Thematiken umsetzen zu können und zu deren Verdeutlichung werden wiederum
unterschiedliche Motive verwendet, welche als „eine kleinere stoffliche Einheit, die
zwar noch nicht einen ganzen Plot, eine Fabel, umfasst, aber doch bereits ein
inhaltliches, situationsmäßiges Element darstellt“ 6 betrachtet werden und die des
Weiteren nach Gero von Wilpert als eine „strukturelle inhaltl. Einheit als typ.,
bedeutungsvolle Situation, die allgem. themat. Vorstellungen umfaßt“ 7 anzusehen
sind. Die Motive aus beiden Werken sollen gegenübergestellt werden und ihre
Beschaffenheit , die dahinter stehende Vorstellungskonzeptionen und die
Bedeutungen herausgearbeitet werden. Ebenfalls werden die Motive nach ihrer
Einordnung in das Handlungsgeschehen, nach sprachlichen Aspekten und ihrer Rolle
in der mittelalterlichen Literatur analysiert.
Der Vergleich der Motive wird jedoch auf eine Auswahl von Texten beschränkt, um
eine sinnvolle und fundierte Gegenüberstellung der konkreten Elemente möglich
machen zu können und eventuelle Gemeinsamkeiten oder Unterschiede feststellen zu
k önnen. Als ausgewählte Textgrundlagen für den Vergleich dienen hauptsächlich
Heinrich Kaufringers Märe „Die Rache des Ehemannes“ und Giovanni Boccaccios 9.
Novelle des 7. Tages, auch bekannt als Novelle von Lidia, Nicostrato und Pirro. Da
es sich bei Boccaccios „Decameron“ um ein fremdsprachiges Werk handelt und
dieses als original-sprachlicher Text auch als Basis für diese Arbeit betrachtet wird,
werden zum Verständnis des Lesers die im Folgenden aufgeführten italienischen
Textverweise und Zitate parallel paraphrasiert oder als Übersetzung angegeben. 8
S. 94ff.
6. Frenzel, Elisabeth: Stoff- und Motivgeschichte, Schmidt, Berlin 1966.
7. von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der Literatur, 7. Aufl., Stuttgart 1989, S. 591.
8. Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. Übers. v. Karl Witte, Winkler-Verlag, München 1964.
2
2. Kaufringer: Motive der sexuellen Untreue - Der Zahn
In den Mären Kaufringers, wie auch in Boccaccios Novellen lassen sich diverse mögliche Motive finden, die in ihrer Symbolik den Betrug oder die sexuelle Untreue innerhalb einer Ehe oder Beziehung verkörpern oder verdeutlichen könnten. Das Märe „Die Rache des Ehemannes“, auf welche, wie bereits angemerkt, der Schwerpunkt gelegt werden soll, beinhaltet ein sehr interessantes und auch unterschiedlich interpretierbares Motiv: Der Zahn.
In dieser Kurzerzählung hat die Ehefrau eines Ritters eine sexuelle Beziehung mit einem Pfarrer und wird von diesem gebeten ihm „zwen stockzan (…) aus dem halse sein“, also zwei Backenzähne ihres Ehemannes zu bringen. 9 Das Zahnmotiv als Motiv der Untreue hat dabei eine zusätzliche Besonderheit, denn es bezieht sich nicht nur auf die außerehelichen Vergnügungen, sondern involviert auch den Betrogen direkt in das Geschehen zwischen der Ehefrau und ihrem Geliebten. Im Fall „Die Rache des Ehemannes“ wird der Ritter miteinbezogen, indem ihm durch das Ziehen der Zähne ein körperlicher Schaden beziehungsweise Schmerzen zugefügt werden. Der Zahn wird zu einem Liebes- oder auch Treuebeweis, 10 den der Pfarrer von seiner Geliebten fordert um ihm zu demonstrieren, dass ihr „herz ist trewe vol“ 11 und sie ihn mehr als andere Männer, mehr als ihren Ehemann liebt. 12 Der Liebesbeweis besteht also darin, dem Ritter körperliche Schmerzen zu zufügen, wodurch gleichzeitig der Gehorsam der Geliebten ausgedrückt wird. Jedoch beinhaltet das Motiv des Zahns oder des Zahnziehens in diesem Zusammenhang, neben dem Aspekt der Untreue an sich, noch weitere Aspekte: Zum einen wird die Listig der Ehefrau betont, die durch eine Lüge ihren Mann davon überzeugt, er hätte einen faulenden Zahn dessen Gestank sie nicht mehr ertragen könne:
9. Grubmüller, Klaus: Bibliothek des Mittelalters, Novellistik des Mittelalters, Märendichtung, Band 23. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1996, S. 740, V. 35f.
10. Vgl. Grubmüller (wie Anm.9), S. 1275.
11. Grubmüller, Klaus: Novellistik des Mittelalters, Märendichtung, Band 23, 1996, S. 738, V. 22.
12. Ebd., S. 738, V. 23f: „und das ir mich für alle man habt lieb“.
13. Grubmüller (wie Anm. 9), S. 740, V. 54ff.
Durch diese Lüge wird es ihr möglich ihren Mann dazu zu bewegen sich einen Zahn ziehen zu lassen. Durch eine weitere Lüge, der Bader hätte beim ersten Mal einen falschen, gesunden Zahn gezogen, bringt sie ihren Gatten sogar dazu sich insgesamt zwei Backenzähne ziehen zu lassen:
Somit konnotiert der Leser mit dem Motiv des Zahnes als Liebesbeweis nicht nur die Boshaftigkeit des Pfarrers dem Ehemann wohlwollend Schaden zufügen zu wollen, sondern auch die Verschlagenheit der Ehefrau.
