen von
http://in.mobile.yahoo.com/new/sms_histoy.html 5.5.2004
7
Internet Relay Chat; erste Möglichkeit sich ohne Verzögerung mit einer Person über weite Distanzen schreibend zu unterhalten.
Heutiges Intstant Messaging wie ICQ, .NET Messager, AOL Chat werden auch auf Handys Einzug halten.
8
GSM ,,Groupe Speciale Mobile" Konsortium zur Festlegung des Mobilfunkstandards 1982
9
3PGG - The 3rd Generation Partnership Project, Gemeinschaft zur Entwicklung der 3. GSM-Funkgeneration
10
Enhanced Message Service; Konglomerat zum binären Smart-Message-Service von NOKIA
11
WAP Wireless Application Protocol, Datenübermittlung übers Mobilfunknetz, ähnlich iMode in Japan
12
Interactive Voice Response; sprachgesteuerter Telefonservice, bei der Deutschen Bahn unter 0800/1507090
13
Internetfähiger Datendienst fürs Handy von NTT, erstmals in Japan entwickelt nun auch weltweit vertreten, in speziell kompakter
Seitensprache cHTML verfaßt
14
NTT DoCoMo, mobile Sparte des japanischen Telefongiganten NTT
15
Multimedia Message Service, die erste ,,wahre" Bilder-SMS
16
Technik, die während des Ladens den Inhalt schon darstellt, ohne ihn erst zu speichern.
17
Auch Email-Bombing genannt; Überschüttung des Postfaches mit allerhand Werbe- und Virenmails.
18
Funkstandard, der sehr energiesparend ist und kurze Reichweiten von 10 Metern hat; für kleine Geräte erdacht.
Nach dem dänischen König Harald Blatand (»Blauzahn«), der im 10. Jahrhundert Dänemark und Norwegen unter seiner Herrschaft
vereinigt hatte.
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Funkstandard für kabellose Computernetzwerke
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UMTS-Universal Mobile Telecommunication System, ermöglicht erstmals hohe Datenraten für Video- und mobile
Internetanwendungen
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SMS-Standards weltweit auf www.mobilesms.com 5.5.2004
22
aus ,,Gesellschaft im Taschenformat?" auf telepolis.de Krystian Woznicki 01.01.2002
23
Technology Review Nr.2 S.16
24
aus dem Onlinemagazin www.telepolis.de - ,,SMS erfreut sich schnell wachsender Beliebtheit" 01.10.2000
25
,,Handy-Fasten" Tiroler Tageszeitung 56 vom 8./9. März 2003, S. 13
26
www.heise.de/newsticker/data/jk-07.09.00-003/default.shtml 5.5.2004
27
Zukunft der Bezahlart, wobei Kleinstbeträge für Dienstleistungen gesammelt und abgebucht werden. Thema: Micro-Payment in
Technology Review Nr.1 2004 S.54 ff
28
,,SMS erfreut sich schnell wachsender Beliebtheit" auf telepolis.de 1.10.2000
29
Grinter, R. E. and M. Eldridge. (2001): ,y do tngrs luv 2 txt msg?` Xerox PARC, USA and Xerox Research Centre Europe, Cambridge,
UK; ECSCW 2001
30
BRAVO-Ausgabe Mai 2004, S.59
31
www.schulprojekt-mobilfunk.de das Informationszentrum Mobilfunk e.V. bietet Unterrichtsmaterialien an
32
telepolis.de ,,Telefonpetting" von Michael Klarmann 09.02.2002
33
telepolis.de ,,Schlechte Zeiten für Spontan-Beziehungskistendrücker" von Ernst Corinth 18.06.2001
Es ist nicht sicher, daß
Touchscreeninformatio-
nen nur eine Basis der
Wissenselite
werden.
Aber jüngere Nutzer
sehen noch nicht den
Sinn, Informationen zu
bunkern. Ihnen geht es
mehr um den Spaß in
der Informationsgesell-
schaft. Sie bilden dort
einen
Randbereich.
Um so intuitiv weiter
zu kommunizieren wie
es mit Hilfe der SMS
möglich ist, fand Nokia
den Weg zum Wave-
Messaging. Mit kleinen
LED-Lichtern werden
kurze Botschaften in die
,,Luft geschrieben". Lei-
der funktioniert das nur
in ausreichend dunkler
Umgebung. Ideal in Dis-
kos oder Orten mit klei-
nen Distanzen.
Nokias Wave Messaging
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Kleines Gerät in Japan, was die Partnersuche erleichtern soll. Das eigne Profil tastet die Umgebung im Radius von 4 Metern ab um
einen gleichen Lovegety zu entdecken.
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telepolis.de ,,Handy oder Handgranate" von Michaela Simon 13.04.2004
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Wettbewerb und Gewinner unter www.160zeichen.de
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japanische lyrische Kurzform, Dreizeiler aus 5+7+5=17 Silben. Vom Spielerischen ausgehend, findet das Haiku zu metaphysischer
Tiefe, angedeutet im Bild eines Augenblicks.
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Döring, N. (2002). ,,Kurzm. wird gesendet" http://www.gfds.de/muttersprache.html
Die Eingabe von Buch-
staben auf einer mini-
malen Fläche versucht
Siemens mit einer vir-
tuellen Tastatur zu lö-
sen. Mit einer Lichtpro-
jektion auf eine ebene
Fläche vor dem Telefon
wird die Tippbewegung
der Finger erfaßt und als
Text übersetzt.
Der schon erhältliche
Digi-Pen von Nokia geht
den Weg, seine Nach-
richten
handschrift-
lich zu verfassen. Eine
Funkverbindung zum
Handy wird diese dann
übersenden. Ist das der
Fingerzeig zu neuen
Kommunikationsmetho-
den?
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