Durch die zusätzliche Verdopplung des Zahnmotivs, des Ziehens von zwei gesunden Backenzähnen und den daraus folgenden Schmerzen für den Ehemann wird die grausame Forderung des Pfarrers abermals hervorgehoben. Diese Verdeutlichung erfolgt im Weiteren vor allem durch die Darstellung der Schmerzen. 15 Nach dem Ziehen des ersten Zahnes, welcher als „frisch und stark genuog“ 16 beschrieben wird erleidet der Mann „jamers dol wann im zemal wee geschach“ 17 und nach dem Ziehen des zweiten Backenzahnes „von pluot ran ain grosser pach über sein anlutz vil clar“. 18 Der Pfarrer in „Die Rache des Ehemannes“ fordert jedoch nicht nur die Zähne ein, sondern lässt diese dann zu Würfeln weiterverarbeiten, 19 von Silber überziehen und die Würfelpunkte mit Gold eingravieren. 20
2.1 Exkurs:
Der Zahn in der mittelalterlichen Literatur und Realität
Um die Bedeutung des Zahnmotivs vollständig erschließen zu können, ist es notwendig auch das literarische Umfeld zu betrachten und, soweit möglich, Bezüge
14. Grubmüller (wie Anm. 9), S. 744, V. 104ff.
17. Grubmüller (wie Anm. 9), S. 742, V. 92f.
18. Grubmüller, Klaus: Novellistik des Mittelalters, Märendichtung, Band 23, 1996, S. 744, V. 112f.
19. Vgl. Grubmüller (wie Anm. 9), S. 744, V. 121ff: „gieng er zehant, da er ain würfelmacher vand. dem pracht er die zwen stockzen und patt fleissiclichen den, das er aus dem selben pain zwen würfel gefüeg und clain unverzogenlichen macht, wol gefiert und unbeswacht.“
20. Vgl. Grubmüller (wie Anm. 9), S. 744, V. 131ff.
zum wirklichen Leben beziehungsweise zur Bedeutung der Zähne im Mittelalter zu erstellen. In der Literatur taucht das Motiv des Zahnes des öfteren auf und dies, wie später gezeigt werden soll, nicht nur in deutschsprachigen Werken. „Der Forderung nach einem Zahn ihres Ehegatten als Liebesbeweis sehen sich die ehebrecherischen Frauen der Exempel- und Novellenliteratur immer gegenüber (...) In der Märendichtung ist das Motiv als selbstständiges im Zahn (Fischer, Studien. S. 429, Nr. 145) übernommen worden, häufiger dient es als Einzelelement einer komplexeren Geschichte (...).“ 21 So tritt das Motiv beispielsweise auch, wobei es hier eher exemplarisch für die bereits erwähnte listige Überzeugungskraft der Frau steht, in dem Märe „Drei listige Frauen B“ 22 auf:
Im Vergleich mit „Die Rache des Ehemannes“ (siehe Anm. 12) verwenden die beiden Frauen die gleiche Lüge um ihre Männer davon zu überzeugen sich einen Zahn ziehen zu lassen. Eine fundierte Einschätzung oder Bewertung der Rolle der Gesundheit, in diesem Fall der Zahngesundheit und der Zahnhygiene im Mittelalter, ist sicherlich schwierig zu erstellen. Jedoch enthalten bereits Schriften wie die „Physica“ von Hildegard von Bingen (aus dem Jahre 1158), das „Compendium medicinae“ von Gilbertus Anglicus (1200) und das „Omatu Mulierum“ von Trota von Salerno (aus dem 12. Jahrhundert) bereits Empfehlungen und Kräuterrezepturen gegen schlechten Atem. 24 Dem nach und basierend darauf, dass die Ehefrauen den angeblich schlechten Atem nicht ertragen, wird den Zähnen eine gewisse Bedeutung zugeschrieben und es könnte durchaus für den Leser leicht nachvollziehbar (gewesen) sein, dass die Männer in den angeführten Mären verhältnismäßig schnell der Forderung ihrer Frauen nachgeben und sich der schmerzhaften Prozedur unterziehen. Bartolomäus Anglicus beschreibt des Weiteren in seinem Traktat „de rerum proprietatibus“ den guten Zustand der Zähne als Merkmal für Gesundheit,
21. Vgl. Grubmüller (wie Anm.9), S. 1275.
24. Vgl. Turba Delirantium & Krebs, Gunter: Medizin und Hygiene, Dentalhygiene. http://turbadelirantium.skyrocket.de/medizin/dentalhygiene.htm, 2003.
Arbeit zitieren:
Pia Pinkawa, 2011, Der Zahn in der italienischen Novelle und dem deutschen Märe, München, GRIN Verlag GmbH
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